Alisha: Du bist ja auch jetzt, wie du vorhin schon angedeutet hast, gar nicht bei Jura und bei der Schiedsrichtertätigkeit geblieben. Wobei ich glaube, dass das zwangsläufig natürlich irgendwann mal ein Ende nimmt. Und hast noch einen weiteren Karriereweg eingeschlagen. Und bist heute als Sportpsychologe tätig. Wie kam es denn dazu?
Tobias: Genau, als ich eben als vielfach Schiedsrichter nominiert wurde, habe ich mich dann gefragt, geht denn beides? Also irgendwie, ich wollte dann schon mal Champions League als Schiedsrichter pfeifen und dann war ich ja in der Großkanzlei. Da sagt man ja so, das sei die Champions League der Juristen. Und beides parallel ,habe ich dann entschieden, das geht irgendwie nicht. Und dann musste ich mich, oder habe ich mich eben entschieden, die Anwaltsrobe an den Nagel zu hängen und habe mich dann für Psychologie interessiert und habe dann eben noch ein Studium in Psychologie gemacht, einen Bachelor in Psychologie und jetzt einen Master noch in Sportpsychologie, weil ich den Menschen faszinierend finde, wie er so ist und wie er sich verhält und warum. Und als ich 2012 eben in die Bundesliga aufstieg, so im ersten Jahr, habe ich auch so ein bisschen gestruggelt von der Leistung her und da habe ich dann angefangen, auch mit einem Sportpsychologen zu arbeiten tatsächlich und irgendwie fand ich das auch inspirierend und auch sehr hilfreich im Nachhinein und das ist nach wie vor ein Feld in Deutschland, im Spitzensport, das aktuell im Kommen ist, aber immer noch ein wenig, ja wie soll ich sagen, belächelt wird und vielleicht nicht ernst genommen wird, weil dann immer so typische Klischees aufkommen. Oh, du gehst zum Psychologen oder zum Sportpsychologen, du hast bestimmt Probleme und musst dich da auf eine Couch legen. Also das ist alles mitnichten der Fall. Und ja, da versuche ich jetzt mit meinen begrenzten Mitteln ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.
Alisha: Das ist interessant. Du hast also die Erfahrung auch selber gemacht, dass es dir geholfen hat. Und man macht sich das ja nicht so klar. Aber natürlich seid ihr als Schiedsrichter ja Sportler. Also man vergisst das so ein bisschen, ne? Ja.
Tobias: Total. Vielen Dank für den Hinweis. Den möchte ich nochmal aufgreifen. Also wir laufen tatsächlich sehr viel mehr als die meisten Spieler tatsächlich. Und mein Trainingspensum ist auch, also immer abhängig von meinen Spielen, aber zweimal im Tag ist auch keine Seltenheit. Und wir Schiedsrichter würden uns schon auch als Leistungssportler bezeichnen.
Alisha: Ja. Also man vergisst es tatsächlich. Das ist natürlich total logisch, wenn man sich das Spiel anschaut, dass die Schiris da unfassbar viel laufen und trotzdem denkt man da gar nicht so dran. Das heißt, du hast selber in dieser Rolle als Schiedsrichter-Leistungssportler auch die Erfahrung gemacht, dass dir ein Sportpsychologe helfen konnte, mit Druck umzugehen oder dich weiterzuentwickeln. Was war sozusagen so dein Grund?
Tobias: Genau, also erstmal fand ich es total gut, mit jemandem zu sprechen außerhalb dieser Fußballblase, außerhalb dieser Schiedsrichter -Blase. Er hatte nämlich nichts mit Fußball und Schiedsrichtern am Hut und dann einfach mal die Meinung eines Dritten zu hören und jemandem, der einem zuhört, das fand ich schon erstmal sehr hilfreich und entlastend per se. Und das kriege ich auch immer wieder jetzt von meinen Sportlern widergespiegelt, dass allein schon das Gespräch schon hilfreich und unterstützend ist. Und dann hatte ich eben so Themen; zum Beispiel wurde ich immer in so eine Schublade als Schiedsrichter gesteckt und wie ich da am besten wieder rauskomme und es ging dann halt tatsächlich um Leistungsoptimierung, um Weiterentwicklung und ich sagte ja, im ersten Jahr habe ich so ein bisschen gestruggelt von der Leistung her, weil ich zum Beispiel auch eigentlich mehr oder weniger alles gleichmachte wie in der zweiten Liga von der Vorbereitung etc. angefangen, ein bisschen über die Spielführung und dann ist es aber tatsächlich so, es ist halt eine neue Liga und das Neue verlangt auch eben etwas anderes und dann gab es dann immer so ganz guten Input und gute Interventionen und das hat mir dann ja wirklich geholfen und mich sehr unterstützt in meiner weiteren Entwicklung.
Alisha: Was macht so den Unterschied aus von Liga zu Liga? Also inwieweit musst du dich da anders darauf vorbereiten?
