Eskalation an Frankreichs Universitäten

50 Jahre und nichts gelernt?


verfasst von Finn Holzky und veröffentlicht am 26.09.2018

 

Frankreich erlebte im Frühjahr 2018 eine Renaissance. Doch nicht in der Kunst, der Literatur oder jeder anderweitigen Kulturform, in der man sich möglicherweise eine Wiedergeburt erhofft, sondern in Form von Polizeigewalt gegen Studenten. Der Moment hierfür war ein historischer und sollte nicht nur französische Studenten aufhorchen lassen.

 

Ziemlich genau fünfzig Jahre ist es her, dass in Frankreich und fast zeitgleich in Deutschland eine Studentenbewegung ihren Höhepunkt erreicht hatte. Staatsgewalt und Studenten prallten aufeinander, es kam zu Gewalt und in Deutschland sogar zu einem Todesfall. Zumindest aus der heutigen Sicht betrachtet, standen damals zentrale europäische Länder so nah wie lange nicht vor einer Revolution.

 

Die 68er – Bewegung in Frankreich kurz erklärt

Zunächst erscheint es verwirrend, dass der Begriff der 68er – Bewegung mehrmals existiert. Denn es gab diese Bewegung sowohl in Deutschland, als auch in Frankreich. Die grundsätzlichen Motive sind dabei ähnlich bis gleich, der Ablauf und vor allem die Katalysatoren für die Bewegungen hingegen unterscheiden sich voneinander.

In Frankreich regierte zu dieser Zeit eine streng konservative Regierung um den Staatspräsidenten Charles de Gaulle, der die immer lauter werdenden Forderungen der Studenten nach besseren Studienbedingungen und einem grundsätzlichen Wandel in der Politik ignorierte. Gleichzeitig sorgten eine steigende Arbeitslosigkeit für immer mehr Proteste und Streiks auch im Arbeitermilieu: Zudem sorgte die aus den USA nach Frankreich übergreifende Hippie Bewegung für ein Erstarken der Friedensbewegung vor allem gegen den Vietnamkrieg und andererseits für eine Konfrontation mit der katholischen Kirche in Bezug auf freie Sexualität und Verhütungsmethoden. Insgesamt kann die Lage innerhalb der französischen Nation daher nur als extrem angespannt bezeichnet werden.

Die Revolte durch die Studenten setzte sich daher zusammen aus einem Bedürfnis nach besseren Studienbedingungen und Modernisierungen an den Universitäten, politischen aber auch gesellschaftlichen Umbrüchen und nicht zuletzt aus Wut über die Behandlungen von Staat und Kirche. Im Mai 1968 kam es zur Schließung der Universität von Nanterre und regelrechten Straßenschlachten zwischen Studenten und der zunehmend überforderten Polizei in Paris. Es wurden immer mehr Studenten und andere Anhänger der Bewegung festgenommen, was die Bewegung jedoch nur noch aufheizte. In der Nacht vom 10. Mai kam es dann zu der unter dem Namen

„Die Nacht der Barrikaden“

bekannten Eskalation zwischen der Studentenbewegung, die mittlerweile durch Rocker, Hippies, Arbeiter, Schüler und jungen Arbeitslosen ergänzt wurde und der Pariser Polizei. Straßenblockaden wurden errichtet und wieder eingerissen, Autos gingen in Flammen auf und ganze Straßen wurden verwüstet. Trotz dieser Randale kam es zu einer Solidarisierung der Bevölkerung mit den Demonstranten und eine Revolution schien bevorzustehen. In den folgenden Wochen wurden nun auch Fabriken besetzt, die Arbeiterbewegung war mittlerweile ebenfalls vollständig in den Widerstandsmodus gewechselt und die Infrastruktur des ganzen Landes stand kurz vor dem Zusammenbruch. Gerüchte um Tote bei den Aufständen heizten die Situation immer weiter auf und das zwischenzeitliche Verschwinden Charles de Gaulles nach Deutschland sorgte ebenfalls für immer mehr Zündstoff.

Von dort aus konnte er allerdings durch eine Radio-Ansprache am 30. Mai 1968 die Unruhen im Land zunächst größtenteils beenden. Die Arbeiter gingen wieder ihrer Arbeit nach, Studenten in Gefängnissen erhielten Amnestie und de Gaulle trat im Jahr 1969 zurück. Die Folgen dieser Aufstände sind schwer zu beurteilen, doch es lässt sich erkennen, dass in der unmittelbaren Folgezeit politische und gesellschaftliche Umbrüche begannen und auch die universitären Strukturen verändert wurden. Einige wichtige Teilnehmer der 68er-Bewegung hielten sogar Einzug in die Politik oder schlugen akademische Laufbahnen ein. Eine links-grüne Partei entstand, doch leider auch eine radikale Terroristische Gruppe, die ähnlich der RAF in Deutschland war.

