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0 Punkte wegen Seitenrand?!

Wenn die Jura-Hausarbeit zu einem Prozess führt...


verfasst von Julian Wagner und veröffentlicht am 02.08.2018

 

Die Bewältigung juristischer Hausarbeiten, insbesondere die Einhaltung sämtlicher wissenschaftlicher Standards, ist für viele Studenten, gerade in den Anfangssemestern, eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. Aufgrund von geringer oder nicht vorhandener Erfahrung im Erstellen von Hausarbeiten, wird circa ein Drittel aller Anfängerhausarbeiten mit der Note „mangelhaft“, also 1-3 Punkten, bewertet.

 

In den meisten Fällen, in denen die erbrachte Leistung durchschnittlichen Anforderungen insgesamt nicht mehr gerecht wird, unterschreitet die inhaltliche Güte der Bearbeitung die im Erwartungshorizont festgelegten Mindeststandards erheblich. Im Anbetracht dieser Tatsache erscheint es dann doch zunächst überraschend, dass die Verringerung der Breite des Seitenrandes – also die Nichteinhaltung einer Formalität - als schwerwiegender Mangel von einem zuständigen Korrektor vorgebracht wurde, um die Bewertung einer Hausarbeit mit letztlich 0 Punkten zu begründen. Die Frage, ob dieses Vorgehen „rechtens“ war, hat das Verwaltungsgericht Ansbach inzwischen eindeutig beantwortet.

 

Der Tatbestand: Um was geht es eigentlich?

Ein Student der Rechtswissenschaften, der im Sommersemester 2016 an der juristischen Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg studierte, wollte  im Rahmen der Übung im Bürgerlichen Recht für Fortgeschrittene die zugehörige Hausarbeit absolvieren. Als er schließlich von der Bewertung seiner Leistung erfährt, muss er feststellen, dass diese mit 0 Punkten („ungenügend“) benotet wurde. Der Korrektor begründete die Bewertung unter anderem damit, dass der  Bearbeiter statt des vorgegebenen Korrekturrands von 5 cm auf der rechten Seite lediglich 2,5 cm Rand frei gelassen habe. Daraufhin wurde errechnet, dass der Student bei korrekter Formatierung insgesamt 23 Seiten statt der maximal erlaubten 20 Seiten benötigt hätte. Da es bei einer juristischen Hausarbeit jedoch gerade darauf ankommt, alle aufgeworfenen Rechtsfragen auf begrenztem Platz vollständig und präzise zu erörtern, verschaffte sich der Bearbeiter mit der Vergrößerung der beschreibbaren Seitenfläche einen erheblichen Wettbewerbsvorteil gegenüber denjenigen Kommilitonen, die ebenfalls an der Hausarbeit teilnehmen. Die durch die Nichteinhaltung dieser Formalität verursachte Chancenungleichheit wurde vom zuständigen Korrektor pro überschrittener halben Seite mit dem Abzug eines Notenpunktes, insgesamt - also sechs Bewertungseinheiten, „bestraft“.

 

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Was genau kritisierte der Kläger überhaupt?

Neben formalen Fehlern im Prüfungsverfahren bemängelte der betroffene Prüfling bezüglich der Korrekturleistung des Prüfers, dass für das Abziehen von Notenpunkten aufgrund von Verstößen gegen formale Anforderungen eine Rechtsgrundlage fehle, weshalb die Bewertung der Hausarbeit mit 0 Punkten als willkürlich einzustufen sei. Der Beurteilungsspielraum des Prüfers umfasse nicht die Kompetenz, Punkte wegen eines Verstoßes gegen die Formatvorgaben abzuziehen, da dies eine Entscheidung unabhängig von der Leistungserbringung des Prüflings sei. Abgesehen davon sei nicht ersichtlich, wieso nicht lediglich die ersten zwanzig Seiten seiner Hausarbeit isoliert betrachtet und vom zuständigen Prüfer bewertet worden seien.

Des Weiteren ging der Kläger aufgrund des Punkteabzuges davon aus, dass die von ihm, im Rahmen der Hausarbeit, erbrachte Leistung ohne den vorgenommenen Punktabzug insgesamt sechs Punkte betragen hätte. Es sei unter anderem auch schlicht nicht angemessen, dass wegen einer Überschreitung des Umfangs um lediglich drei Seiten ein Abzug von sechs Punkten erfolge und sich die Note der Arbeit somit von „ausreichend obere Grenze“ zu  „ungenügend“ verschlechtere.

Schließlich wollte der betroffene Student mithilfe einer Verpflichtungsklage in Form der Versagungsgegenklage - unter Aufhebung der bisherigen Bewertung - eine Neubewertung seiner Hausarbeit unter Beachtung der Rechtsauffassung des Gerichts erwirken.

Zentrale Frage des Rechtsstreits - die das zuständige Verwaltungsgericht Ansbach dann zu klären hatte – war, ob die Berücksichtigung und Gewichtung der Überschreitung der vorgegebenen Seitenzahl bei der Bearbeitung einer Hausarbeit Teil des Beurteilungsspielraums des Prüfers ist.

