Magdalena: Du bist jetzt ja schon seit mittlerweile zehn Jahren bei K&L Gates. Das ist für die normale Fluktuation in Großkanzleien eine sehr, sehr lange Zeit. Warum bist du so lange bei dieser Kanzlei geblieben und was würdest du sagen hat K&L Gates auch getan, um dich bei deiner persönlichen Karriereentwicklung weiter zu unterstützen?
Kerstin: Warum ich geblieben bin? Also sagen wir mal so, ich habe mich hier wohl gefühlt. Für mich war wichtig oder als ich hier hingewechselt habe, war für mich wichtig, dass ich einfach hier so arbeite, wie ich bin. Was ich schon gesagt habe, mich einfach nicht verstellen muss und trotzdem den Zuspruch und die Unterstützung meiner Kollegen bekomme. Und das war hier eben der Fall. Ich habe mich hier von Tag eins wohl gefühlt. Ich hatte erfahrene Kollegen und Kolleginnen, mit denen ich mich zusammengesetzt habe, Mentoren, mit denen ich meinen weiteren Weg besprochen habe und auch heute mich noch zusammensetze und schaue. Was kann man wie verändern? Wie kann man gewisse Dinge angehen? Und hatte das Gefühl, dass ich schlichtweg die Rückendeckung der Kanzlei habe, dass ich auch meinen Weg gehe. Die Möglichkeit, das Notariat in Frankfurt aufzubauen, ist eine riesige Chance gewesen für mich. Dass die Kanzlei mir ermöglicht hat, meinen eigenen Weg zu finden und mich weiterzuentwickeln.
Magdalena: Würdest du sagen, dass du als Frau es schwerer hattest, im Kanzleiumfeld voranzukommen? Dass ja doch noch sehr Männer dominiert ist. Wir sind noch weit weg von Diversität, zumindest in einigen Sozietäten. Es wird immer besser. Aber gerade was Partnerschaften angeht, ist das Geschlechterverhältnis meistens noch nicht so ausgewogen.
Kerstin: Die Frage ist, glaube ich, schwierig. Die habe ich mir persönlich nie gestellt. Ich habe in verschiedensten Kanzleien gearbeitet und verschiedene Erfahrungen da gemacht. Ich glaube das Besondere, was uns hier ausmacht, ist, wir reden vielleicht weniger über Gleichberechtigung als andere Kanzleien das machen, aber sie wird hier einfach schlichtweg gelebt. Ich hatte nie das Gefühl, irgendwie bevorzugt behandeln zu werden, weil ich eine Frau war. Ich hatte aber auf der anderen Seite ebenso wenig das Gefühl, dass ich benachteiligt werde, weil ich eine Frau bin. Sondern die Rahmenbedingungen, die es hier gibt, mit Flexibilität, Teilzeit und so weiter, bieten eigentlich jedem, egal welches Familienmodell er wählt, die Möglichkeit, weiterzukommen. Und das vor allen Dingen geschlechterunabhängig. Und wenn ich mir anschaue, wie viele weibliche Kolleginnen und auch Partnerinnen wir hier haben, die auch Familie haben, glaube ich nicht, dass es ein Riesenthema ist. Als ich damals hier angefangen habe, hatte ich natürlich auch andere Bewerbungsgespräche. Das Thema Familie war immer mehr oder weniger deutlich Thema. Hier bei K&L sagte unser Managing Partner einfach nur, wir haben auch ein Spielzimmer und das wird genutzt. Damit war das Thema durch.
Magdalena: Ja, ich glaube, das ist sehr cool. Du berichtest daher jetzt sehr aus der Praxis bei euch, wirklich zu sehen, dass es eben nicht nur wohin geschrieben wird, dass man divers ist, sondern es einfach tatsächlich ist und dann auch wirklich so lebt. Dadurch natürlich auch absolutes Vorbild für junge Anwälte ist, die sich natürlich auch daran orientieren, was machen die älteren Anwälte, wie läuft das? Gibt es die Möglichkeit, auch in Teilzeit weiterzukommen? Würdest du sagen, dass es auch in Teilzeit die Möglichkeit gibt, sogar in eine Partnerrolle zu kommen?
