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Ein Vergleich der Juristenausbildung in Österreich und Deutschland - mit Interview

Ein Vergleich der Juristenausbildung in Österreich und Deutschland - mit Interview

Paradiesische Zustände in Österreich? Flucht vor dem NC

„Mir gefällt an meinem Studium, dass es kaum Pflichtvorlesungen gibt und ich mir daher meine Zeit sehr frei einteilen kann.“ So positiv beschreibt Julia Künz (23) ihr Studium der Rechtswissenschaften in Österreich. Manch ein Deutscher, der keinen Schnitt von 1,3 im Abitur geschafft hat, zieht eine Juristenausbildung beim südlichen Nachbarn in Betracht. Deswegen haben wir für dich die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Juristenausbildung in Österreich und Deutschland zusammengefasst. Im Interview mit einer österreichischen Jura-Studentin erfährst du aus erster Hand, wie sich die Juristenausbildung in Österreich gestaltet.

 

Alles anders oder fast gleich? Das Studium der Rechtswissenschaften in Österreich

  • In Österreich gibt es keinen Numerus Clausus. Zugangsvoraussetzung zum Jura-Studium, das in Österreich Jus-Studium genannt wird, ist neben einem Abitur („Matura“ in Österreich) eine Ausbildung in Latein, welche aber während des Studiums nachgeholt werden kann. Studiengebühren gibt es nicht, wenn man sein Studium innerhalb der Mindeststudienzeit plus Toleranzsemester abschließt.
  • In Österreich gibt es fünf rechtswissenschaftliche Fakultäten, diese befinden sich in Wien, Salzburg, Graz, Innsbruck und Linz.
  • Das rechtswissenschaftliche Studium ist in ein Diplomstudium und ein Doktoratsstudium gegliedert. Für die Ausübung von Rechtsberufen ist heute nur noch das Diplomstudium Voraussetzung, das Doktoratsstudium baut darauf auf und befähigt zum wissenschaftlichen Arbeiten.
  • Die Mindeststudienzeit der juristischen Ausbildung in Österreich umfasst acht Semester, wobei die Durchschnittsstudiendauer mehr als zwölf Semester umfasst.
  • Das Diplomstudium beginnt mit einer Studieneingangsphase, welche je nach Fakultät in zwei oder drei Abschnitte gegliedert ist und diverse Teilprüfungen enthält.
  • Der Studienplan beinhaltet zehn Semesterwochenstunden für Wahlfächer, davon vier für nichtjuristische Bereiche.
  • Während des Studiums sind keine Pflichtpraktika vorgesehen.
  • Ein juristisches Staatsexamen wie in Deutschland existiert in Österreich nicht. Es gibt auch keine Abschlussprüfung, stattdessen müssen alle Klausuren bestanden werden und auch eine Diplomarbeit ist zum Abschluss nötig. Nach der Beendigung des Studiums haben die Absolventen den akademischen Grad eines Magisters der Rechtswissenschaften, Mag. iur.

 

Verschlossene Türen? Berufseinstieg in Deutschland mit einer österreichischen Juristenausbildung

Juristenanwärter, die ein Studium der Rechtswissenschaften in Österreich in Betracht ziehen, sollten sich darüber im Klaren sein, dass ein Berufseinstieg in Deutschland danach mit hoher Wahrscheinlichkeit erschwert wird. Die juristische Ausbildung ist auf das Rechtssystem des jeweiligen Staates konzentriert und prädestiniert Absolventen daher für eine Karriere im Land der Ausbildung. Für deutsche Juristen bietet sich daher ein Arbeitsplatz in Österreich in der Nähe der deutschen Grenze an. Auch Wien ist als Standort gut geeignet, da die Anbindung in die größeren deutschen Städte dank Flugzeug und Bahn hervorragend ist.

Wenn man im Staatsdienst in Deutschland arbeiten möchte, ist von einem Studium der Rechtswissenschaften in Österreich abzuraten, da ausländische Abschlüsse hier grundsätzlich nicht anerkannt werden. Auch für eine Tätigkeit als Rechtsanwalt in Deutschland ist ein österreichischer Abschluss ein Hindernis, da die Zulassung im Normalfall nur mit einem deutschen Studienabschluss erfolgt.

