Michael Müller, Regierungsdirektor der Finanzverwaltung NRW, im New Lawyers Podcast

Verfasst von Laura Hörner|Veröffentlicht am 17.06.2026

Michael Müller – Warum ist echtes Interesse an Menschen der Schlüssel zur Führung?

Der Regierungsdirektor der Finanzverwaltung NRW im New Lawyers Podcast

Als Trainer einer Jugend-Fußballmannschaft und Führungskraft in der Finanzverwaltung weiß Michael Müller, wie wichtig Teamwork ist – und dass die Vereinbarung von Beruf und Freizeit das Leben vielseitiger macht. In dieser Folge des New Lawyers Podcasts spricht er mit Magdalena Oehl über die Karrieremöglichkeiten in der Finanzverwaltung, seine eigene Laufbahn in Nordrhein-Westfalen sowie über Work-Life-Balance.

 

Michael Müller ist Vater von drei Kindern - und entsprechend wichtig war ihm schon zu Beginn seiner Karriere die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Weil er sich eine bessere Work-Life-Balance erhoffte als in Großkanzleien, entschied er sich nach dem Jurastudium für eine Laufbahn im öffentlichen Dienst. Doch das war nicht der einzige Grund: Auch eine Tätigkeit mit Sinn war ihm ein Anliegen, er wollte für das arbeiten, wofür der demokratische Rechtsstaat steht.

Karriere-Inspiration gesucht? Hier findest du alle aktuellen Folgen des New Lawyers Podcasts:

Teamarbeit wird in der Finanzverwaltung großgeschrieben

Seine Vorstellungen von der Arbeit in der Finanzverwaltung haben sich in der Realität bestätigt. Müller kann heute seinen Arbeitszeitrahmen relativ frei regeln, aus dem Home Office arbeiten und schätzt die Sicherheit und Flexibilität, von welcher er und seine Familie profitieren. Auch als sinnstiftend nimmt er die Arbeit wie erhofft wahr – schließlich wird in der Finanzverwaltung das Geld eingenommen, das der Staat braucht.

Auch wenn er heute noch juristisch arbeitet, hat sich die Arbeit von Müller mit der Zeit vom Fachlichen weg entwickelt. Heute stehen nun mehr die Führungsarbeit und Organisatorisches im Mittelpunkt – für welche seine juristischen Kenntnisse die Grundlage bilden. Diese Entwicklung sei jedoch auch das Resultat seiner eigenen Entscheidungen, betont er.

Altbacken sei die Arbeit in der Finanzverwaltung entgegen manchen Klischees überhaupt nicht. Stattdessen stehen Teamarbeit und eine ausgeprägte menschliche Komponente im Mittelpunkt der alltäglichen Arbeit. “Für die Führung ist es in meinen Augen völlig unerlässlich, dass ich Interesse am Menschen habe. Nur so kann ich aufrichtig und authentisch führen – und nur so bin ich auch eine gute Führungskraft, die auf Dauer diesen Job machen kann.” Dieses Interesse an Menschen, gepaart mit Flexibilität und einer guten Auffassungsgabe seien die wichtigsten Voraussetzungen für eine Karriere in diesem Bereich.

Für die Führung ist es in meinen Augen völlig unerlässlich, dass ich Interesse am Menschen habe. Nur so kann ich aufrichtig und authentisch führen – und nur so bin ich auch eine gute Führungskraft, die auf Dauer diesen Job machen kann.
- Michael Müller

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Ein Jahr lang Einarbeitung bei vollem Gehalt

Auf ihrem individuellen Karriereweg werden Jurist:innen in der Finanzverwaltung durch Personalentwicklungskonzepte begleitet – etwa in Form von Initiativen wie dem eigens entwickelten Leadership Programm. Müller fand so auch zu seiner aktuellen Position in der Dienststellenleitung. Wie für alle Jurist:innen begann sein Weg jedoch erst einmal mit einem sogenannten Einweisungsjahr, dem Fundament für jede Laufbahn. Hier lernen die Einsteiger:innen (bei vollem Gehalt) ein ganzes Jahr lang alle Stellen des Finanzamtes kennen, besuchen insgesamt drei Monate lang Fortbildungen – und steigen dann direkt in die Führungstätigkeit ein.

Danach tun sich zahlreiche Möglichkeiten auf. Müller wechselte zum Beispiel nach zwei Jahren zur Oberfinanzdirektion und begleitete dort sechs Jahre lang die Grundsteuerreform. Eine Riesen-Herausforderung, wie er erzählt. Er war in dieser Stelle nahe an politischen Entscheidungen dran, konnte sich zum Teil auch selbst einbringen. Ganz anders, sagt er, als in der täglichen Arbeit auf dem Finanzamt politische Entscheidungen lediglich umzusetzen.

 

Dich interessiert, wer sich bei der Finanzverwaltung bewerben kann, wie das Auswahlverfahren aussieht und welche Rolle dabei Noten und fachliche Vorkenntnisse spielen? Dann hör doch einmal rein in diese Folge des New Lawyers Podcasts!

 

 

Die Themen dieser Folge im Überlick:

 

  • Ab 1:50: Icebreaker-Frage: Was wolltest du als Kind werden?
  • Ab 2:30: Fußballmannschaft vs. die jungen Kolleg:innen
  • Ab 3:00: Warum hast du dich für die Finanzverwaltung entschieden?
  • Ab 4:30: Erwartungen vs. Realität
  • Ab 5:30: Vereinbarkeit mit der Familie
  • Ab 6:30: Praktikum beim Finanzamt Bonn Innenstadt
  • Ab 8:35: Wie bewirbt man sich bei der Finanzverwaltung in NRW?
  • Ab 12:30: Das Einweisungsjahr
  • Ab 14:30: Verantwortung vor dem Bundesfinanzhof mit 30 Jahren
  • Ab 15:30: Welche persönlichen Eigenschaften sollte man mitbringen?
  • Ab 16:20: Die Oberfinanzdirektion und Begleitung der Grundsteuerreform
  • Ab 19:55: Die Karrierestufen in der Finanzverwaltung
  • Ab 21:50: Die Personalführung
  • Ab 23:30: Leadership Programm
  • Ab 24:30: Der Rat an neue Kolleg:innen
  • Ab 26:05: Learnings aus der Führungsreise
  • Ab 28:00: Tipps für die Suche nach Mentor:innen
  • Ab 29:30: Arbeit, Privatleben und Sinn der Arbeit
  • Ab 31:00: Welches Talent sollte man in der Finanzverwaltung mitbringen?

