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Gesundheitsmanagement in juristischen Unternehmen

Betriebspsychologin Katrin Hinrichsen im Interview mit TalentRocket

Katrin Hinrichsen arbeitet seit vielen Jahren als Betriebspsychologin und Therapeutin deutschlandweit mit namhaften Kanzleien und Unternehmen zusammen. Sie bietet psychologische Beratung für Mitarbeitende und deren Angehörige in nahezu allen Lebenslagen und sensibilisiert die Belegschaft für den Umgang mit Krankheitsbildern wie Depressionen, Ängsten oder Burnout. Warum mentale Gesundheit in der heutigen Arbeitswelt immer wichtiger wird und wie auch äußere Einflüsse das Wohlbefinden der Mitarbeitenden beeinflussen können, verrät sie uns im Interview:

Liebe Frau Hinrichsen, Sie haben sich vor einigen Jahren als Betriebspsychologin selbstständig gemacht. Bitte stellen Sie sich und Ihre Arbeit doch kurz in Ihren eigenen Worten vor. Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit den Unternehmen aus?

Katrin Hinrichsen: Die Betriebspsychologie in Kanzleien ist ein sehr komplexes Thema und gewinnt seit der Corona-Krise zunehmend an Aufmerksamkeit. Ich biete sowohl die persönliche psychologische Beratung, als auch die Online-Therapie in deutschsprachigen Unternehmen an. Die Digitalisierung macht diesen flexiblen Ansatz möglich. Meine Patient:innen und Klient:innen profitieren davon, indem sie meine Leistungen ortsunabhängig wahrnehmen können, also auch im Urlaub oder auf Geschäftsreise. 


Psychische Störungen am Arbeitsplatz werden nach und nach enttabuisiert. Depressionen und Burnout sind längst nicht alles, was die Effizienz und Effektivität der Arbeitnehmer:innen mindert. Ängste, Zwänge, Süchte oder Traumata verhindern bei vielen Mitarbeitenden eine gute Leistung. Durch meinen Einsatz kann die Effizienz der Mitarbeitenden gesteigert werden, krankheitsbedingte Ausfälle werden dagegen minimiert. Zudem begleite ich Unternehmen als Beraterin, unterstütze sie mit Aufklärungskampagnen und reduziere die Fluktuation durch den Abbau interner Krisen und die Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls.

Therapiesitzung in der Betriebspsychologie
Therapiesitzung in der Betriebspsychologie

Was bedeutet Gesundheitsmanagement in Unternehmen und seit wann befindet es sich im Leistungsspektrum von Arbeitgebern in Deutschland?

Katrin Hinrichsen: Das Gesundheitsmanagement deutscher Unternehmen (BGM) hat viele Gesichter und besteht bereits seit Jahrzehnten. Die einen setzen auf Yogastunden und Workouts für ihre Mitarbeitenden, die anderen bieten einen Obstkorb an. Leider sind diese Maßnahmen langfristig nicht ausreichend, um Mitarbeitende zu halten. Ich kenne Unternehmen, bei denen die Maßnahmen weit darüber hinausgehen. Einige Unternehmen ließen während der Hochphase der Corona-Pandemie betriebliche Impfkampagnen durchführen und entwickelten Hygienekonzepte zum Schutz der Mitarbeitenden. Kanzleien aus meinem direkten Umfeld arbeiten daran, Mitarbeitenden Zusatzkrankenversicherungen anzubieten und es gibt Wiedereingliederungsprogramme nach langer Krankheit. Alle diese Maßnahmen führen dazu, dass Unsicherheiten gemindert werden. Mittlerweile geht es im BGM nicht mehr nur um die körperliche, sondern vor allem um die ganzheitliche, also auch die psychische Gesundheit der Menschen. So kann man Mitarbeitende dauerhaft binden. 

 

Ich begleite Unternehmen als Beraterin, unterstütze sie mit Aufklärungskampagnen und reduziere die Fluktuation durch den Abbau interner Krisen und die Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls.
Katrin Hinrichsen, Betriebspsychologin

Wie würden Sie sagen, gestaltet sich aktuell das Gesundheitsmanagement juristischer Arbeitgeber? Unterscheidet es sich vom Angebot in anderen Branchen?

