Raus aus der Komfortzone

Wann und warum man sie als Jurist und Juristin verlassen sollte und wann Scheuklappen doch eine gute Idee sind

 

Er beschreibt sich als einen leidenschaftlichen Prozessanwalt. Nach dem Jurastudium hat er allerdings erst einmal einen etwas anderen Weg eingeschlagen, gemodelt, professionell Basketball gespielt und die Selekteur- und Event-Agentur Selekt Berlin gegründet. Seit Ende 2018 führt er die Medienrechtskanzlei JRF Legal im Herzen von Berlin-Mitte. Wie wichtig es ist, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und warum auch Juristen und Juristinnen erst einmal die Welt und sich selbst kennenlernen sollten, erklärt Joy Fatoyinbo im Interview.
 

Wie wichtig ist es, als Jurist oder Juristin auch mal die Komfortzone und den klassischen Karrierepfad zu verlassen?

Joy Fatoyinbo: Insbesondere Juristen haben eine sehr exponierte Stellung innerhalb der Gesellschaft, sitzen häufig in Schlüsselpositionen und beeinflussen ganz unmittelbar das Leben anderer Menschen – entsprechend gut sollten sie nicht nur sich selbst, sondern auch das Leben kennen, um dieser Verantwortung bestmöglich gerecht werden zu können. 

Dazu gehören nicht nur Erfolgserlebnisse, positive Erfahrungen oder die detaillierte Kenntnis verschiedener Paragraphen.
 

Auch Niederlagen, nicht-gemeisterte Herausforderungen, die Qualität deiner persönlichen oder geschäftlichen Beziehungen, ein persönliches Wertegerüst gehören dazu –  all das, was für den Beruf wichtig ist, wird erst mit der Zeit erworben und entwickelt – und das geschieht alles außerhalb der Komfortzone.


Erst dort wirst du mit Unsicherheiten und Unwissen konfrontiert, musst Herausforderungen meistern, wirst gefordert, musst dir neues, nicht-fachliches Wissen aneignen und letztlich auch deinen eigenen Stil entwickeln.
 


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Du hast es bereits angedeutet: Jura ist ein People Business. Wie hilft es dir, auch mal abseits des Jura-Kosmos’ unterwegs gewesen zu sein?

Joy Fatoyinbo: Jura ist für mich etwas ganz Lebendiges. Als Juristen haben wir ein Werkzeug an die Hand bekommen, mit dem wir Lebenssachverhalte formen und eine Verbindung zwischen den Paragraphen und dem realen Leben herstellen. Und um dieses Werkzeug vernünftig anwenden zu können, muss ich das Leben kennen. Ich muss meine Mandanten und ihre Interessen kennen. Das geht natürlich nur, wenn ich unterwegs und aufmerksam bin, Augen und Ohren offenhalte und weiß, wo die nächsten rechtlichen Herausforderungen warten. Meine Mandantschaft besteht zum Großteil aus Kreativschaffenden, die mit ,trockenen’ Juristen und Juristinnen nichts anfangen können, sondern sich verstanden und gut aufgehoben wissen wollen – das gelingt mir nur, wenn ich ein Gefühl für den Zeitgeist habe und die Leute persönlich kennenlerne.
 

Du beschreibst dich selbst als einen leidenschaftlichen Prozessanwalt. Worauf kommt es vor Gericht besonders an?

Joy Fatoyinbo: Der Zivilprozess ist für mich der Höhepunkt und zugleich die Königsdiziplin der anwaltlichen Arbeit. Im gerichtlichen Verfahren wird häufig über jahrelang währende Streitigkeiten und nicht selten über ganze Existenzen entschieden. Vorgenommene oder unterlassene Prozesshandlungen sind in der Regel unumkehrbar und bedeuten oftmals Erfolg oder Niederlage für das gesamte Mandat. Im mündlichen Termin vor Gericht kommt dann alles zusammen. Und das kann ziemlich anspruchsvoll werden.

