Isabelle Jakoby

Weit weg und doch mittendrin

Isabelle Jakoby berichtet über ihren Remote-Studienalltag an der New Yorker Cardozo Law School

Berlin, 15 Uhr. New York erwacht, dort ist es 9 Uhr morgens und mein Zoom Uni-Tag beginnt. Hätte mir einer im letzten Jahr gesagt, es würde eine Pandemie kommen und ich könnte den LL.M. nicht wie geplant in New York absolvieren, sondern nur Online von Berlin aus, ich hätte wahrscheinlich ungläubig gelacht. Nun ist es Realität und sie ist positiver als zunächst gedacht!
 

Frau Jakoby, als Sie sich nach Ihrem ersten Staatsexamen dazu entschieden, einen LL.M. an der New-Yorker Cardozo Law School zu machen, hatten Sie sich dieses sicherlich anders vorgestellt. Wie verliefen vor Studienbeginn die Kommunikation und die Informationsweitergabe zwischen Ihnen und der Law School?

Als ich Anfang Februar 2020 die Zusage von der Cardozo Law School bekommen habe, schien alles perfekt zu sein. Plötzlich wurde jedoch der Corona Lockdown angeordnet und so langsam kam die Sorge auf, ob ich im August 2020 überhaupt in New York würde studieren können. In den USA war die Corona-Lage zeitlich etwas nach hinten versetzt zu der in Deutschland, sodass ich zunächst auf Nachfrage die Antwort bekam, dass man dort noch davon ausgehe, im August Präsenzveranstaltungen in New York anzubieten und das Virus hoffentlich schnell wieder verschwinde. Die Cardozo Law School erarbeitete in den folgenden Monaten Umsetzungs-Optionen, zwischen denen man wählen konnte: Man konnte entweder das erste Semester online studieren (allerdings ohne Reduktion der Studiengebühren), den Start des LL.M. nach hinten verschieben oder aber das erste Semester in Teilzeit online studieren mit zwei Präsenzsemestern im Anschluss. Ich habe mit meinen Eltern und meinem Freund viel darüber gesprochen. Im Ergebnis habe ich mich dann für die erste Option entschieden und das erste Semester online absolviert. Auch wenn die Zeit vor Beginn von viel Ungewissheit auf allen Seiten geprägt war, fühlte ich mich von der Cardozo Law School und insbesondere seinem internationalen Management in dieser schwierigen Entscheidungsphase sehr gut betreut.


Nun sind die meisten Jurastudent*innen den reinen Frontalunterricht auf der harten Unibank gewöhnt. Wie war für Sie die Umstellung plötzlich nicht nur einen postgraduierten Studiengang in New-York, sondern diesen auch noch von Daheim aus in Berlin zu studieren?

Zu Beginn war es tatsächlich eine große Umstellung, an Zoom-Vorlesungen teilzunehmen. Man sollte sein Video eingeschaltet lassen und die Stummschaltung erst aufheben, wenn man aufgerufen wurde. Im Gegensatz zu dem Frontalunterricht in Deutschland, ist der Unterricht dort viel interaktiver. Man muss vor jedem Kurs Texte zur Vorbereitung lesen und wird dann womöglich gleich in der Vorlesung direkt von dem/der Professor*in mit Fragen hierzu angesprochen, was man als sog. „cold calling“ bezeichnet. Man kann sich also nicht sozusagen langsam nur zuschauend und zuhörend eingewöhnen. In einem Einführungskurs wurde uns LL.M.-Studenten zunächst ein erster Einblick in das Rechtssystem vermittelt und im Anschluss begannen die Kurse, an denen auch bis zu 120 amerikanische Jurastudierende teilnahmen. Ich wurde prompt in den ersten Tagen in einem durchaus nicht leichten Kurs persönlich drangenommen (den Begriff des „cold calling“ habe ich in der Sekunde verstanden) und musste einen Fall erklären, während ich für alle Teilnehmer auf Video sichtbar und natürlich auch hörbar war.