Katrin Hinrichsen: Die Entwicklung des BGMs hängt nicht von der Dienstleistung ab, sondern davon ob das Management dessen Notwendigkeit erkannt hat. Im Zuge einer im Jahr 2021 durchgeführten wissenschaftlichen Arbeit konnte ich ausführliche Interviews mit Partner:innen bundesweiter Mittelstands- & Großkanzleien führen und erhielt über dieses Netzwerk einen tiefen und ehrlichen Einblick in die Welt der Jurist:innen und wie sie sich zukünftig ausrichten wird. Gesundheitsmanagement ist Führungsaufgabe und wird in modernen, innovativen Kanzleien auch als solche aufgefasst. Die Zeiten, in denen die physische und psychische Gesundheit Privatsache waren, sind vorbei. Der Mensch ist gerade für Kanzleien der wichtigste Produktionsfaktor. Kanzleien, die langfristig am Markt bestehen wollen, sollten ihre wichtigste Ressource pflegen. Das mag hart klingen, ist aber eine Tatsache.

Wie haben sich die Bedürfnisse der Arbeitnehmer:innen in Bezug auf ihre mentale Gesundheit in den letzten Jahren verändert? Gibt es Unterschiede in den Bedürfnissen verschiedener Generationen (z.B. Babyboomer und Generation Z)?

Katrin Hinrichsen: Durch die Pandemie sind die Zahlen an psychischen Erkrankungen geradezu explodiert. Die Statistiken der Krankenkassen sind öffentlich einsehbar und sprechen für sich. Auch suizidale Fragen häufen sich. Zusätzliche Konflikte sind durch die Home-Office-Pflicht entstanden: Vor allem die Generation Z verzeichnet durch die neue Freiheit und Flexibilität einen Zuwachs in ihrer Lebensqualität. Diese Generation fordert die digitale Freiheit ein. Das erlebe ich jeden Tag in meiner Praxisarbeit. Die Kehrseite ist jedoch die Vereinsamung der Generation. Wir entwickeln uns immer mehr zu einer Single-Gesellschaft. Durch Home Office und Lockdowns wurde das soziale Leben vieler Patient:innen fast auf Null reduziert. Vereinsamung, Ängste und Süchte waren die Folge. Kaum ein Management weiß jedoch von den Problemen der Mitarbeitenden. Auch ältere Generationen werden vor neue Herausforderungen gestellt: Zukunfts- und Existenzängste prägen den neuen Arbeitsalltag. Die älteren Arbeitnehmer:innen haben Angst, den Anschluss zu verlieren oder dass ihre Leistung durch die Arbeit im Home Office weniger wahrgenommen wird. Auch diese Ängste und Gedanken bleiben oft ungeäußert und damit vom Arbeitgeber unbemerkt. Wer sich täglich mit solchen Gedanken auseinandersetzen muss, unterliegt einem erhöhten Krankheits- & Ausfallrisiko. Das wiederum stellt ein hohes finanzielles Risiko für die Unternehmen dar. Warum also nicht präventiv agieren?

Welche Effekte haben äußere Einflüsse (Pandemie, Klimakrise, Inflation, Energiekrise) auf das Wohlbefinden der Mitarbeitenden? Welche Auswirkungen haben diese auf die Unternehmen?

Katrin Hinrichsen: Die Auswirkungen der Krisen sind enorm. Zukunftsorientierte Kanzleien können es sich nicht mehr leisten, die Ängste und Sorgen ihrer Mitarbeitenden außer Acht zu lassen. Als ehemalige Studentin der Wirtschafts- und Kommunikationswissenschaften, frühere Führungskraft und ausgebildete Betriebspsychologin fällt es mir leicht, mich in beide Seiten hineinzufühlen. Empathie ist eine der Kernkompetenzen, um in Krisenzeiten Fragestellungen erkennen und lösen zu können. Im Bereich der Managementdiagnostik, welcher Teil der Betriebspsychologie ist, wird beispielsweise geprüft, wie gut ein(e) Manager:in mit Krisensituationen umgehen und diese meistern kann. Ich bin davon überzeugt, dass wir im Zeitalter der globalen Krisen in den Kanzleien Führungskräfte brauchen, die fähig sind, innovative und nachhaltige Lösungen anzusteuern – gerade im Gesundheitsmanagement.

