Magdalena: Hast du dann auch ein Ritual gehabt während des Exams? Also auch wenn dann, du hast deinen Platz eingenommen, die Klausuren wurden verteilt und so weiter. Also wie sah der Tag bei dir aus, oder die Tage?
Ron: Ein richtiges Ritual hatte ich gar nicht mal so sehr. Für mich war der schlimmste Moment immer quasi diese Unwissenheit, bis der Sachverhalt auf dem Tisch lag. Also man kommt in den Raum rein, man sitzt am Tisch und wartet, dass es endlich losgeht. Und dann werden die Blätter ausgeteilt. Dieser Moment, bis man umdreht und dann sieht, was auf dem Sachverhalt steht, was in der Klausur vorkommt. Das war dann immer für mich so ein bisschen die Feuerprobe, dieses Abwarten, dieser Moment, wo ich regelmäßig gedacht habe, ich werde verrückt, ich werde wahnsinnig. Aber sobald es dann losgegangen ist, bin ich quasi ein bisschen wie in meiner eigenen Welt versunken. Ich habe mich mit dem Fall beschäftigt. Ich wusste fünf Stunden ab jetzt, jetzt ist es nur dieser Fall und das, was ich weiß, was in dem Gesetz steht und womit ich arbeiten muss. Und habe mich dann wirklich voll und ganz darauf konzentriert. Habe ich alles andere um mich herum ausgeblendet und mich dann wirklich voll und ganz darauf gestürzt, habe das probiert zu bearbeiten, so gut wie es geht. Und wenn ich was nicht wusste oder wenn eine unbekannte Norm drin ist, mein Gott, dann habe ich halt mit den Methoden, die ich hatte, probiert, etwas zu entwickeln. Also in einer Klausur, das war eine Zivilrechtsklausur zum Beispiel, da war der Schwerpunkt dann die Vorgesellschaft und dann entsprechend GmbH-Recht und all solche Sachen. Und ich muss dazu sagen, mit Gesellschaftsrecht habe ich mich niemals so dezidiert auseinandergesetzt. Im ersten Moment war es natürlich: Oh Mann, was soll das, wie gehe ich an sowas ran? Aber am Ende habe ich die Klausur trotzdem ganz gut gemeistert, nämlich genau damit, dass ich aus dem Gesetz entwickelt habe und genau auf diese normalen Grundlagen – was braucht man, dass eine Gesellschaft entsteht, wie ist damit umzugehen, handelt es sich um eine Personengesellschaft, liegt eine Voraussetzung für eine GmbH-Gründung bereits vor – all diese Sachen einfach sauber und ordentlich dargestellt habe und bin so zu einem guten Ergebnis gekommen. Und das hat mir dann, glaube ich, den Rückhalt gegeben, mich nicht verrückt zu machen während der Klausur.
Magdalena: Und diese fünf Stunden, wie waren die für dich, wie hast du das empfunden? Kamst du mit den fünf Stunden immer gut klar?
