Magdalena Oehl: Und in dieser Position gibt es ja eigentlich zwei Kernaufgaben. Also zum einen natürlich deine fachliche Aufgabe als Jurist und dann aber auch Personalführung, oder? Warum ist in deinen Augen das Interesse am Menschen deswegen so wichtig?
Michael Müller: Das ist ein Thema, was einen so über die Jahre in den verschiedenen Funktionen, die man hat, immer wieder begleitet, dass man sich fragt, wie viel Fach braucht es hier, wie viel Personalführung braucht es hier. Und das ist jetzt, wenn man in einem Finanzamt arbeitet und bei uns im Finanzamt sind jetzt fast 300 Menschen, die dort arbeiten, dann ist das einfach schon aufgrund der Anzahl der Menschen, die dort tätig sind, erforderlich, dass das der Schwerpunkt der eigenen Arbeit ist, dass ich Prozesse organisiere, dass ich Entwicklungen ermögliche und organisiere und dass man halt das klassische Personalgeschäft betreibt.
Und das steht mit der Zeit als Jurist, Juristin hier immer mehr im Fokus, wenn man immer mehr Aufgaben übernimmt, die eine große Verantwortung haben. Und deswegen ist das mit den Jahren der Kern der Tätigkeit. Und das juristische, das fachliche Arbeiten, ist dann die Basis dafür, dass ich mich im Arbeitsrecht, im Beamtenrecht, vielleicht auch mal im Vergaberecht, aber halt auch im Kern immer wieder im Steuerrecht auskenne. Aber die Führung entwickelt sich quasi als der immer steigendere Teil weiter. Und für die Führung ist es in meinen Augen völlig unerlässlich, dass ich Interesse am Menschen habe. Nur so kann ich aufrichtig und authentisch führen.
Und nur so bin ich auch eine gute Führungskraft, die auf Dauer diesen Job machen kann. Also auch auf Dauer gesund bleibt. Das ist ja ganz wichtig in dieser Funktion, dass man nach den Menschen schaut, aber auch nach sich selber. Und ich glaube, wenn ich auf Dauer gesund und erfolgreich in dem Job arbeiten will, dann brauche ich Interesse am Menschen. Das funktioniert sonst nicht.
Magdalena Oehl: Du befindest dich ja aktuell auch in diesem Leadership Programm. Kannst du dazu noch ein bisschen mehr sagen?
Michael Müller: Ja, also das ist das Verfahren, was die Verwaltung hier entwickelt hat, um Menschen, die nach dem Personalentwicklungskonzept verschiedene Stationen durchlaufen haben und die sich dafür interessieren, dann Positionen einzunehmen, die dann als sogenannte Spitzenführungspositionen benannt sind. Das ist in der Referatsleitung zum Beispiel, in der Oberfinanzdirektion oder die Dienststellenleitung in dem Finanzamt. Diese Menschen werden auf dem Weg zu diesem Job nochmal besonders begleitet. Auf dieses Leadership Programm kann man sich bewerben und wenn man sich dafür beworben hat, wird man in das Verfahren aufgenommen und durchläuft dann ein zweijähriges Verfahren, was einen dabei unterstützen soll, durch Fremd - und Selbstreflektion, sich weiterzuentwickeln. Und diese Weiterentwicklung zielt natürlich dann auf die besondere Aufgabe, die man übernehmen soll. Also man wird dabei unterstützt sich sehr gut auf diese Aufgabe vorzubereiten, dass man die Hauptverantwortung für eine große Einheit in der Verwaltung übernimmt.
Magdalena Oehl: Jetzt haben viele junge Juristen ja durchaus auch Respekt vor der Aufgabe, plötzlich Chef von, ja ich sag mal, 15 bis 20 erfahrenen Sachbearbeitern zu sein. Welchen Rat würdest du neuen Kollegen geben, um sich die Akzeptanz und auch das Vertrauen vor allem von einem eingespielten Team zu erarbeiten?
Michael Müller: Also ich glaube, es ist ganz wichtig, dass man sehr offen und sehr ehrlich an diesen Prozess herangeht. Also offen im Hinblick auf die Menschen, mit denen man zusammenarbeitet, dass man die einlädt, mit einer Vertrauensbasis zu begründen und auf der dann aufzubauen, aber halt auch, dass man nicht den Eindruck hat, ich starte da jetzt vielleicht als junger Mensch und muss schon alles besser können als die. Das ist der völlig falsche Ansatz. Man bringt nicht die Fähigkeit mit zum, ich nenne das jetzt mal zugespitzt, Obersachbearbeiter, sondern die Fähigkeit als Führungskraft. Also, dass man organisiert, dass man strukturiert, dass man den Menschen zuhört und dann auch erkennt, wann man handeln soll. Und ich glaube, man kann hier als Juristin, Jurist, ja, die Menschen auf ganz eigenen Gebieten unterstützen. Und wenn man das zeigt und wenn man da auch ein echtes Interesse, eine Lust dran hat, dann merken die Menschen das und dann lassen die einen auch sehr offen mit einem Zusammenarbeiten. Und dann begründen sich da auch echt spannende und vielfältige Arbeitsbeziehungen raus.