Dies war zunächst etwas überfordernd und unangenehm, aber die Professor*innen halfen einem zum Glück auf die Sprünge, wenn man nicht weiterkam. Nach kurzer Zeit habe ich mich an das System gewöhnt, meine anfängliche Scheu überwunden, das Selbstbewusstsein gestärkt und allein dadurch schon viel für mich dazugelernt. Ich bin insgesamt schon sichtlich beeindruckt, wie gut das Studieren online mit Zoom funktioniert und wie effizient und kreativ die Professor*innen dieses Portal nutzen, was einem natürlich auch hilft, seine technischen Kenntnisse in dieser Hinsicht zu verbessern. Positiv anzumerken ist, dass alle Vorlesungen zudem aufgezeichnet werden, sodass man sie sich später auch noch einmal ansehen kann, was mir vor den Klausuren beim Lernen sehr geholfen hat. 

"Bringing Law to Life" - Informationen über die Cardozo School of Law

Was ist Ihr hauptsächlicher Ansporn diesen Studiengang zu absolvieren und welchen Einfluss versprechen Sie sich davon auf Ihre Karriere?

Mein hauptsächlicher Ansporn für den LL.M ist es, neben dem deutschen Recht noch das amerikanische Rechtssystem kennen zu lernen und somit später in einer international tätigen Kanzlei arbeiten zu können. Außerdem wollte ich gerne noch einmal ins Ausland gehen und meine Englischkenntnisse weiter verbessern. Da der LL.M. neben der Promotion als Zusatzqualifikation betrachtet wird, verspreche ich mir dadurch zudem bessere Jobchancen. Ich denke, dass ich in dem LL.M. Studium wertvolle Fähigkeiten wie Argumentation und Rhetorik lernen werde, die mir persönlich und in meiner zukünftigen Karriere helfen werden. 


Für gewöhnlich entscheiden sich die meisten Absolvent*innen erst nach dem zweiten Staatsexamen für einen LL.M. Weshalb fiel bei Ihnen diese Entscheidung bereits auf den Zeitraum nach dem ersten Staatsexamen?

Ich wollte gerne in Berlin mein Referendariat absolvieren, jedoch beträgt die Wartezeit auf einen Platz hier ca. 17-19 Monate. Viele Studierende in Berlin entscheiden sich daher dafür, die Wartezeit mit einem Job zu überbrücken, in ein anderes Bundesland zu wechseln, zu promovieren oder einen LL.M. zu machen. Ich entschied mich für eine Kompromisslösung, um die Wartezeit möglichst effizient zu nuten. Während ich für meinen Verbesserungsversuch im ersten Staatsexamen lernte, arbeitete ich in Teilzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer Kanzlei, um ein bisschen Arbeitserfahrung zu sammeln und im Herbst begann ich dann mit dem LL.M. Wenn alles wie geplant läuft, kann ich also direkt im Anschluss an meinen LL.M. mit dem Referendariat in Berlin fortfahren. Ein weiterer Grund für meine Entscheidung war die Befürchtung, dass ich den LL.M. nach dem zweiten Examen wahrscheinlich eher nicht mehr machen würde, da ich mich vielleicht lieber auf den Berufseinstieg konzentrieren wollen würde.


Wie hat die Cardozo Law School den Lernplan aufgebaut, auch in Bezug auf die Lehrmaterialien, sodass der fehlende Zugriff auf die entsprechende Fachliteratur vor Ort nicht zum Problem wird?

Auf der Website der Cardozo Law School konnte man in einer Excel-Tabelle sehen, welche Bücher für die jeweiligen Kurse benötigt werden. Nachdem man sich seinen Stundenplan erstellt hatte, war man dann selbst verantwortlich, sich die benötigten Bücher zu beschaffen. Das stellte sich tatsächlich als etwas kompliziert heraus, da die Lieferzeiten aus den USA teilweise sehr lang waren und die Bücher somit nicht rechtzeitig zu Studienbeginn eingetroffen wären. Ich habe daher die meisten Bücher als E-Book gekauft und mir dann die Texte ausgedruckt, was gut funktioniert hat. Manche Professor*innen haben aber auch Texte online zur Verfügung gestellt. Die Cardozo Law School bietet zudem eine Online-Bibliothek an und man kann jederzeit die Mitarbeiter*innen der Bibliothek um Hilfe bitten, man muss hier anfangs nur den Mut dazu online aufbringen. Für weitere Recherchen nach Urteilen hat man einen Online-Zugang zu vielen Portalen wie z.B. „LexisNexis“ und „Westlaw“ erhalten, die das amerikanische Äquivalent sind zu den deutschen juristischen Datenbanken „Juris“ oder „Beck-online“.