Kerstin: So viel ich weiß, haben wir ehrlich gesagt auch einige Kollegen, die das genauso gemacht haben, die auch schon in Teilzeit gearbeitet haben und dann zur Partnerin oder ja befördert worden. Das geht. Und ich glaube, ehrlich gesagt, das haben alle weiblichen oder die meisten weiblichen Kollegen. Bei denen war das so, weil die alle schon lange dabei waren und irgendwann befördert wurden.
Magdalena: Ich sehe für dich hat das eine Selbstverständlichkeit, die es in der Rechtsbranche bestimmt nicht generell hat. Aber umso schöner zu sehen, dass ihr da so mit gutem Beispiel auch vorangeht und das als die neue Normalität etabliert habt.
Kerstin: Ich glaube, man muss es auch wollen. Also nicht jeder will Partner oder Partnerin werden. Und natürlich setzt das eine gewisse Einsatzbereitschaft voraus. Und alle Leute und auch alle Frauen, die natürlich auch mit Familie arbeiten, werden hier auch mal gesessen haben, obwohl sie lieber woanders gewesen wären. Ich glaube, das muss man auch sagen. Ja, so einen gewissen Einsatz muss man schon mitbringen. Das ist kein Selbstläufer. Das finde ich aber auch richtig. Sonst wird sich wieder ins Gegenteil verdrehen.
Magdalena: Klar, dass es eine gewisse Leistungsorientierung gibt oder nicht nur eine gewisse, sondern eine starke Leistungsorientierung, das ist, glaube ich, selbstredend. Aber umso schöner, wenn das flexibler gehandhabt wird, um eben auf die Bedürfnisse des jeweiligen eingehen zu können, um für ihn dann ja auch die bestmögliche Leistungsfähigkeit abrufen zu können. Grundsätzlich ist es ja so, dass es gerade viel, viel schwieriger geworden ist, permanent neue Anwälte und Anwältin zu finden. Der Arbeitsmarkt entwickelt sich immer stärker hinsichtlich Fachkräftemangel. Durch den demografischen Wandel werden wir einfach in Zukunft viel weniger Personen auf dem Arbeitsmarkt zur Verfügung haben. Was würdest du denn sagen, was als Kanzlei oder als Arbeitgeber generell wichtig ist, um jetzt junge Arbeitnehmer gewinnen zu können?
Kerstin: Ich glaube, das ist so ein zweischneidiges Schwert. Erstmal müssen die Leute natürlich auch bereit sein, in der Großkanzlei zu arbeiten. Sie müssen auch ein Stück weit dafür brennen. Jeder muss auch irgendwie seine intrinsische Motivation finden, denn das Geld alleine reicht nicht, damit man dauerhaft glücklich wird. Da können die Kanzleien sehr wenig machen, das ist so eine Sache, will man das und ist man bereit, diesen Weg zu gehen, den Einsatz zu zeigen, auch die Extrameile zu gehen und nicht gleich hinzuwerfen, durchzuhalten, aus seiner Komfortzone rauszugehen und auch irgendwie ein bisschen sich immer weiterzuentwickeln. Wenn man das nicht mitbringt, können die Kanzleien meines Erachtens machen, was sie wollen und die Leute werden nicht glücklich werden. Auf der anderen Seite, wenn man sich anschaut, was die Kanzleien heute machen und was sie damals gemacht haben, als ich angefangen habe, dann wird hier schon wahnsinnig viel gemacht. Wie gesagt, es gibt ganz flexible Arbeitsmodelle, man kann mit jedem hier reden und Dinge besprechen. Wichtig ist, glaube ich, dass man die jungen Kollegen von Anfang an einbindet in die Arbeit, ihnen auch Verantwortung überträgt und eben damit zu verstehen gibt, dass das, was sie machen, auch wichtig ist und Teil des Ganzen. Man muss - und das wird meines Erachtens auch gemacht - viel mehr das Gespräch mit den Leuten suchen, auch mal persönlich, auch mal vielleicht privat. Man muss zusammen lachen und sich für die Leute interessieren und den jungen Kollegen auch das Gefühl vermitteln. Das machen die Kanzleien heutzutage auch viel mehr, als sie es früher gemacht haben. Es ist nicht nur das reine Arbeiten, sondern es gibt auch noch ein Drumherum. Wir haben jetzt immer ein neu eingeführtes Get-Together, wo die Anwälte einfach zusammenkommen und sich außerhalb von jeglichen Projekten oder Arbeitszeiten einfach austauschen, ein Glas Wein zusammen trinken. Das macht schon sehr viel, um ein nettes Arbeitsklima zu schaffen und zu schauen, dass die Leute gerne hierher kommen.