Gesundheitsmanagement ist Führungsaufgabe und wird in modernen, innovativen Kanzleien auch als solche aufgefasst.
Katrin Hinrichsen, Betriebspsychologin
Globale Krisen wirken sich negativ auf das Wohlbefinden der Mitarbeitenden aus.
Globale Krisen wirken sich negativ auf das Wohlbefinden der Mitarbeitenden aus.

Wie können juristische Arbeitgeber agieren, um ihre Mitarbeitenden bestmöglich zu unterstützen und welche Vorteile hat es für Unternehmen, den Mitarbeitenden psychologische Beratungs- und Betreuungsangebote zur Verfügung zu stellen?

Katrin Hinrichsen: Die bestmögliche Unterstützung erfahren die Mitarbeitenden, wenn sie gesehen und gehört werden. Aktuellen Fragestellungen keine Beachtung zu schenken und psychische Tabus aufrecht zu erhalten, wäre im Zeitalter des Fachkräftemangels kontraproduktiv. In der Zusammenarbeit mit den Unternehmen steigern wir die interne Kommunikation. Neben meiner akademischen Ausbildung als M.Sc. Betriebspsychologin habe ich zudem einen Abschluss als Kommunikationspsychologin und setze auf die Schulung von Kommunikation. Das muss nicht immer in Workshops passieren. Auch interne Kampagnen zu psychologischen Themen sind möglich. Ziele der Kampagnen sind Aufklärung, Enttabuisierung, Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls und Offenheit. Es gilt eine Kommunikation auf Augenhöhe zu schaffen, wo diese noch nicht stattfindet. Konservative Kanzleien haben oft noch damit zu kämpfen, während junge, moderne Kanzleien die Notwendigkeit längst erkannt haben.

Interne Aufklärungskampagnen sind wesentlicher Bestandteil der Arbeit von Betriebspsycholog:innen
Interne Aufklärungskampagnen sind wesentlicher Bestandteil der Arbeit von Betriebspsycholog:innen

Welche Betreuungs- und Beratungsangebote können Sie den Mitarbeitenden zur Verfügung stellen?

Katrin Hinrichsen: Neben den bereits erwähnten Online-Therapiesitzungen, die den Kern meiner Tätigkeit abbilden und die psychologische Unterstützung, biete ich den Kanzleien auch den Home-Office-Begleitservice. Dieses Angebot resultiert aus dem engen Austausch mit Partner:innen der Kanzleien im Rahmen meiner wissenschaftlichen Arbeit im Jahr 2021. Damals berichteten mir einige Partner:innen namhafter Mittelstandskanzleien im Interview von regelmäßigen Online-Meetings, um die Sorgen und Nöte der Mitarbeitenden anzusprechen und der Vereinsamung der Teammitglieder entgegenzuwirken. Der befürchteten steigenden Fluktuation durch den Verlust des Zusammengehörigkeitsgefühls sollte durch diese Maßnahme entgegengewirkt werden. Der Einsatz einer Betriebspsychologin spart hierbei nicht nur Kosten, sondern erhöht auch die Effizienz.

Wie lautet Ihre Einschätzung bezüglich der zukünftigen Entwicklung des Gesundheitsmanagements juristischer Arbeitgeber?

Katrin Hinrichsen: Durch die Verstärkung des Fachkräftemangels und der Ausweitung der nationalen und globalen Krisen wird Gesundheitsmanagement weiter an Bedeutung gewinnen. Mitarbeitende müssen als Ressourcen gepflegt und gebunden werden. Strategisch ist BGM eine gute und notwendige Investition in die Zukunft und genau darum geht es dabei: die Zukunft effizient, effektiv und kostengünstig zu gestalten.

Wie lautet Ihr Fazit?

Katrin Hinrichsen: Mein Fazit lautet, dass im Zeitalter der Globalisierung, der Digitalisierung aber auch der Krisen dringend eine Enttabuisierung psychischer Erkrankungen erfolgen muss. Krisen sind nicht immer nur von Nachteil. Sie bringen uns und die Unternehmen dazu, neue Wege zu gehen, Chancen zu entdecken und daran zu wachsen. Die Digitalisierung sorgt für neue Fragestellungen. Das betriebliche Gesundheitsmanagement wird Bestandteil der Lösungen sein, da der Mensch als Ressource wesentlicher Bestandteil der Zukunft ist.

Vielen Dank, Frau Hinrichsen!

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Informieren Sie sich unter www.diebetriebspsychologin.de