Transkript

Was wollte Michael Müller als Kind werden?

Magdalena Oehl: Michael Müller ist Regierungsdirektor in der Finanzverwaltung NRW und kennt die Arbeit dort aus jeder Perspektive, vom lokalen Finanzamt bis hin zur Oberfinanzdirektion. Heute berichtet er, warum er sich nach seinem Berufseinstieg ganz bewusst für den öffentlichen Dienst entschieden hat und wie er heute juristische Expertise mit seiner Rolle als Führungskraft verbindet. Lieber Michael, vielen Dank, dass du heute hier bist. 

Michael Müller: Vielen Dank, Magdalena, dass ich heute hier sein darf. 

Magdalena Oehl: Wir haben heute sozusagen zwei Icebreaker -Fragen mit dir, weil wir können nicht von unserer Frage abweichen, nämlich, was du als Kind werden wolltest. 

Michael Müller: Ja, also als Kind wollte ich tatsächlich Wahlforscher werden, so habe ich das formuliert. Das ist ja eigentlich gerade auch ein aktuelles Thema und das war mein Traum als Kind. 

Magdalena Oehl: Wie bist du denn da drauf gekommen? 

Michael Müller: Ich hatte hier ein wunderbares Buch, Was ist Was über Wale und offensichtlich kam daher dieses Interesse. 

Magdalena Oehl: Ah, sehr gut, ja, Was ist Was Bücher sind ja immer noch hoch im Kurs, von daher absolut nachvollziehbar. Michael, du bist im echten Leben auch Führungskraft für zahlreichende Mitarbeitende in der Finanzverwaltung und auch am Wochenende als Fußballtrainer auf dem Platz. Jetzt mal so Hand aufs Herz, wer ist manchmal schwerer zu beendigen? Die Gruppe junger Kollegen und Kolleginnen beim Berufseinstieg oder dann doch die Fußballmannschaft? 

Michael Müller: Also, ich würde sagen, das Wort “bändigen” passt nicht so ganz in die Arbeitswelt, weil da doch, ja, interessierte, motivierte, junge Menschen mit uns zusammenarbeiten, deswegen das passt besser zum Fußball und wenn man in so einer Mannschaft von 20 Jungs, die so zwischen 13 und 15 sind, arbeitet, dann ist der Begriff “bändigen” da absolut angebracht. 

 


Warum eine Karriere in der Finanzverwaltung?

Magdalena Oehl: Du hast Jura studiert, natürlich, und warst danach auch kurzzeitig als Anwalt im Steuerrecht tätig. Was war für dich letztlich ausschlaggebend, dass du dich dann gegen die Kanzler entschieden hast und eben für die Finanzverwaltung NRW? 

Michael Müller: Ja, also da gab es mehrere Gründe damals für. Der eine Grund war, ich wollte in den öffentlichen Dienst, um eine höhere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu haben. Das war schon auch so ein Kernziel. Ich war damals schon Vater von zwei Kindern, bin heute Vater von drei Kindern und das war mir ein ganz wichtiges Anliegen. 

Und das war meine Vorstellung damals, dass mir da die Verwaltung einen besseren Rahmen bietet, als die freie Wirtschaft. Dazu kam aber auch, dass ich gerne eine Tätigkeit ausüben wollte mit, ja, wie soll man das sagen, mit Sinn. Also eine Tätigkeit, die in so einem Kontext steht, wo man auch für den Staat und für das arbeitet, wofür der Staat steht. Also auch für den demokratischen Rechtsstaat, in dem wir alle leben dürfen. 

Und das war ein zweiter wichtiger Grund. Warum es dann konkret die Finanzverwaltung war, war, dass ich schon im Studium und im Rechenteriat Schwerpunkte auf dem Steuerrecht hatte und auch gerne in der Materie drin bleiben wollte. Diese Chance hat mir dann die Finanzverwaltung geboten. Und der letzte Grund, den ich damals sehr spannend fand, war, dass die Finanzverwaltung für Juristen einen echt interessanten und abwechslungsreichen Mix bietet. Man kann fachlich arbeiten, organisatorisch, aber halt auch in der Personalführung und das fand ich damals sehr attraktiv. 


Wie waren die Erwartungen, wie sieht die Arbeitsrealität in der Finanzverwaltung aus?

Magdalena Oehl: Und wir kennen jetzt natürlich die Erwartungen, mit denen du eingestiegen bist. Wie sah denn dann die Realität aus? Wurden deine Erwartungen übertroffen oder war es dann doch anders, als du es dir vorgestellt hast? 

Michael Müller: Also anders war es wahrscheinlich am Ende schon, aber die Erwartungen sind weitgehend auch so erfüllt worden. Also ich habe heute eine hohe Vereinbarkeit mit meinem Privatleben und das ist mir sehr viel wert. Ich habe die Möglichkeit, eine Tätigkeit auszuüben, die ich jedenfalls für sehr sinnhaft halte, denn die Finanzverwaltung ist als die Behörde, die das Geld einnimmt, was der Staat am Ende braucht, auch sehr sinnstiftend. Das kann man glaube ich einfach so sagen. Und auch der Aufgabenmix hat sich als richtig erwiesen. Das, was sicherlich in meiner Karriere jetzt anders ist, als ich es mir vielleicht anfangs vorgestellt hätte, ist der fachliche Anteil. Der ist bei mir mit den Jahren geringer geworden, das liegt aber auch daran, dass ich bestimmte Entscheidungen getroffen habe, was ich innerhalb der Finanzverwaltung machen möchte. Da gibt es auch andere Wege, die dann fachlicher sind als das, was ich heute tue. 