Ron: Ich glaube, ich war da sehr, sehr privilegiert in der Hinsicht. Also es gab kaum eine Klausur, wo ich nicht früher fertig war. Teilweise hatte ich gut eine Stunde noch Zeit, um da nochmal durchzugucken oder durch die Arbeit zu schauen. Das liegt vor allem daran, ich schreibe relativ schnell und ich verbringe nicht viel Zeit mit Lösungs-Skizzen. Ich weiß, es ist ja immer so ein berühmter Spruch, man sollte die Arbeit erst mal komplett durchdacht haben, bevor man anfängt wirklich niederzuschreiben. Das war bei mir leider nicht so, denn ich habe klassischerweise wirklich immer, wenn ich mir eine Lösungs-Skizze geschrieben habe, am Ende ein ganz anderes Ergebnis rausbekommen. Also ich bin so ein Mensch, ich denke beim Schreiben und dann kommt mir noch mal ein Einfall oder sonst eine Kehrtwendung und am Ende ist das, was auf meiner Klausur im Gutachten steht, dann etwas ganz anderes als das, was in meiner Lösungs-Skizze stand. Deshalb waren meine Lösungs-Skizzen meistens eine Sache von 10, 15, vielleicht 20 Minuten, wo ich mir dann wirklich nur so die wesentlichsten Punkte, Probleme, Normen, die ich prüfen möchte, aufgeschrieben habe und dann ging es direkt ans Schreiben. Das hat mich dann natürlich damit nach vorn gebracht, dass ich relativ schnell ins Schreiben gekommen bin, dann alles runtergeschrieben habe. Gut, manchmal musste ich dann noch durch entsprechende Nachträge oder so auf Zusatzseiten dann vielleicht noch mal einen späteren Gedanken mit reinbringen, aber da habe ich nicht so viel Zeit verloren, in Anführungszeichen, als wenn ich erstmal zwei Stunden mit der Lösungskizze verbracht hätte. Das war so ein Punkt, der mich sehr schnell vorangebracht hat und eben auch dieses viele Trainieren aus dem Klausuren schreiben – wirklich immer mit genau dem gleichen Füller habe ich das dann auch gemacht, dass ich genau weiß, mit diesem kann ich schreiben, das funktioniert, so komme ich voran und deshalb war die Klausur und das eigentliche Ausformulieren immer eine relativ entspannte Sache für mich zum Schreiben. Es ist anstrengend natürlich, es geht auf die Hand, aber es war zeitlich für mich zumindest sehr gut machbar.
Magdalena: Was würdest du den Studierenden raten, die mit dem Gedanken spielen, das Examen abzubrechen, weil ihnen der Druck zu groß wird?
Ron: Das ist natürlich eine schwierige Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss. Grundsätzlich heißt es natürlich, die Gesundheit und die Psyche sollten natürlich in gewisser Weise Priorität haben. Denn es bringt nichts, wenn ich am Ende zwar irgendwie durchs Examen durchgekommen bin, aber so ausgebrannt bin, dass ich eigentlich nicht mehr auf die Berufswelt losgelassen werden kann. Man muss wahrscheinlich die Balance finden. Mir hat geholfen, ich wusste, es ist ein eng begrenzter Zeitraum, es wird wieder besser und es kommen auch andere Zeiten in Sicht. Aber wenn ich merke, dass es gar nicht mehr vorangeht, dann wäre vielleicht die Möglichkeit zu bedenken, dass man nur den Bachelor, soweit er integriert ist, im Studium macht. Und dann mit einem Master in einem anderen Feld noch mal probiert weiterzugehen, dass man sein Studium quasi in eine andere Richtung legt. Und das ist vielleicht auch eine Frage, die sich gerade stellt: Möchte ich in einen von diesen klassischen juristischen Berufen oder zieht es mich ohnehin in eine andere Richtung? Mir steht am Ende die Welt offen. Ich habe ja allein durch dieses Studium schon viel über diese Methodik gelernt, an Probleme heranzugehen, zu systematisieren, mich auszudrücken, zu formulieren und das kann man ja in ganz, ganz vielen verschiedenen Feldern gebrauchen. Deshalb kann ich mir auch sehr gut vorstellen, dass man das Staatsexamen gar nicht mehr braucht, sondern wenn man da mit Bachelor und Mastern im anderen Feld irgendwo anders hingeht, einen interdisziplinären Ansatz hat, der vielleicht sogar einen viel, viel schöneren Weg bildet und mit dem man dann wesentlich glücklicher wird.
Magdalena: Mit diesem Examsergebnis, das du erzielt hast, steht einem ja tatsächlich die Welt offen. Wie war das denn? Wie viele potenzielle Arbeitgeber sind schon auf dich zugekommen und haben versucht, dir eine Karriere bei ihnen schmackhaft zu machen?
