Stereotypen Jura!

Zivilrechtler, Öff-Rechtler und Strafrechtler - An welchen Klischees ist etwas dran?


verfasst von Hüveyda Asenger und veröffentlicht am 29.01.2018

Klischees über Juristen gibt es viele, doch welche gibt es über die einzelnen Fachbereiche und vor allem – entsprechen sie auch der Wahrheit oder handelt es sich um bloße Übertreibungen? Im Folgenden ein Überblick über die Klischees und Stereotypen, die es über die Vertreter der jeweiligen Fachbereiche gibt.

 

Klischees über Juristen gibt es im Allgemeinen wie Sand am Meer.

Juristen seien schlechte Partygänger, arrogante Snobs und geräuschempfindliche Gesellen.

Doch wie sieht es unter den Juristen selbst mit den Klischees und Stereotypen aus? In den ersten Semestern des Jurastudiums ergibt sich schnell eine Kategorisierung und eine Welle von Zuschreibungen über andere Fachbereiche. Es werden Klischees über die jeweiligen Repräsentanten der Fachbereiche verbreitet, die sich schon seit Generationen in der Juristerei hartnäckig halten.

Ob diese wirklich stimmen, nur teilweise zutreffen oder gar nicht der Wahrheit entsprechen, muss jeder an seinem eigenen Fachbereich und im Arbeitsleben selbst herausfinden.

Hier sollen die gängigsten Klischees und Beschreibungen kurz dargestellt werden. Dazu wurden verschiedene Studierende anonym befragt. Natürlich soll sich niemand angegriffen fühlen, die Darstellungen und Beschreibungen sind überspitzt. Es folgt eine Zusammenfassung der erfragten Stereotypen und Beschreibungen.

Achtung: der Artikel schont keinen Fachbereich und ist nichts für empfindliche Gemüter ;)!

 

Die Zivilrechtler

(Zu) gut gekleidet und sehr abgehoben – so werden sie oft beschrieben. Die Kleidung ist nicht nur ordentlich, sondern auch hochpreisig, dafür aber aalglatt und langweilig. Sehr früh möchten sich Zivilrechtler optisch und persönlich der zukünftigen Tätigkeit in der Großkanzlei anpassen und sich so von den entspannten Studierenden bewusst abgrenzen. Dass man im Studium auch legere Kleidung tragen kann, ist irrelevant. Wer dazu gehören will, muss sofort anfangen. Und am besten gelingt eine äußere Abgrenzung durch Kleidung.

Es wird gemunkelt, dass sich Zivilrechtler verschiedene Wege suchen, um sich so früh wie möglich an den Lebensstil der Großkanzlei zu gewöhnen. Hierfür orientieren sich – so beschreiben es einige – die meisten an ihrem ultimativen Vorbild Harvey Specter der Serie Suits. Auch wenn die Serie nach einem anstrengenden Tag als gut verdiente Lernpause konsumiert wird, endet es nie in einem Binge-Watching.

Denn schon früh am Morgen müssen Zivilrechtler fit sein. Leistung ist alles! Sie kaufen sich Coffee-To-Go in (umweltschädlichen) Plastikbechern, um sie hastig in der Bahn auszutrinken. Die morgendliche Effektivität und Leistung ist in diesem Moment einfach wichtiger als irgendwelche Umweltbelange. Um die können sich schließlich Öff-Rechtler kümmern.

„Der typische Zivilrechtler läuft mit Polohemd und frisch geputzten Lackschuhen um Punkt 8 Uhr durch das juristische Seminar, um sich den besten Platz zu suchen“, beschreibt Julia, die in Münster Jura studiert, den typischen Zivilrechtler bzw. Zivilrechtlerin. „Dort verweilt er kopfschüttelnd über den neuesten Verbraucherschutzvorschriften, bis die ersten bösen Blicke zu den Erstis mit lauten Laptops huschen. Gefolgt von zahlreichen ‚Pschts´ geht er meist doch genervt in sein Büro, um zwischen Gleichgesinnten weiter arbeiten zu können.“  

Zu der Frage, ob die Vorstellung von einem Zivilrechtler auch auf solche in der Realität zutrifft, sagt Julia, dass dies teilweise der Fall sei. Sowohl bei Kommilitonen als auch bei einigen Profs.

Zivilrechtler sind leidenschaftliche Verfechter ihres Fachs. Das BGB sei durch die Anwendung purer Logik zu entschlüsseln. Über die seitenweise „Laberei“ der Öff-Rechler lachen sie spöttisch. Ebenso über das pure Auswendiglernen der Strafrechtler. Mit anderen Fachbereichen tauschen sie sich selten aus - man meidet sich.


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Die Öff-Rechtler

Engagiert, idealistisch und grün (sowie vegan). Öff-Rechtler legen wie Zivilrechtler wert auf Kleidung. Sie muss jedoch nicht optisch in positiver Weise in Erscheinung treten. Wichtig ist, dass sie ökologisch abbaubar ist und ordnungsgemäß produziert wurde.

Über die Zivilrechtler mit ihren Coffee-to-go Bechern können sie nur den Kopf schütteln. Öff-Rechtler kommen stets gut ausgerüstet mit Thermobechern für Tee und Kaffee sowie bunten Gemüsepfannen in ökofreundlichen Behältern. Als Nachtisch gibt es selbstverständlich Bio-Obst.