Anders als bei einem Schriftsatz, den man vorbereiten, liegen lassen und überarbeiten kann, musst du in der Mündlichen in der Lage sein, sofort zu reagieren und das Richtige für Deinen Mandanten zu tun. Normalerweise ist zwar bereits alles schriftsätzlich vorgetragen, aber das Blatt kann sich im Termin bis zur allerletzten Minute noch wenden. Man muss auf den Punkt und top vorbereitet sein – darin besteht die Kunst; nicht umsonst gibt es hochspezialisierte Prozessrechtler. Die intellektuelle Herausforderung, die mit der Vertretung vor Gericht einhergeht, macht dieses Arbeitsfeld natürlich auch wahnsinnig attraktiv. Der Zivilprozess ist in vielen Bereichen nach wie vor sehr formalisiert, man kann leicht Fehler machen, wird auf verschiedenen Ebenen gefordert und darf sich nicht aus der Ruhe bringen lassen. Manchmal muss man sich auch einfach die Zeit nehmen, darf nicht auf jede Provokation der Gegenseite reagieren – und sich auf gar keinen Fall über den Tisch ziehen lassen. Dementsprechend ist nicht nur eine intensive fachliche Vorbereitung unabdingbar, sondern ebenso das richtige Mindset, mit dem man den Prozess führt.
 


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Während deines Referendariats am Berliner Kammergericht hast du auch Motivationsworkshops für Jugendliche in Hamburg gegegeben. Wie motivierst du dich selbst?

Joy Fatoyinbo: Tatsächlich – und zum Glück – muss ich mich nicht motivieren, sondern habe eine sehr ausgeprägte intrinsische Motivation, einen natürlich Drive. Bei den meisten Themen spüre ich von ganz allein, wann sie keinen Reiz mehr ausüben, wie beispielsweise beim Modeln früher. Als ich gemerkt habe, dass dieser Abschnitt sich dem Ende neigt, habe ich neue Pläne geschmiedet und meine Energie in andere Projekte gesteckt. 
 

Stichwort intrinsische Motivation: Glaubst du, wenn es um die Gründung der eigenen Kanzlei geht, dass diese intrinsische Motivation essentiell ist und es ohne sie nicht geht?

Joy Fatoyinbo: Absolut. Zwar möchte so gut wie jeder Associate irgendwann Equity Partner werden, dennoch glaube ich, ganz wertfrei, dass es generell zwei unterschiedliche Typen von Menschen gibt: Auf der einen Seite sind die Gründer und Unternehmer und auf der anderen Seite die Angestellten.
 

Denkst du, man kann sich diesbezüglich weiterentwickeln oder es lernen, der Typ “Gründer” zu werden?

Joy Fatoyinbo: Lernen nein, entwickeln ja. Lernen würde bedeuten, dass man es sich gewissermaßen antrainiert, daran glaube ich in diesem Fall nicht. Dass allerdings der nötige Drive durch ein Aha-Erlebnis ausgelöst werden kann, denke ich schon. Aber ohne die richtige Einstellung geht es nicht.
 

Die Gründung einer Kanzlei ist eine sehr komplexe Angelegenheit und im Vorfeld stehen Fragen, die haben mit fachlichen Inhalten zunächst wenig zu tun, über die müssen angestellte Anwälte und Anwältinnen nicht nachdenken. Diese organisatorischen Aufgaben nehmen zudem kein Ende. Das fängt bei Kleinigkeiten wie der Wandfarbe an und hört bei der Umsetzung neuer Richtlinien noch nicht auf. 


Durch meine Einblicke in den Alltag mittelständischer und großer Kanzleien weiß ich allerdings, dass die sich mit den gleichen Problemen beschäftigen. Schwierigkeiten mit dem Wlan, der Website oder mit der Umsetzung der DSGVO-Richtlinen hat jedes Unternehmen, egal, wie beeindruckend es von außen aussieht.
 

Die Gründung einer eigenen Kanzlei ist auch mit einem gewissen Risiko verbunden. Hattest du Respekt, teilweise vielleicht Angst, davor?