Ich denke, dass ich in dem LL.M. Studium wertvolle Fähigkeiten wie Argumentation und Rhetorik lernen werde, die mir persönlich und in meiner zukünftigen Karriere helfen werden. 
Isabelle Jakoby

Wie ist die allgemeine fachliche und persönliche Betreuung durch das Lehrpersonal an der Cardozo Law School?

Positiv aufgefallen ist mir, dass insbesondere das Management des internationalen Programms sehr nett und hilfsbereit sind. Die Kommunikation ist sehr persönlich und man hat das Gefühl, Teil einer kleinen Gemeinschaft zu sein.

Aufgrund der aktuellen neuen Situation im Online-Studium ist man schon öfter auf sich alleine gestellt bzw. man muss sich aktiv in Eigeninitiative an die Betreuer*innen oder das Lehrpersonal wenden, wenn man Fragen hat oder ein Problem auftritt. Sobald man sich aber überwunden hat, jede noch so kleine Frage zu stellen, waren alle überaus hilfsbereit. Hier hätte ich mir manchmal gewünscht, dass man vielleicht umfassender vorab informiert wird, z.B. welche Kurse schwerer oder leichter sind für internationale Studierende, damit man nicht im Nachhinein viel nachfragen muss oder es bereut, einen bestimmten sehr anspruchsvollen Kurs gewählt zu haben. Es wäre vielleicht von Vorteil gewesen, am Anfang zusätzlich einen amerikanischen Studierenden als Ansprechpartner*in („Buddy“) zu haben. 

Die Professor*innen waren alle sehr engagiert und man konnte sowohl im Anschluss an die Zoom-Vorlesung als auch in den Sprechzeiten über Zoom Fragen stellen, was sehr hilfreich war. Zudem hat jede*r Professor*in mindestens eine studentische Hilfskraft, an die man sich auch wenden konnte. Insgesamt habe ich in dem Remote-Studium gelernt, dass man sich nicht scheuen darf nachzufragen, sondern das eher vorausgesetzt wird. 
 

Sicherlich kamen Ihnen nach Beginn des Lockdowns Zweifel, ob das Studium die Qualität erreicht und Ihnen so viel bringt wie ein Studium vor Ort. Wie konnte die Cardozo Law School diese Zweifel zerstreuen und würden Sie nach Ihren bisherigen Erfahrungen auch ein Studium an dieser Universität wählen?

Die Cardozo Law School hat im Juni und Juli 2020 mehrere Testvorlesungen über Zoom angeboten, damit wir einen Eindruck bekommen, wie das Studium online ablaufen würde. Da ich zu dem Zeitpunkt noch sehr skeptisch war, ob ich mir ein Online-Studium überhaupt vorstellen könnte, nahm ich an den Testvorlesungen teil und war auf Anhieb sehr begeistert und positiv überrascht. In weiteren Zoom-Calls mit den Betreuer*innen des internationalen Programms und den anderen LL.M.-Studierenden konnten wir weitere Fragen klären, wie z.B. online Examen geschrieben werden, wie wir an Bücher kommen oder Ähnliches. Somit konnte die Cardozo Law School mich überzeugen, dem temporären Online LL.M. eine Chance zu geben. Nun habe ich mein erstes LL.M. Semester hinter mir und als Fazit kann ich sagen, dass ich insgesamt sehr zufrieden bin und ich mich, hätte ich den Verlauf vorausgesehen, wieder hierfür entscheiden würde. 
 

Unter anderem eröffnet sich die Möglichkeit das amerikanische „Bar exam“ zu schreiben, unter der Voraussetzung, dass einige Bedingungen erfüllt sind. Welche Vorteile ergeben sich hierdurch und wie werden Sie hierauf konkret vorbereitet?

