„Outsourcing“ juristischer Dienstleistungen - Zeitarbeit für Anwälte

So arbeiten Projektanwälte in Unternehmen


verfasst von Annika Lintz und veröffentlicht am 11.05.2020

Unternehmen können oder wollen häufig nicht alle denkbaren Bereiche selbst abdecken. Manche haben gar keine eigene Rechtsabteilung, andere nur eine sehr kleine. Wenn entsprechende Unternehmen auf bestimmte juristische Dienstleistungen angewiesen sind, vergeben sie Aufträge an externe Dienstleister. Auch manche Kanzleien greifen bei einzelnen Projekten auf externe Juristen zurück. Bestenfalls lassen sich dadurch Kosten einsparen, während die Qualität sogar steigt. Das Auslagern eigener Aufgaben ist jedoch auch mit Nachteilen und Risiken verbunden. In manchen Situationen ist es aber tatsächlich sinnvoll. Für Arbeitnehmer bieten sich neue Möglichkeiten und Berufsmodelle.

 

Formen des Outsourcings

Der Begriff des Outsourcings bezeichnet das Auslagern bestimmter Unternehmensaufgaben an externe Dienstleister. Im juristischen Bereich geschieht dies auf unterschiedliche Art und Weise. Ein klassischer Fall ist die Beratung eines Unternehmens durch einen externen Steuerberater. Es lohnt sich häufig nicht, für diese juristische Dienstleistung eigene Mitarbeiter einzustellen.

Zunehmend beliebt ist auch das Engagieren von Projektjuristen. Dabei stellen Unternehmen oder Kanzleien einen Juristen kurzfristig für ein bestimmtes Projekt ein. Wenn eine Kanzlei etwa ein besonders umfangreiches Mandat zu bewältigen hat, kann sie speziell für diesen einzelnen Auftrag einen oder mehrere Volljuristen beschäftigen. Diese werden auf Zeit eingestellt, um die Arbeit an dem konkreten Vorhaben zu unterstützen.

 

In Staaten wie den USA existiert dieses Berufsmodell bereits seit Jahrzehnten, in Deutschland ist der Trend deutlich später angekommen.

 

Inzwischen gibt es auch hier eigene Agenturen für die Vermittlung von Projektjuristen, an die sich interessierte Unternehmen wenden können. Die Juristen werden dabei von den Personaldienstleistern eingestellt und im Rahmen einer Arbeitnehmerüberlassung an Unternehmen und Kanzleien vermittelt. Unternehmen, die juristische Dienstleistungen auslagern möchten, sollten auf rechtliche Rahmenbedingungen und mögliche gesetzliche Regelungen achten. Wenn es etwa um den Einsatz von Projektjuristen auf Zeit geht, spielt das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz eine wichtige Rolle.

 


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Zahlreiche Vorteile für Unternehmen

Es gibt gute Gründe, externe Anbieter mit bestimmten Dienstleistungen zu beauftragen. Wenn Unternehmen nicht für alle denkbaren Prozesse eigene Mitarbeiter einstellen, können sie sich besser auf ihr Kerngeschäft fokussieren. Je mehr Bereiche selbst abgedeckt werden sollen, desto schwächer ist die Schwerpunktsetzung. Viele Unternehmen haben nicht ständig mit rechtlichen Fragen zu tun und benötigen für ihr Tagesgeschäft keine eigene Rechtsabteilung. Wenn für ein bestimmtes Projekt juristische Unterstützung gewünscht ist, können die Unternehmen direkt auf eine Kanzlei zugehen, die auf das jeweilige Rechtsgebiet spezialisiert ist.

 

Damit steht ihnen eine an die konkreten Wünsche angepasste Expertise zur Verfügung, die fest angestellte interne Mitarbeiter nicht für jeden Einzelfall leisten können.

 

Solche Prozesse können von externen Anbietern sogar schneller, effizienter und qualitativ besser erledigt werden. Das Outsourcing von Dienstleistungen führt zudem zu einer größeren Flexibilität des Unternehmens und ermöglicht das Einsparen von Kosten. Davon profitieren auch Kanzleien oder die Rechtsabteilungen großer Unternehmen, die für einzelne Aufträge Projektjuristen auf Zeit beschäftigen. Sie gewinnen Unterstützung für ein bestimmtes Projekt, ohne einen neuen Mitarbeiter fest einstellen zu müssen. Die Verantwortlichen können über jedem Auftrag neu entscheiden, sie müssen weniger Energie und Geld in den Aufbau eigener Strukturen investieren und können sich Spezialisten in dem jeweiligen Rechtsgebiet aussuchen. Dabei können Unternehmen kurzfristig und flexibel auf ein höheres Arbeitsaufkommen reagieren.

Projektjuristen übernehmen für Kanzleien Aufgaben, die ansonsten Associates erledigen müssten und verdienen dabei weniger Geld. Dadurch entstehen für die Kanzlei geringere Kosten als durch eine Festanstellung. Eine Fokussierung auf das eigene Kerngeschäft und die Auslagerung aller übrigen Aufgaben kann also in strategischer und auch in finanzieller Hinsicht für Unternehmen und Kanzleien lohnenswert sein.