Magdalena Oehl: Und du hast das Thema Vereinbarkeit schon angesprochen. Was war denn da für dich besonders wichtig? Ging es vor allem um den Arbeitsumfang oder auch um die Arbeitszeiten? Und wie kann man sich das einfach in der Praxis bei euch vorstellen? 

Michael Müller: Also da ging es schon im Kern auch um Arbeitszeiten, die sind sicherlich im öffentlichen Dienst einfach geregelter und klarer, aber es ging auch um ein Umfeld, das eine familiäre Situation mitträgt. Das ist in der freien Wirtschaft nicht immer möglich, muss man auch einfach sagen, wenn man mit Mandanten zusammenarbeitet, die für das Geld, was die Zahlen auch viel von einem erwarten, auch ganz zu Recht viel erwarten, dann ist das nicht immer möglich, so ein Umfeld zu stellen und das ist hier in der Verwaltung anders. Es gibt eine klare Sicherheit, dass man auch mit Familie agieren kann und eine Flexibilität. 

Das bedeutet, ich kann meinen Arbeitszeitrahmen relativ in einem gewissen Umfang relativ frei regeln, es wird auch Rücksicht darauf genommen, wenn ich mal private Termine habe. Ich kann sehr flexibel auch aus dem Homeoffice heraus arbeiten und habe damit insgesamt eine Situation, wo ich auf familiäre Themen gut reagieren kann.


Wie ist die Arbeitsatmosphäre im Finanzamt?

Magdalena Oehl: Bereits während deines Studiums hast du ja schon im Praktikum beim Finanzamt Bonn -Innenstadt absolviert und die Verwaltung damit früher kennengelernt als so manch anderer. Was hat dich denn damals schon bei deinem ersten Besuch im Finanzamt am meisten überrascht und vielleicht sogar im positiven Sinne im Vergleich zur Großkanzlei? 

Michael Müller: Also als ich damals im Praktikum da war, das war ja im Studium und ja, da war meine Erwartungshaltung, das ist eine Behörde, das ist bestimmt alles so ein bisschen altbacken und grau und das war es so überhaupt nicht. Da waren junge Menschen, Menschen verschiedenster Generation, die sehr motiviert waren, die mich auch als Praktikanten sehr offen in Empfang genommen haben, mir ganz viel gezeigt haben und mich in ihren Arbeitsalltag mitgenommen haben und das habe ich damals schon als echte Stärke empfunden, dass die so teamfähig sind und so Lust haben, einem das auch zu zeigen, was da abläuft und insofern ist dieses  von außen vielleicht etwas graue Bild so gar nicht erfüllt worden. Und das war das, was mich am stärksten überzeugt hat und auch überrascht hat. 

Magdalena Oehl: Und auch im Vergleich zur Großkanzlei, also wo würdest du da nochmal sagen, liegen die größten Unterschiede? 

Michael Müller: Ja, also damals, würde ich sagen, war sicherlich so der Eindruck, dass die menschlichere Seite, die Seite, dass man auch auf die privaten Themen mal eingeht, sich auch auf der Ebene relativ schnell unterhält, dass die damals mich doch überrascht haben und auch ein Unterschied waren. Und das ist etwas, was das, glaube ich, bis heute prägt. Das ist ein anderes Zusammenarbeiten als in der freien Wirtschaft. Das hat Vorteile, das hat natürlich auch manchmal Nachteile. Aber es ist etwas, das die menschliche Ebene auch stark zählt und dass man auch in einem klaren Regelrahmen arbeitet und mit klaren Zielen. Das ist etwas, was mich sehr überzeugt. 

Magdalena Oehl: Auch weniger Elbungmentalität als vielleicht in der großen Kanzlei? 

Michael Müller: Also ich habe tatsächlich auch in der Kanzlei nicht viel Ellenbogen -Mentalität kennengelernt, aber in der Verwaltung würde ich sagen, ja, ich sage immer, es ist Platz für jeden da. Ich brauche die Ellenbogen gar nicht ausfahren, es gibt viele interessante Aufgaben, spannende Projekte, ich kann mich da einbringen und kann dann auch gut vorankommen, ohne dass ich die Ellenbogen ausfahren muss, es ist schon ein gutes Teamgefüge. 


Wie läuft das Bewerbungsverfahren für Führungskräfte bei der Finanzverwaltung NRW ab?

Magdalena Oehl: Lass uns auch mal tiefer einsteigen, wenn man denn bei euch arbeiten möchte. Du bist selbst ja auch an Einstellungen beteiligt. Wie läuft denn das Verfahren in NRW aktuell ab und was hat sich vielleicht auch im Vergleich zu deinem eigenen Einstieg vor mittlerweile elf Jahren verändert? 

Michael Müller: Also das Verfahren heute sieht so aus, dass man sich online bewirbt. Es gibt eine Internetseite, die, die dann die Grundlage ist und die Internetseite heißt die zukunftsteuern.nrw und dann slash Führungskraft und auf der Internetseite gibt es auch ganz viele Informationen. Und über diese Internetseite bewirbt man sich online. Schon mal der erste Unterschied zu vor elf Jahren, da lief das noch ganz klassisch auf Papier. Und wenn man sich dann da beworben hat, dann wird man gegebenenfalls noch in so kognitives Testverfahren geschickt. Das ist, wenn man im zweiten Staatsexamen die Note ausreichend gemacht hat. Das gab es damals so auch nicht. Da wurde noch, wie man das so klassisch aus der Verwaltung kennt, mit Noten gearbeitet. Entweder man wurde eingeladen oder nicht, da gab es noch so harte Notengrenzen. Heute ist erst mal jeder eingeladen, sich zu bewerben und jeder hat auch die Chance, am Ende Teil der Verwaltung zu werden. 

Und wenn man das dann absolviert hat, dann kommt als der entscheidende Schritt ein Auswahlverfahren, das nennt sich Management Select Verfahren. Bei dem man innerhalb von einem Tag verschiedene Elemente durchläuft. Eine Selbstpräsentation, bestimmte Rollenspiele und zum Schluss ein Interview mit dem absolut klaren Schwerpunkt auf Führung, was auch für die Tätigkeit nachher ganz entscheidend ist, dass man da den Schwerpunkt hinlegt und das ist der letzte Schritt. Und als ich mich beworben habe, gab es diesen letzten Schritt so noch nicht. Da gab es ein Assessment Center, das hatte schon ähnliche Elemente, aber ich glaube heutzutage sind wir da moderner aufgestellt und mit einem sehr guten Schwerpunkt auf die Frage, ist jemand geeignet, als Führungskraft in der Finanzverwaltung zu arbeiten? 