Öff-Rechtler sind aufgeschlossen. Sie wollen ihre Überzeugungen und Ideale teilen und (manchmal auch missionarisch!) verbreiten. Gerne positionieren sie sich erst zu einer Frage, nachdem sie ausschweifend in einer spontanen mündlichen Begründetheitsprüfung pro und contra abgewogen haben. Kurze prägnante Aussagen, wie man sie bei Zivilrechtlern vorfindet, wird man bei Öff-Rechtlern nicht erwarten können. Als Leselektüre sind selbst Bundesverfassungsgerichtsurteile für sie nicht zäh, sondern höchstspannend.

Auf die Frage, wie Marlene, die an der Wirtschaftsuniversität Wien Jura studiert, einen typischen Öff-Rechtler beschreiben würde, sagt sie kurz und prägnant: „gelangweilt!“  

Weiter zu dem Erscheinungsbild führt sie aus, dass er exakt ein Outfit für jeden Wochentag besitzen würde. Neben Segelschuhen seien Hosenanzüge in Karo ein Muss.

„Man denke beispielsweise an den Kleidungsstil von Lehrerinnen und Lehrern“, sagt sie. „Ganz im Sinne von 'die Augen sind das Fenster zur Seele' zeugt das Erscheinungsbild der Öffentlich-Rechtler/innen von strengem Charakter, regelgebundenem, und vor allem auch regelkonformem Denken. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Regeln ihrem vermeintlichen Zweck dienen. Vielmehr ist entscheidend, dass Recht durchgesetzt und eingehalten wird. Solange ein/e Öffentlich-Rechtler/in ihren Dienst erfüllt, ist er/sie glücklich.

 

Der Strafrechler

Schwarz gekleidet, rauchend vorm Fachbereich und grübelnd - Strafrechtler sind die von der dunklen Seite der Macht. Sozial nicht gerade aufgeschlossen, eher die Gesellschaft im Ganzen analysierend (und bewertend!) meiden sie eine Interaktion mit ihrer Umwelt. Kleidung spielt keine wichtige Rolle bei Strafrechtlern. Hauptsache sie ist dunkel. Am besten schwarz.

Mit Öff-Rechtlern möchten sie sich nicht abgeben, da die Gespräche stets in philosophisch-geladenen Grundsatzdiskussionen enden. Dass Strafecht zum öffentlichen Recht gehört, darf nicht zu laut ausgesprochen werden.

Zivilrechtler werden ebenfalls gemieden. Oft spielt sich hier die einzige Interaktion in der Weise ab, dass Zivilrechtler sich über das Strafrecht lustig machen. Es sei ja nur Auswendiglernen! Tja – weshalb dann die Noten für Zivilrechtler so schlecht ausfallen, ist eine andere Frage. Die Fronten sind gehärtet.

Strafrechtler sind in der Regel nachtaktiv. So gewährleisten sie insbesondere, nicht auf die überdisziplinierten Zivilrechtler am Morgen anzutreffen und unnötige Revierprobleme in der Bibliothek herzustellen. Strafrechtlern ist dies egal, sie können am besten dann arbeiten, wenn sie allein sind. Viel Platz brauchen sie nich: das Strafrecht ist ja keine umfangreiche Materie. Am besten können sie außerhalb von Bibliotheken lernen. Sie ziehen sich zurück und mögen Selbstdarstellung überhaupt nicht.

„Strafrechtler tragen eigentlich nur schwarz und rauchen viel“, sagt Jan, der an der Freien Universität Berlin studiert. „Sie wirken abgebrüht und freudlos. Wenn sie Humor haben, dann ist es trockener schwarzer Humor. Kein Wunder, wenn sie es nur mit Mord und Totschlag zu tun haben“. Ob die Beschreibung auch auf Strafrechtler in sein Umfeld zutrifft? „Fast auf alle, besonders auf die Professoren und Mitarbeiter“. Insgesamt seien Strafrechtler außerdem sehr wortkarg.

 

Klischee oder Wahrheit

Diese - nicht so ernst gemeinten und überspitzten - Beschreibungen gibt es an vielen Universitäten. Bestimmt wurde (fast) jeder im Studium mit diesen Klischees in irgendeiner Weise konfrontiert. Oft gibt es auch die Stereotypen schlechthin als Repräsentanten ihres Fachbereichs, die das vermeintliche Klischee bestätigen. Trotzdem kann man hierzu keine verallgemeinernden Aussagen treffen.

Marlene sagt hierzu in Bezug auf Öff-RechtlerInnen: „Es ist meines Erachtens entscheidend, in welchem Umfeld gearbeitet wird. BeamtInnen werden das Stereotyp von typischen Öff-RechtlerInnen (leider) noch immer eher erfüllen als im öffentlichen Recht tätige Angestellte der Privatwirtschaft“.

Warum sich dann diese Vorurteile hartnäckig halten und sich scheinbar immer wieder bestätigen, kann viele Ursachen haben. Oft geht mit bestimmten Vorstellungen und Klischees eine veränderte Wahrnehmung einher. Es liegt nahe, dass man gezielt auf die entsprechenden Merkmale bei anderen achtet und sie einem öfter auffallen.

Andererseits stellt sich auch hier die Frage des Henne-Ei-Problems: Möglicherweise suchen sich entsprechend gepolte Leute auch den Bereich aus, der ihrem Lebensstil am besten entspricht - und so bestätigen sich Stereotypen bzw. Klischees öfter.

Wer jetzt Lust hat, zu überprüfen, inwieweit die Vorstellungen über die Fachbereiche zutreffen, kann probeweise eigene Überlegungen anstellen. Treffen die Klischees auf das eigene Umfeld zu? Wie sieht es mit Professorinnen und Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Freunden oder einem selbst aus?

 


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Über den Autor

Hüveyda Asenger

Hüveyda Asenger

hat Jura an der Freien Universität Berlin studiert und arbeitet derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer Kanzlei.

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