Frau mit Blazer im Home Office

Veröffentlicht am 28.01.2024

Wie wichtig ist das Home Office in der Rechtsbranche?

Ergebnisse unserer Talentumfrage

In den vergangenen Jahren haben tiefgreifende Veränderungen in der gesamten Arbeitswelt stattgefunden: Die Anpassung an neue Arbeitsmodelle wurde auch für juristische Arbeitgeber wie Kanzleien oder Unternehmen zur Notwendigkeit und das Thema Home Office ist in den Mittelpunkt gerückt. Während die Debatte über die langfristige Relevanz des Home Office noch im Gange ist und viele Befürworter:innen findet, zeichnet sich gleichzeitig auch ein Gegentrend in der Gesellschaft ab: Weltweit möchten Unternehmen ihre Mitarbeitenden wieder in den Büros sehen, den Zoom Call durch ein Face-to-Face Gespräch ersetzen. 

Zu Recht stellen sich auch viele Arbeitgeber in der Rechtsbranche die Frage, wie es weitergehen soll: Auf eine "Back-to-Office Policy" setzen oder das Home Office als "New Normal" akzeptieren? Um diese Frage zu beantworten, hilft ein Blick in die Zielgruppe: Wie wichtig ist das Home Office für Jurist:innen tatsächlich?

Wie intensiv nutzen Jurist:innen ihre Home Office Möglichkeiten, wie zufrieden sind sie mit dem Angebot und welche Rolle spielt das Home Office bei der Arbeitgeberwahl? Wir haben die Insights unserer Online Umfrage mit 236 Jurist:innen im Folgenden aufbereitet.*

Die wichtigsten Insights im Überlick

  • 83 % der Befragten haben in den letzten Monaten mindestens gelegentlich im Home Office gearbeitet
  • 94 % der Befragten finden, dass das Home Office die Work-Life-Balance verbessert
  • Ältere Jurist:innen nehmen das Home Office stärker in Anspruch als jüngere Altersgruppen
  • Jüngere Altersgruppen würden gerne (noch) mehr im Home Office arbeiten
  • Vor allem Befragte, die in Großkanzleien arbeiten, möchten ihre Arbeit im Home Office erhöhen
  • Zwei Drittel der Befragten würden für flexiblere Home Office Bedingungen ihren Arbeitgeber wechseln

1. Home Office unter Jurist:innen

Das Home Office ist in den letzten Jahren zu einem Schlüsselthema der Arbeitswelt geworden. Selbst in der Rechtsbranche, der häufig ein etwas verstaubter Ruf vorauseilt, hat eine immer größere Verbreitung des Arbeitsmodells stattgefunden: In unserem Benefit Report konnten wir herausfinden, dass ganze 92 % der Kanzleien ihre Mitarbeiter:innen (auch) im Home Office arbeiten lassen.

Allerdings ist mittlerweile, wie eingangs schon erwähnt, auch ein Gegentrend erkennbar und Arbeitgeber verschiedenster Branchen möchten ihre Mitarbeiter:innen wieder im Büro antreffen. Wie stark sind diese Tendenzen in der Rechtsbranche aktuell? Im ersten Teil unserer Umfrage haben wir den Status Quo beleuchtet: 

Wie viele der Jurist:innen arbeiten (noch) regelmäßig im Home Office?

Dass das Home Office auch nach der Pandemie für viele Arbeitnehmer:innen zum normalen Arbeitsalltag dazu gehört, hat unsere Umfrage deutlich gezeigt:

  • Mehr als die Hälfte der Befragten (62 %) haben in den letzten Monaten regelmäßig im Home Office gearbeitet 
  • Mehr als drei Viertel der Befragten (83 %) haben in den letzten Monaten mindestens gelegentlich im Home Office gearbeitet. 
  • Nur 17 % der Befragten haben in den letzten Monaten nicht im Home Office gearbeitet. 

Hast du in den letzten Monaten im Home Office gearbeitet?

 

In einer weiteren Frage haben wir ermittelt, ob die Möglichkeit, im Home Office zu arbeiten, für die teilnehmenden Jurist:innen Auswirkungen auf ihre Work-Life-Balance hat. Die Antwort ist eindeutig: 94 % der Befragten sehen die Möglichkeit auf Home Office als eine Chance, ihre Work-Life-Balance zu verbessern.

Verbessert die Möglichkeit auf Home Office deine Work-Life-Balance?