Magdalena Oehl: Hast du Tipps, wie man sich darauf vorbereiten kann? 

Michael Müller: Also, vorbereiten finde ich für Führungsthemen gar nicht so einfach. Man kann natürlich mal versuchen, irgendwie Situationen in Rollenspielen zu üben, im Verhältnis Vorgesetzter zu Bearbeitern, nenne ich das jetzt mal, aber ich glaube, für dieses Management Select Verfahren ist es echt empfehlenswert, da authentisch reinzugehen und sich gar nicht viel zu sehr darauf vorzubereiten, sondern mit dem, was man mitbringt, zu reagieren. 

Magdalena Oehl: Und dieses kognitive Auswahlverfahren, von dem du auch gesprochen hast, das ist ausschließlich bei der Note ausreichend erforderlich. Also das heißt, wenn man sich mit einer besseren Note bewirbt, dann kann man diesen Schritt überspringen. 

Michael Müller: Richtig, dann geht man quasi direkt in so ein Management Select -Verfahren. Das passiert auch in der Regel sehr zeitnah zur Bewerbung, sodass man dann auch schnell ein Bild bekommt, in welche Richtung es geht. 

Magdalena Oehl: Das heißt, hier auch ganz deutlich nochmal der Aufruf, sich eben auch mit nicht zweimal voll befriedigten Staatsexamina zu bewerben. Natürlich auch mit denen, aber auch wenn man das eben nicht mitbringt, hat man eine Chance, durch diesen Auswahlprozess trotzdem reinzukommen. 

Michael Müller: Genau, der Prozess ist da sehr offen gestaltet und gibt vielen eine Möglichkeit und ich mache das jetzt ein paar Jahre, begleite ich diese Verfahren schon und nehme da selber als Teil der Auswahlkommission teil und ich kann auch sagen, das Ergebnis nachher korrespondiert nicht mit den Noten. Das ist eine Chance, dass man sich zeigen kann und was ganz wichtig ist, ist wirklich auch, man braucht kein steuerrechtliches Vorwissen mitbringen. Das ist nicht erforderlich für diese Rolle, da wird man auch gut für gerüstet. Man kann da wirklich offen mit einem Interesse an Arbeit mit Menschen reingehen. 

Magdalena Oehl: Das ist nochmal ein wertvoller Hinweis, das heißt, man muss gar nicht den Schwerpunkt Steuerrecht schon mitbringen, sondern klar, es sollte ein gewisses Grundinteresse bestehen, weil sich natürlich die spätere Arbeit dann auch darum drehen wird, aber man muss noch nicht tief in das Thema eingetaucht sein. 

Michael Müller: Genau, also ganz richtig. Das ist etwas, was uns dann, insbesondere im ersten Jahr, aber auch in der Folge immer wieder über Fortbildung mitgegeben wird. Man braucht das noch nicht mitbringen. 

Magdalena Oehl: Das erste Jahr ist schon die perfekte Überleitung auf meine nächste Frage. Ihr habt nämlich so eine Art Einweisungsjahr, richtig? Genau. Das heißt, jeder Jurist startet in der Finanzverwaltung mit einem speziellen Onboarding. Wie hast du dieses erste Jahr erlebt und wie kann man sich das vorstellen? 

Michael Müller: Also das erste Jahr war vorher für mich mit vielen Fragezeichen verbunden, wie es wird. Und ich bin der absoluten Überzeugung, dass mich dieses erste Jahr schon ganz stark hier an diese Verwaltung gebunden hat. Also da es da wirklich die Ursache liegt, dass ich bis heute hier arbeite und auch sehr, sehr gerne arbeite. In dem ersten Jahr wird man schon, das ist auch was Besonderes, voll bezahlt und unter der vollen Bezahlung erlebt man aber ein Jahr, in dem man Stück für Stück an seine Aufgaben herangeführt wird. Das bedeutet, in dem Jahr findet verteilt über das Jahr viel Fortbildung fachlicher Natur statt. Also über drei Monate in Summe wird man wirklich auf der rechtlichen Ebene und auch ein bisschen schon auf der Führungsebene in Fortbildung eingearbeitet, die auf einem echt auch ansprechenden Level laufen und man lernt auch Menschen in derselben Situation aus Nordrhein-Westfalen und aus anderen Bundesländern kennen. Parallel wird man in einem Finanzamt auch schon an die Praxis herangeführt. Das heißt, man erlebt im ersten Jahr die verschiedenen Stellen, also Abteilungen des Finanzamts allemal. Man lernt die allemal kennen, man lernt die Menschen kennen, man sammelt ganz viele Eindrücke. 

Und zu guter Letzt macht man aber noch so circa drei Monate dann schon die eigentliche Führungstätigkeit. Also das Ganze nennt sich zwar so eine Probeführungstätigkeit, aber man ist dann schon voll in der Verantwortung. Das heißt, in dem einen Jahr hat man von der Verwaltung unglaublich viel gesehen, hat die schon sehr in ihrer Breite kennengelernt und ist dann gut vorbereitet für den ersten Einsatz als Führungskraft, auch wenn sich das manchmal immer noch wie der Sprung ins kalte Wasser anfühlt, dass man dann so komplett in die Verantwortung kommt, aber man ist wirklich schon super gerüstet. 

Magdalena Oehl: Also man kann das schon so als kleines Katapult vom Hörsaal in die Führungsposition bezeichnen? 

Michael Müller: Ja, absolut. Und ich glaube auch für Menschen, die den Hörsaal schon fünf oder zehn Jahre hinter sich haben, auch die bewerben sich ja bei uns und starten bei uns, ist das wirklich ein toller Start, um hier reinzukommen und auch so eine gewisse Verwurzelung schon zu kriegen. 


