Karriere in der Kanzlei – aber anders

 Veröffentlicht am 30.06.2021.

Karriere in der Kanzlei – aber anders

Jochen Hörlin über verschiedene Karrieremöglichkeiten in Kanzleien

 

– Ein Gastbeitrag von Jochen Hörlin, Pricing Manager bei Clifford Chance – 

 

Viele stellen sich unter der Arbeit in einer Anwaltskanzlei zwingend eine Karriere als Anwält*in vor. Dabei gibt es in modernen Großkanzleien inzwischen eine Vielzahl weiterer Karriereoptionen, die Jurist*innen offenstehen. 

Mein Weg zeigt, dass es spannende Alternativen in einer Sozietät gibt: Bereits während des Jurastudiums war mir klar, dass ich nach dem ersten Staatsexamen nicht als Jurist arbeiten möchte. Über ein Praktikum fand ich nach dem Jurastudium den Einstieg in eine kleine Unternehmensberatung und war dort vier Jahr lang tätig. In dieser Zeit reifte in mir der Wunsch, gerne in einer beratenden Funktion in das juristische Umfeld zurückzukehren. Diese Chance bot sich dann im Bereich Business Development. Mittlerweile bin ich kanzleiseitig seit einigen Jahren im Pricing tätig. Um mein berufliches Skill-Set weiterzuentwickeln, habe ich mich regelmäßig Weiterbildungen absolviert, inklusive eines Executive MBA.

Überblick zu nicht-anwaltlichen Berufen in einer Kanzlei

Wenn man sich die Personalstruktur von Kanzleien ansieht, sind etwa 40 Prozent aller Mitarbeiter*innen keine Anwält*innen – die sogenannten Business Professionals. Hinter diesem Begriff stecken vielfältige Berufsbilder von der IT-Entwickler*in über die HR-Fachkraft bis hin zum/r Projektmanager*in.

Je nach Größe einer Kanzlei in Deutschland können einzelne Business Professional Abteilungen sogar bis zu 50 Mitarbeiter*innen umfassen. Es handelt sich also nicht um Einzelkämpfer*innen, sondern um Teams, in denen es Aufstiegschancen bis hin zu Funktionen innerhalb der Geschäftsführung gibt. In deutschen Großkanzleien gibt es in der Regel folgende Abteilungen und Funktionen:

  • kaufmännische Leitung / Operations
  • Finanzen
  • Marketing und Business Development, 
  • HR
  • Knowledge Management
  • IT

Agiert die Kanzlei international, finden sich auf globaler Ebene zusätzlich oft Abteilungen für Innovation, Einkauf, (Legal Project Management) und Legal Tech. Das sind überwiegend klassische Unternehmensfunktionen, die sich inzwischen auch in Kanzleien wiederfinden. 

Berufbilder in Kanzleien: Wo ist juristisches Know-how wichtig?

Juristisches Know-how notwendig

1. Knowledge Management

Tätigkeitsbeschreibung: 

  • Aufbau und Pflege von Mustern und anderen Know-how-Sammlungen
  • Gegebenenfalls auch Betreuung von Lega-Tech-Anwendungen
  • Enge Zusammenarbeit mit Anwält*innen 

Wie hilft das Jurastudium?

Sehr hilfreich, da die inhaltliche Einordnung und Aufbereitung von Know-how notwendig sind.
 

2. Compliance

Unterstützung bei der Einhaltung allgemeiner und standesrechtlicher Vorschriften insbesondere bei der Mandatsannahme aber auch bei anderen Themen wie Werbung oder Veranstaltungen 

Wie hilft das Jurastudium?

Sehr hilfreich, da es eine interne Rechtsabteilung ist.
 

Jurastudium teilweise hilfreich

1. Projektmanagement

Unterstützung von großen Mandanten oder internen Projekten.

Wie hilft das Jurastudium? 

Je nach Ausrichtung kann ein Verständnis der Abläufe juristischer Beratungsprojekte hilfreich sein.
 

2. Legal Tech

Betreuung und interne Beratung zum Einsatz von Legal-Tech-Lösungen.

Wie hilft das Jurastudium?

Je nach Legal-Tech-Lösung hilfreich, um das Einsatzszenario zu verstehen.
 

3. Innovation

Strukturierte Identifikation von Innovationsprozessen. Dies können Produktinnovationen, aber auch interne Prozessverbesserungen sein.

Wie hilft das Jurastudium?

Je nach Ausrichtung kann ein Verständnis der juristischen Beratung hilfreich sein.

Zusatzqualifikationen über nicht-juristische Ausbildungen oder Praktika zu erwerben sind wichtige Schritte, um den Einstieg zu schaffen.
Jochen Hörling

4. HR

Gliedert sich oft in Unterabteilungen auf:

  • Personalverwaltung
  • Personalbeschaffung
  • Personalentwicklung

Dies bringt unterschiedliche Anforderungen mit sich.

