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Von diplomatischen Spannungsfeldern und Konfliktpotential

Über den Tellerrand hinaus: meine Referendariatsstation im Auswärtigen Amt in Teheran


veröffentlicht am 13.01.2020

 

Moritz Müller hat nach Studienbeginn in Heidelberg und Auslandssemester in der Schweiz in Münster 2017 das erste Staatsexamen absolviert. Im September 2018 hat er sein Referendariat in Frankfurt begonnen, wobei ihn die Verwaltungsstation im Sommer 2019 für drei Monate in die deutsche Botschaft von Teheran, Iran, geführt hat – hier hat er nicht nur spannende Einblicke in die Arbeit des Auswärtigen Amtes erhalten, sondern auch eine neue, bis dahin noch unbekannte, faszinierende Kultur kennengelernt und war gleichzeitig ganz nah am weltpolitischen Zeitgeschehen. Aktuell absolviert er die Anwaltsstation in einer Frankfurter Großkanzlei.


Auf kultureller Erkundungstour: Moritz Müller in Teheran, Sommer 2019
 

Die Qual der Wahl

Nachdem ich 2017 mein erstes Staatsexamen an der Uni Münster abgeschlossen hatte, war mir klar, dass sich das Referendariat für mich nicht als reine Vorbereitungszeit für das zweite Examen darstellen soll. Stattdessen wollte ich die verschiedenen Facetten des juristischen Arbeitsmarktes besser kennenlernen und auf diesem Weg herausfinden, in welche Richtung es beruflich für mich gehen soll – schließlich, so hört man es immer wieder – stehen einem mit Jura alle Türen offen.

Dementsprechend ist mir bereits vor dem Beginn des Referendariats klar, dass auch die häufig argwöhnisch betrachtete Verwaltungsstation nicht nur spannend sein sollte, sondern dass ich diese idealerweise im Ausland absolviere. Was lag dort näher als eine Bewerbung bei dem Auswärtigen Amt? Da ein Teil meiner Familie in den USA lebt und ich ein Studienjahr in der Schweiz verbracht habe, packte mich der Wunsch, ein exotisches und von Freunden und Bekannten noch unerschlossenes Land abseits der westlichen Welt, kennenzulernen und kulturell zu erkunden.
 


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Einen wichtigen Anstoß lieferte das Buch “Wer den Wind säht” des Politik- und Islamwissenschaftlers Michael Lüders, in dem politischen Spannungen der letzten Jahre im Nahen Osten durchleutet werden und so schließlich mein Interesse für die Region geweckt wurde. Aufgrund der Vielzahl an involvierten Akteuren erschien mir die politische Situation dort immer recht unübersichtlich. Was lag da näher, als sich einen persönlichen Eindruck der Gegebenheiten vor Ort zu verschaffen und mich für die Standorte Tel Aviv und Teheran zu bewerben? 
 

Insbesondere das ambivalente Ansehen des Irans im Ausland – von amerikanischen Medien als Schurkenstaat angeprangert, gleichzeitig aber bekannt als Hochkultur mit einer enormen Geschichte und einer angeblich wunderschönen Natur – weckte meine Neugier.


Die Entscheidung war getroffen, nun musste die Bewerbung folgen. Hierbei ist es vor allem wichtig, dass sie vollständig und mit einer Vorlaufzeit eingereicht wird: Spätestens sieben Monate vor Stationsantritt sollte sie dem Auswärtigen Amt vorliegen. Die notwendigen Bewerbungsvoraussetzungen, Unterlagen und den Bewerbungsbogen (hier können bis zu drei Wunschstandorte mit deutschen Auslandsvertretungen angegeben werden) gibt es auf der Website des Auswärtigen Amtes. Neben der Note des Ersten Examens sind vor allem bisherige Auslandserfahrungen und Sprachkenntnise  ausschlaggebend. 

Etwa zwei Monate nach meiner Bewerbung stand fest: Für mich geht es im Sommer 2019 in die iranische Hauptstadt.
 

Organsiation ist alles

Ein Briefing hinsichtlich iranischer Traditionen oder Umgangsformen hat es seitens des Auswärtigen Amtes nicht gegeben.
 

Nach der Annahme des Stationsangebots konnte ich allerdings auf die Erfahrungsberichte ehemaliger Referendare des Auswärtigen Amts in Teheran zugreifen, die sich als äußerst hilfreich erwiesen. Wie erwartet, gibt es im Iran zahlreiche Gepflogenheiten und auch Gesetze, die sich von der deutschen Lebensweise stark unterscheiden.


Dies beginnt beispielsweise damit, dass auch Männer einer Kleidungsordnung in der Öffentlichkeit unterworfen sind und keine kurzen Hosen tragen dürfen. 

