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Ghostwriting in Jura

...ist das legal?


verfasst von Sebastian M. Klingenberg und veröffentlicht am 23.09.2016


Ghostwriting ist eine traditionsreiche Tätigkeit, die sich bis in die Antike zurückdatieren lässt. So wurden etwa Reden und Briefe der antiken Prominenz wie Plato, Nero oder Cäsar von Ghostwritern geschrieben. In der heutigen Gesellschaft bedienen sich Politik und Wirtschaft regelmäßig ebenso eines Ghostwriters. Aber auch Privatpersonen können sich an Ghostwriting-Agenturen wenden, die sich ohne weiteres im Internet finden lassen: lediglich eine kurze Suche via Google genügt. Einige dieser Agenturen werben überdies auf Facebook, wobei eine auf Jura spezialisierte Ghostwriting-Agentur sogar angibt, dass Ghostwriting zwar nicht gerecht, aber legal sei. Ist akademisches Ghostwriting aber tatsächlich legal?

 

Eine rechtliche Betrachtung: Was ist Ghostwriting?

Ghostwriting meint das auftragsmäßige Anfertigen von Texten gegen Entrichtung der verabredeten Vergütung. Der Ghostwriter verpflichtet sich demnach zur Erstellung der vereinbarten Leistung – etwa eines wissenschaftlichen Textes. Im Gegenzug verpflichtet sich der Auftraggeber, die vereinbarte Vergütung zu entrichten. Rechtlich betrachtet handelt es sich somit um einen Werkvertag i.S.d. § 631 BGB, der jedoch eine Besonderheit hat: Der Ghostwriter verzichtet zusätzlich auf sämtliche Ansprüche aus dem Werk. Dieser Verzichtsanspruch umfasst daher regelmäßig sämtliche urheberrechtlichen Ansprüche an dem Text sowie die Übertragung der Nutzungsanrechte an den Auftraggeber.

 

Wieso wird Ghostwriting für Jura-Studierende angeboten?

Das rechtswissenschaftliche Studium fordert als zentrale Kernkompetenz logisches und strukturiertes Denken. Gelehrt wird dies unter anderem anhand der Fallbearbeitung im Rahmen einer juristischen Hausarbeit. Innerhalb dieser Hausarbeiten werden jedoch oftmals nicht die Standardprobleme geprüft, sondern Randthemengebiete, die im weiteren Studienverlauf, im Examen und sogar in der Praxis kaum eine Rolle spielen. An diesem Umstand setzen die Ghostwriting-Agenturen an: Sie werben damit, dass die „erfahrenen Jura-Ghostwriter“ einem bei der Erstellung juristischer Gutachten im Rahmen von rechtswissenschaftlichen Hausarbeiten oder Seminararbeiten zu unterstützen. Man bietet den ohnehin regelmäßig überforderten Studierenden also eine unkomplizierte Alternative, das Erlernen von unnötigem Stoff  für eine notwendige Hausarbeit zu vermeiden und trotzdem eine gute Note zu erhalten. Damit einhergehend werden sie mit Worten geködert, dass Ghostwriting zwar nicht gerecht, aber legal sei.

 

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Ist akademisches Ghostwriting aber tatsächlich legal?

Ghostwriting darf zunächst nicht mit Plagiaten verwechselt werden. Bei einem Plagiat handelt es sich – anders als beim Ghostwriting – um eine widerrechtliche, also nicht vorher vereinbarte, Übernahme und Verbreitung von fremden Texten ohne Kenntlichmachung der Quelle. Ferner sind die Urteile der Oberlandesgerichte Frankfurt und Düsseldorf zur rechtlichen Beurteilung zum Ghostwriting hinzuzuziehen: Nach dem Grundsatzurteil des OLG Frankfurt vom 01.09.2009 (Az.: 11 U 51/08) stelle eine Ghostwriting-Vereinbarung grundsätzlich kein sittenwidriges Rechtsgeschäft i.S.d. § 138 BGB dar. Nach Ansicht des OLG Düsseldorf mit Urteil vom 08.02.2011 (Az.: I-20 U 116/10) sei zumindest das auftragsmäßige Anfertigen von Hochschulabschlussarbeiten und Dissertationen rechtlich missbilligt. Allerdings ist eine rechtlich missbilligte Tätigkeit als solche nicht strafbar.