Wie hilft das Jurastudium?

Rechtliche Themen werden oft von den Arbeitsrechtsanwälten mit abgedeckt. Im Personalentwicklungsbereich kann ein ähnlicher Hintergrund durch das Studium von Vorteil sein.
 

5. Finanzen

  • Umfasst Bereiche wie:
  • AbrechnungControlling
  • Forderungsmanagement
  • Steuern

Wie hilft das Jurastudium?

Im Bereich Forderungsmanagement und Steuern von Vorteil, wenn ein entsprechender Studienschwerpunkt vorliegt.
 

6. Business Development und Key-Account-Management

  • Business Development: Strategische Vermarktung von Produktgruppen / Fachbereichen der Kanzlei. Dies umfasst praktisch immer den Bereich Angebotserstellung (Pitches) und darüber hinaus die Konzeptionierung von Marketingmaßnahmen und Erstellung von Submission für Directories wie das Juve Handbuch. Je nach Zuschnitt auch Umsetzung von Marketing- und Eventstätigkeiten (siehe unten)
  • Key-Account-Management Betreuung von einzelnen großen Mandanten der Kanzlei und Relationship-Management zusammen mit Anwälten

Wie hilft das Jurastudium?

Das Verständnis der Produkte (Rechtsdienstleistungen) fällt mit juristischem Hintergrund oft leichter. Für die eigentliche Tätigkeit ist kein juristisches Know-how notwendig.

7. Pricing

Unterstützung bei der Erstellung und Verhandlung von Honorarangeboten für einzelne Mandate oder Rahmenverträge mit Mandanten.

Wie hilft das Jurastudium?

Das Verständnis der Produkte (Rechtsdienstleistungen) auf Mandatsebene fällt mit juristischem Hintergrund oft leichter. Für die eigentliche Tätigkeit ist kein juristisches Know-how notwendig.
 

8. Alumni

Betreuung des Alumni-Programms der Kanzlei. Kontaktpflegemaßnahmen wie Newsletter und Veranstaltungen, Aufbau und Pflege von Datenbanken.

Wie hilft das Jurastudium?

Ein ähnlicher Hintergrund durch das Studium kann von Vorteil sein.
 

Jurastudium ohne Mehrwert
 

1. Marketing und Events

Umsetzung von Marketingmaßnahmen, Durchführung von internen wie externen Veranstaltungen.

Wie hilft das Jurastudium? Eher nicht.
 

2. Kommunikation

Public Relations / Presse Arbeit und Steuerung der Social Media Aktivitäten.

Wie hilft das Jurastudium? Eher nicht.
 

3. Diversity / Corporate Social Responsibility

Durchführung von Kampagnen und Schulungen zu Diversity und Corporate Social Responsibility.

Wie hilft das Jurastudium? Eher nicht.
 

4. IT

Weites Spektrum von IT-Support bis hin zu Entwicklertätigkeiten.

Wie hilft das Jurastudium? Eher nicht.

Einstiegsmöglichkeiten in nicht-juristische Bereiche


Aus den unterschiedlichen Tätigkeitsbeschreibungen ergibt sich bereits, dass eine rein juristische Ausbildung hier oftmals nicht ausreicht, da man – je nach Bereich – im Wettbewerb zu Bewerbernden aus anderen Studienrichtungen wie BWL, IT oder Psychologie steht.

Gleichzeitig haben Bewerbende ohne juristischen Hintergrund Kanzleien oft nicht als potenzielle Arbeitgeber auf dem Schirm. Daher sind gerade Kanzleien Quereinsteiger*innen gegenüberstehen in der Regel aufgeschlossen und stellen gerne Bewerbende mit juristischem Vorwissen ein.

Zusatzqualifikationen über nicht-juristische Ausbildungen oder Praktika zu erwerben sind wichtige Schritte, um den Einstieg zu schaffen. Viele Kanzleien bieten übrigens Werkstudententätigkeiten an, die sehr gut für einen ersten Einblick geeignet sind. Ist man bereits als Anwält*in in einer Kanzlei tätig, kann der Wechsel in den Bereich der Business Professionals nochmals leichter fallen.
 

Zu bedenken ist, dass die meisten der oben genannten Berufsfelder ein bewusster Schritt weg vom juristischen beziehungsweise anwaltlichen Karriereweg sind. Aus meiner Erfahrung ist das wichtig für das eigene Selbstverständnis, um sich selbstbewusst in einem anwaltlichen Umfeld zu bewegen. Jeder der oben genannten Berufe erfordert unterschiedliche Eigenschaften. Unabhängig von der fachlichen Qualifikation ist also ein spezifisches Mindset erforderlich, das mit darüber entscheidet, ob man zu der Tätigkeit und deren Anforderungen passt oder nicht. Haben Sie wie ich Lust auf einen Perspektivwechsel bekommen? Welche Tätigkeit aus dem Bereich der Business Professionals würde Sie reizen?