 Zudem gibt es für Einreisende aus westlichen Staaten einige Besonderheiten, auf die man vorbereitet sein sollte: So funktionieren im Iran wegen der amerikanischen Wirtschaftssanktionen weder westliche Bank- oder Kreditkarten und auch Western Union oder Ähnliches existiert dort nicht. Folglich konnte ich auf keinem der herkömmlichen Wege Geld abheben oder mit Karte zahlen und musste mein gesamtes Budget für den dreimonatigen Aufenthalt in bar mitnehmen. Auch hinsichtlich der Wohnungssuche haben sich die Erfahrungsberichte als sehr hilfreich erwiesen: Da das AA eine/n hierbei leider nicht unterstützt, sollte die Suche nach der Unterkunft rechtzeitig beginnen, denn auch Anbieter wie AirBnb und Co. sind im Iran nicht erlaubt und bieten keine temporäre Alternative. Über private Kontakte ist es mir dennoch gelungen, eine Wohnung im Norden Teherans zu mieten.
 


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Teheran calling

Das Visum war ausgestellt, der Flug gebucht – und die US-amerikanische Regierung hatte das Atomabkommen verlassen, was die politische Situation zwischen den USA und dem Iran von Tag zu Tag angespannter erscheinen ließ. Nichtsdestotrotz trat ich meine Reise nach Teheran an, auch, wenn mich während des Flugs doch einige skeptische Gedanken begleitet haben. Dies war nicht zuletzt auch den besorgten Kommentaren von Freunden und Familie geschuldet, wobei sich mit bei einigen Personen doch die Frage aufwarf, ob sie den Iran nicht mit dem Irak verwechselten.
 

Die Arbeit in der Botschaft

Anders als erwartet, hat sich die Arbeit in der Botschaft als überraschend vielseitig herausgestellt. So war ich war dem Remonstrationsteam im Recht- und Konsularbereich zugeteilt und habe beispielsweise nach einer kurzen Einarbeitung selbstständig Widersprüche und Klagen von Iranern und Iranerinnen bearbeitet, deren Visumsantrag abgelehnt worden ist. Dabei kam es häufig vor, dass ich mit den deutschen Anwälten der Iraner und Iranerinnen über die Tatbestandsvoraussetzungen des Aufenthaltsrechts diskutierte, was sich insoweit der Anwaltstätigkeit schon sehr nah angefühlt hat. Zudem erhielt ich bei der Prüfung der Akten tiefe Einblicke in die iranische Gesellschaft und konnte häufig die Unzufriedenheit der Menschen, bedingt durch die Wirtschaftssanktionen, herauslesen.


Auf den Straßen Teherans: das Leben außerhalb der Botschaft

Als Rechtsreferendar war Ich aber nicht nur einer festen Aufgabe zugeteilt, sondern bin darüber hinaus in allen Abteilungen der Botschaft eingesetzt worden. Dabei hat es mich besonders beeindruckt, wie sehr die Botschaft in Teheran ihre Referendare und Referendarinnen als Rechtskundige einsetzt und wir zu den unterschiedlichsten Rechtsfragen recherchiert haben. Da die Botschaft keine eigene Rechtsabteilung besitzt, ist meine Arbeit von einer gewissen juristischen Intensität geprägt gewesen und gewährte mir einige Einblicke in das iranische Familien- und Erbrecht, aber auch in das iranische Strafrecht, dass – Stichwort Menschenrecht – einige teilweise bizarre Regelungen enthält. 

Obwohl die Botschaft keine eigene Rechtsabteilung hat, sind dort einige Juristen und Juristinnen im höheren Dienst beschäftigt, wobei sie als Leiter bzw. Leiterin der Wirtschafts-, Politik- oder Kulturabteilungen ausschließlich mit nicht-juristischer Arbeit betraut sind. Auch, wenn es allgemein heißt, dass ein rechtswissenschaftlicher Hintergrund für eine Karriere im höheren Dienst bei dem Auswärtigen Amt keine Vorteile mit sich bringt, ist der Anteil der Juristen und Juristinnen doch auffallend hoch.
 

Tatsächlich unabdingbar sind hingegen die Sprachkenntnisse: Selbst als Referendar habe ich (teilweise auch als einziger Repräsentant der Botschaft) an verschiedenen externen Veranstaltungen teilgenommen, auf denen ich ohne verhandlungssichere Englischkenntnisse aufgeschmissen gewesen wäre.