Joy Fatoyinbo: Aktuell bin ich an einem Punkt, an dem ich das generell nicht mehr hab. Als ich erst einige Jahre nach dem Zweiten Examen meine Zulassung als Rechtsanwalt beantragt habe und in dem Beruf arbeiten wollte, hatte ich enormen Bammel davor, weil ich mir der Verantwortung durchaus bewusst war. Erst nach den ersten gewonnenen Fällen kam die Erkenntnis, dass meine Arbeits- und Herangehensweise die gewünschten Ergebnisse bringt, ich die Sache verstanden hab und auch keine Angst haben musste. Hinsichtlich der Gründung und des unternehmerischen Risikos, war ich immer selbstsicher und überzeugt genug, um zu wissen, dass ich das hinbekomme. Einen gewissen Druck habe ich durchaus verspürt, aber Angst hatte ich nie. Dafür hab ich schon zu viel gesehen und erlebt.
 


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Du warst Modell, hast professionell Basketball gespielt, hast die Selektion für bekannte deutsche Clubtüren gemacht, hast in dem Bereich eine eigene Agentur gegründet, bist viel gereist – langweilt dich etwas nach einer bestimmten Zeit oder ist es mehr dieser konstante Durst, der dich antreibt, neue Projekte zu verfolgen?

Joy Fatoyinbo: Ähnlich wie im Sport treffe ich meine Entscheidungen sehr intuitiv und je mehr Erfahrung ich sammeln kann, desto besser und intuitiver werden die darauffolgenden Entscheidungen. Für einen Außenstehenden mag das auf den ersten Blick nicht immer Sinn ergeben, aber es hat sich letztlich doch alles sinnvoll zusammengefügt und ineinander gegriffen. Langeweile hingegen kenne ich nicht. Entweder etwas packt und reizt mich oder, sobald mich wirklich etwas langweilen könnte, schaltet mein Körper – als wäre es ein natürlicher Schutzmechanismus – ab und verfällt in den Ruhezustand.


Wenn dich nun etwas packt und du ein neues Projekt beginnen willst, wie lange dauert es bei dir von der Idee bis zur Umsetzung?

Joy Fatoyinbo: Das ist ebenfalls eine intuitive Geschichte. Zwar hab ich Ideen ohne Ende, allerdings hat jede Idee samt Umsetzung wiederum ihre eigene Zeit, da spielt das Timing die entscheidende Rolle. Letztlich kommt es auf den richtigen Zeitpunkt an, wenn es dann soweit ist, dann bin ich auch unbürokratisch und die Idee wird umgesetzt.
 

Letztlich, und darin besteht auch eine der wesentlichen Aufgaben der verantwortlichen und entscheidenenden Personen und Unternehmen, geht es weniger darum, etwas Stromlinienförmiges zu erschaffen, als vielmehr die richtigen Menschen auf die richtige Position zu setzen und den Überblick über das Projekt zu behalten. 


Wenn dann ein solches Projekt umgesetzt ist, kannst du dann stolz auf dich sein?

Joy Fatoyinbo: Nach einem erfolgreichen Projekt, häufiger noch nach einer gelungenen Fallbearbeitung, ist es weniger Stolz, als vielmehr ein Heureka-Moment, der mich überkommt. Oft sitzt man ja einen Moment länger an dem Problem, betrachtet es aus jedem Winkel, kaut darauf herum und versucht, die Nuss zu knacken. Wenn es dann soweit ist, die richtigen Argumente gefunden sind und ich davon überzeugt bin, das merke ich durchaus und freue mich darüber. Um wirklich stolz darauf zu sein, stecke ich allerdings zu tief in den Prozessen und weiß, was noch alles vor mir liegt. Daher sind diese Heureka-Momente mit Abstand die erfüllendsten. 
 

In deiner Kanzlei bildest du unter anderem auch Referendare und Referendarinnen aus und beschäftigst wissenschaftliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Was gibst du denen mit auf den Weg?