 

Auch aus diesem Grund ist das Home Office heute für viele Jurist:innen ein enorm wichtiger Benefit. Doch wie intensiv wird das Angebot von den Befragten tatsächlich genutzt? Wie häufig arbeiten Jurist:innen pro Woche zuhause? Die Insights dazu präsentieren wir im nächsten Abschnitt.

94 % der Befragten sehen die Möglichkeit auf Home Office als eine Chance, ihre Work-Life-Balance zu verbessern.

2. Nutzung des Home Office

Dass das Home Office mittlerweile fest in den Arbeitsalltag von Jurist:innen integriert ist, wurde im vorherigen Abschnitt bereits deutlich – doch wie verteilt sich die Nutzung in unterschiedlichen Altersgruppen und Arbeitgebertypen? Wir haben die Antwort.

Home Office Tage nach Alter

  • 42 % der Befragten zwischen 20 und 30 Jahren arbeiten einen Tag pro Woche im Home Office, 24 % der Altersgruppe sogar 3-4 Tage pro Woche
  • Auch in der Altersgruppe zwischen 31-40 Jahren arbeiten die meisten Befragten (28 %) nur einmal in der Woche im Home Office 
  • In den beiden älteren Gruppen wird mehr Home Office in Anspruch genommen: 42 % der Befragten zwischen 51 und 65 bleiben vier mal pro Woche im Home Office, bei den 41-50 Jährigen sind es im Schnitt 2,7 Tage pro Woche
  • Komplett Zuhause arbeiten am häufigsten Befragte zwischen 31 und 40 Jahren (15 %) 

Wie viele Tage pro Woche arbeitest du durchschnittlich im Home Office?

 

Home Office Tage nach Arbeitgebertyp & Position

  • Fast 80 % der Befragten aus mittelständischen Kanzleien arbeiten in der Woche durchschnittlich nur 1-2 Tage im Home Office
  • Sowohl in Unternehmen als auch im öffentlichen Dienst arbeiten die Befragten durchschnittlich mehr im Home Office als in den klassischen Kanzleitypen
  • Der Anteil der Befragten, die ganze 4 oder sogar 5 Tage im Home Office arbeiten, ist in Unternehmen am höchsten (36 %)

Wie viele Tage pro Woche arbeitest du durchschnittlich im Home Office?

 

Neben der Intensität der Nutzung des Home Office Angebots, hat unsere Umfrage auch gezeigt, inwiefern die Befragten selbständig entscheiden können, wann und wie oft sie im Home Office arbeiten dürfen:

Während 69 % aller Befragten angeben, dass sie selbständig über die Zeit und Häufigkeit ihrer Home Office Nutzung entscheiden dürfen, haben die anderen 31 % feste Vorgaben, denen sie hinsichtlich des Home Office-Angebots folgen müssen.
 

Kannst du selbstständig entscheiden, wann und wie oft du im Home Office arbeitest?

 

Gibt es einen Arbeitgebertyp, der durch strikte Home Office Regelungen hervorsticht?

  • Vor allem in Großkanzleien und im öffentlichen Dienst können die Befragten nicht selbstständig entscheiden, wann und wie oft sie im Home Office arbeiten (37 %)
  • Die höchste Flexibilität bei der Einteilung der Home Office Tage haben die Befragten in Boutique Kanzleien (81 %)

Kannst du selbstständig entscheiden, wann und wie oft du im Home Office arbeitest?

 

Ist die Entscheidungsfreiheit ebenso an die hierarchische Position geknüpft, die die Befragten bei ihrem Arbeitgeber einnehmen?

Kannst du selbstständig entscheiden, wann und wie oft du im Home Office arbeitest?

 

  • 71 % der befragten Rechtsanwält:innen können selbständig über ihre Home Office Tage entscheiden
  • Im Vergleich dazu können nur 60 % der Referendar:innen eigenständig über die Arbeit zu Hause entscheiden

Hier wird vor allem die Hierarchie sichtbar – die Möglichkeit auf eigene Entscheidungen ist bei Referendar:innen weniger gegegeben als bei Jurist:innen und Anwält:innen. Nochmal deutlicher wird das Verhältnis auch in folgender Grafik:

Hast du in den letzten Monaten im Home Office gearbeitet?

 

  • Über die Hälfte der Referendar:innen arbeiten nicht oder nur gelegentlich im Home Office
  • Gleichzeitig nutzen 72 % der Jurist:innen und 74 % der Rechtsanwält:innen das Home Office Angebot regelmäßig

Es wird deutlich: Die Nutzung des Home Office steigt mit der Berufserfahrung.