Ron: Es ist natürlich am Anfang sehr überfordernd. Ich meinte ja schon, ich habe nicht mit solchen Ergebnissen gerechnet und schon gar nicht mit so einem riesigen Wirbel dann ringsherum. Es gab da ein paar Angebote, aber ich habe relativ viel relativ schnell abgelehnt, weil für mich mein Weg erstmal schon feststand oder auch feststeht. Ich wollte, bevor es weitergeht irgendwie in juristischen Berufen – man weiß, das zweite Staatsexamen steht natürlich noch an –, und ich wollte davor auch noch einen Doktor machen und genau das ist, womit ich mich gerade beschäftigt. Ich promoviere gerade in Potsdam an der Universität und wollte dann auch an der Universität bleiben als akademischer Mitarbeiter. Das konnte ich jetzt tun, jetzt bin ich da tätig, und dann quasi an der Uni erhalten bleiben, quasi parallel die Seite zu wechseln, und jetzt in der Lehre, aber auch in der Forschung nochmal ein paar Eindrücke sammeln, mich dann wirklich dezidiert mit Themen auseinanderzusetzen, für die im Studium vielleicht nicht so viel Zeit war, und die perspektive zu wechseln, die man dann quasi aus der Lehrenden-Sicht auf das Studium hat.
Magdalena: Du hast jetzt seit kurzem auch eigene Lehrveranstaltungen. Was würdest du denn sagen, ist der größte Unterschied zwischen Lernen und Lehren?
Ron: Also ich habe dieses Jahr zwei Arbeitsgemeinschaften im Strafrecht zu den Vermögensdelikten im vierten Semester. Das sind immer wieder spannende Erfahrungen, vor allem auch, weil man es nicht planen kann. Ich bemühe mich zwar natürlich, die Veranstaltung bestmöglich vorzubereiten und auf alles gewappnet zu sein, aber man muss dazu sagen, man wird immer wieder überrascht von den Studierenden und ihren Ideen und Vorschlägen. Manchmal ist es dann so ein Zeitding, dass ich denke, okay, die Stelle ist relativ schnell abgearbeitet und am Ende diskutiert man dann doch eine längere Zeit. Manchmal sind es dann Stellen, die man für problematisch hält, die dann in einem Zug abgearbeitet sind oder wo direkt der richtige Gedanke oder die richtige Lösung kommt, wo man denkt, hier hätte ich eigentlich mehr Zeit eingeplant zum Hinführen oder zum Entwickeln. Und das ist halt dieses einerseits spannende, aber auch ein bisschen lästige, diese unvorhersehbare Veranstaltung, aber es macht trotzdem immer unglaublich viel Spaß, gemeinsam diese Fälle zu entwickeln, gemeinsam vielleicht auf neue Gedanken zu kommen oder aus dem Stegreif heraus dann irgendwelche Fragen beantworten zu müssen, über die man sich vielleicht noch nie so richtig selber Gedanken gemacht hat. Und es macht schon unglaublich viel Spaß, diesen Weg dann zu sehen und ich habe vor allem gemerkt, die Lehrperspektive ist doch anstrengender als die Studieperspektive, selbst wenn man mitdenkt und mitarbeitet. Man steht dann trotzdem in einem ganz anderen Licht, wenn man vorne, vor der versammelten Mannschaft steht, vor 40, 50 Leuten, im Gegensatz zu wenn man da auf seinem Platz sitzt und quasi für sich mitdenkt und nicht so im Rampenlicht steht. Und bei mir wird das noch mal verstärkt, glaube ich, dadurch, dass meine beiden Arbeitsgemeinschaften direkt hintereinander stattfinden. Also ich habe eine ungünstige Zeit erwischt, ich beginne um 8 und meine letzte Arbeitsgemeinschaft endet dann um 12. So dass ich 4 Stunden hintereinander dann quasi nochmal mache und das macht es natürlich nochmal anstrengender, aber gleichzeitig auch schöner zu sehen, wie unterschiedlich verschiedene Studiengruppen sein können.
Magdalena: Großkanzleien hast du in deinen Karriereplänen bisher nicht erwähnt, warum eigentlich?