Joy Fatoyinbo: Im Grunde sag ich denen nichts anderes, als das, was ich den Jugendlichen damals bei dem Motivationsworkshop mit auf den Weg gegeben hab und was auch für mich funktioniert hat. Trotz – oder gerade weil – wir in den Rechtswissenschaften von einem enormen Leistungs- und Notendruck getrieben sind, um bestimmte Positionen und Ziele zu erreichen, ist es umso wichtiger, erst einmal zu wissen, wer man selbst ist und ob man für den vermeintlichen Traumberuf geeignet ist. Noten sind lediglich ein Indiz dafür, wie gut jemand in der Theorie die Materie beherrscht, sie sagen jedoch nichts über die Umsetzung in der Praxis aus.

Gerade junge Juristen sollten in sich reinhorchen und sich die Frage stellen, ob das was sie wollen, auch dem entspricht, wer sie sind.
 

Dazu gehört es, sich ein Stück weit von dem Druck freizumachen und – und da schließt sich der Kreis zu dem, was ich am Anfang sagte – erst einmal das Leben kennenzulernen, was von der Welt zu sehen und nicht mit 25, beide Examen mit VB bestanden, auf dem Richterstuhl zu sitzen, denn damit ist niemandem geholfen.

 

Um verantwortungsvolle Aufgaben innerhalb der Gesellschaft ausüben zu können, ist es wichtig, dass man zunächst die Pflicht sich selbst gegenüber erfüllt, sich kennenlernt und einen eigenen Stil, ein eigenes Wertesystem entwickelt. Bei JRF Legal stehen solche Aspekte im Vordergrund. Welche Noten erzielt wurden oder welchen Schwerpunkt jemand absolviert hat, ist sekundär. Über den Tellerrand hinauszuschauen, ist heute wichtiger denn je.
 


Auch in den Rechtswissenschaften darf und muss über den Tellerrand hinausgeschaut werden.
 

Dies trifft vor allem für die persönliche Entwicklung zu. Wie sieht es hingegen auf der fachlichen Ebene aus?

Joy Fatoyinbo: Hier gilt es tatsächlich und unbedingt, klar zu differenzieren. Anders als bei der persönlichen Entwicklung, darf und sollte man sich auf fachlicher Ebene unbedingt spezialisieren und die Scheuklappen anlegen. Sobald man sich und “seine” Nische gefunden hat, sollte man seine Aufmerksamkeit darauf konzentrieren und sich richtig hineinstürzen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass in der Praxis alles spezialisierter und komplexer wird – da helfen oftmals keine Lehrbücher weiter, sondern man sollte die aktuelle Rechtsprechung kennen, richtig im Thema sein, sich mit anderen Spezialisten austauschen, um weiter zu kommen. Andernfalls steht jemand auf der Gegenseite, der seine Hausaufgaben gemacht hat und einem zehn Schritte voraus ist – letztlich leidet dann das eigene Mandat darunter, weil die Beratung nicht gut ist. Ich glaube nicht an Generalisten, die fachlich sehr breit, aber häufig zu oberflächlich aufgestellt sind. Sicher muss man viel Zeit investieren, um sich in diese komplexen Themen einzuarbeiten, sie entsprechend zu verinnerlichen, das Werkzeug erfolgreich anzuwenden, aber Zeit macht eben einen großen Teil der juristischen Arbeit aus.
 

Gleichzeitig ist Legal Tech auf dem Vormarsch – ist es somit nicht unabdingbar, sich entsprechend zu spezialisieren?

Joy Fatoyinbo: Auf jeden Fall. Kratzt man als Generalist nur an der Oberfläche, kann ein Programm das ebenso gut. Werden die Parameter allerdings komplizierter, ist jemand notwendig, der auch speziellere Sachverhalte einer juristisch einwandfreien Lösung zuführt. Selbst so jemand muss sich häufig auch erst einmal einarbeiten. Da geht man doch lieber zu einem Spezialisten, der sich mit der Materie auskennt und schneller zum gewünschten Ergebnis kommt – und deswegen: Manchmal sind Scheuklappen doch gar nicht so schlecht.



Vielen Dank für das Gespräch, Joy Fatoyinbo!


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