 


3. Zufriedenheit mit dem Home Office Angebot

In den vorherigen Abschnitten haben wir betrachtet, wie intensiv das Home Office Angebot verschiedener Arbeitgeber von Mitarbeiter:innen in Anspruch genommen wird. Eine wichtige Frage wurde dabei jedoch außer Acht gelassen:

Sind die Befragten mit den Optionen, die Arbeitgeber ihnen bieten, überhaupt zufrieden?

Bei dieser Frage scheiden sich die Geister: Während ganze 44 % den Wunsch haben, noch mehr im Home Office zu arbeiten, möchten knapp über die Hälfte (56 %) der Befragten an ihrer derzeitigen Situation nichts ändern. 

Würdest du gerne (noch) mehr im Home Office arbeiten?

 

Wie spiegelt sich dieses Ergebnis in den jeweiligen Altersgruppen wider?

  • Fast die Hälfte der Befragten zwischen 20 und 30 Jahren wollen (noch) mehr im Home Office arbeiten als bisher – was darauf hinweist, dass es hier eine Unzufriedenheit mit dem Angebot des Arbeitgebers geben könnte (oder andere Gründe sie daran hindern)
  • Die Altersgruppe zwischen 51 und 65 Jahren dagegen ist vermeintlich deutlich zufriedener mit dem Status Quo – rund 80 % wollen nicht mehr im Home Office arbeiten als bisher
     

Würdest du gerne (noch) mehr im Home Office arbeiten?

 

Durch die Analyse wird deutlich, dass vor allem jüngere Altersgruppen die Home Office Option stark nutzen möchten und weiter ausbauen wollen. Werfen wir nun einen Blick auf die Stimmung innerhalb der unterschiedlichen juristischen Arbeitgebertypen:

  • Mit 58 % möchten vor allem Befragte, die in Großkanzleien arbeiten, ihre Arbeit im Home Office erhöhen
  • Etwas mehr als ein Dritttel der Befragten aus Boutique Kanzleien und Mittelständischen Kanzleien würden gerne mehr von zu Hause arbeiten
  • Im Gegensatz dazu wollen 65 % der Befragten in Unternehmen ihre Home Office Tage nicht ausweiten
     

Würdest du gerne (noch) mehr im Home Office arbeiten?

 

Auch die Gruppierung nach Positionen ist in diesem Zusammenhang interessant und macht die in Abschnitt 2 bereits angesprochene Hierarchie deutlich:

  • 67 % der Referendar:innen möchten (noch) mehr im Home Office arbeiten
  • Im Gegensatz dazu möchten 57 % der Rechtsanwält:innen nicht noch mehr im Home Office arbeiten
  • Auch 69 % der Jurist:innen scheinen mit ihrem aktuellen Home Office Pensum zufrieden zu sein 
     

Würdest du gerne (noch) mehr im Home Office arbeiten?

 

Bei dieser Auswertung liegt die Vermutung nahe, dass Referendar:innen im Vergleich zu berufserfahreneren Anwält:innen weniger Möglichkeiten haben, frei über ihr Home Office Pensum zu entscheiden. Doch auch an dieser Stelle haben wir nachgehakt.

Was sind die Gründe dafür, dass Mitarbeitende, die mehr im Home Office arbeiten möchten, es nicht tun?

Das Ergebnis ist eindeutig: Rund 60 % aller Befragten geben an, dass ihr Arbeitgeber mehr Home Office schlichtweg nicht erlaubt. Gründe wie eine nicht funktionierende Kommunikation oder schlechtere Karrierechancen sind eher unterrepräsentiert.

Was hindert dich an der Umsetzung?

 

44 % der Befragten haben den Wunsch, noch mehr im Home Office zu arbeiten.

4. Wechselbereitschaft

Der vorherige Abschnitt hat gezeigt: Viele Jurist:innen würden gerne mehr im Home Office arbeiten – doch der Arbeitgeber untersagt es ihnen. Sicherlich ist das ein Faktor, der zu Unzufriedenheit unter Mitarbeiter:innen führen kann. Doch wie stark beeinflusst eine strenge Home Office Policy die Zufriedenheit von Mitarbeiter:innen tatsächlich? Kann eine unflexible Regelung sogar einen Arbeitgeberwechsel auslösen?

Das Ergebnis ist überraschend: Mehr als zwei Drittel der Befragten (68 %) würden für flexiblere Home Office Regelungen ihren Arbeitgeber wechseln.

 

Wären flexiblere Home Office Regelungen ein Grund für dich, den Arbeitgeber zu wechseln?

