Kanzleigründung: "Unter Wasser benötigt man große Flossen."

Gründerinterview - Dr. Heiner Feldhaus von der Boutique Kanzlei Gütt Olk Feldhaus verrät uns seine Lebensphilosophie...


veröffentlicht am 10.01.2018

 


Herr Dr. Feldhaus, Sie sind Gründungspartner der internationalen Boutique Kanzlei Gütt Olk Feldhaus. Verwirklichen Sie einen Lebenstraum oder ist das einfach so passiert?

 

Es ist eine Glaubensfrage, ob Dinge einfach so passieren oder ob man sie planen kann. Zu meinem Weltbild gehört, dass man seine Umwelt verändern kann. Wenn man Dinge anpackt und gestaltet, wird man zwar keine Sicherheit haben, aber jedenfalls eine realistische Chance, das zu erreichen, was man sich vorgenommen hat.

 

Der Wunsch, meine Umwelt zu gestalten und nicht von ihr abhängig zu sein, war sicherlich auch der wesentliche Treiber bei der Gründung der Kanzlei.

 

Entsteht die Idee einer Kanzleigründung „über Nacht“, weil man in seiner aktuellen Position unzufrieden ist oder ist es ein längerer Prozess? Gibt es ein Erlebnis, welches Sie als ausschlaggebend bezeichnen würden? Wann erfolgte die konkrete Gründung?

Der Wunsch nach unternehmerischer Freiheit war bei mir schon sehr lange da. Der erste Partner, für den ich gearbeitet habe, war ein bekannter ehemaliger Bundesminister. In unserem ersten Gespräch meinte er zu mir, als Anwalt müsse man die ganze Zeit schwimmen – wie ein Fisch. Ich antwortete ihm, ich müsse jetzt erst mal sehen, wie groß meine Flossen sind. Und genauso ist es: Irgendwann merkt man, dass (fast) kein Wasser zu kalt ist und dass man sich auch unter Wasser zu recht findet. Von dieser Erkenntnis bis zu einer Gründung ist es allerdings noch ein weiter Weg. Man muss Entscheidungen treffen:

  • Will ich das alleine machen?
  • Brauche ich Mitstreiter? Wenn ja, was ist eine gute Zahl?
  • Wie sollte die fachliche Zusammensetzung sein?
  • Wer kommt konkret in Betracht?
  • Versteht man sich?
  • Was ist, wenn es zum Streit kommt?
  • Wie regeln wir unsere Zusammenarbeit?
  • Welche Beratungsgebiete kommen konkret in Betracht?
  • Brauchen wir Mitarbeiter? Wie viele?
  • Wer kümmert sich um was? Usw.


Am Ende muss man sich dann noch einmal in die Augen schauen. Wollen wir das wirklich? Dann der Sprung und das Warten auf die Reaktion: Es gibt kein Zurück…

Am 4. Oktober 2011 haben wir dann die Kanzlei offiziell eröffnet. Das Gefühl, selbständig aus der eigenen Kanzlei heraus zu beraten, ist einfach unbeschreiblich. Ich habe kürzlich die Gründerin einer mittlerweile großen Corporate Boutique in London getroffen. Sie ist mittlerweile um die 60 Jahre. Wir haben uns über die Gründungsphase unterhalten und wussten beide ganz genau, was der jeweils andere dabei empfand.

 

Welche rechtlichen, bürokratischen oder anderweitigen Probleme und Belastungen bringt eine Kanzleigründung dieses Formats mit sich?

Rechtliche oder bürokratische Hürden gibt es eigentlich wenige. Das Jahr bis zur Eröffnung war sicherlich von der spürbaren – auch psychischen – Doppelbelastung geprägt, sich neben der Arbeit in unseren Vorgängerkanzleien auch noch mehrmals pro Woche zu treffen und entsprechende Vorbereitungen zu treffen.

Ein sicherlich heikler Moment war die Kommunikation unserer Kündigung und der Kanzleigründung gegenüber unseren Mutterhäusern. Hier hat es uns sicherlich geholfen, sehr offen und authentisch zu kommunizieren und auch keine Ansätze zu starten, Mandanten abzuwerben. Wir haben uns bemüht, das gute Verhältnis zu unseren Vorgängerkanzleien aufrecht zu erhalten und dies ist uns auch gelungen.

