Hat etwa keiner mehr Lust auf eine Großkanzlei?

Das sagt die Trendence-Umfrage 2018 unter Nachwuchsjuristen: Die 10 attraktivsten Arbeitgeber im Überblick


verfasst von Finn Holzky und veröffentlicht am 12.11.2018

 

Eine Umfrage des Ranking Portals „Trendence.com“ hat ergeben, dass immer mehr Bewerber Großkanzleien den Rücken kehren und sich nach anderen Arbeitgebern umsehen. Das hat mehrere Gründe und liegt vor allem an den neuen Idealen und Kriterien für die Bewertung eines Jobs der jungen Nachwuchsjuristen. Eine Analyse zeigt, dass lediglich die Höhe des Einstiegsgehalt nicht mehr ausreicht, um die Bewerber in Massen anzuziehen. Unternehmensethik, Flexibilität und Führungsstil wird hingegen eine immer größer werdende Aufmerksamkeit zuteil.

 

Für das Arbeitgeberranking 2018 hat Trendence mehr als 2.200 Studenten, Rechtsreferendare und Volljuristen im Zeitraum von Mai 2018 bis Juni 2018 befragt. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse erstmals am 23. Oktober 2018 in der Fachzeitschrift „Juristische Schulung“. Die Befragten wurden sowohl nach den von ihnen bevorzugten Arbeitgebern als auch nach deren wichtigsten Faktoren für die Arbeitgeberwahl gefragt. Die Ergebnisse wurden sowohl nach Geschlecht als auch nach Fragerichtung aufgeteilt. So wurden zum Beispiel Faktoren bewertet, auf welche der Arbeitgeber direkt Einfluss hat, als auch äußerliche Faktoren, wie zum Beispiel der Standort und die Lebensqualität dort.

 

In Sachen Standort nichts Neues

Bereits die letzten Jahre haben gezeigt, dass immer mehr Absolventen und Berufseinsteiger in die großen Städte gezogen werden. Dieser Trend ist natürlich nicht neu und Landflucht ist schon länger ein Thema. Gerade unter Juristen verschärft sich dieser Trend jedoch noch weiter. Der beliebteste Standort unter den Nachwuchsjuristen ist nach wie vor München. Auf den Plätzen dahinter folgen dicht beieinander Frankfurt am Main und Hamburg.

 

Jetzt Jura Jobs ansehen in den Städten:

 

Interessant ist jedoch, dass sich mit zunehmendem Alter und gestiegener Berufserfahrung diese Präferenzen ändern. Unter den bereits berufstätigen Volljuristen steht Berlin am höchsten im Kurs. Überdurchschnittlich viele Befragte gaben auch an, sich lieber außerhalb der Städte in den Metropolregionen ansiedeln zu wollen.

 

Entdecke hier spannende Jobs für Volljuristen mit Berufserfahrung in deiner Favoritenstadt!

 

Ausschlaggebend für die Wahl dieser Standorte war mit über 50 Prozent die dort zu erwartende hohe Lebensqualität und mit immerhin noch knapp 25 Prozent das dortige kulturelle Angebot. Doch auch gute Gehalts- und Karriereperspektiven haben für eine wachsende Beliebtheit der Großstädte gesorgt. Ein wenig überraschend erscheint es, dass rund 30 Prozent der Befragten als Argument für die Großstadt genannt haben, dass sie dort bereits wohnen.

 

Es scheint also, dass die Wahl des Studienstandorts als Vorentscheidung für das spätere Arbeitsumfeld dient.

 

Diese Erkenntnis überrascht besonders, da vor allem diese Generation häufig als besonders flexibel, zumindest was Standorte und Lebensumfeld angeht, gilt.

 

Auf die Moral kommt es an: Die Unternehmensethik im Aufwind

Bei der Wahl des zukünftigen Arbeitgebers gibt es, neben dem Standort, noch weitere viele verschiedene Kriterien. Ein großer Verlierer des Arbeitgeberrankings von 2018 ist die Großkanzlei Freshfields. Zwar findet sich die Sozietät nach wie vor auf Rang zwei der beliebtesten Arbeitgeber wieder, jedoch verlor die Kanzlei 4,5 Prozent an Stimmen.

 

Das bedeuted gleichzeitig den größten Verlust unter allen Arbeitgebern in den vergangenen fünf Jahren.

 

Grund hierfür sind vor allem höhere Ansprüche an die Unternehmensethik der Bewerber und der teils medial sehr kritisch betrachteten Mandate von Großkanzleien rund um DFB Affäre oder aktuell Cum-Ex Geschäfte. Doch was man bei Freshfields beobachtet, ist kein Einzelfall und gilt im Grunde für die gesamte Riege der Großkanzleien. Abgesehen von Noerr verloren die Sozietäten Clifford Chance, Linklaters, CMS Hashe Sigle alle konsequent an Stimmen. Die Großkanzlei Hogan Lovells fällt sogar erstmals aus der von Trendence ermittelten Top 10 der Arbeitgeber für junge Juristen.

Grund hierfür ist aber nicht nur die Unternehmensethik, sondern auch ein gestiegener Wunsch nach Kollegialität, einem guten Führungsstil und einer gesunden Work-Life Balance. Das alles scheinen Kriterien zu sein, die ein Großteil der Bewerber trotz neuerer Angebote von Großkanzleien nicht mit diesen assoziieren.

 

Informiere dich hier über die sozialen Leistungen dieser Großkanzleien:

 

Darauf kommt es den Bewerbern heute an!

