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Karrieremensch Jurist - Ist der typische Weg ein Muss?

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Karrieremensch Jurist - Ist der typische Weg ein Muss?

Warum es sich lohnt, im Studium auch mal über den Tellerrand zu blicken...


Auch wenn wir uns immer dagegen sträuben, eigentlich stimmen die Klischees über uns Juristen doch weitestgehend.
 

Es gibt die Moralisten unter uns, die später in NGOs oder für Greenpeace arbeiten wollen, um dann endlich gegen die aktuell so verhassten karrieregeilen Kommilitonen vor Gericht für die Seite des Guten zu kämpfen. Dann gibt es die ruhigeren und häufig als Streber betitelten ehemaligen Einser-Schüler, die das Jurastudium neben Medizin als einen der wenigen noch ernst zu nehmenden akademischen Studiengänge gesehen haben, aber selbst kein Blut sehen können und sich daher heute gerne mit dogmatischen Feinheiten beschäftigen, Rechtskonstitute hinterfragen und ebenfalls eher argwöhnisch auf viele ihrer Mitstreiter blicken.
 

Daneben gibt es natürlich noch die coolen Cap-Träger, die zu Hause allen versprechen, sie später aus Strafverfahren raus zu boxen, die Feministinnen mit ihren scheinbar unaufhaltbaren Gender Vorstößen für Gesetzesänderungen und natürlich auch die

„Ich-wusste-nicht-was-ich-studieren-sollte-und-bei-Jura-muss-man-kein-Mathe-können“ – Fraktion.

Doch diese sehr unterschiedlichen Studententypen vereint auch etwas: Sie sind nur ein Randphänomen neben dem eigentlichen Prototypen des Juristen. Dem Karrieremenschen.
 

Der typische Jurist fällt bereits beim Betreten des Campus auf. Schneller zielgerichteter Gang in Richtung Juridicum, gekleidet wie viele andere Studenten zum Geburtstag ihrer Großmutter und trotz schnellen Schrittes in der Lage, Kaffee zu trinken und gleichzeitig auf dem neuesten iPhone ein Urteil zu lesen.

Gedanken über seine Zukunft oder gar Existenzängste wie die anderer Studenten sind ihm fremd. Seine Zukunft ist nämlich bereits fest durchgeplant. In der Regel seit den letzten Sommerferien vor Beginn des Studiums, spätestens aber seit den ersten Semesterferien. Der Jurist plant nämlich gerne.
 

Die Pläne sind dabei so erschreckend ähnlich, dass man fast meinen könnte, es gäbe sie zum Download im Internet. Das Muster

„Grundstudium – Auslandsaufenthalt in XY – HiWi Stelle am Lehrstuhl für XY – große Scheine – Praktika in Großkanzlei XY, Bundestag/Bundesrat/auswärtigem Amt und mindestens Landgericht – 1. Prädikatsexamen – Referendariat in Großkanzlei XY – kurz den staatlichen Teil absolvieren – Wahlstation für Großkanzlei XY im englischsprachigen Ausland – 2. Prädikatsexamen – Associate bei Großkanzlei XY – Counsel – Partner“

muss dabei glücklicherweise auch nur an den mit „XY“ gekennzeichneten Stellen ausgefüllt werden.
 

Gleichzeitig ist der Jurist aber auch ein Wettbewerbsmensch. Einem System harter Notenvergabe, kombiniert mit einer auf eben diese Noten fixierten Arbeitswelt geschuldet, gilt es vom ersten Semester an, besser zu sein als andere. Das führt zu Lästereien über die langen Lernpausen anderer bis hin zu ausgerissenen Lehrbuchseiten mit relevanten Informationen für Hausarbeiten.

Spätestens jetzt würde sich ein Nichtjurist fragen, was zur Hölle mit den Juristen los ist. Doch er erfährt hiervon kaum etwas. Juristen bleiben nämlich unter sich. Andere verstehen diese Welt auch gar nicht. Sie denken, wir lernen Gesetze auswendig und haben bei Noten jenseits der 1,0 kaum mehr Luft zum Atmen, da diese ihnen nur so hinterhergeschmissen werden. Wie soll man denen erklären, dass 9 von 18 Punkten ein Grund sind vor Freude den obersten Hemdknopf zu öffnen.
 


 

Doch ist das wirklich der richtige Weg und ist es das was wir wollen?

