Stuart Cameron zu Gast bei New Lawyers

 Veröffentlicht am 19.05.2021.

Diversity in Kanzleien als Erfolgsfaktor

Stuart Cameron zu Gast bei New Lawyers

Stuart Cameron ist Gründer und CEO der Uhlala Group, die sich mit Marken wie ALICE oder Sticks’n’Stones für mehr Diversity im Arbeitsleben einsetzt. Ein Fokus dabei liegt auf der Vernetzung von LGBTIQ+ Menschen.
Warum Diversity auch in Kanzleien zunehmend an Bedeutung gewinnt und von Verantwortlichen schon allein aus betriebswirtschaftlichen Gründen nicht ignoriert werden darf, inwiefern Simmons & Simmons gewissermaßen einen ersten Grundstein für die Gründung des LGBTIQ+ Jurist:innennetzwerkes gelegt hat und ob die Diversity Positionierung einiger Arbeitgeber nicht doch nur Etikettenschwindel ist, sind nur einige der Themen über die Alisha Andert und Stuart Cameron sprechen.

 

 

LGBTIQ+: die Definition der Alphabet-Community


Vorab: LGBT, das steht für Lesbian Gay Bisexual Transexual People. Mit der Zeit haben das I (Intersexual) und das Q (Queer) die Buchstabenfolge – oder Alphabet-Community, wie sie liebevoll von Stuart Cameron genannt wird, ergänzt. Und das +? “Das steht für alle anderen, die sich ebenfalls unter dem Regenbogen versammeln!” 

Wie relevant Themen rund um Geschlechtsidentitäten sind, belegten zuletzt Umfragen aus den USA, in denen sich ca. 16% der heterosexuellen Jugendlichen der Generation Z (der 1997–2012 geborenen Jahrgänge) der queeren Community zugehörig fühlen und auch im Netflix-Mainstream ist das Thema bereits angekommen, wie die Zunahme an queeren Charakteren in Serien und Filmen zeigen.

Diversity bedeutet allerdings nicht nur (sexuelle) Orientierung oder Geschlecht, sondern betrifft ebenso Themen wie unter Anderen Generationengerechtigkeit oder Familienmodelle – und betrifft folglich unternehmensinterne Strukturen. Der Vergleich zu anderen Abteilungen in Unternehmen oder Kanzleien liegt für Stuart Cameron auf der Hand: “Es gibt nicht eine Person, die das Marketing alleine macht oder HR oder Vertrieb. Und so kann auch nicht eine Person Diversity für das ganze Unternehmen machen. Diversity ist ein riesen Thema.” 

Die Beweggründe, tiefer in dieses Thema einzutauchen, so berichtet Stuart Cameron, waren zunächst egoistischer Natur. Ganz konkret stellte er sich die Frage, welches Unternehmen ihn wohl so wertschätzen würde, wie er ist, wie gehen Arbeitgeber mit LGBTIQ+-Menschen um und wo würde die eigene sexuelle Orientierung keine Andersbehandlung zur Folge haben. 

Es kann nicht eine Person Diversity für das ganze Unternehmen machen.
Stuart Cameron

Alice – ein LGBTIQ+Karrierenetzwerk für Jurist:innen

“Ich hatte mit diesem Thema überhaupt nichts zu tun. Im Gegenteil, ich mochte diesen Bereich nicht einmal.” Wie also kommt jemand wie Stuart Cameron darauf, ein LGBTIQ+ Karrierenetzwerk für Jurist:innen zu gründen?

Einen ersten Grundstein hat womöglich die Großkanzlei Simmons & Simmons gelegt, die sich vor einigen Jahren als erste Kanzlei für die LGBTIQ+ Jobmesse Sticks & Stones als Aussteller registriert hat – und damit nicht nur bei Stuart Cameron als Organisator der Veranstaltung für (vorsichtig ausgedrückt) Verwunderung sorgte, wie er berichtet. In den darauffolgenden Jahren nahm die Zahl der Kanzleien, die ebenfalls teilnehmen wollten so drastisch zu, dass der Anteil juristischer Arbeitgeber auf 10% gedeckelt werden musste.

Der Ansturm aus der Kanzleiwelt kam natürlich nicht von ungefähr: Große und international agierende Kanzleien hatten bereits früh verstanden, dass sich die Zeit, in der sie sich die hochqualifizierten Nachwuchstalente aussuchen können, dem Ende neigt und sie nun gefordert sind, aktiv um jene zu werben und Diversity als wichtige Stellschraube entdeckten, um sich als attraktiven Arbeitgeber auf einschlägigen Veranstaltungen zu präsentieren.

Aus der selbstverschuldeten Not sollte eine Tugend werden: Einerseits wuchs die Gruppe der LGBTIQ+ Jurist:innen kontinuierlich, auf der anderen Seite interessierten sich zunehmend mehr Kanzleien für die Community. Der einzig logische Schluss lag in der Gründung eines eigenen Netzwerkes, das mittlerweile ca. 600–800 Mitglieder zählt und dem 10 Kanzleien angehören. 
 

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Unternehmensvorteile durch Diversity?