Tobias: Also wenn ich jetzt den Sprung zweite Liga zu Bundesligan nehme, die zweite Liga ist natürlich schon medial im Fokus, aber eben nicht so wie die Bundesliga. Einfach dieser mediale Fokus, die Aufmerksamkeit, der Druck der Vereine, da ist halt noch mehr Geld dahinter. Das hat mich am Anfang ein wenig erschlagen, kann man fast sagen. Und auch ein wenig überfordert. Und dann ist es tatsächlich so, wenn man immer das Gleiche macht, dann bleibt man auch stehen. Deswegen ist Veränderung... auch wenn es nur kleine Veränderungen sind, das muss gar nichts Großes sein. Ich muss ja nicht mich 180 Grad drehen. Aber es gibt immer Optimierungspotenzial. Das hab ich zumindest zu Beginn etwas aus den Augen verloren. Und wurde dann behutsam wieder auf den richtigen Weg geleitet.
Alisha: Und so wird es sicherlich sehr vielen Sportlerinnen und Sportlern gehen. Auch insbesondere in dem Profisport mit dem medialen Druck, wie du es gerade beschrieben hast, umzugehen. Wie blickst du denn auf die Unterstützung, die Sportlerinnen und Sportler in diesem Bereich bekommen in Deutschland mit Blick auf die mentale Gesundheit? Ist das ausreichend?
Tobias: Ja, also, ich glaube, wir müssen zwei Sachen unterscheiden. Einmal die mentale Gesundheit und auf der anderen Seite diese Leistungsoptimierung. Also, insbesondere Leistungssport ist sehr auf diese Leistungsoptimierung ausgerichtet. Das heißt, wie kann ich immer noch besser werden, noch schneller, noch höher? Und diese mentale Gesundheit wurde und wird ein wenig außer Acht gelassen. Ist aber jetzt aktuell gerade ein großes Thema. Auch durch insbesondere die US-Turnerin Biles, die sich dann bei Olympia zurückgezogen hat und das dann auch öffentlich gemacht hat, dass eben dieses extreme Leistungsstreben auch seine Schattenseiten hat. Und dann müssen wir eben als Sportpsychologen auch schauen, einmal die kurzfristigen Interventionen, also die ja wirklich der Leistungsoptimierung dienen und dann aber auch das Big Picture im Blick haben. Das große Bild eben auch als Fundament die seelische Gesundheit, damit nicht der Sportler zu sehr leidet. Und das ist irgendwie ganz wichtig. Und momentan, wie gesagt, wird die Sportpsychologie in Deutschland immer noch so - nicht ernst genommen, ist nicht das Richtige - aber steckt noch ein bisschen in den Kinderschuhen von den Sportlern. Aber was ich so aus meiner Praxiserfahrung selber als Sportler und als Sportpsychologe sagen kann, ist, jeder, der keinen Sportpsychologen an seiner Seite oder in seinem Team hat, der verschenkt tatsächlich Potenzial, das irgendwie den Unterschied macht. Weil wir dürfen ja nicht vergessen, jede Handlung, die muss ja durch das Nadelöhr der Psyche. Und wir trainieren dann immer ganz viel für den Körper. Und dann haben wir Physiotherapeuten und Trainer etc. Nur für den Kopf, da wird sehr, sehr wenig gemacht. Und das kann tatsächlich den Unterschied machen, weil der Kopf, der ist halt immer dabei.
Alisha: Ja, absolut. Und davon hängt ja dann am Ende auch sehr, sehr viel ab. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es wahrscheinlich, solange es um Leistungsoptimierung geht, dann noch ein bisschen mehr anerkannt wird, dass es ein bisschen schick ist, vielleicht auch, wenn man einen Coach hat. Und dass man natürlich, wenn es um mentale Gesundheit geht und dann gegebenenfalls auch um das Eingeständnis, dass man da Unterstützung braucht, natürlich immer so dieses Vorurteil von, dass es etwas mit Schwäche zu tun haben könnte, mit reinfällt.
Tobias: Das ist total richtig. Wann suche ich einen Sportpsychologen auf? Meistens ist es ja eben der Fall, wenn ich irgendwie ein Leiden habe. Ich bin gerade in einer Krise, sportlich gesehen. Oder tatsächlich ist die mentale Gesundheit betroffen. Viel schöner wäre es doch, dass Proaktiv einfach zu Hand haben. Und wie ich schon sagte, diese Sportpsychologie ist ein enorm wichtiger Bestandteil eines Leistungssportlers. Oder sollte es zumindest sein. Dann ist wichtig, dass wir Sportpsychologen beides im Blick haben. Und insbesondere, das mache ich auch mit meinen Sportlern immer, auch mal gucken, wer ist denn wirklich der Mensch hinter dem Athlet? Also, für was für Werte steht denn der? Weil man ist ja quasi schon 24 Stunden am Tag Athlet. Aber ganz wichtig ist dann auch noch eine gesonderte Identität aufzubauen. Und nicht nur alles abhängig vom Sport und vom Erfolg zu machen. Weil die Leute, die einem zujubeln, die jubeln nicht mir zu. Also mir schon gar nicht, aber den Sportlern. Sondern es ist ja eher deren Leistung und nicht die Person. Und das ist, glaube ich, ganz wichtig, da eine sinnvolle, sinn erfüllte Karriere mit dem Sportler gemeinsam zu entwickeln. Wo es eben nicht nur darum geht, um jede Kosten zu gewinnen.
