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Kanzlei 2.0 - Wie verlässlich ist Online-Rechtsberatung?

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Kanzlei 2.0

Wie verlässlich ist Online-Rechtsberatung?

#legal tech

Schon bevor Legal Tech zum Trend wurde, gab es schon einige Homepages, die sich mit der Rechtsberatung auf eine ganz andere Art und Weise beschäftigen. Statt zum Anwalt zu gehen, kann der Mandant auf so manchen Online-Foren nun bequem professionellen Rat vor dem Laptop erhalten. Doch wer steckt hinter solchen Internetseiten und wie finanzieren sie sich? Um Funktionsweise und Rentabilität dieser Idee zu erkunden, hier ein kurzer Blick hinter die Kulissen einiger ausgewählter Internetseiten für Online-Rechtsberatung.

 

Wer sind sie?

justanswer.de

„Jetzt einen Anwalt fragen – 8 Anwälte sind gerade online“ - erscheint auf dem Bildschirm, sucht man bei google nach „just answer“, einer der führenden Websites auf dem Markt. „Der schnelle Weg zu Ihrer Antwort“, so das Motto des Unternehmens. Nach Eröffnung eines Benutzerkontos erhält der Mandant die Möglichkeit, seine Frage in einem Thread online zu stellen, wo sie einer der sogenannten Experten anschließend prüft und Kontakt aufnimmt oder die Frage unmittelbar beantwortet. Vor der Rechtsberatung steht es dem Mandanten sogar selbst frei, einen für ihn angemessenen Preis vorzuschlagen. Zuletzt wird der Kunde angehalten, die Rechtsberatung zu bewerten.

123recht.net (frag-einen-anwalt.de)

123recht arbeitet gemeinsam mit frag-einen-anwalt.de. Während 123recht.net den Mandanten einen speziellen Anwalt aussuchen lässt, den er sodann mit seiner Frage betrauen kann, stellt der Rechtssuchende seinen Sachverhalt bei frag-einen-anwalt.de lediglich in einem Forum online, in welchem eine Antwort innerhalb von zwei Stunden garantiert wird. Das Legal-Tech-Unternehmen arbeitet nach dem Motto „Jeder hat ein Recht auf Recht“ und setzt einen Schwerpunkt der Betriebsphilosophie auf mehr Transparenz und weniger Formalität. So wurde im Jahre 2000 123recht.net selbst gegründet, worauf im Jahre 2004 frag-einen-anwalt.de und später Marktplatz-recht.de 2009 aufgebaut wurden.

yourxpert.de

Yourxpert.de ist eine generelle Beratungs-Homepage, die Dienstleistungen auf nahezu allen denkbaren Gebieten, wie etwa in den Bereichen Psychologie oder Finanzen und vielen weiteren Branchen anbietet. Im Rechtssektor schließt sie sich dem scheinbar funktionierenden System an, in dem der Mandant eine Frage stellen und den Preis für die gewünschte Rechtsberatung selbst festlegen kann. Dabei kann auch hier individuell gewählt werden, ob ein spezieller Anwalt oder alle der gelisteten Juristen befragt werden sollen. YourXpert.de kann sich außerdem mit dem Titel des Testsiegers im Bereich Online-Rechtsberatung der ZDF Sendung WISO küren.

 

Wie finanzieren sie sich?

Immer stellt sich die Frage, wie sich ein solches Unternehmen finanziert. Dass sich durch die ausschließliche Online-Präsenz erhebliche Kosteneinsparungen gegenüber einer herkömmlichen Kanzlei erreichen lassen, liegt auf der Hand. Zwar darf der Mandant einen Preisvorschlag machen – das heißt jedoch nicht gleichzeitig, dass dieser akzeptiert wird. Der niedrigste Marktpreis für eine Einzelberatung durch einen Anwalt scheint bei etwa 25 Euro zu liegen. Daher ist anzunehmen, dass ein Preisangebot unter einem solchen Mindestmaß abgelehnt wird. Zudem variieren die Preise individuell je nach Fall. Manche der Plattformen bieten neben der Möglichkeit einer Einzelberatung eine Mitgliedschaft an. Dabei ist meist zwischen mehreren Tarifen und Preisklassen zu unterscheiden. Als Gegenleistung erhält der langfristige Mandant monatlich Antworten je nach Bedarf – ein Pauschalpreis also.

 

Wie kompetent ist die Beratung?

Insbesondere in Online-Foren, in denen man seine juristische Frage einem breiten Publikum stellt, kann nur schwer nachvollzogen werden, ob die Antwort von einem Juristen oder einem Laien gegeben wird. Dies scheint bei Anbietern, die die einzelnen Anwälte tatsächlich vorstellen und auflisten oder sogar die Möglichkeit zur eigenen Auswahl geben, etwas vertrauenswürdiger.

Fazit: Es gibt tatsächlich Sachverhalte, in denen sich die Rechtsprechung "googlen" lässt, für die man früher einen Anwalt konsultieren musste. Jedoch ist die Rechtslage fast immer fallspezifisch auszuwerten. Bei wichtigen Fällen wird sich wohl niemand auf Rechtsprechung aus dem Internet als Referenz verlassen. Denkbar wäre jedoch, dass sich ein Modell des "mündigen Mandanten" durchsetzt: Vorrecherche online, und dann zur Sicherheit noch einmal den Anwalt fragen - oder umgekehrt: Einschätzung des Anwalts einholen, dann die konkreten Formulierungen googlen...

Insgesamt ist die Beratung auf Online-Portalen manchmal eine interessante Alternative bei kleineren Rechtsfragen, häufiger aber eher eine Ergänzung zum Besuch beim Rechtsanwalt in seiner klassischen Form. Auf der Pro-Seite stehen definitiv die erheblich geringeren Kosten, sowie die Freiheit, keine Termine vereinbaren und eine Kanzlei aufsuchen zu müssen. Dagegen steht jedoch auch die eigene (Arbeits-)Zeit auf dem Spiel, die man vergeudet mit stundenlangem Suchen nach einer Information, die der spezialisierte Anwalt vielleicht aus dem Stegreif geben könnte - und der Streitwert, falls das Internet nicht die richtigen Rückfragen gestellt und daher einen entscheidenden Faktor übersehen hat.

 

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30. Mai 2016

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