Die Vorteile von Diversity für Arbeitnehmer:innen liegen auf der Hand. Welche positiven Effekte Diversity für Kanzleien und Unternehmen haben kann, ist für Stuart Cameron ebenso offensichtlich: Es geht nicht nur darum, als Arbeitgeber die besten Talente zu gewinnen. Zahlreiche Studien belegen bereits den Erfolg von diversen Team und dies spiegele sich letztlich auch in den Umsatzzahlen und Gewinnen wieder – Diversity führt zu wirtschaftlichem Erfolg. Jede Führungskraft, die Diversity nicht ernstnimmt, gehöre gefeuert, weil sie dem Unternehmen schade, resümiert Stuart Cameron.
 

Diversity führt zu wirtschaftlichem Erfolg
Stuart Cameron

Auch aus eigener Erfahrung weiß er, dass Kanzleien mit Nachwuchsproblemen konfrontiert sind, Young Professionals auf andere Dinge Wert legen als vorangegangene Generationen und sich nicht scheuen, zu einer Kanzlei zu wechseln, mit deren Werten sie sich besser identifizieren können. Ähnlich wie bei Marketing, HR oder auch der Digitalisierung haben Unternehmen und Kanzleien genau genommen keine Wahl mehr, ob sie es machen wollen oder nicht, um langfristig erfolgreich zu sein.

Representation matters 

“Ich habe vergangene Woche mit einer Senior Associate aus London telefoniert, sie ist die einzige Schwarze Frau und ihr wird nun gegen ihren Willen die Diversity-Kappe aufgesetzt. Weil wer soll es sonst machen, wenn nicht sie? Trotz toller und lockerer Chefs und eigentlich guten Arbeitsbedingungen, überlegt sie nun die Kanzlei zu verlassen.” Das Beispiel von dem Stuart Cameron berichtet ist keine Ausnahme, sondern eins von vielen, das belegt, welchen Stellenwert mittlerweile das Arbeitsumfeld per se einnimmt. Ebenso ist es natürlich nicht die alleinige Aufgabe einer Schwarzen Frau, sich neben ihrer anwaltlichen Tätigkeit, um das Thema Diversity zu kümmern. 

Es gibt zahlreiche Belege, die den Erfolg divers aufgestellter Arbeitgeber belegen. Selbst aus betriebswirtschaftlicher Sicht wäre es vermessen, kein Arbeitsumfeld zu schaffen, in denen sich Mitarbeiter:innen repräsentiert und wertgeschätzt fühlen. Insbesondere junge Jurist:innen kennen ihren Wert und haben in dieser Hinsicht ebenso hohe Erwartungen an ihren potenziellen Arbeitgeber.

Während in Deutschland der Druck von außen erst nach und nach spürbar wird, weht international bereits ein anderer Wind: Es gibt bereits Unternehmen, die voraussetzen, dass  ein Teil der Arbeit von divers aufgestellten Teams gemacht wird. Andernfalls drohten finanzielle Konsequenzen. Und auch Goldman Sachs – “ein großes kapitalistisches Unternehmen” – hat 2020 mit der Board Diversity Initiative verkündet, nur noch Unternehmen mit divers besetzten Vorstandsetagen an die Börse zu bringen. Bei Diversity geht es schon längst nicht mehr darum, sich gut zu fühlen, sondern ebenso um wirtschaftliche Erfolge und unternehmerisches Handeln
 

Vorbilder für mehr Offenheit: Gesicht zeigen!


Um mehr Sichtbarkeit für die LGBTIQ+ Jurist:innen zu schaffen, ist 2020 erstmal die Aktion “Gesicht zeigen” gestartet worden, die LGBTIQ+-Vorbilder sichtbar macht. Während es im vergangenen Jahr “nur” 40 Personen gewesen sind, die sich auf der Liste befanden, sind es aktuell, im Mai 2021, bereits 70 Jurist:innen, die Gesicht zeigen. “Im Oktober, wenn die Aktion in die nächste Runde geht, sollen es dann aber schon 100 sein”, gibt Stuart Cameron optimistisch zu verstehen. Und in 10 Jahren? “Mindestens 1000, gerne mehr.”
 

→ Mehr Infos zu "Gesicht zeigen"

Diversity in Kanzleien: ein langer Prozess

Der Blick in die deutschen Kanzleiräume verrät, dass durchaus noch Luft nach oben besteht. Zwar werden mittlerweile auch Diversity Awards in der Kanzleiwelt vergeben, dennoch scheint dies nicht immer mit heterogenen und divers aufgestellten Teams einher zu gehen, wie Alisha Andert jüngst bei einer Kanzlei beobachtet hat, die kurz nach der Auszeichnung ihre neue – und sehr homogene – “Generation von morgen” auf ihren Social-Media-Kanälen vorstellte. Ist diese Beobachtung eine Ausnahme oder die Regel? 

Das Thema Diversity wird von vielen Kanzleien bereits sehr ernst genommen, ist Stuart Camerons Eindruck, und ist durch die damit verbundenen strukturellen Veränderungen allerdings auch – je nach Ausgangslage der Kanzlei – ein sehr langer Prozess, der viel Zeit und personelle Ressourcen erfordert. Auch hier wird Glaubwürdigkeit groß geschrieben, um nachhaltig erfolgreich zu sein. 

An welcher Stelle Kanzleien gefordert sind, Strukturen aufzubrechen und an welchen Stellschrauben weiterhin gedreht werden muss, um attraktive Arbeitsbedingungen für alle Mitarbeitenden zu schaffen, hörst du in New Lawyers #3 mit Stuart Cameron.

 

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