Also, das muss man mitbringen. Offenheit, Ehrlichkeit und selber zu erkennen, was ist jetzt meine Rolle hier. Ich muss nicht der bessere Steuerrechtler zwangsläufig sein, sondern ich kriege aus meinem juristischen und aus meinem menschlichen Bereich, bringe ich hoffentlich einiges mit, um mit den Menschen erfolgreich zu arbeiten.
Magdalena Oehl: Hast du so das ein oder andere Learning aus deiner eigenen Führungsreise, bei dem du vielleicht sagst, okay, das hätte ich am Anfang nicht so gedacht, aber da bin ich dann auch so reingewachsen?
Michael Müller: Ja, also ich glaube, da gibt es so einige Bereiche, also zum Beispiel das Thema Vorträge halten. Das ist, glaube ich, was, wenn man hier so neu in eine Verwaltung kommt, in der ja in Summe über 30.000 Menschen arbeiten, da sieht man sich selber nicht als Vortragender. Und dann wurde mir schon im ersten Jahr die Möglichkeit gegeben, mal so einen Vortrag zu halten im Finanzamt, sondern dann habe ich gemerkt und auch gespiegelt bekommen, boah, das macht mir richtig Spaß. Und das mache ich seitdem unglaublich gerne, habe ich auch in verschiedenen Kontexten schon machen dürfen. Und das war so was, das hatte ich, glaube ich, zum Beispiel jetzt gar nicht so erwartet.
Magdalena Oehl: Ist das dann was, wo man aber auch eine gewisse Eigenmotivation braucht, um sich dann, ich sage jetzt mal in deinem Fall, Vortragsfähigkeiten, Skills anzueignen? Also ist das dann auch was, wo erwartet wird, dass man sich damit dann einfach auseinandersetzt, um darin besser zu werden oder wird man da sehr stark an der Hand genommen?
Michael Müller: Also ich würde sagen beides. Das Thema Personalentwicklung ist hier wie wahrscheinlich in vielen anderen Bereichen ein Thema, was nicht jemand anderes in der Hand hat, sondern im Kern hat man das selber in der Hand. Man selber sollte sich dazu Gedanken machen, man selber sollte sich reflektieren und fragen, wo möchte ich hin, wie kann ich mich dahin entwickeln? Und ich glaube, wenn man aber diese Schwelle der Selbstreflektion überschritten hat und in der Regel mit seinen eigenen Führungskräften dazu auch im Austausch ist.
Dann hat man wiederum vielfältige Möglichkeiten, um sich weiterzuentwickeln, indem man konkrete Aufgaben übernimmt, indem man aber auch Fortbildungen besucht, indem man vielleicht auch sich einen Mentor, Mentorin sucht, die einen unterstützen und immer wieder weiterentwickeln. Also deswegen der Mix. Ich selber muss schon den Impuls starten, aber dann bekomme ich auch viele Hilfsmittel an die Hand gestellt, um mich weiterzuentwickeln und ich würde sagen, die Finanzverwaltung insgesamt und gerade die Nordrhein -Westfalen ist im Bereich Fortbildung für Führungskräfte ganz hervorragend aufgestellt.
Magdalena Oehl: Du hast gerade schon das Mentoren suchen oder Mentorinnen suchen erwähnt. Hast du da vielleicht noch den einen oder anderen Tipp dazu, wie du das in der Finanzverwaltung angegangen bist, einfach proaktiv jemanden ansprechen oder ergibt sich das automatisch? Muss man da eher warten, dass jemand auf einen zukommt oder sollte man hier eher selbst aktiv werden?
Michael Müller: Also es ist so, man ist von Anfang an immer Teil einer Mentorenbeziehung. Schon im Einweisungsjahr gibt es immer eine Juristin, einen Juristen oder in der Regel Juristinnen und Juristen, der in der Behörde schon länger sitzt, der erfahrener ist und der einen dann durch dieses erste Jahr führt.
Ich mache das jetzt zum Beispiel auch für junge Kolleginnen und Kollegen, die bei uns im Finanzamt wiederum neu als Juristinnen und Juristen beginnen. Also da hat man schon eine feste Mentorenbeziehung und auch in den Jahren danach hat man in der Regel einen Vorgesetzten, der es auch als eine seiner Hauptaufgaben ansieht, die Menschen, die mit ihm zusammenzuarbeiten, weiterzuentwickeln. Also das wird er nicht immer formal als Mentor bezeichnet, aber in der Regel sind die Führungskräfte hier auch echt interessiert daran einen weiterzuentwickeln. Und insofern brauchen wir da gar nicht so aktiv nach suchen, die sind meistens schon da. Aber man hat natürlich auch die Möglichkeit, auch auf andere Menschen zuzugehen und sich mal ein Feedback abzuholen und die zu fragen. Was hast du noch für Ideen für mich? Weil man hier, ja, sehr generationengemischt arbeitet. Man hat hier Menschen, die schon lange dabei sind, auch als Führungskräfte, die natürlich einen ganz ganz großen Erfahrungsschatz mitbringen.