Magdalena: Und auch, wie du sagst, diese zwischenmenschliche Ebene auch einfach zu erreichen, mal den anderen zu fragen, wie geht es dir sonst so, oder was machst du gerne, sich einfach noch mal besser kennenzulernen. Das holt in schwierigen Situationen ganz stark ab und stärkt auch als Team enorm. Würdest du sagen, dass du in deiner Karriere ganz besonders herausfordernde Situationen hattest, die dich in irgendeiner Form geprägt haben?
Kerstin: Es gab sicher viele verschiedene herausfordernde Situationen, die man dann irgendwie gemeistert hat, weil man einfach mit verschiedenen Menschen in verschiedenen Gegebenheiten zu tun hat. Aber um ehrlich zu sein, kann ich mich nicht an eine ganz besonders erinnern, dass sie alle nicht so dramatisch gewesen sein können. Man hat auch immer noch die Kollegen, mit denen man sich besprechen kann, man sollte sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, die Emotionen zurücknehmen, zurücktreten und von außen draufschauen. Ich glaube, dann gibt es keine besonders herausfordernde Situation, die man nicht irgendwie auch gut bewältigen kann.
Magdalena: Du hattest mehrmals schon gesagt, mit Kollegen besprechen, auch einen Sparring zu suchen, wenn man nach dem richtigen Fachbereich sucht. Wie würdest du sagen, geht man das am besten an? Pickt man sich da tatsächlich bei dem jeweiligen Arbeitgeber, bei dem man gerade ist, jemanden raus, bei dem man denkt, zu dem hat man vielleicht eine gute Connection und spricht das einfach mal an? Oder würdest du da ein bestimmtes Vorgehen vorschlagen?
Kerstin: Das ist eine gute Frage. Ich glaube, da muss auch jeder für sich den Weg finden. Es macht natürlich Sinn, wenn man in einem bestimmten Fachbereich arbeitet, sich da auch mit dem Partner auszutauschen, weil der natürlich am nächsten an einem dran ist und die weitere Entwicklung mit einem besprechen kann. Ich würde mir aber auch darüber hinaus einfach einen erfahrenen Kollegen oder eine erfahrene Kollegin suchen, der ich so vertraue, dass ich ganz, ganz offen mit der Person sprechen kann. Vielleicht gibt es da auch Dinge, die ich mit meinem unmittelbaren Vorgesetzten oder Partner eben nicht besprechen möchte. Das muss jeder für sich selbst herausfinden. Es gibt ja immer noch die Möglichkeit, man bespricht sich mit Freunden, Familie, die einen noch mal ganz anders sehen. Die können auch immer noch guten Input und Ratschläge geben. Aber innerhalb der Kanzlei würde ich auf jeden Fall mit meinem Partner sprechen oder mit jemandem, dem ich vertraue. Wir werden hier demnächst vermutlich auch mal irgendwann so ein Mentorenprogramm einführen. Da hat man dann ja einfach schon mal einen Ansprechpartner, auf dem man zugehen kann. Aber das ergibt sich ja auch im Rahmen der Review-Gespräche, wo einfach mehrere Leute zusammensitzen und das zurückliegende Jahr mit einem besprechen. Was war gut? Was kann man verändern? Wo möchte man hin? Wie kann man das erreichen? Also es ist eigentlich nicht so schwer.