Verfasst von Dr. Sonja Detlefsen. 

Have yourself a scary (?) Christmas

Wie Emotionen in der examensfreien Zeit beeinflussbar sind....

 

- Gastartikel von Dr. Sonja Detlefsen - 

 

Die Festtage sind für viele in der Examenszeit keine willkommene Erholungspause, sondern eher eine Last. Das schlechte Gewissen, nicht zu lernen, hängt im Nacken, um Geschenke muss man sich kümmern, die Familie verlangt Aufmerksamkeit, obwohl man doch eigentlich lieber Zeit für sich hätte.

 

Wie soll man da genießen und fröhlich sein, wenn die Umstände doch nunmal ganz anders sind?

Solltest du dich nicht entschließen, last minute abzuhauen und einfach irgendwo „die Seele baumeln zu lassen“, und solltest du nicht zu den Glücklichen gehören, für die Weihnachten immer eine Quelle der Entspannung und Fröhlichkeit ist, kannst du immerhin das Beste daraus machen. 

Du kannst dich in genau diesen Tagen darin üben, in deiner Mitte zu bleiben, egal, wie die Umstände sind. „Besinnliche“ Weihnachtszeit. Konzentrieren wir uns einmal auf den „sinnlichen“ Aspekt.

Genau das kommt in der Juristenausbildung viel zu kurz. Die Sinnlichkeit. Die Rede ist hier nicht von der romantisch-erotischen Sinnlichkeit, sondern die Fähigkeit, sich im Umgang mit den eigenen Emotionen zu üben und sich bewusst zu werden, wie man sie nutzt (sich darauf „besinnen“).

Wir lernen in der Examensvorbereitung und selbst noch im Referendariat, unserem analytischen Verstand zu vertrauen. Im Job später kommt es jedoch genauso sehr darauf an, eine Situation, einen Mandanten, oder gegnerischen Anwalt einzuschätzen und außerdem intuitiv und innovativ zu denken.

Ebenso wichtig ist es, seine Gefühlslage im Griff zu haben und nicht die Nerven zu verlieren, wenn es mal hoch hergeht. Wir lernen auch nicht, wie wir während der Prüfungsphase ruhig und ausgeglichen bleiben. Entweder man kann es, oder man kann es nicht, so hat es den Anschein. Zum Glück kann man aber auch das lernen.

All das ist möglich, wenn wir gelernt haben, wie unsere Emotionen funktionieren.

 

Tipps für gute Stimmung!

Also konzentrieren wir uns in diesen Festtagen doch einmal darauf, in guter Stimmung zu bleiben. Klingt schön, nicht wahr? Oft klappt das aber nicht immer, und eigentlich können wir gar nicht genießen, weil wir doch diese Berge an Lernstoff haben und die Unsicherheit, ob wir durch’s Examen kommen und dann noch den Alltagsärger und, und, und.

Für Juristen kommt erschwerend hinzu, dass wir problemorientiert ausgebildet werden. Natürlich sollen wir Rechtsfälle lösen. Aber in jeder Klausur geht es darum, die Fallstricke zu erkennen, die Probleme zu finden. „Problembewusstsein“, heißt das an den Randbemerkungen der Klausur. Nicht „Lösungsbewusstsein“.

Was nur wie ein Wortspiel aussieht, ist weitaus mehr. Denn unser Verstand lernt im Leben, Worte mit bestimmten Emotionen zu verknüpfen und entsprechende Impulse an unseren Körper zu geben, sobald wir diese Worte denken. Das bedeutet, je problembewusster wir werden, desto negativer ist unsere Ausrichtung, die Dinge im Leben zu beurteilen.

Die gute Nachricht: ebenso wie wir im Sport unseren Körper trainieren und neu konditionieren können, können wir auch die Funktionsweise unseres Verstandes nicht nur in eine Richtung trainieren, sondern auch umprogrammieren. Das hat dann direkte Wirkung auf unseren Gefühlszustand.

 

So geht's:

Konzentriere dich auf deinen gesamten Brustkorb, lege dabei besondere Aufmerksamkeit auf den Bereich hinter dem Brustbein. Jetzt stell dir vor, du atmest ein und dabei dehnen sich deine Lungen über den physischen Körper hinaus aus. Ganz weit, Raum ausfüllend. Auch beim Ausatmen behältst du diese Weite bei.

Mach das ein paarmal und achte dabei darauf, was für Gefühle sich einstellen. Jetzt denke dabei an die Worte „Freude, Liebe“ und alles, was dir an Positivem in den Kopf kommt. Wie leicht fällt es dir, die Weite zu halten? Sehr leicht, wahrscheinlich verstärkt sich das Gefühl noch in angenehmer Weise.

Jetzt denke dabei an die Worte „Angst, Versagen, Wut“. Du wirst merken, dass sich der Brustkorb „zusammenzieht“, der leichte, weite Atem geht verloren. Den Worten folgen weitere negative Gedanken und Bilder und dir wird es noch schwerer fallen, nicht zusammenzusacken.

So reagieren wir auf negative Impulse. Wir verkrampfen. Dabei engt sich auch unser Geist ein, dir wird zum Beispiel weitaus weniger Neues einfallen, Gelerntes ist plötzlich nicht mehr zugänglich. Der Zustand potenziert sich.