 

Kanzleiboutique
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Klassische Spin-Off Kanzleien punkten durch kleine Teams und effiziente Kostenstrukturen. Gilt dies auch für GOF und würden Sie GOF noch als Spin-Off Kanzlei bezeichnen bzw. war es jemals ein solches?

Der Ansatz von Gütt Olk Feldhaus besteht in der Beratung durch kleine Teams mit erfahrenen Rechtsanwälten. Dies sichert eine hohe fachliche Qualität, sorgt für einen angemessenen Pragmatismus und führt beim Mandanten auch zu Kostenvorteilen.

Viele Spin-off Kanzleien fangen auf diese Weise an zu arbeiten, aber nicht jede Kanzlei, die diesen Beratungsansatz verfolgt, ist gleichzeitig eine Spin-off Kanzlei. Wir würden uns heute eher als "Boutique" bezeichnen. Ein Spin-off definiert sich noch sehr über die Abstammung vom Mutterhaus. Seitdem wir am 4. Oktober 2011 mit drei Partnern und einer Sekretärin unsere Pforten geöffnet haben, ist viel passiert.

Heute sind wir eine Sozietät mit 15 Berufsträgern und knapp 21 FTE. Den Spirit unserer Mutterhäuser sowie den Beratungsansatz aus der Anfangszeit haben wir sicherlich weitergetragen, aber auch fortentwickelt, denn unser Zuschnitt ist anders. Wir haben viele Erfolge erzielt, auf die wir stolz sind, aber natürlich auch die eine oder andere Niederlage erlebt, aus der wir gelernt haben. All dies hat dazu beigetragen, dass wir auch unsere eigene – wie wir meinen – sehr liebenswürdige Unternehmenskultur entwickelt haben.

 

Was unterscheidet GOF von anderen Kanzleien und haben Sie damit ihre eigenen Vorstellungen verwirklicht?

Was uns von anderen unterscheidet, merkt man selber am besten in Gesprächen mit Bewerbern. Die Bewerber, die zu uns kommen, suchen in erster Linie:

  • Arbeit auf hohem fachlichen Niveau für international aufgestellte Mandanten mit hohen Ansprüchen
  • einen unternehmerischen Ansatz
  • ein junges Team und einen guten Team Spirit (der sich gerne auch beim Skifahren und anderen gemeinsamen Veranstaltungen formt)

Diese Bewerber fühlen sich meist von folgendem abgeschreckt:

  • Von "sehr deutschen" Kanzleien
  • Back Office-Tätigkeit
  • Solodenken und mangelnder Teamgeist

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Man würde sich vorstellen, dass man Mandate nicht einfach so von seinem vorherigen Arbeitgeber mitnehmen kann und darf. Kommen trotzdem einige mit, weil diese die fachliche Kompetenz und persönliche Zusammenarbeit schätzen?

Wie schon gesagt, haben wir es bewusst unterlassen, Mandanten abzuwerben. Das langfristig gute Verhältnis zu unseren Vorgängerkanzleien war uns sicherlich wichtiger. Das Anwaltsgeschäft ist aber natürlich ein "people business". Mandanten wissen häufig und haben ein gutes Gespür dafür, wer auf den Transaktionen die eigentliche Hauptarbeit macht. Ich sage häufig: Zu jedem Mandant passt ein bestimmter Anwalt und umgekehrt.

Unsere Erfahrung ist, dass der Wechsel bzw. die Gründung durchaus interessiert von Mandanten oder auch anderen potentiellen Mandanten, die zuvor von den Stundensätzen abgeschreckt waren, verfolgt wurde. Unser neuer Set-up barg aber natürlich auch Risiken für die Mandanten. Wird der Anwalt, den man gut fand, auch in der neuen Einheit die Leistung bringen, die man bei ihm gesehen hat? Hat der Anwalt die notwendige Kapazität, um das Projekt zu stemmen? Hat er den notwendigen Support (technisch, personell etc.)? Insofern haben wir in vielen Fällen zunächst ein kleineres oder ein paar kleinere Mandate zur Probe erhalten und der Mandant konnte dadurch schauen, ob wir auf diesen Mandaten nachhaltig die Qualität ablieferten, die er sich wünschte. Nach und nach haben wir uns dann für immer größere Projekte qualifiziert.

 

Darf man fragen, für welche Kanzleien die Gründer von GOF vorher gearbeitet haben? 