Dennoch kann ein Ghostwriting-Vertrag unwirksam und damit nichtig sein, wenn er gegen eine Verbotsnorm i.S.d. § 134 BGB verstößt. Solche Verbotsnormen können sich etwa auch aus dem Hochschulgesetz oder der Prüfungsordnung ergeben, die im Verhältnis Auftraggeber und Universität gelten. In vielen Fällen wird beispielsweise in den Prüfungsordnungen eine eidesstaatliche Erklärung der Studierenden gefordert. Mit dieser Erklärung wird versichert, dass die Arbeit ohne Hilfe eines Dritten verfasst wurde. Eine Inanspruchnahme eines Ghostwriters für eine akademische Arbeit hätte in diesen Fällen eine Strafbarkeit wegen Falscher Versicherung an Eides statt nach § 156 StGB zur Folge. Darüber hinaus kann im Einzelfall, soweit eine entsprechende Regelung in der Hochschulordnung existiert, eine Exmatrikulation erfolgen.

Eine Strafbarkeit des Ghostwriters kommt hingegen in aller Regel nicht in Betracht. Etwas anderes gilt nur, wenn der Ghostwriter mit Wissen und Wollen handelte, dass der Auftraggeber – trotz der eidesstattlichen Versicherung – die Arbeit unter eigenen Namen bei der Hochschule einreicht. In einem solchen Fall käme eine Strafbarkeit wegen Beihilfe zur Falschen Versicherung an Eides Statt nach §§ 156, 27 StGB in Betracht.

Im Übrigen kommt weder für den Auftraggeber noch für den Ghostwriter eine Strafbarkeit wegen Urkundenfälschung nach § 267 StGB in Betracht. Eine Urkunde ist nämlich eine verkörperte Gedankenerklärung, die zum Beweis im Rechtsverkehr geeignet und bestimmt ist wie auch deren Aussteller erkennen lässt. Sie bürgt demnach nicht dafür, dass der Inhalt vom Nutzer stammt.

 

Ghostwriting ist eine legitime Tätigkeit. Ihre Legalität ist jedoch nicht grenzenlos. Das akademische Ghostwriting kann für den Auftraggeber strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen, sollte eine Eidesstattliche Erklärung über die eigene Anfertigung der Arbeit abgegeben worden sein (§ 156 StGB). Daneben kann eine Exmatrikulation erfolgen.

 

Kurzum:
Studierende sollten von einem Ghostwriter absehen. Anderenfalls bringen sie ihr Studium zweierlei in Gefahr:

  1. Werden sie erwischt, werden sie exmatrikuliert. Die Fortsetzung des Studiums wird dann in aller Regel nicht mehr möglich sein.
     
  2. Der Lerneffekt geht verloren, wenn man die Hausarbeit nicht selbst anfertigt. Es mag zwar sein, dass oftmals lästige Randthemengebiete zu bearbeiten sind, die Herangehens- und Arbeitsweise lässt sich jedoch auch auf wichtige und dennoch unbekannte Probleme transferieren. Dieses Transfervermögen wird außerdem spätestens im ersten Examen verlangt und ist Teil der täglichen juristischen Praxis.

 

Über den Autor

Sebastian M. Klingenberg

Promotionsstudent an der JGU Mainz (Jugend-/Strafrecht & Kriminologie) und Rechtsreferendar am LG Wiesbaden. Nebenbei schreibt er freiberuflich diverse Artikel, die auch auf seinem Blog zu finden sind.

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