 

Betrachten wir die einzelnen Altersgruppen, wird auch an dieser Stelle der enorme Stellenwert des Home Office insbesondere in der Jüngeren Zielgruppe deutlich:

  • Ganze 74 % der 31 bis 40-jährigen sind für flexiblere Home Office Regelungen bereit, den Arbeitgeber zu wechseln 
  • Mit jeweils 69 % in den Altersgruppen 20-30 Jahre und 41-50 Jahre sind auch hier mehr als die Hälfte dazu bereit, ihren aktuellen Arbeitgeber für mehr Flexibilität zu verlassen
  • Nur 33 % der Befragten zwischen 51 und 65 Jahren würden ihren derzeitigen Arbeitgeber für die Option auf mehr Home Office verlassen

Die Ergebnisse sind eindeutig: Während die Befragten unter 50 Jahren ihren Arbeitgebern für mehr Flexibilität im Bereich Home Office den Rücken kehren würden, bleibt die Altersgruppe über 50 Jahren ihrem Arbeitgeber eher treu – was mit Sicherheit auch daran liegt, dass sie mit der aktuellen Situation zufriedener sind (80 %).

 

Wären flexiblere Home Office Regelungen ein Grund für dich, den Arbeitgeber zu wechseln?

 

Werfen wir nun einen Blick auf die Wechselbereitschaft innerhalb der verschiedenen Arbeitgeber: 

  • Ganze 82 % der Befragten, die in Großkanzleien arbeiten, würden ihren Arbeitgeber für flexiblere Home Office-Regelungen verlassen
  • Im öffentlichen Dienst zeigt sich ein ähnliches Bild: 75 % der Arbeitnehmer:innen sind dazu bereit, ihren Arbeitgeber für mehr Flexibilität zu wechseln
  • Fast die Hälfte der Arbeitnehmer:innen in Boutique Kanzleien (47 %) würden ihren derzeitigen Arbeitgeber für flexiblere Home Office-Regelungen nicht verlassen

 

Wären flexiblere Home Office Regelungen ein Grund für dich, den Arbeitgeber zu wechseln?

Mehr als zwei Drittel der Befragten (66 %) würden für flexiblere Home Office Regelungen ihren Arbeitgeber wechseln.

5. Fazit & Ausblick

Eines hat unsere Umfrage deutlich gezeigt: Im Zweifel kann eine Home Office Regelung der Grund sein, bei einem Arbeitgeber zu bleiben – oder ihn zu verlassen.

Es wird zudem sichtbar, dass insbesondere jüngere Altersgruppen mehr Wert auf die Möglichkeit, im Home Office zu arbeiten, legen. Ältere Generationen scheinen mit den aktuellen Home Office Optionen der Arbeitgeber zufriedener zu sein. Dies resultiert vermeintlich aus der Tatsache, dass sie schon viele Jahre vor der Pandemie und der dadurch ausgelösten Home Office Welle, einem "normalen" Büroalltag in der Kanzlei oder im Unternehmen nachgingen. Jüngere Generationen, die erst in den letzten Jahren in das Berufsleben gestartet sind, kennen den Alltag ohne Home Office kaum noch. Sie haben sich an die Vorzüge der Heimarbeit – wie beispielsweise eine verbesserte Work-Life-Balance – gewöhnt und eine Umstellung ist für sie nur schwer vorstell- und verargumentierbar.

Wenn es darum geht, neue Talente zu gewinnen, sollten Arbeitgeber im Recruiting diesen Bedürfnissen unbedingt Beachtung schenken. Um die Mitarbeiterbindung sowie -zufriedenheit zu stärken, sollten Arbeitgeber Mitarbeitenden das Vertrauen und die Freiheit schenken, ihrer Tätigkeit (auch) im Home Office nachgehen zu können – unabhängig davon, auf welcher Stufe der Hierarchieleiter sie sich befinden. 

Insbesondere für Großkanzleien gibt es im Umgang mit Home Office noch Verbesserungspotential. Der Anteil der Talente, der für flexiblere Home Office Regelungen, den Arbeitgeber wechseln würde, ist hier am höchsten – bei ausbleibenden Veränderungen droht hier eine Abwanderungswelle. 


* Infos zur Stichprobe

Im Dezember 2023 wurde eine anonyme Online Umfrage mit 236 Talenten durchgeführt (Geschlechterverteilung: 53 % weiblich, 47 % männlich, <1 % divers; Verteilung auf Arbeitgebertypen: 32 % Großkanzlei, 23 % Unternehmen, 15 % Boutique Kanzlei, 15 % Mittelständische Kanzlei, 12 % Öffentlicher Dienst, 3 % Andere).