Dieser Gedanke kommt einigen bereits im Sommersemester, wenn sie andere Studenten auf dem Campus grillen sehen, während sie ihre Kommilitonen hinter Büchern darüber lästern hören. Andere brauchen etwas länger und stellen sich diese Frage während ihres Praktikums in einer großen und prestigeträchtigen Kanzlei in einer spannenden Stadt, während sie Freitagabends um halb 9 aus dem Büro schauen und hoffen nach Feierabend noch die letzte Bahn zu bekommen.
 

Nun gibt es diejenigen, die wahrheitsgetreu sagen können „Ja! Genau das will ich.“ Und das ist auch gut so. Unsere globalisierte und hochkomplizierte Welt braucht diese tüchtigen, allzeit bereiten und hochleistungsfähigen Juristen.

Es wird aber auch viele geben, die innere Zweifel plagen und die sich selbst plötzlich nicht mehr in der Rolle sehen, in der ihr eigens aufgestellter Lebenslauf sie eigentlich vorsieht. Denjenigen sei hiermit Mut gemacht, denn mit Jura kann man vieles machen und damit soll nicht nur das bereits in unzähligen Artikeln angeführte Spektrum an alternativen Berufen gemeint sein!

Wie cool wäre es zum Beispiel, wenn endlich mal ein Jurist einen Poetry-Slam an seiner Uni gewinnen würde? Wie unendlich viele Geschichten über verrückte Kommilitonen, Gesetze zur Verfolgung von Bienenschwärmen oder von bescheuerten Sachverhalten, in denen ein T den O ausrauben möchte, ihn im Dunkeln mit seinem unerkannt geisteskranken Freund F verwechselt und so aus Versehen dem unerkannt geisteskranken  F sein eigenes, wiederum vom F geklautes Handy „stiehlt“, könnten wir Juristen der Welt erzählen?

Nicht umsonst sind einige der besten und lustigsten Entertainer wie Stefan Raab oder Max Uthoff – seines Zeichens Leiter der Kabarettsendung „Die Anstalt“ – ehemalige Jurastudenten!

Aber so weit von dem juristischen Kerngeschäft müsste man sich nicht einmal lösen, um trotzdem etwas mehr Abwechslung in den Juraalltag zu bringen. Wenn man sich umhört in anderen Studiengängen, sind Exkursionen eher die Regel als die Ausnahme. Lehramtsstudenten fahren mit auf Klassenfahrt, Geologen fahren in die Berge zum Erforschen, Biologen fertigen Herbarien an und selbst Ingenieure bauen ständig irgendwelche Modelle und besuchen Bauwerke, Labore oder Kraftwerke.

Wenn man sich unter Juristen umhört, waren die meisten höchstens während des Praktikums mal in einem kleinen Amtsgericht. Vom Bundesverfassungsgericht können zwar fast alle Studenten die Zulässigkeit prüfen, wo es sich befindet wissen auch noch einige, mal dort gewesen, sind dann nur noch die wenigsten.

Wie wäre es also mal mit einer Exkursion an die obersten Gerichte unseres Landes, an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte oder wenigstens an den Staatsgerichtshof nach Bückeburg?

Es muss ja nicht gleich eine Karriere als Aussiedler und Surflehrer sein. Nur manchmal wäre es wirklich schön, wenn wir Juristen ein wenig mehr über den Tellerrand schauen würden und nicht nur zu Sonderveranstaltungen gehen würden, wenn sich ein BGH Richter oder Staranwalt in unsere Vorlesungssäle bequemt.


Vielleicht würde dann auch das Verhältnis vieler Jurastudenten untereinander noch besser werden und unsere Generation könnte selbst irgendwann über den langen Schatten vieler Juristengenerationen springen und in entscheidenden Funktionen als Professoren fairere Noten vergeben, als Personaler bereit sein, auch Bewerber ohne volle Kriegsbemalung einzuladen und den ganzen Menschen und nicht nur seine Noten zu beurteilen oder als Anwalt in einer Großkanzlei auch einfach mal um 17:30 Feierabend zu machen und somit das Leben vieler nachfolgender Juristengenerationen nachhaltig zu vereinfachen und zu bereichern!

 



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24. Februar 2017


Finn Holzky

Autor:

Finn Holzky

Schreibt neben seinem Jurastudium seit 2 Jahren für TalentRocket und hat gerade sein 1. Staatsexamen in Göttingen hinter sich gebracht.

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