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Legal Tech erobert die Uni! - Im Interview mit Jura-Dozent Martin Fries

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Legal Tech erobert die Uni!

Im Interview mit Jura-Dozent Martin Fries

#legal tech

Die Digitalisierung der Rechtsanwendung schreitet unaufhaltsam voran. An der Universität Münster findet im Sommersemester 2016 erstmals ein Legal Tech-Seminar statt. Im Interview verrät uns der Dozent, Martin Fries, was er sich dabei gedacht hat.

1. Herr Fries, was ist eigentlich Legal Tech?

Legal Tech ist ein Oberbegriff für alle möglichen Formen der technologischen Unterstützung von Rechtsfindung, Rechtsanwendung und Rechtsdurchsetzung. Wer hätte das gedacht: Da draußen gibt es viel mehr als beck-online. Anwaltsroboter laufen herum und Datenanalysewerkzeuge finden heraus, dass der mittägliche Espresso des Richters für die Durchsetzung eines Anspruchs vielleicht wichtiger ist als die Vorlage eines Vertragsdokuments.

 

2. Wie kommen Sie auf das Thema Legal Tech?

Vor einigen Jahren habe ich ein Masterstudium im Silicon Valley absolviert und dort Colin Rule getroffen. Colin hat vor vielen Jahren bei eBay und PayPal das Beschwerdemanagement digitalisiert und damit Pionierarbeit geleistet. Seine Story hat mich fasziniert und für das Thema sensibilisiert. Zurück in Deutschland habe ich viele schlaue Leute kennen gelernt, die an unterschiedlichen Stellen versuchen, Rechtswissenschaft und Rechtsanwendung für eine technologische Modernisierung zu öffnen. Da sind zum Beispiel Fritjof Haft mit seiner Normfall-Software, Michael Friedmann von 123recht.net, Michael Grupp von Lexalgo oder auch Markus Hartung vom Bucerius Center on the Legal Profession. Von diesen klugen Köpfen werden wir ganz sicher noch hören.

3. Wie steht es in Deutschland um den technologischen Fortschritt bei der Rechtsanwendung?

Vor allem im Verfahrensrecht hat der Gesetzgeber schon erstaunlich viel getan. Die Zivilprozessordnung etwa ist schon seit Jahren fit für den elektronischen Rechtsverkehr. In der Praxis geht alles leider viel langsamer. Man denke nur an das besondere elektronische Anwaltspostfach – das ist quasi der Berliner Flughafen des elektronischen Rechtsverkehrs. Immerhin: Was die Findung und Anwendung des materiellen Rechts angeht, geht es voran. Hier liegt der Ball vor allem in der Gründerszene. Dort sind in den vergangenen Jahren wirklich viele gute Ideen entstanden. Da geht es zum Beispiel um effektive Datenanalyse im Zeitalter von Big Data, um die Vereinfachung der Kommunikation zwischen Anwalt und Mandant, um die Entwicklung von Vertragsgeneratoren oder um Subsumtionsautomaten für die kursorische Rechtsprüfung durch Laien.

 

4. Warum ist es eigentlich wichtig, dass sich Studenten mit Legal Tech beschäftigen?

Die meisten Juristen werden Rechtsanwälte. Sie müssen unternehmerisch denken und überflüssige Kosten bei der Rechtsfindung einsparen, sonst zieht der Markt an ihnen vorbei. Aber auch Unternehmensjuristen und Gerichte können sich durch technologische Innovation erheblich weiter entwickeln. Legal Tech bietet eine Fülle von Mechanismen, die uns in der Zukunft helfen werden, die Rechtsanwendung zu präzisieren und den Zugang zum Recht zu verbessern. Micha-Manuel Bues vom Legal Tech Blog formuliert ein wenig provokant, es sei fast schon eine Frage moralischer Verantwortung, die Juristen von morgen frühzeitig an diese Themen heranzuführen.

 

5. Welchen Themen werden sich die Studenten in dem Münsteraner Seminar widmen?

In dem Seminar werden wir versuchen, das Thema möglichst breit anzugehen. Die Seminarthemen reichen von Smart Contracts über künstliche juristische Intelligenz und die Blockchain bis hin zu Rechtsfragen der europäischen Plattform für Online-Streitbeilegung. Im Rahmen eines Seminars kann man den Bereich Legal Tech natürlich nicht umfassend ausleuchten, aber wir machen den ersten Schritt und wecken Neugier auf mehr.

 

6. Welche anderen Themen sollten junge Juristen heute auf dem Radar haben?

Gute Frage! Zunächst einmal: Harte Kenntnisse im materiellen und prozeduralen Recht werden auch weiter unverzichtbar sein. Aber: Gute Juristen brauchen heute auch soft skills, wenn sie erfolgreich sein wollen: Einfühlungsvermögen, Verhandlungsfertigkeiten und Kommunikationsgeschick sind gefragt. Mehr noch: In den meisten Berufen müssen Juristen auch unternehmerisch denken. Das ist vielleicht die am häufigsten unterschätzte Fähigkeit in der juristischen Berufsausbildung. Warum? Wer mit den Zahlen auf Kriegsfuß steht, wird an den Bedürfnissen seiner Mandanten vorbeireden, wird verfrüht eskalieren und prozessieren und seine Arbeitszeit im Zweifel auch sehr ineffizient nutzen. Vor einigen Jahren habe ich mit Horst Eidenmüller von der Oxford University einen Kurs zu ökonomischen Methoden für Juristen entwickelt. Das Echo darauf zeigt uns, dass Fortbildungen zu diesem Thema an der Universität, aber insbesondere auch in der anwaltlichen Praxis auf großes Interesse stoßen. Wer heute Jura studiert, sollte das im Blick haben.

Vielen herzlichen Dank für das Interview!

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21. Mai 2016

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