Oehl: Noch mal zu diesem Sicherheitsthema. Sicherheit ist ja omnipräsent. Angefangen bei den Eignungstests und dann natürlich auch im täglichen Job. Können Sie Beispiele nennen, worauf Sie besonders achten müssen? Ganz plastisch, können Sie morgens einfach in Ihr Büro spazieren, mit dem Schlüssel die Tür aufsperren und sich dann an Ihren Laptop setzen oder sind da auch gewisse Dinge erforderlich? Und was macht das auch mit einem, wenn man wirklich täglich mit diesem oder in jedem Moment mit dem Thema Sicherheit zu tun hat?
Ader: Also wahrscheinlich müssten Sie meine Frau fragen, ob das irgendetwas mit mir gemacht hat. Ich behaupte jetzt mal nein. Natürlich ist der Zugang zu einem Büro beim Bundesnachrichtendienst ein bisschen komplizierter. Es gibt wie in jeder Sicherheitsbehörde oder in Sicherheitsbereichen von Unternehmen technische Vorrichtungen, um sicherzustellen, hier dürfen nur diejenigen rein, die tatsächlich dazu berechtigt sind. Ja, wir haben besonders geschützte elektronische Kommunikationssysteme im Haus. Wir haben ein komplett abgeschottetes Netz, an dem wir sitzen, soweit wir hier am Schreibtisch arbeiten. Also das sind in Anführungsstrichen ganz normale Schutzmechanismen. Ich kenne eigentlich auch in der Rückschau niemanden, der jetzt durch die Tätigkeit beim BND, egal in welchem Feld, sich in seinem persönlichen Verhalten geändert hätte oder besonders oft über die Schulter schaut, ob ihm jemand nachläuft oder beim Autofahren mehr den Blick im Rückspiegel hat. Das wäre auch nicht zu empfehlen. Vieles ist bei uns ganz normal, aber spannend.
Oehl: Sie haben gerade schon Ihre Frau erwähnt. Ich glaube, das ist auch eine Frage, die viele extrem spannend findet. Wie lässt sich denn dieser Job, vor allem wenn man in einem beispielsweise Auslandseinsatz ist, mit dem Familienleben vereinbaren? Und ich meine damit nicht, dass man dann aus dem Ausland arbeiten muss, sondern inwieweit darf man die Familie darüber informieren, was man genau tut und wie geht man auch damit um? Wenn man vielleicht Kinder hat, die das gerne wissen würden, was man macht.
Ader: Ja klar, das ist die Klassikerfrage in der Grundschule. Kinder sollen noch mal einen kleinen Aufsatz schreiben oder beschreiben, was machen denn Mama und Papa im Büro. Oder ein Bild malen, wie der Arbeitsplatz aussieht. Was meine Kinder nicht wussten, die haben dann, weil sie wussten, dass ich in Pullach in diese große Liegenschaft hinter dem hohen Zaun morgens reinfahre und abends wieder rauskomme, dann irgendwann ein Bild gemalt mit einer Mauer mit Stacheldraht und Schlagbäumen, dass sich die Lehrerin vielleicht gefragt hat, ob der Papa im Knast sitzt.
Oehl: Konnten Sie das aufklären?
Ader: Das konnten wir aufklären. Nein, auch da ist ganz viel Normalität. Natürlich wusste meine Frau, meine Freundin ja zunächst, wo ich arbeite. Ich glaube, das ist eine Frage des Vertrauens, in eine Beziehung so etwas offen zu legen. Und das können wir auch. Es gibt auch viele Mitarbeiter, die das ganz offen in ihr Umfeld kommunizieren können. Ich arbeite beim Bundesnachrichtendienst. Bei mir ist das inzwischen, weil ich so alt und so lange dabei bin und ja auch öffentlich aufgetreten bin, zum Beispiel im Rechtsreferat ohnehin klar. Das heißt, da stellt sich das Problem nicht. Umgekehrt finde ich, hat es auch große persönliche Erleichterungen und Vorteile. Ich kann eben nicht über meine Tätigkeit im Büro erzählen oder nur in sehr abstrakter Form. Das heißt, ich kann das Büro wirklich im Büro lassen und schleppe das nicht im Kopf mit nach Hause. Das ist großartig.