Alisha: Wie kann man sich diese Arbeit ganz konkret vorstellen? Also kommen die Leute zu dir, dann besprecht ihr bestimmte Themen, sprecht ihr jede Woche miteinander, wie sieht das so aus?
Tobias: Das kommt immer so ein bisschen drauf an. Das ist auch die Lieblingsantwort eines Juristen.
Alisha: Auch da haben wir wieder eine Verbindung.
Tobias: Absolut, das kommt immer drauf an, welches Anliegen der jeweilige Sportler, die Sportlerin gerade hat. Sie haben ja meistens etwas, was sie beschäftigt, was sie bewegt. Entweder ist es der Wunsch, etwas Neues auszubringen, sich weiterzuentwickeln, Leistungsoptimierung, oder der Sportler ist gerade in einer Krise. So fangen wir an, erst mal dieses Themenfeld ein wenig zu bearbeiten. Von der Frequenz her, das hängt immer vom Sportler tatsächlich ab. Also mit den meisten Sportlern, mit denen ich spreche, ist es so eher alle zwei Wochen. Wenn es mal wirklich irgendwo brennt oder wenn was ist, dann ist natürlich Flexibilität gefragt. Dann kann es auch mal ein kurzer Anruf zwischendurch sein. Aber so alle zwei Wochen ungefähr eine Stunde sprechen wir, was halt dann eben gerade anliegt. Und ja, so unterstütze und begleite ich meine Sportler auf ihrem Weg.
Alisha: Das klingt sehr spannend. Du hast ja auch tatsächlich, muss man sagen, einige spannende Dinge jetzt schon gemacht. Also auch alles nicht so Selbstläufer. Zwei Staatsexamina, Leistungssport, im Profifußball, dann das Psychologiestudium. Was braucht es aus deiner Sicht sozusagen als vielleicht als Charaktereigenschaft oder persönlich, um bei so vielen Themen auch dran zu bleiben?
Tobias: Für mich persönlich braucht es vor allen Dingen einen Sinn. Also wenn ich irgendwie etwas mache und es erfüllt mich mit einem Sinn. Ich habe ein - neudeutsch - Why gefunden, ein Warum. Also warum führe ich diese Tätigkeit aus? Was begeistert mich an dieser Tätigkeit? Dann bleibe ich dran, sobald ich irgendwie einen Sinn festgestellt habe. Für mich persönlich, und dieser Sinn sollte nicht monetär sein, sondern auch auf was anderem gründen. Dann waren das, ich würde jetzt nicht sagen Selbstläufer, aber das war dann eher so mein Antreiber. So der Sinn des Tätigseins. Und das war mein Motivator. Und wenn ich dann wirklich meinen Sinn dahinter sehe, dann mache ich das auch gerne. Ich nehme auch viel Arbeit in Kauf.
Alisha: Ich glaube, so ein bisschen vielleicht Ehrgeiz oder diese Disziplin, glaube ich, braucht es doch tatsächlich auch noch.
Tobias: Disziplin braucht es auf jeden Fall im Sport, aber auch im Business. Also ohne Disziplin geht es eben definitiv nicht. Und ja, auch den Willen, mich irgendwie immer weiterzuentwickeln. Also ich möchte auf gar keinen Fall stehen bleiben. Also stehen bleiben ist schwierig für mich. Ich möchte Weiterentwicklung, Entwicklung sehen.
Alisha: Stehen bleiben passt zum Schiedsrichter im Profifußball auch nicht so gut.
Tobias: Nicht gut, ja.
Alisha: Hast du denn schon weiter in die Zukunft geplant? Was kommt als Nächstes? Weißt du das schon?
Tobias: Ja, das werde ich oft von Kollegen und Freunden gefragt, was ich denn jetzt als drittes studiere. Also ich glaube, ich werde nicht mehr studieren. Ich möchte einfach kurzfristig, unwahrscheinlich auch langfristig, einfach mit der Sportpsychologie ein wenig durchstarten, offensiver bekannt machen und wirklich den positiven Nutzen davon herausstellen und eben nicht, dass es dann eine Schwäche ist, sondern, wie ich vorhin sagte, ist es vielmehr eine Stärke, wenn ich eben mit einem Sportpsychologen oder Sportpsychologin zusammenarbeite, weil das einfach sehr bereichernd für den Menschen und für den Athlet ist, für beide.