Die wichtigste Folge der Ereignisse rund um den Mai 1968 aber war die Erkenntnis, dass nie wieder mit polizeilicher Staatsgewalt auf demonstrierende Studenten reagiert werden sollte.

Seit dem Mai 1968 galt dies als absolutes Tabu...

 

Ein Tabu wird gebrochen

Dieses Tabu galt nun fünfzig Jahren lang und wurde stets geachtet. Doch im Frühsommer diesen Jahres kommt es wieder einmal zu Demonstrationen durch Studenten und als wäre es ein Jubiläum, setzt die französische Regierung wieder Polizisten gegen die eigenen Studenten ein. An der Universität Nanterre, die aufgrund der eben beschriebenen Geschichte darüber hinaus noch historische Bedeutung hat, wurde eine von ein paar Dutzend Studenten organisierte Versammlung durch ein Großaufgebot der französischen Bereitschaftspolizei CRS aufgelöst.

Der Hauptkritikpunkt der französischen Studenten sind aktuell geplante Änderungen, die höhere Aufnahmehürden für Studenten an Universitäten mit sich bringen sollen.

Es geht vor allem die Furcht von einer erneuten Eliten-Bildung an französischen Universitäten um.

Die Kritik, die sich zunächst hauptsächlich auf den Dekan der Universität Nanterre fokussiert hatte, nahm wie schon vor fünfzig Jahren immer mehr Fahrt auf und weitete sich dementsprechend aus. Den bisherigen traurigen Höhepunkt erreichte die Entwicklung im südfranzösischen Montpellier. Der dortige Dekan der rechtswissenschaftlichen Fakultät hatte dort einem vermummten Mopp von Schlägern Einlass zu einer Demonstration der Fakultät gewährt. Diese Gruppe verletzte dort mehrere Studenten.

Durch Handyvideos wurde zunächst nachgewiesen, dass es der Dekan war, der diese Gruppe in den Hörsaal gelassen hatte. Er ist seitdem auch nach kurzen und schwachen Versuchen sich zu verteidigen, zurückgetreten. Am gravierendsten ist jedoch die Tatsache, dass sich unter den Schlägern ein Dozent der Universität befunden hat, gegen den mittlerweile auch ermittelt wird. Wenig überraschend gibt es seither viele Gerüchte, wer hinter dieser Gruppe und dem gewaltsamen Aufmischen der studentischen Demonstranten stehen könnte. Seit April diesen Jahres sind immer mehr Universitäten in ganz Frankreich teilweise besetzt gewesen und gerade die Veranstaltungen zur Erinnerung an den Mai 1968 bringen neues Konfliktpotential mit sich.

 

Weitere Entwicklungen werden mit Spannung erwartet

Ob sich die Lage weiter verschärfen wird oder aber die Proteste ein Ende finden ist aktuell schwer zu beurteilen. Glücklicherweise haben die Unruhen bisher noch nicht ansatzweise die Ausmaße des Jahres 1968 angenommen, doch nicht zuletzt der Vorfall des prügelnden Dozenten sollte als Warnschuss für Frankreich dienen.

Doch auch aus historischer Sicht sind die Unruhen nicht uninteressant und eine Parallele zu Deutschland ist zumindest denkbar. Gerade linksorientierte Studenten haben nämlich neben den geplanten Reformen ein zweites Feindbild und das ist der neue Staatspräsident Macron. Dessen Pläne für das Land, die außenpolitische Haltung samt der Angriffe auf Syrien und die Pläne zur Reform der Wirtschaft, stoßen im Linken Lager auf großen Widerstand und haben auch das Potential, die möglicherweise betroffene Arbeiterschicht ebenfalls in Bewegung zu setzen.

 

Auch wenn die Parallelen zu Deutschland lange nicht so deutlich wie damals sind, lässt sich erkennen, dass auch hierzulande ein zumindest wachsender Unmut in der Bevölkerung spürbar scheint und das sowohl außen- als auch innenpolitische Themen kritisch betrachtet werden. Daher lohnt sich, auch wenn aktuell an deutschen Universitäten keine Aufstände zu befürchten sind, stets ein wachsamer Blick auf den westlichen Nachbar und dessen Universitäten. Denn in Sachen Revolution und Aufbegehren der Bürger gegen den Staat waren uns die Franzosen stets ein Stück voraus.

 


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Über den Autor

Finn Holzky

Finn Holzky

Schreibt neben seinem Jurastudium seit 2 Jahren für TalentRocket und hat gerade sein 1. Staatsexamen in Göttingen hinter sich gebracht.

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