Wir können aber trainieren, auch in diesen Situationen oder wenn uns negative Gedanken kommen, unseren entspannten Zustand aufrecht zu erhalten. Geh wieder in die Weite, am besten mit Hilfe von positiven Vorstellungen und Worten, die das ganze natürlich verstärken.

Jetzt denke wieder an eine Situation, die dir Angst macht, aber halte bewusst die Weite in deinem Brustkorb und darüber hinaus aufrecht. Es wird zunächst ein Hin und Her entstehen. Denn unser Verstand kann nicht zwei gegensätzliche Gedanken auf einmal denken und nicht zwei gegensätzliche Impulse an die Nervenbahnen weiterleiten.



 

Was heißt das?

Dass du dich mit deinem Bewusstsein und Übung dazu entscheiden kannst, in einer Situation keine Angst zu haben, nicht den Mut zu verlieren und stattdessen diese anders zu bewerten. Solange du die Weite immer wieder fühlst und frei atmest, kannst du nicht gleichzeitig Angst fühlen.

Ebenso kannst auch nicht mehr die negativen Gedanken zu Ende denken. Weil sie nicht mit dem Gefühlszustand korrespondieren. Damit stellt sich die Lage ganz anders dar, du kannst anders darüber denken. Und das führt zu anderen Entscheidungen.

Du drehst also den Ursache-Wirkungs-Prozess um. Statt dich schlecht zu fühlen, weil du so sorgenvoll denkst und Situationen negativ bewertest, denkst du lösungsorientiert und zielführend, weil du dich offen und gut fühlst. Egal in welcher Situation.

Wenn dir die Familie in diesen besinnlichen Tagen auf die Nerven geht, übe, statt in eine Abwehrhaltung zu gehen, dich auf einen weiten Brustkorb und Atmung zu konzentrieren. Das bedeutet übrigens nicht, dass du lediglich denkst „Mein Brustkorb ist weit, er ist ganz weit“. Es bedeutet, dass du „es wirklich tust“. Mit deinem Verstand und mit dem Gefühl.

Bildlich gesprochen: gehe bewusst in deinen Brustkorb hinein. Du wirst gar keine Kapazität mehr haben, dich weiter über jemanden zu ärgern.

Das ganze klingt übrigens sehr viel einfacher als es ist. Da die meisten von uns diese Art von bewusster positiver Einstellung nicht gewohnt sind, ist die Übung am Anfang ausgesprochen anstrengend. Damit erfüllt sie einen weiteren positiven Nebeneffekt.

Du lenkst dich damit ab von deinen Sorgen oder Ärger und bist danach „rechtschaffen“ erschöpft, bzw. entspannt. Wenn du jetzt noch die Anstrengung für dich selbst übernimmst, danach nicht sofort wieder in Negativität und Sorgen zu schwelgen, dann hast du dir wirklich etwas Gutes getan.

Mit dieser Übung wird es dir auch möglich sein, wieder bewusst mehr zu genießen. Vielleicht den Weihnachtsbaum mit all seinen Lichtern, den Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt, weihnachtliche Gerüche, Freunde und Familie. Vielleicht beschließt du sogar spontan, dass du an diesen Tagen manches einfach mal anders machst, oder manches gar nicht.

Natürlich gelingt es - zumindest uns normal Sterblichen - nicht immer und in jeder Lage, ausgeglichen, entspannt und „gut drauf“ zu sein. Das ist eben menschlich. Aber wir können mit Training weitaus öfter Herr/in der Lage sein, als wenn wir unseren Verstand nicht beherrschen und alles geschehen lassen. Erwarte keine Wunder, sondern habe Geduld mit dir. (Obwohl, warum solltest du nicht mal ein Wunder erwarten, wo doch Weihnachten ist ;)…)

 

Diese Übung ist sehr gut geeignet, im Selbstcoaching zu lernen, in schriftlichen wie mündlichen Prüfungen ruhig und aufmerksam zu bleiben und um einen Blackout in Klausuren zu überwinden, oder - mit genügend Vorlaufzeit - einem Blackout gänzlich vorzubeugen.


In diesem Sinne also,

Have yourself a merry, merry Christmas !

 

Mehr zur Autorin:
Dr. Sonja Detlefsen arbeitete jahrelang als Rechtsanwältin. Ihr Hauptinteresse galt jedoch immer schon der Persönlichkeitsentwicklung und den verschiedenen Möglichkeiten, mit denen Menschen Ihre Ziele (schneller) erreichen und verwirklichen können. Dies führte schließlich dazu, dass sie sich mit einer eigenen therapeutischen Coaching-Praxis selbständig machte. Ihr Tätigkeitsschwerpunkt liegt auf der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie und psychologischen Kinesiologie.Schwerpunkte im Coaching sind dabei Stärkung der Resilienz, Stressmanagement und Selbstorganisation, Auflösung/Überwindung von Ängsten und die Steigerung des eigenen Potentials. Ihre Praxis ist in München, sie ist jedoch auch deutschlandweit tätig. 

 

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