Wie viel Verantwortung trägt man als junger Jurist in der Finanzverwaltung?

Magdalena Oehl: Du hast auch schon erwähnt, dass du mit letztlich 30 Jahren alleine in die Verantwortung vor dem Bundesfinanzhof gekommen bist. Wie fühlt es sich auch an, in so jungen Jahren schon so eine Verantwortung zu tragen? 

Michael Müller: Also das ist etwas, was generell hier so eine Verwaltung prägt. Man bekommt früh die Chance, in Verantwortung zu gehen und spannende Sachen zu übernehmen. Und so ist das auch mit so Terminen am Bundesfinanzhof. Wenn das eigene Finanzamt so einen hat, dann ist man im Zweifel als junger Jurist derjenige, der da hinfährt. Und das ist natürlich aufregend und spannend gewesen und auch herausfordernd. Und ich glaube, so ganz zu Beginn denkt man kurz, hui, das ist aber schon echt krass. Aber man bereitet sich gut darauf vor. Man hat Menschen drumherum, die einen ein bisschen unterstützen. Und am Ende war es total spannende und lehrreiche Erfahrung und die Gelegenheit, in eine Verantwortung zu kommen, wo, glaube ich, viele Juristinnen und Juristen erst deutlich lebenselter hinkommen. 

Magdalena Oehl: Was redest du denn, welche Eigenschaften sollte man auch als Person mitbringen, um bei euch zu arbeiten? Also was ist dafür erforderlich, um da eben ein bisschen leichter reinzuwachsen vielleicht sogar? 

Michael Müller: Also ich glaube, ganz wichtig ist wirklich ein echtes Interesse an Menschen und an der Zusammenarbeit mit Menschen. Das ist hier ganz, ganz wichtig. Wenn jemand sagt, und das ist ja ganz, ganz okay und auch völlig zu akzeptieren, ich bin jemand, der gerne an juristischen Fällen arbeiten möchte und der da viel Zeit darauf verwenden möchte, für sich zu arbeiten, dann ist das hier in der Verwaltung nicht unbedingt was für einen, sondern das, was man hier im Kern wirklich bewegt, ist Zusammenarbeit mit Menschen, Zusammenarbeit im Team. Also ich muss ein echtes Interesse für Menschen mitbringen. Und ich würde sagen, auch die nötige Auffassungsgabe und Flexibilität, um sich unter immer wieder wechselnden Aufgaben, denn als Jurist, Juristin wechselt man ja alle paar Jahre wirklich seine Aufgabe, die Bereitschaft, das immer wieder mitzumachen und auch Lust daran zu haben. 


Wie beeinflusst die Politik die tägliche Arbeit in der Finanzverwaltung?

Magdalena Oehl: Du warst sechs Jahre lang auch in der Oberfinanzdirektion tätig und hast die Grundsteuerreform von der Gesetzesentstehung bis zur Umsetzung begleitet. Das ist ja ein riesiges Projekt erst mal. Was würdest du sagen, war da die größte Herausforderung oder vielleicht auch die Besonderheiten bei diesem Projekt? 

Michael Müller: Also das war quasi dann meine dritte Station in der Verwaltung und auch da hat man einem früh Verantwortung gegeben. Und das ganze Thema, das ist eine Riesenreform wirklich gewesen, war sehr spannend, weil es halt ein Thema war mit einer unglaublichen Breite. Also wir haben das in der Oberfinanzdirektion als Mittelbehörde in NRW wirklich mit den verschiedenen Bereichen, die sich darum kümmern mussten, die verschiedenen Fachbereichen gemeinsam angepackt. Aber es hatte eine unglaubliche Breite organisatorische Fragen, fachliche Fragen, personelle Fragen, alles hat zusammengespielt und all das musste man in der Vorbereitung und nachher in der Umsetzung durchdenken, planen, aber auch immer wieder flexibel und agil reagieren. Bis hin zu natürlich zur Technik, die komplett auf neue Beine gestellt werden musste. Also die Breite des Projekts war unglaublich lehrreich. Also ich habe da ganz viel daraus mitgenommen, aber das war sicherlich auch eine riesen Herausforderung und gleichzeitig auch die Länge des Projekts. 

Also ich bin in die Oberfinanzdirektion gewechselt und einen Monat später durfte ich dabei sein, wie das Verfassungsgericht in Karlsruhe dann entschieden hat, die alte Grundsteuer ist verfassungswidrig und dann hat dieses Projekt ja knapp über sechs Jahre gedauert, bis wir wirklich dann es geschafft hatten, die Neufeststellung durchzuführen und das war natürlich auch halt nicht nur in der Breite, sondern auch in der Länge eine große Herausforderung. 

Magdalena Oehl: Ja, genau, du hast gesagt, du warst durch diese langjährige Erfahrung in der Oberfinanzdirektion oft auch eben sehr nah an der Umsetzung großer Reformen. Was würdest du denn sagen, wie sich die Arbeit dort nah am Gesetzgeber letztlich von der Arbeit im örtlichen Finanzamt dann doch unterscheidet? Und vielleicht auch, wie hilft dir diese Erfahrung jetzt als Führungskraft? 

Michael Müller: Also das ist ein ganz wesentlicher Unterschied, ob man auf der Ortsebene im Finanzamt arbeitet oder in der Oberfinanzdirektion allein schon, weil man in der Oberfinanzdirektion alle Fragen, die man löst, die man betrachtet, mit denen man sich beschäftigt, nicht bezieht auf eine kleine Einheit Finanzamt, sondern immer auf das gesamte Land. Also allein die schiere Größe der Aufgabe und dass so ein Land natürlich auch sehr unterschiedlich aufgestellt ist und ganz bunt ist und vielfältig, das alles muss man einbeziehen. Das ist schon mal ein ganz besonderer Punkt, wenn man in so einer Mittelbehörde arbeitet. 

Und das Zweite, was sicherlich besonders ist, ist, dass man halt näher an politischen Entscheidungen dran ist. Das heißt, man lernt was, wie laufen politische Prozesse zwischen Bund und Ländern ab, wie kann man selber sich da vielleicht ein bisschen einbringen mit seinen Ideen, wo muss man sich aber auch ganz klar zurückhalten und auch einfach akzeptieren und realisieren, welche Entscheidung Politik mit guten Gründen trifft. 