Ron: Ich sehe mich da irgendwie nicht so richtig, also es ist ja natürlich jedem die eigene Entscheidung. Aber für mich kamen Großkanzleien bisher nie so richtig in Betracht, weil ich mir halt irgendwie denke, der Einfluss oder dieser Zweck des Ganzen, der ist da ja gar nicht so groß. Am Ende in der Großkanzlei habe ich einen 80- bis 120-Stunden-Tag – nicht Tag, Woche. 120-Stunden-Tag, das wäre auch eine neue Erfindung. Man hat einen extrem hohen Arbeitsaufwand und ich glaube, dass da wenig Zeit für sich selbst, für sein Privatleben, für andere Dinge bleibt. Und ich habe mich immer halt so gesehen: Ich möchte irgendwie auch der Gesellschaft irgendwas zurückgeben und wir haben in der Justiz einen großen Bedarf, wir brauchen Richter, wir brauchen Staatsanwälte, wir brauchen engagierte Juristinnen und Juristen in der deutschen Verwaltung und ich sehe mich irgendwie eher so auf dieser Lehrperspektive. Ich hab Spaß, wie vorhin schon gesagt, daran, Wissen weiterzugeben. Ich hab das immer total gern gemacht. Gemeinsam entwickeln, gemeinsam Probleme lösen oder dann entsprechend Wissen weiterzugeben. Und das kann ich, glaube ich, an der Uni am besten umsetzen und da dann mit dem, was ich gerne mache und wo ich glaube, dass ich auch mittlerweile relativ gut geworden bin, dann auch wirklich weitergeben, anstatt dann in einer Kanzlei immer nur mit einem einzigen Fall oder mit mehreren Fällen, aber auf einen engen, beschränkten Personenkreis beschränkt zu bleiben.
Magdalena: Also ganz klar die Professur als Ziel, aber alle Optionen offen. Das heißt, was müsste passieren, dass du dich vielleicht doch noch gegen die akademische Karriere entscheidest?
Ron: Man weiß es nie. Also erstmal akademische Bereiche sind ja immer auch so ein bisschen unvorhersehbar. Man weiß nie, kommt irgendwann un Ruf, kommt er nicht oder wie sind die Optionen? Und vor allem, das steht für mich auch fest, ich will definitiv auch das zweite Staatsexamen machen. Dort kriegt man erst diesen richtigen Einblick in die Praxis, indem man in die verschiedenen Stationen geht und da dann entwickelt und kennenlernt. Und wer weiß, vielleicht zeigt es sich ja dann, dass irgendwas von diesen Sachen doch noch mal mehr zu mir passt oder dass ich da merke, dass ich mich hier doch wohler fühle und dann kann es ja immer noch einen anderen Weg gehen.
Magdalena: Vielen, vielen Dank, Ron, dass du deinen Weg mit uns geteilt hast. Ich glaube, es war heute besonders wertvoll von einer Person, die so gut durchs System gekommen ist, trotzdem mal zu hören, was man besser machen könnte, um für viele andere Studierende den Weg eben zu ebnen und vor allem auch den Weg dann in die Berufswelt vielleicht ein bisschen einfacher zu machen. Also herzlichen Dank an dich.
Ron: Sehr, sehr gerne. Und wie gesagt, es ist immer schön, diesen Weg zu teilen und vor allem auch im Hinterkopf zu behalten: Man muss nicht immer mit allerbesten Ergebnissen herausgehen. Man muss nicht top abschließen. Und was auch immer wichtig ist – so wie es aktuell läuft, kann es vielleicht nicht weitergehen. Dementsprechend hat man vielleicht noch Hoffnung, dass es sich doch noch ein bisschen in die richtige Richtung entwickelt.
Magdalena: Eine Frage noch zum Schluss. Kann man deinen Weg eigentlich irgendwo weiterverfolgen? Du hast am Anfang Instagram erwähnt, da kam der Stein ja erst ins Rollen. Bist du da selbst aktiv?
Ron: Ich bin ein wenig aktiv. Nach meinem Examen und nach diesem Medienrummel habe ich ziemlich viele Anfragen bekommen, ob ich meinen Weg nicht teilen könnte. Momentan probiere ich meine Examstipps und Strategien auf meinem Instagram-Account regelmäßig zu teilen. Dort findet man vielleicht immer so ein bisschen Auszüge oder Ausflüge aus meinem Weg, meinem aktuellen akademischen Leben und dem, was ansonsten so ansteht.
Magdalena: Perfekt. Den Link packen wir auf jeden Fall in die Show Notes und freuen uns dann zu sehen, was als nächstes geschieht. Vielen Dank.