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Der verstrickte Fall Amanda Knox!

Zeitgeschehen & Gerichtsurteile

Der verstrickte Fall Amanda Knox!

Schuldig oder unschuldig? Ein Hin und Her in den Mühlen der italienischen Justiz...

 

Kaum ein Fall der jüngeren Justizgeschichte beschäftigte Menschen und Medien so sehr wie der Mordfall der britischen Austauschstudentin Meredith Kercher am 1. November 2007 im italienischen Perugia. Besonders umstritten war und ist dabei bis heute die Rolle der US-Amerikanerin Amanda Knox, die von den Medien als der „Engel mit den Eisaugen“ bezeichnet wurde. Sie wurde zweimal von italienischen Gerichten wegen Mordes verurteilt und zweimal wurde das Urteil von Berufungsgerichten wieder aufgehoben.

 

Der Fall der Amanda Knox wurde mittlerweile mehrfach verfilmt, es gibt eine exklusiv auf Netflix ausgestrahlte Dokumentation über sie und sie selbst hat im Jahr 2013 ein Buch mit dem Titel „Zeit, gehört zu werden“ (Waiting to Be Heard: A Memoir) veröffentlicht.

 

Der Abend des 1. Novembers 2007 in Perugia und der darauf folgende Tag

Der Tathergang ist bis heute nicht gänzlich aufgeklärt. Sicher ist nur, dass das Opfer Kercher bis kurz vor 21 Uhr Abends nicht zu Hause war und sich um 20:55 Uhr wenige Meter entfernt von ihrer Wohnung von einer Freundin verabschiedete. Verschiedene rechtsmedizinische Gutachten kamen später zu dem Ergebnis, dass Kerchers Tod zwischen 21 Uhr abends und 4 Uhr morgens eingetreten sein muss, wobei ein Gutachten sogar von einem Todeszeitpunkt zwischen 21 und 23 Uhr ausging. Als mögliche Todesursache kommt sowohl der hohe Blutverlust durch Stiche in der Halsgegend in Betracht, als auch ein Ersticken an dem Blut oder einer Strangulation.

Am darauffolgenden Mittag meldeten ein 23-jähriger Informatikstudent und seine Freundin und Mitbewohnerin von Kercher, die 20-jährige Amanda Knox, einen Einbruch in die gemeinsame Wohnung von Knox und Kercher, sowie deren Verschwinden. Wenig später wurde die Leiche von Meredith Kercher in ihrem abgeschlossenem Zimmer unter der Decke gefunden. Da zwei Mobiltelefone, der Haustürschlüssel des Opfers und rund 300 Euro Bargeld fehlten, wurde zunächst von einem Raub ausgegangen.

 

Erste Ermittlungen und verwirrende Widersprüche

Bereits nach wenigen Tagen kamen den Ermittlern Zweifel an den Alibis von Amanda Knox und ihrem Freund Raffaele Sollecito. Zudem schienen ihre Aussagen sich teilweise zu widersprechen und auch ihr Verhalten in den Tagen nach dem Mord, es wurde von fröhlichem Miteinander und öffentlichen Liebelein gesprochen, erschien den ermittelnden Beamten verdächtig.

Am 6. November 2007 wurden Knox und ihr Freund festgenommen. Während der Untersuchungshaft beschuldigte Amanda Knox den Besitzer einer Bar, in der sie nebenbei als Kellnerin jobbte, den Mord begangen zu haben. Diese Behauptung wurde jedoch kurz darauf eindeutig widerlegt und wurden ihr fortan als schwer selbstbelastend angerechnet. Darüber hinaus fanden sich am Tatort DNA Spuren, die dem Pärchen zugeordnet wurden und ihre Anwesenheit am Tatort beweisen sollten. Ein unabhängiges Expertengutachten erklärte deren Beweiskraft jedoch später für ungenügend.

 

Die erste Verurteilung und der erste Freispruch

Parallel zu den Ermittlungen gegen Knox und Sollecito wurde eine dritte Person - der von der Elfenbeinküste stammende 20-jährige Hermann Guede - verdächtigt und angeklagt. Dieser wurde in einem gesonderten Verfahren für schuldig befunden und zunächst wegen Vergewaltigung und Mord an Kercher zu 30 Jahren Haft verurteilt. In einem späteren Verfahren wurde seine Strafe auf 16 Jahre Haft reduziert.

Am 3. Dezember 2009 kam das Geschworenengericht in Perugia im Fall Amanda Knox und Raffaele Sollecito zu dem Urteil, dass der Mord damals von mehreren Beteiligten begangen worden war und die Beiden wurden zu Haftstrafen von 26 und 25 Jahren wegen Mordes verurteilt. Weder Knox noch Sollecito waren je geständig, auch stichfeste Beweise gab es nicht. Die Urteile basierten nur auf einem Indizienprozess. Sowohl Knox als auch ihr Freund legten Berufung ein.