Also man lernt wirklich viel, wie Politik funktioniert und wie man sich in so Prozesse einbringt. Das ist sicherlich was, was in der täglichen Arbeit im Finanzamt heute nicht eine wesentliche Rolle spielt. Da setzen wir politische Entscheidungen als Exekutive um und fragen uns manchmal, was sind die Hintergründe, aber sind nicht so sehr im Entwicklungsprozess. 

Und natürlich im Finanzamt braucht man diese überörtliche Ebene nicht, man guckt stark auf seine eigene Einheit und die Menschen, die dort arbeiten. Aber natürlich aus der Zeit in der Oberfinanzseaktion nimmt man ganz viel mit, um zu verstehen, wie laufen Prozesse ab, welche Menschen kann man auch zu Prozessen mal kontaktieren, wie funktioniert so eine Behörde und warum kriege ich manchmal eine bestimmte Anweisung, eine bestimmte Vorgabe und die ich dann umsetze, woher kommt das? Ich verstehe also viel besser das Verwaltungshandeln im Ganzen.


Wie sieht der Karrierepfad für Juristen in der Finanzverwaltung NRW aus?

Magdalena Oehl: Du hast ja eigentlich drei verschiedene Stationen durchlaufen, wenn man so will. Kannst du noch mal was dazu sagen, wie diese Stufen letztlich aufeinander aufgebaut sind oder in deinem Fall aufeinander aufgebaut waren und auch wie der Wechsel dann innerhalb dieser Station stattgefunden hat? 

Michael Müller: Ja, da kann ich gerne was zu erzählen. Beginnen tut man mit diesem Einweisungsjahr. Das ist für alle gleich und das ist dann quasi das Fundament, mit dem alle starten. Und dann gibt es bei uns in der Verwaltung hier ein Personalentwicklungskonzept. Also ein Papier, was uns allen sagt, was für Stationen kann ich als Juristin, Jurist durchlaufen und welche sollte ich vielleicht davon durchlaufen, um mich für bestimmte Aufgaben zu qualifizieren. Und das, was aber nach dem Einweisungsjahr für alle erstmal kommt, ist der sogenannte Ersteinsatz. Und das ist in der Regel Tätigkeit als Führungskraft, als Sachgebietsleiter oder Sachgebietsleiterin in einem Festsetzungsfinanzamt. 

Und da lernt man erstmal die Tätigkeit in einem Amt und die Tätigkeit in dieser Führungsrolle kennen. Und bei mir war es dann so, dass ich so nach circa zwei Jahren mich beworben habe. 

Aufstellen in der Oberfinanzdirektion, die werden ausgeschrieben und ich habe mich beworben und dann bin ich da auch genommen worden und in die Oberfinanzdirektion gewechselt und habe das sechs Jahre gemacht. Und man führt regelmäßige Personalentwicklungsgespräche mit seinem Vorgesetzten, überlegt also immer mal wieder, wie kann es für einen selber mit den eigenen Stärken und den eigenen Entwicklungsfeldern weitergehen, wie kann man sich daran weiterentwickeln und dann stand, und das entsprach auch diesem Personalentwicklungskonzept irgendwann einen Wechsel wieder in ein Festsetzungsamt an, dann aber nicht mehr als Sachgebietsleiter, sondern schon als Teil der Dienststellenleitung, also des Teams, das wiederum das Finanzamt leitet. 

Und das ist die Funktion, die ich dann heute innehabe, dass ich bei uns im Haus der Vertreter meiner Vorgesetzten, der Dienststellenleiterin bin und mit ihr und einem Team um sie herum zusammen diese Dienststelle dann leiten darf. 


Wie wird man Referatsleiter oder Dienststellenleiter im Finanzamt?

Magdalena Oehl: Und in dieser Position gibt es ja eigentlich zwei Kernaufgaben. Also zum einen natürlich deine fachliche Aufgabe als Jurist und dann aber auch Personalführung, oder? Warum ist in deinen Augen das Interesse am Menschen deswegen so wichtig? 

Michael Müller: Das ist ein Thema, was einen so über die Jahre in den verschiedenen Funktionen, die man hat, immer wieder begleitet, dass man sich fragt, wie viel Fach braucht es hier, wie viel Personalführung braucht es hier. Und das ist jetzt, wenn man in einem Finanzamt arbeitet und bei uns im Finanzamt sind jetzt fast 300 Menschen, die dort arbeiten, dann ist das einfach schon aufgrund der Anzahl der Menschen, die dort tätig sind, erforderlich, dass das der Schwerpunkt der eigenen Arbeit ist, dass ich Prozesse organisiere, dass ich Entwicklungen ermögliche und organisiere und dass man halt das klassische Personalgeschäft betreibt. 

Und das steht mit der Zeit als Jurist, Juristin hier immer mehr im Fokus, wenn man immer mehr Aufgaben übernimmt, die eine große Verantwortung haben. Und deswegen ist das mit den Jahren der Kern der Tätigkeit. Und das juristische, das fachliche Arbeiten, ist dann die Basis dafür, dass ich mich im Arbeitsrecht, im Beamtenrecht, vielleicht auch mal im Vergaberecht, aber halt auch im Kern immer wieder im Steuerrecht auskenne. Aber die Führung entwickelt sich quasi als der immer steigendere Teil weiter. Und für die Führung ist es in meinen Augen völlig unerlässlich, dass ich Interesse am Menschen habe. Nur so kann ich aufrichtig und authentisch führen. 

Und nur so bin ich auch eine gute Führungskraft, die auf Dauer diesen Job machen kann. Also auch auf Dauer gesund bleibt. Das ist ja ganz wichtig in dieser Funktion, dass man nach den Menschen schaut, aber auch nach sich selber. Und ich glaube, wenn ich auf Dauer gesund und erfolgreich in dem Job arbeiten will, dann brauche ich Interesse am Menschen. Das funktioniert sonst nicht. 