Oehl: Wobei ich mir gut vorstellen kann, dass natürlich versucht wird, Ihnen das eine oder andere Detail zu entlocken, weil das natürlich besonders spannend wäre.
Ader: Ja, das probieren Sie ja auch gerade und das finde ich auch gut.
Oehl: Bin bisher gescheitert, aber ich bleibe dran. Kurz noch mal zu diesem Thema, man darf natürlich da nicht ins Detail gehen, also auch wenn Sie mit Ihrer Frau, der damaligen Freundin, gesprochen haben, konnten Sie sagen, Sie arbeiten beim BND, aber Sie konnten jetzt nicht von einem aufregenden Detail in der Informationsbeschaffung erzählen, richtig? Also man muss an einer gewissen Oberfläche bleiben?
Ader: Ja, wobei ich das nicht als "an der Oberfläche bleiben" empfinden würde, sondern in dem Moment, wo ich klarstellen kann, ich arbeite für den deutschen Auslandsnachrichtendienst, ist es selbsterklärend, dass ich keinerlei weitere Details zu Hause ausbreiten kann. Das erspart auch viel Argumentation. Ja, man kann sich auf das konzentrieren, was in einer Beziehung, einer Familie, im Privatleben wirklich wichtig ist.
Oehl: Und auch mit dem Annehmen einer neuen Identität, waren Sie zum Beispiel selbst schon mal mit anderem Namen unterwegs, also nicht mit Ihrem tatsächlichen Geburtsnamen?
Ader: Ganz oft.
Oehl: Wie kann man sich das vorstellen? Also man bekommt dann wirklich einen neuen Ausweis ausgehändigt, auf dem anderer Name steht und trainiert das dann auch, dass man sozusagen diese neue Identität annimmt oder man bleibt eigentlich immer der gleiche, nur einfach mit einem anderen Namen?
Ader: Von der Persönlichkeit sollte man immer der bleiben, der man ist. Alles andere lässt sich auch schauspielerisch nicht durchhalten. Wir sind nicht Staatsschauspieler, sondern ich bleibe der, der ich bin. Das ist auch gut so. Auf einen anderen Namen, eine andere berufliche Identität kann man ausweichen. Aber ist in der Tat so, wie Sie es gerade beschrieben haben, das muss man ein bisschen trainieren, denn eigentlich muss man auf diesen Namen ja auch auf Zuruf von hinten reagieren und sich dann umdrehen. Das ist tatsächlich ein bisschen eine Frage, wie man sich eingewöhnt in eine solche fiktive Identität. Das kann man aber üben.
Oehl: Das heißt, wir werden gar nicht erfahren, ob Sie wirklich Dr. Ader sind oder nicht?
Ader: Ja, jetzt schwöre ich mal alle heiligen Spioneide, ich heiße tatsächlich so. Aber es ist gut, es ist eine nachrichtendienstliche Grundtugend, wenn Sie sagen, eine gewisse Skepsis bleibt. Skepsis ist die Wurzel für Neugier und Neugier ist die Wurzel für nachrichtendienstlichen Erfolg.
Oehl: Verstanden. Sie hatten gerade auch eben das Wort Spion in den Mund genommen. Das ist wirklich die umgangssprachliche Berufsbezeichnung, richtig?
Ader: Ich habe damit kein Problem, mich als hauptberuflichen Spion zu bezeichnen. Aber es gibt durchaus viele Kolleginnen und Kollegen, die sagen, na ja, Spion ist ein bisschen negativ konnotiert. Ich kann es mir im Augenzwinkern benutzen. Viele auch im internationalen Bereich bevorzugen Begriffe, wie wir sind in der Nachrichtendienstler, wir sind in der Aufklärung, wir sind in der Auslandsaufklärung tätig. Ja, das sind ja auch die begrifflich präziseren Begriffe, aber ich habe auch keine Schwierigkeiten damit, als Spion durch die Welt zu laufen.