Im Oktober 2011 wurden beide Urteile von dem zuständigen Berufungsgericht in Perugia wieder aufgehoben. Unabhängige Experten hatten die Beweisführung der Anklage in den Augen des Gerichts widerlegt und so wurden Knox und Sollecito nicht nur aus Mangel an Beweisen, sondern sogar aufgrund erwiesener Unschuld freigesprochen. Lediglich die Verurteilung wegen der falschen Verleumdung des Barbesitzers, der sich Knox während der Untersuchungshaft schuldig gemacht hatte, wurde bestätigt.

Die Anklage rund um Chefankläger Giuliano Mignini wiederum legte jetzt ihrerseits Berufung ein. Amanda Knox verließ nach ihrer Freilassung Italien umgehend in Richtung ihrer Heimat.

 

 

Die zweite Verurteilung und der zweite Freispruch

Das höhere Berufungsgericht in Florenz stellte im Berufungsverfahren wiederum die Schuld der beiden Angeklagten als bewiesen fest und verurteilte die beiden abwesenden Beklagten jeweils wegen Mordes für Haftstrafen um die 25 Jahre. Nachdem von den Verurteilten auch hiergegen Berufung beim höchsten italienischen Gericht eingelegt wurde, hob dieses in letztinstanzlicher Entscheidung das Urteil wegen Mordes am 27. März 2015 auf und sprach beide vom Vorwurf des Mordes frei.

 

Besonderheiten des Falls und bis heute offene Fragen

Der Fall bekam abgesehen von seinem kuriosen Verlauf im italienischen Gerichtsweg besondere Aufmerksamkeit, weil der leitende Staatsanwalt Giuliano Mignini zunächst von einem „satanischen Motiv“ sprach, was jedoch in keiner der Instanzen je bestätigt wurde. Darüber hinaus wurde  Giuliano Mignini seinerseits während des andauernden Prozesses gegen Amanda Knox aufgrund von Fehlverhaltens in mehreren anderen Fällen wegen Amtsmissbrauchs verurteilt. Dem folgte ein Wandel in der öffentlichen Meinung in Italien, die Knox und ihren damaligen Freund zunächst vorverurteilt zu haben schien.

Auch die Berichterstattung in anderen Ländern war von extremer Ambivalenz geprägt. Während Amanda Knox in Großbritannien und auch im kontinentalen Europa überwiegend als definitiv schuldig und der „Engel mit den eiskalten Augen“ dargestellt wurde, haben amerikanische Medien immer das Bild des in einem Skandal in die Mühlen der Justiz geratenen Opfers aufrecht erhalten.

Bis heute jedoch zumindest höchst umstritten ist die Qualität der Beweise, die zumindest von zwei Gerichten als ausreichend für eine Verurteilung wegen Mordes erachtet worden waren. Darüber hinaus stellt sich weiterhin die Frage, weshalb Amanda Knox den Barbesitzer beschuldigte, den Mord begangen zu haben. Ihre eigene Begründung dafür ist starke Verwirrung durch die langen Befragungen bei der Polizei und der Stress während der gesamten Situation.

 

Die neueste Wendung im Fall Amanda Knox?

Doch obwohl es so scheint, als sei zumindest aus juristischer Sicht alles geklärt, kommt möglicherweise erneut Bewegung in den Mordfall der Meredith Kercher.

Der einzige rechtskräftig Verurteilte in der ganzen Angelegenheit Hermann Guede hat sein bis vor kurzem anhaltendes Schweigen beendet und in einem Fernsehinterview mit einer der anerkanntesten Journalistinnen Italiens, Franca Leosini, aus dem Gefängnis seine Unschuld beteuert und eine gänzlich andere und der von Amanda Knox widersprechende Geschichte erzählt. Er strebt aktuell die völlige Neuaufrollung des Falls an, eine Option, die es tatsächlich im italienischen Rechtssystem gibt und in Italien die Revision darstellt. Die Anforderungen hieran sind jedoch sehr hoch und sie wird selten genehmigt.

 

Möglicherweise kommt es also zu einem weiteren Akt im Mordfall Kercher und damit auch im Fall um Amanda Knox. Sollte die Revision allerdings abgelehnt werden, wäre der Fall wenigstens juristisch endgültig abgeschlossen. Ob dieser Fall damit aber wirklich abgeschlossen sein wird, erscheint zumindest fraglich.


Tags: #Karriere #Ausland 


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14. Juni 2017


Finn Holzky

Autor:

Finn Holzky

Schreibt neben seinem Jurastudium seit 2 Jahren für TalentRocket und hat gerade sein 1. Staatsexamen in Göttingen hinter sich gebracht.

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