Magdalena Oehl: Du befindest dich ja aktuell auch in diesem Leadership Programm. Kannst du dazu noch ein bisschen mehr sagen? 

Michael Müller: Ja, also das ist das Verfahren, was die Verwaltung hier entwickelt hat, um Menschen, die nach dem Personalentwicklungskonzept verschiedene Stationen durchlaufen haben und die sich dafür interessieren, dann Positionen einzunehmen, die dann als sogenannte Spitzenführungspositionen benannt sind. Das ist in der Referatsleitung zum Beispiel, in der Oberfinanzdirektion oder die Dienststellenleitung in dem Finanzamt. Diese Menschen werden auf dem Weg zu diesem Job nochmal besonders begleitet. Auf dieses Leadership Programm kann man sich bewerben und wenn man sich dafür beworben hat, wird man in das Verfahren aufgenommen und durchläuft dann ein zweijähriges Verfahren, was einen dabei unterstützen soll, durch Fremd - und Selbstreflektion, sich weiterzuentwickeln. Und diese Weiterentwicklung zielt natürlich dann auf die besondere Aufgabe, die man übernehmen soll. Also man wird dabei unterstützt sich sehr gut auf diese Aufgabe vorzubereiten, dass man die Hauptverantwortung für eine große Einheit in der Verwaltung übernimmt.

Magdalena Oehl: Jetzt haben viele junge Juristen ja durchaus auch Respekt vor der Aufgabe, plötzlich Chef von, ja ich sag mal, 15 bis 20 erfahrenen Sachbearbeitern zu sein. Welchen Rat würdest du neuen Kollegen geben, um sich die Akzeptanz und auch das Vertrauen vor allem von einem eingespielten Team zu erarbeiten? 

Michael Müller: Also ich glaube, es ist ganz wichtig, dass man sehr offen und sehr ehrlich an diesen Prozess herangeht. Also offen im Hinblick auf die Menschen, mit denen man zusammenarbeitet, dass man die einlädt, mit einer Vertrauensbasis zu begründen und auf der dann aufzubauen, aber halt auch, dass man nicht den Eindruck hat, ich starte da jetzt vielleicht als junger Mensch und muss schon alles besser können als die. Das ist der völlig falsche Ansatz. Man bringt nicht die Fähigkeit mit zum, ich nenne das jetzt mal zugespitzt, Obersachbearbeiter, sondern die Fähigkeit als Führungskraft. Also, dass man organisiert, dass man strukturiert, dass man den Menschen zuhört und dann auch erkennt, wann man handeln soll. Und ich glaube, man kann hier als Juristin, Jurist, ja, die Menschen auf ganz eigenen Gebieten unterstützen. Und wenn man das zeigt und wenn man da auch ein echtes Interesse, eine Lust dran hat, dann merken die Menschen das und dann lassen die einen auch sehr offen mit einem Zusammenarbeiten. Und dann begründen sich da auch echt spannende und vielfältige Arbeitsbeziehungen raus. 

Also, das muss man mitbringen. Offenheit, Ehrlichkeit und selber zu erkennen, was ist jetzt meine Rolle hier. Ich muss nicht der bessere Steuerrechtler zwangsläufig sein, sondern ich kriege aus meinem juristischen und aus meinem menschlichen Bereich, bringe ich hoffentlich einiges mit, um mit den Menschen erfolgreich zu arbeiten. 

Magdalena Oehl: Hast du so das ein oder andere Learning aus deiner eigenen Führungsreise, bei dem du vielleicht sagst, okay, das hätte ich am Anfang nicht so gedacht, aber da bin ich dann auch so reingewachsen? 

Michael Müller: Ja, also ich glaube, da gibt es so einige Bereiche, also zum Beispiel das Thema Vorträge halten. Das ist, glaube ich, was, wenn man hier so neu in eine Verwaltung kommt, in der ja in Summe über 30.000 Menschen arbeiten, da sieht man sich selber nicht als Vortragender. Und dann wurde mir schon im ersten Jahr die Möglichkeit gegeben, mal so einen Vortrag zu halten im Finanzamt, sondern dann habe ich gemerkt und auch gespiegelt bekommen, boah, das macht mir richtig Spaß. Und das mache ich seitdem unglaublich gerne, habe ich auch in verschiedenen Kontexten schon machen dürfen. Und das war so was, das hatte ich, glaube ich, zum Beispiel jetzt gar nicht so erwartet. 

Magdalena Oehl: Ist das dann was, wo man aber auch eine gewisse Eigenmotivation braucht, um sich dann, ich sage jetzt mal in deinem Fall, Vortragsfähigkeiten, Skills anzueignen? Also ist das dann auch was, wo erwartet wird, dass man sich damit dann einfach auseinandersetzt, um darin besser zu werden oder wird man da sehr stark an der Hand genommen? 

Michael Müller: Also ich würde sagen beides. Das Thema Personalentwicklung ist hier wie wahrscheinlich in vielen anderen Bereichen ein Thema, was nicht jemand anderes in der Hand hat, sondern im Kern hat man das selber in der Hand. Man selber sollte sich dazu Gedanken machen, man selber sollte sich reflektieren und fragen, wo möchte ich hin, wie kann ich mich dahin entwickeln? Und ich glaube, wenn man aber diese Schwelle der Selbstreflektion überschritten hat und in der Regel mit seinen eigenen Führungskräften dazu auch im Austausch ist. 

Dann hat man wiederum vielfältige Möglichkeiten, um sich weiterzuentwickeln, indem man konkrete Aufgaben übernimmt, indem man aber auch Fortbildungen besucht, indem man vielleicht auch sich einen Mentor, Mentorin sucht, die einen unterstützen und immer wieder weiterentwickeln. Also deswegen der Mix. Ich selber muss schon den Impuls starten, aber dann bekomme ich auch viele Hilfsmittel an die Hand gestellt, um mich weiterzuentwickeln und ich würde sagen, die Finanzverwaltung insgesamt und gerade die Nordrhein -Westfalen ist im Bereich Fortbildung für Führungskräfte ganz hervorragend aufgestellt. 