Die allgemeine Stimmung während meiner Zeit im Iran empfand ich sowohl auf den Straßen Teherans als auch innerhalb der Botschaft – bedingt durch die politische Situation – merkbar angespannt. Mit den drei Monaten im Sommer 2019 habe ich allerdings auch eine äußerst intensive Phase des USA-Iran Konfliktes erlebt, der seinen Höhepunkt im angeblichen Rückruf Trumps eines amerikanischen Luftangriffes 10 Minuten vor Abschuss erlebte. 

Bemerkenswert war jedoch, dass der Teil der iranischen Bevölkerung, mit dem ich jeden Tag im Kontakt stand, so gut wie gar nicht von einem anstehenden Krieg mit den USA sprach, sondern hauptsächlich davon, wie stark er wirtschaftlich unter den Sanktionen leidet. Bemerkbar war dies beispielsweise bei Taxifahrern, die seit den Sanktionen Tag und Nacht gearbeitet haben, um genügend Geld zu verdienen. Hass oder Ablehnung gegenüber den westlichen Staaten habe ich dennoch nicht wahrgenommen. Im Gegenteil: Viele Bewohner und Bewohnerinnen des Irans sind darum bemüht, Fremden ein besseres Bild ihres Landes und der iranischen Gesellschaft mittels ihrer Gastfreundlichkeit zu vermitteln.
 


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Dennoch stand der Elefant – beziehungsweise die Möglichkeit eines bevorstehenden Krieges – im Raum, wobei über dieses Szenario vorwiegend in privaten Gesprächen innerhalb der Botschaft gesprochen wurde. Zudem gab es dort auch einen Zugang zu westlichen Medien, die über die Geschehnisse natürlich anders, mitunter polemisch,  als die iranische Seite berichtet haben. 


Als Referendar im AA habe ich zudem das Privileg genossen, an der zweimal wöchentlich stattfindenden Referentenrunde der Botschaft teilnehmen zu können, und somit ganz nah am diplomatischen Austausch zwischen dem Iran und Deutschland zu sein. An der Referentenrunde der Botschaft nehmen nur Angehörige des höheren Dienstes, sprich die Abteilungsleiter sowie der Botschafter und sein Vize teil. Da die Teilnehmer der Runde in der Zeit vermehrt als Vermittler zwischen iranischer Regierung und dem deutschen Außenministerium arbeiteten, habe ich den aktuellen Stand der Dinge stets ungefiltert und aus erster Hand erfahren. Höhepunkt aus deutscher Sicht war der Besuch des Außenministers Heiko Maas, der für Verhandlungen über das Weiterbestehen des Atomabkommens nach Teheran gereist ist. Während seines Aufenthalts durfte ich gemeinsam mit anderen Mitarbeitern der Botschaft die mitgereiste Journalistendelegation betreuen. 

 
Neben einer Jahrtausenden alten Kultur überzeugt der Iran auch mit einer atemberaubenden Landschaft 
 

Mein Fazit

Nach meinen drei Monaten im Auswärtigen Amt kann ich mir eine Tätigkeit im diplomatischen Dienst – vor allem in Ländern wie dem Iran – zumindest vorstellen. Gerade im höheren Dienst erhält man sehr zügig Verantwortung und arbeitet bei Auslandseinsätzen wöchentlich mit ranghohen Politikern und Ökonomen zusammen. Insbesondere an Standorten wie Teheran hat man in Tagen wie diesen den Eindruck, nicht näher am Puls der Zeit leben zu können. Gleichzeitig bedeutet eine Karriere beim Auswärtigen Amt auch, auf eine Tätigkeit als Rechtsanwalt zu verzichten. Aktuell kann ich mir dies zwar noch nicht vorstellen, da ich nach dem absolvierten Referendariat zunächst rechtsberatend arbeiten möchte, dennoch schließe ich es nicht aus, eines Tages erneut ein mir bis dato noch unbekanntes Land zu entdecken und kennenzulernen.
 

Nicht nur aufgrund der spannenden Arbeit in der Botschaft, sondern vor allem auch wegen des Landes und der Menschen, kann ich es nicht nur jedem Referendar/jeder Referendarin empfehlen, einen Teil des Vorbereitungsdienstes im Auswärtigen Amt, sondern auch in Teheran, zu absolvieren. 


Während meiner abschließenden zweiwöchigen Rundreise durch das Land, habe ich die Vielfalt des Irans kennengelernt.Allein im Radius einer sechsstündigen Autofahrt kann man von Teheran aus in die Berge zum Skilaufen, in die Wüste zum Kamelreiten oder ans kaspische Meer in den Norden fahren. Gerade für diejenigen, die das Referendariat dazu nutzen möchten, um nochmal etwas ganz Anderes kennenzulernen und keine Scheu vor einer anderen Welt haben, ist Teheran genau das Richtige.  

 


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