 


Kanzlei oder doch Unternehmen? Wir haben uns die Alternative genauer angesehen:


 

Nachteile und Risiken

Das Outsourcing eigener Aufgaben hat für Unternehmen jedoch nicht nur Vorteile, es kann auch zu Problemen führen. Fest angestellte Mitarbeiter kennen sich untereinander nach einer gewissen Zeit und arbeiten idealerweise gut zusammen.

 

Wenn alle paar Monate neue Projektjuristen in eine Abteilung kommen, werden diese sich nicht unbedingt als Teil des Teams fühlen oder gar keine Zeit haben, sich an die Arbeitsweise der Kollegen zu gewöhnen.

 

Es besteht die Gefahr eines unterbewussten Rangverhältnisses zwischen festen Mitarbeitern und externen Kräften. Die Zusammenarbeit kann sehr gut funktionieren, sie kann aber auch misslingen. Ein permanenter Personalwechsel wirkt sich unter Umständen negativ auf das Betriebsklima aus. Bei komplexen Vorgängen besteht außerdem der Nachteil, dass vergleichsweise viel Zeit für die Einarbeitung von Mitarbeitern benötigt wird. Bis sich ein Projektjurist vollständig in die Abläufe eingearbeitet hat, ist der Auftrag möglicherweise schon wieder beendet. Deshalb lohnt sich dieses Modell für Unternehmen nicht immer.

 


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Eine Chance für Arbeitnehmer?

Auch auf Arbeitnehmerseite entstehen im Rahmen des Outsourcings juristischer Dienstleistungen neue Möglichkeiten. Für Juristen kann die Arbeit auf Zeit in einer Kanzlei oder einem großen Unternehmen viele Vorteile mit sich bringen. Häufig sind die Anforderungen an die Noten des Bewerbers geringer.

 

Eine Großkanzlei verlangt von ihren fest angestellten Mitarbeitern hervorragende Examensnoten, als Projektjuristen haben auch andere Bewerber eine Chance.

 

Ein weiterer Vorteil dieses Modells sind vergleichsweise geregelte Arbeitszeiten. Mitarbeiter großer Unternehmen und Associates in einer Großkanzlei haben meistens sehr lange Arbeitstage und kaum Möglichkeiten, die Zeiten zu begrenzen. Projektjuristen werden für eine bestimmte Stundenzahl eingestellt, sodass die Belastung nicht ausufert. Ihre Bezahlung ist geringer als die der fest angestellten Mitarbeiter, bewegt sich aber immer noch auf einem anständigen Niveau.

Hier erfährst du, wie viel man in einer Großkanzlei wirklich verdient!

 

Eine Arbeit als Projektjurist ist jedoch auch mit Nachteilen verbunden. Zeitarbeit bedeutet immer Unsicherheit darüber, wie es beruflich langfristig weitergehen soll. Wer immer nur für sechs oder zwölf Monate eingestellt wird, kann sein Leben kaum verlässlich planen. Nach einem Projekt kann es zu einer Übernahme als fester Mitarbeiter kommen, häufig hat das Unternehmen daran jedoch gerade kein Interesse. Deshalb reiht sich für die meisten Betroffenen ein Job an den nächsten. Wenn keine Stelle in der Nähe verfügbar ist, steht ein Umzug an, im Extremfall alle paar Monate.

 

Außerdem dürfen Projektjuristen in der Regel nicht die anspruchsvollsten und spannendsten Aufgaben übernehmen.

 

Sie sollen in einer Großkanzlei eher den Anwälten zuarbeiten und tragen wenig eigene Verantwortung. Es ist daher fraglich, ob dieses Berufsmodell auf Dauer zufriedenstellen ist. Eine Tätigkeit als Projektjurist ist dennoch vor allem als Übergang zwischen Examen und einer Festanstellung oder zur Überbrückung einer Wartezeit zwischen zwei Jobs geeignet. Die Arbeit in einem großen Unternehmen oder einer großen Kanzlei bietet immer spannende Einblicke, Erfahrungen und Kontakte, die für die weitere Karriere förderlich sein können.

 

Das Auslagern juristischer Dienstleistungen hat Vorteile für alle Beteiligten. Unternehmen und Kanzleien können strategisch und finanziell von bestimmten Modellen profitieren. Den Arbeitnehmern bieten sich neue Perspektiven und Beschäftigungsformen, die in bestimmten Situationen sehr attraktiv sind. Eine Tätigkeit als Projektjurist eignet sich jedoch eher als Einstieg in den Arbeitsmarkt und nicht unbedingt als Dauerzustand.

 


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Über den Autor

Annika Lintz

Studiert Jura im 7. Semester in Frankfurt am Main und arbeitet nebenbei als Aushilfe in einer Kanzlei mit dem Schwerpunkt Mietrecht.

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