Magdalena Oehl: Du hast gerade schon das Mentoren suchen oder Mentorinnen suchen erwähnt. Hast du da vielleicht noch den einen oder anderen Tipp dazu, wie du das in der Finanzverwaltung angegangen bist, einfach proaktiv jemanden ansprechen oder ergibt sich das automatisch? Muss man da eher warten, dass jemand auf einen zukommt oder sollte man hier eher selbst aktiv werden? 

Michael Müller: Also es ist so, man ist von Anfang an immer Teil einer Mentorenbeziehung. Schon im Einweisungsjahr gibt es immer eine Juristin, einen Juristen oder in der Regel Juristinnen und Juristen, der in der Behörde schon länger sitzt, der erfahrener ist und der einen dann durch dieses erste Jahr führt. 

Ich mache das jetzt zum Beispiel auch für junge Kolleginnen und Kollegen, die bei uns im Finanzamt wiederum neu als Juristinnen und Juristen beginnen. Also da hat man schon eine feste Mentorenbeziehung und auch in den Jahren danach hat man in der Regel einen Vorgesetzten, der es auch als eine seiner Hauptaufgaben ansieht, die Menschen, die mit ihm zusammenzuarbeiten, weiterzuentwickeln. Also das wird er nicht immer formal als Mentor bezeichnet, aber in der Regel sind die Führungskräfte hier auch echt interessiert daran einen weiterzuentwickeln. Und insofern brauchen wir da gar nicht so aktiv nach suchen, die sind meistens schon da. Aber man hat natürlich auch die Möglichkeit, auch auf andere Menschen zuzugehen und sich mal ein Feedback abzuholen und die zu fragen. Was hast du noch für Ideen für mich? Weil man hier, ja, sehr generationengemischt arbeitet. Man hat hier Menschen, die schon lange dabei sind, auch als Führungskräfte, die natürlich einen ganz ganz großen Erfahrungsschatz mitbringen. 


Wie vereinbar sind Kinder und Führungsposition im Finanzamt?

Magdalena Oehl: Du hast schon erwähnt, du hast mittlerweile drei Kinder und bist eben als Fußballtrainer aktiv. Glaubst du, dass dieses Lebensmodell als Anwalt in einer spezialisierten Kanzlei zum Beispiel für dich auch so möglich gewesen wäre? 

Michael Müller: Also nach meinen Eindrücken aus verschiedenen Blickwinkeln glaube ich das ganz klar nicht. Das Modell natürlich eine Familie zu haben, geht da genauso, aber dann auch noch 

Die Sicherheit und die Zeit zu haben, dann auch noch Dinge darüber hinaus zu machen und auch wirklich viel mit den eigenen Kindern mitzuerleben. Ich glaube, nach meiner Erfahrung wäre das nicht möglich gewesen im Großkanzlei -Kontext und da bin ich heute sehr dankbar für, dass ich die Möglichkeit habe. 

Magdalena Oehl: Du hast auch den Sinn der Arbeit schon angesprochen. Neudeutsch wird das immer der Sagen umbobende Purpose, der auch in vielen Kanzleien ja immer wieder in Frage gestellt wird. Aber gab es denn für dich ein Projekt oder eine Begegnung, bei der dir besonders klar wurde, genau deswegen mache ich eben diesen Job und bin nicht in der freien Wirtschaft? 

Michael Müller: Ja, also das erste ist, wenn man da so auf Begegnung schaut, die tägliche Begegnung mit meinen Kindern und dass ich sie sehe und wirklich an ihrem Alltag teilnehme, das ist das eine, was für mich so ein bisschen so eine prägende Begegnung ist. Und wenn ich auf den Zweck der Arbeit gucke, dann kann ich das jetzt nicht an einem Ereignis festmachen. Aber es ist die tägliche Begegnung mit Menschen, die sehr aufrichtig das Recht anwenden und das sehr ernst nehmen und sich sehr viele Gedanken dazu machen und das sehr gleichmäßig und entsprechend der Gesetze tun. Das ist etwas, was mich immer wieder begeistert und wo ich auch erkenne, okay, wir machen das hier wirklich für eine große Gemeinschaftsaufgabe für das Gemeinwesen und das ist sehr viel wert. 

Magdalena Oehl: Wenn jetzt jemand zuhören würde und sich unsicher ist, ob das das Richtige für ihn sein könnte, was würdest du denn sagen ist das wichtigste Talent, das man mitbringen sollte, um in der Finanzverwaltung langfristig glücklich zu werden? 

Michael Müller: Also ich glaube, wirklich die Fähigkeit auf Menschen zuzugehen, um mit Menschen zu kommunizieren und zu kooperieren, das sollte man mitbringen. Das ist das, was einem am allermeisten hilft. Man sollte aber auch eine Lust daran mitbringen, im Team zu arbeiten, weil das hier wirklich im absoluten überwiegenden Teil keine Einzeltätigkeit ist, sondern eine Mannschaftsarbeit. Und man sollte auch Lust daran mitbringen, dass sich die Rahmenbedingungen für einen selber immer wieder ändern. Ich bin jetzt elf Jahre dabei, bin hier in meiner vierten Station und bin mir auch bewusst, in den nächsten zwei bis drei Jahren wird schon wieder eine neue Station kommen und diese Veränderungsbereitschaft mitzubringen, die ist glaube ich auch ganz entscheidend. 

Magdalena Oehl: Ich glaube, das ist ein sehr schönes Abschlusswort. Ich bin mir sehr sicher, dass du dem einen oder anderen Lust gemacht hast, sich das Thema mal genauer anzuschauen. Und da wir auch über den Bewerbungsprozess gesprochen haben, steht dem eigentlich nichts mehr im Wege. Also vielen Dank, Michael, dass du heute hier warst. 

Michael Müller: Ja, ich habe zu danken und danke für das sehr angenehme Interview. 

Magdalena Oehl: Vielen Dank an dich. 


Laura Hörner-author-avatar-image
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Laura Hörner
Kulturwirtschaft Uni Passau

Als freie Autorin schreibt Laura Hörner bei TalentRocket über Themen rund um die juristische Karriere. Besonders interessiert sie sich dabei für die vielfältigen Karrierewege, die Jurist:innen offenstehen.