Es ist kein Geheimnis, dass die Gründer von Gütt Olk Feldhaus ihre gemeinsame Wurzel bei Freshfields Bruckhaus Deringer haben…

 

Erfahrung, Expertise und Renommee hatten Sie vor der Gründung schon erlangt, doch wie kann man sich auch die nötige internationale Vernetzung schnell aufbauen?

Die Mandatierung von Boutiquen liegt im Trend, da die Boutique Kanzleien im Regelfall kostengünstiger arbeiten. Dementsprechend liegt auch die Entstehung von Boutiquen im internationalen Umfeld im Trend. Es besteht ein reger Austausch mit verschiedensten Boutique Kanzleien aus allen wesentlichen Jurisdiktionen. Teilweise werden wir auch von ausländischen Kanzleien angesprochen, die die deutsche Jurisdiktion nicht abdecken, aber ihre Konkurrenten nicht einschalten wollen. Teilweise werden wir aber auch direkt von ausländischen Mandanten angesprochen.

 

Ist die Gründung einer Boutique Kanzlei mit Familie und Co. vereinbar oder schafft sie gerade diese Vereinbarkeit, wenn der Gründungsprozess abgeschlossen ist?

Der Prozess der Kanzleigründung ist natürlich aufwendig. Dies bedeutet eine zusätzliche Belastung auch für mögliche Angehörige (Ehefrau und Kinder). Man sollte sich daher der Unterstützung des Partners in jedem Fall nachhaltig versichern und auch alle Szenarien durchspielen.

 

Wo liegen für Berufseinsteiger die Vorteile mit GOF in das Berufsleben zu starten, anstatt sich für eine internationale Großkanzlei zu entscheiden?

Die Vorteile liegen meines Erachtens auf der Hand:

  • Unmittelbarer Mandantenkontakt von Tag 1 an (kein Verschwinden im Back Office)
  • Eine sehr hohe Lernkurve und frühe Möglichkeit zur eigenständigen Mandatsführung
  • Ein junges motiviertes Team und viel Spaß bei der Arbeit

 

Ist der Weg zur Partnerschaft bei GOF realistischer als in einer Großkanzlei?

Die Antwort ist klar: ja. Erstens: Bei uns entscheidet nicht ein weltweites Partners' Committee nach Länderproporz und anderen nicht transparenten Gründen. Zweitens: Wir wollen insgesamt weiter wachsen und zwar in erster Linie organisch. Drittens: Unsere Kanzlei ist mittlerweile sechs Jahre alt. Das heißt, auch wir sind mittlerweile älter geworden. Das bedeutet, dass wir in den kommenden Jahren sehr viel Kraft darauf verwenden werden, die nächste Partnergeneration zu etablieren.

 

Gibt es Pläne, auch Büros in anderen deutschen Städten oder sogar im Ausland zu eröffnen?

Wir sind eine international ausgerichtete Sozietät und beraten von München aus Mandanten aus dem gesamten Bundesgebiet sowie aus dem Ausland. Zur Unterstützung unseres bundesweiten Ansatzes ist die Etablierung eines zweiten Standortes in Frankfurt oder im Rheinland durchaus mittelfristig vorstellbar. Ob und wann ein solcher Standort indes Realität wird, ist neben der Planung natürlich auch eine Frage der Opportunitäten.

 

Sehen Sie GOF noch in 5 bis 10 Jahren als Boutique Kanzlei oder wollen Sie GOF zu einer Full Service Großkanzlei entwickeln?

Wir sind mit dem Ansatz als Boutique durchaus zufrieden. Gleichwohl ist nicht ausgeschlossen, dass wir je nach Entwicklung unserer Mandatsbeziehungen und der Nachfrage nach Beratungsleistungen in anderen als unseren Kerngebieten weitere Fachbereiche etablieren. Zu denken ist an Litigation, Employment, Real Estate. Dies würde aber nicht dazu führen, dass wir zur Full Service Kanzlei mutieren. Wir wollen insgesamt eine Kanzlei von überschaubarer Größe bleiben, da uns das persönliche Verhältnis der Partner und aller Mitarbeiter am Herzen liegt.

Wie wir immer zu sagen pflegen: "Life is short – work somewhere awesome!"

 

Herzlichen Dank für das inspirierende Interview, Herr Dr. Feldhaus!

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