Zu Beginn des LL.M.-Studiums sollte man sich direkt überlegen, ob man ggf. das amerikanische „Bar exam“ nach Abschluss des LL.M. Studiums schreiben möchte. In dem Fall muss man bestimmte Kurse wählen, die hierfür Voraussetzung sind und es gibt Kurse, die häufiger im Examen abgefragt werden als andere. Da ich mir diese Option offenhalten wollte, habe ich die entsprechenden relevanten Kurse gewählt. Im Anschluss an den LL.M. entscheiden sich viele Studierende für ein kommerzielles Repetitorium, um sich speziell auf das Examen vorzubereiten. 

Der Vorteil von einem bestandenen „Bar exam“ ist, dass man damit in New York zugelassener Anwalt/Anwältin ist und man somit vor Gericht auftreten kann, was man mit einem LL.M.-Titel noch nicht dürfte. Hierdurch ist man in seiner Job-Wahl natürlich noch freier und als künftige*r Arbeitnehmer*in attraktiver für international tätige Kanzleien.

Bei der Wahl der Fächer kann neben dem „General LL.M.“ auch ein LL.M. in verschiedenen Vertiefungsrichtungen gewählt werden. Worin genau liegen dort die Unterschiede und wofür haben Sie sich entschieden?

Bei einem General LL.M. ist man in seiner Kurswahl ganz frei und muss insgesamt 24 credits absolvieren. Hat man eine Vertiefungsrichtung gewählt, ist man in der Kurswahl etwas eingeschränkter bzw. konzentrierter auf ein bestimmtes Fachgebiet. Weiterhin muss man in manchen Vertiefungen zusätzlich ein Praktikum absolvieren und eine längere schriftliche Arbeit abgegeben. Zunächst hatte ich die Vertiefungsrichtung „Dispute Resolution & Advocacy“ gewählt, da die Cardozo Law School dafür renommiert ist und mich das Thema der alternativen Streitschlichtung interessiert. Inzwischen habe ich mich allerdings entschlossen, doch zu einem General LL.M. zu wechseln, da ich dadurch noch etwas freier in der Kurswahl bin und ich mich somit besser auf diejenigen Kurse konzentrieren kann, die für das amerikanische „Bar exam“ besonders prüfungsrelevant sind. Gleichzeitig kann ich aber weiterhin Kurse wählen, die mich besonders interessieren.  
 

Das erste Semester befindet sich bereits auf den Zielgeraden. Wie ist die Aussicht auf das kommende Semester hinsichtlich eines Studiums vor Ort?

Nach langer Unsicherheit, ob ich das zweite Semester in New York studieren kann und ob ich es angesichts der dortigen Pandemielage auch überhaupt möchte, sieht es jetzt danach aus, dass ich Anfang Januar 2021 nach New York fliege! Die Cardozo Law School bietet im nächsten Semester sog. „Hybrid“ Kurse an, in denen ein Teil der Studierenden Präsenzvorlesung hat und ein anderer Teil der Vorlesung online von zuhause aus folgt. Alle Studierenden, die das Unigebäude betreten möchten, müssen wöchentlich auf Corona getestet werden, was einem eine gewisse Sicherheit gibt. Ich werde voraussichtlich auch neben den Hybrid Kursen weiterhin reine Online Kurse haben und sicherlich viel Zeit in meinem Zimmer in New York verbringen, aber zumindest bin ich in der gleichen Zeitzone und habe – wenn auch coronabedingt eingeschränkt – die Möglichkeit, Kommiliton*innen persönlich kennen zu lernen.

Auch wenn das temporäre Remote-Studium erstaunlich reibungslos funktioniert hat, freue ich mich auf den zweiten Teil des Studiums vor Ort, der dem ursprünglich vorgestellten Studienerlebnis vielleicht ein kleines bisschen näherkommt!


Sich für ein temporäres Remote-Studium zu entscheiden, bedeutet einen Kompromiss einzugehen. Zwar fehlt einem das Studienerlebnis vor Ort und der persönliche Kontakt, aber es ergeben sich auch Vorteile. So kann man in der Nähe seiner Familie und Freunde sein und man spart sich Kosten im Ausland. Ich bin froh, dass ich mich dafür entschieden habe und kann es jedem weiterempfehlen, der diese Option aktuell in Erwägung zieht!


Vielen Dank, Frau Jakoby!

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Cardozo School of Law - New York City

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