 

Null Punkte – zu Recht?

Das Verwaltungsgericht Ansbach entschied mit seinem Urteil vom 26.10.2017 (Az.: AN 2 K 17.00008), dass die Klage zwar zulässig aber unbegründet sei und stellte im Hinblick auf den materiellen Streitpunkt klar, dass der zuständige Prüfer seinen Beurteilungsspielraum bei der Bewertung der Hausarbeit des Klägers mit 0 Punkten nicht überschritten hat.

Das Gericht führte aus, dass es sich bei dem vorgenommenen Punktabzug wegen der Überschreitung der Seitenzahl - entgegen der klägerischen Ansicht - nicht um eine neben der eigentlichen Bewertung stehende Sanktion handele, wie es beispielsweise der Fall wäre, wenn eine Studienleistung mit 0 Punkten aufgrund eines Unterschleifs vergeben würde. Schließlich solle der Prüfling neben der inhaltlichen Bearbeitung gerade auch nachweisen, dass er die formalen Grundsätze des wissenschaftlichen Arbeitens beherrscht und gleichzeitig im Stande ist, unter richtiger Schwerpunktsetzung die im Sachverhalt der Hausarbeit aufgeworfenen juristischen Probleme auf einer begrenzten Seitenzahl kompakt darzustellen und zu erörtern. Aus diesem Grund war keine gesonderte Rechtsgrundlage für die negative Berücksichtigung der Überschreitung der Seitenanzahl im Rahmen der Gesamtbewertung erforderlich.

Abgesehen davon sei es auch nicht unüblich, eine bereits aus inhaltlichen Gründen mangelhafte Leistung auf Grund einer Überschreitung der vorgegebenen Seitenzahl um drei Seiten mit der Note „ungenügend“ zu bewerten.

Bedeutsam ist es, in diesem Zusammenhang anzumerken, dass  - den Angaben der Erst- und Zweitkorrektors entsprechend - die Hausarbeit des Klägers auch unter Einhaltung der formalen Vorgaben keine ausreichende Leistung mehr dargestellt hätte. Allein die Tatsache, dass sechs Notenpunkte aufgrund der Nichteinhaltung einer Formalität abgezogen wurden, bedeutet im Umkehrschluss gewiss nicht, dass der Bearbeiter normalerweise 6 Punkte erhalten hätte. Da im Rahmen der juristischen Notenskala nicht weniger als 0 Punkte vergeben werden können,  könnte die Note vor Abzug der sechs Punkte also auch durchaus niedriger gewesen sein.

Nach Ansicht des Gerichtes hätte auch die von der Klägerseite vorgeschlagene isolierte Benotung der ersten 20 Seiten der Hausarbeit zu keinem anderen Ergebnis geführt, da die vom Korrektor aufgezeigten gravierenden inhaltlichen Mängel gerade im ersten Teil der Hausarbeit angesiedelt waren und die brauchbaren Text-Passagen gegen Ende zu finden seien.

Wer vermeintlich kleine Modifikationen an der Formatierung seiner Hausarbeit vornimmt, um sich eventuell einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, muss mit heftigen Punkteabzügen rechnen, die schnell zum Durchfallen führen können.

Auch wenn die inhaltliche Güte einer Hausarbeit von zentraler Bedeutung ist, so muss - aufgrund der Chancengleichheit - die Leistung des Studierenden alle Formalitäten erfüllen. Schließlich haben auch im Studium alle Leistungserhebungen Wettbewerbscharakter. Sogar wenn Platzmangel den ein oder anderen Studenten schnell zu einer vermeintlich unerheblichen Schummelei verleiten können, so muss stets damit gerechnet werden, dass der Korrektor die Einhaltung der Formalia ebenso gründlich kontrolliert wie die materiellen Aspekte. Formalfehler werden ebenso hart und konsequent bestraft wie inhaltliche Aspekte der Arbeit.

 

Daher empfiehlt es sich, die Hinweise zur Hausarbeit gründlich zu lesen, einzuhalten und zum Schluss – vor dem Ausdrucken – noch einmal zu überprüfen, damit der erfolgreichen Absolvierung der Hausarbeit nichts mehr im Wege steht. Ob das Urteil nun dem eigenen Gerechtigkeitsgefühl gerecht wird, bleibt – an dieser Stelle unabhängig von juristischen Gesichtspunkten – eine subjektive Entscheidung. Die Relevanz der Entscheidung des Gerichtes ist jedoch für alle Studenten, die sich mit dem Verfassen von Hausarbeiten unter Beachtung von formellen und materiellen Anforderungen konfrontiert sehen, gegeben und für den ein oder anderen vielleicht sogar ein kleiner Weckruf.

 


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Über den Autor

Julian Wagner

studiert im 7. Semester Jura in Würzburg und ist seit Dezember 2017 als Autor für TalentRocket tätig. Nebenbei schreibt er auch für seinen Blog „Studi-Tipps: Jura“

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