Wer nach dem Studium in Österreich auf jeden Fall nach Deutschland zurückkehren will, sollte eine Karriere im Unternehmen in Betracht ziehen. Besonders Unternehmen, die grenzübergreifende Geschäfte zwischen Österreich und Deutschland haben, können an deutschen Juristen mit österreichischem Abschluss interessiert sein. Letztere müssen sich jedoch im Klaren darüber sein, dass sie sich auch in das deutsche Recht einarbeiten müssen.

 

Interview: Der Weg zum Abschluss beim südlichen Nachbarn

Julia Künz (23) studiert Jus im letzten Abschnitt an der juristischen Fakultät Innsbruck in Österreich.

Wie war dein Studium aufgebaut?

Das Studium besteht für uns aus drei Abschnitten. Für den ersten sind zwei Semester vorgesehen, für den zweiten vier Semester und für den dritten wieder zwei Semester. Innerhalb eines Abschnittes sind mehrere Fächer vorgesehen, die man aber in beliebiger Reihenfolge machen kann. Für jedes Fach wird eine Prüfung abgelegt.

Die Fächer des ersten Abschnitts waren bei mir Juristische Arbeits- und Informationstechnik, Römisches Recht, Wirtschaft und Rechnungswesen, Strafrecht, Rechtsgeschichte, Übung Strafrecht, Übung Rechtsgeschichte oder Römisches Recht.

Im zweiten Abschnitt ging es bei mir unter anderem um Bürgerliches Recht und Internationales Privatrecht, Handels-, Gesellschafts- und Wertpapierrecht, Zivilgerichtliches Verfahrensrecht, Arbeitsrecht und Sozialrecht, Allgemeine Staatslehre, Verwaltungsrecht, Finanzrecht, Europarecht, Völkerrecht.

Im letzten Abschnitt ging es bei mir an die Diplomarbeit, die man aber auch im zweiten Abschnitt schon beginnen kann. Außerdem hatte ich Rechtsphilosophie sowie freie Wahlfächer und gebundene Wahlfächer. Freie Wahlfächer stammen aus einem beliebigen Studium, gebundene Wahlfächer behandeln juristische Themen.

Was sind für dich die Vor- und Nachteile des österreichischen Systems der Juristenausbildung?

Für mich ist der größte Nachteil im Vergleich zu Deutschland, dass keine Praxiszeit in Form des Rechtsreferendariats im Studium inkludiert ist. Außerdem haben wir in Österreich auch viele mündliche Prüfungen, was dann zu teilweise recht subjektiven Bewertungen führt. Mir gefällt an meinem Studium, dass es kaum Pflichtvorlesungen gibt und ich mir daher meine Zeit sehr frei einteilen kann.

Welche Möglichkeiten gibt es, um in Österreich bei der Juristenausbildung Praktikumserfahrung zu sammeln?

Es gibt den sogenannten „Rechtshörer“, wo man etwas Praxiserfahrung sammeln kann und in Bereiche hinein schnuppern darf. Es ist eine Art unbezahltes Praktikum am Gericht. Ich habe zum Beispiel zwei Mal in den Sommerferien jeweils zwei Wochen davon Gebrauch gemacht. Das erste Mal habe ich die Zeit bei einem Strafrichter verbracht, und das zweite Mal war ich in der Staatsanwaltschaft. Dort habe ich auch Anklagen verfasst.

Was würdest du deutschen Studenten raten, die sich überlegen, in Österreich Jus zu studieren?

Ich würde raten, sich gut zu informieren und die freiwilligen Praxisangebote zu nutzen.

Was sollte man als Student der Rechtswissenschaften in Innsbruck auf keinen Fall verpassen?

Man sollte auf keinen Fall die Juristenfeste verpassen!

 

 

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Und wie viel verdient man eigentlich als Jurist? In unserem Beitrag über die wahren Gehälter der Juristen in Großkanzleien erfährst du mehr!

 

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten aber für beiderlei Geschlecht.

 

Autor: Verena Distler

 

 

 

 

 

27. August 2014

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