Die Befragten haben angegeben, dass sie ein Gehalt von durchschnittlich rund 80.000 Euro erwarten bzw. für wünschenswert halten. Die tatsächlichen Gehälter der befragten Juristen lagen hingegen bei knapp über 70.000 Euro jährlich und somit doch ein ganzes Stück unter den Erwartungen der Studenten und Referendare.

 

Mehr Infos dazu hier: Welches Einstiegsgehalt kann man wirklich fordern?

 

Zudem lässt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen den Angaben von Männern und Frauen erkennen. Während weibliche Befragte ein Wunschgehalt in Höhe von durchschnittlich 74.500 Euro angaben, wünschen sich die männlichen Befragten ein Gehalt in Höhe von 90.900 Euro brutto jährlich. Diese Lücke lässt sich aber zumindest zum Teil damit erklären, dass Frauen Jobs im Öffentlichen Sektor vorziehen, während es die Männer überwiegend in die Privatwirtschaft zieht.

 

Unterschiede im Ranking zwischen Männern und Frauen

Wie bereits erwähnt, lässt sich bei den weiblichen Befragten ein eindeutiger Trend erkennen. Die drei beliebtesten Arbeitgeber bei den befragten Frauen waren allesamt solche der Öffentlichen Hand. Mit 24 Prozent liegt das Auswärtige Amt bei den Frauen besonders hoch im Kurs. Auf Platz zwei und mit gerade einmal rund 17 Prozent folgt dann das Bundeskriminalamt vor der Europäischen Kommission mit knapp 15 Prozent. Erst auf Platz vier und fünf, mit jeweils rund zehn Prozent, kommen mit Freshfields und Hengeler Mueller die ersten Großkanzleien, worauf wiederum das Bundeskartellamt vor dem bayrischen Autobauer BMW platziert ist. 

Die befragten Männer hingegen haben, wenn auch nur mit 0,1 Prozent mehr der Stimmen, die Sozietät Freshfields Bruckhaus Deringer auf Platz eins gewählt. Somit liegt die Großkanzlei vor dem Auswärtige Amt, das mit 16,3 Prozent der Stimmen auf Platz zwei landet. Auf den nachfolgenden Plätzen folgen, ähnlich wie bei den Frauen, die Kanzleien Hengeler Mueller, das Bundeskriminalamt und die Europäische Kommission.

 

Trendence-Ranking: Die Top 10 Jura Arbeitgeber des Trendence Ranking 2018

 

#1 Auswärtiges Amt 

 

mit 20,20 Prozent der Gesamtstimmen
(24 % weiblich / 16,3 % männlich)

 

#2 Freshfields

 

mit 13,70 Prozent der Gesamtstimmen
(11,3 % weiblich / 16,4 % männlich)

 

#3 EU Kommission

 

mit 13,30 Prozent der Gesamtstimmen
(14,5 % weiblich / 11,9 % männlich)

 

#4 Bundeskriminalamt

 

mit 13,00 Prozent der Gesamtstimmen
(17,7 % weiblich / 8,4 % männlich)

 

#5 Hengeler Mueller

 

mit 10,70 Prozent der Gesamtstimmen
(9,2 % weiblich / 12,2 % männlich)

 

#6 Gleiss Lutz

 

 mit 6,80 Prozent der Gesamtstimmen
(6,4 % weiblich / 7,3 % männlich)

 

#7 Clifford Chance

 

mit 6,40 Prozent der Gesamtstimmen
(6,4 % weiblich / 6,5 % männlich)

 

#8 Linklaters

 

mit 6,40 Prozent der Gesamtstimmen
(5 % weiblich / 7,9 % männlich)

 

#9 CMS Hasche Sigle

 

 mit 5,90 Prozent der Gesamtstimmen
(5,1 % weiblich / 6,8 % männlich)

 

#10 BMW Group

 

mit 5,80 Prozent der Gesamtstimmen
(6,4 % weiblich / 5,2 % männlich)

 

Es lässt sich also durchaus ein Trend erkennen. Auch wenn angehende Juristen nach wie vor sehr hohe Gehaltswünsche haben, steigt die Wichtigkeit anderer Faktoren deutlich für sie an. Unternehmensethik, das Verhältnis untereinander mit den Kollegen und nicht zuletzt auch der Führungsstil des Unternehmens werden immer wichtiger bei der Wahl des Arbeitgebers. Karriereperspektiven und Gehalt alleine locken die Nachwuchsjuristen nicht mehr hinter ihrem Tisch hervor. Auf kurz oder lang werden daher auch Großkanzleien sich diesen Anforderungen beugen müssen und weiterhin an flexibleren und entlastenden Arbeitsmodellen arbeiten müssen.

 


Leser dieses Artikels interessierten sich auch für: 

 

Über den Autor

Finn Holzky

Finn Holzky

Schreibt neben seinem Jurastudium seit 2 Jahren für TalentRocket und hat gerade sein 1. Staatsexamen in Göttingen hinter sich gebracht.

Juristische Arbeitgeber, Jobs oder Events. Exklusiv für Mitglieder!

Mit der 1-Klick Bewerbung kannst du dich in Sekundenschnelle bei den Arbeitgebern bewerben.

Zeit Banner DesktopZeit Banner Mobile

Hat dir der Artikel gefallen? Feedback geben


Talente haben sich auch diese Artikel durchgelesen:

Statistiken

Fakten, Fakten, Fakten

So verlief das juristische Ausbildungsjahr 2017

Statistiken

Das juristische Ausbildungsjahr 2016 in Zahlen!

Prädikatsquote, Notenstatistiken etc. - Der etwas verspätete Jahresrückblick...

Statistiken

Immobilienrecht - warum spezialisieren sich wenige Juristen?

Mit einer kurzen Umfrage gehen wir den Ansätzen auf den Grund...