Juristin und Journalistin Sarah Tacke im New Lawyers Podcast

Verfasst von Laura Hörner|Veröffentlicht am 13.09.2023

Wie kommt man vom Jurastudium in den Journalismus?

Die Juristin und Journalistin im New Lawyers Podcast mit Alisha Andert

Juristin, Journalistin, Fernsehmoderatorin des Wirtschaftsmagazins WiSo und Leiterin der Redaktion Recht und Justiz beim ZDF: Sarah Tackes Lebenslauf kann sich sehen lassen. Warum dabei neben viel Arbeit und Talent auch Glück eine Rolle spielte, wie ihr der Fall Christian Wulff eine einmalige Chance verschaffte und warum sie sich für ihre Karriere im Journalismus für ein Jurastudium entschieden hat, erzählt sie in dieser Folge des New Lawyers Podcasts mit Alisha Andert.

Sarah Tacke beschreibt sich selbst als Beobachterin – eine Eigenschaft, die sich auch in ihrer journalistischen Arbeit widerspiegelt. Denn statt Haltungsjournalismus zu machen, legt sie Wert darauf, Erkenntnisjournalismus zu betreiben. „Ich sehe meine Aufgabe vor allem darin, Dinge zu verstehen, um sie dann vermitteln zu können.“ Ihre persönliche Meinung und Gefühle sieht sie dabei nicht als relevant an.

Schon bevor sie ihr Jurastudium begann, wollte Tacke Journalistin werden. Ihr gefiel die Vorstellung, fürs Fernsehen und Zeitung lesen bezahlt zu werden, ungeniert Fragen stellen zu dürfen sowie die Möglichkeit, Missstände aufzudecken. Und auch wenn ihre Vorstellung von dem Beruf rückblickend etwas naiv war, spiegelt sie im Kern doch ein wenig ihre Arbeitswirklichkeit wider.

Ob klassischer oder alternativer Karriereweg...

Im New Lawyers Podcast lernst du die unterschiedlichsten Jurist:innen kennen:

Lieber fachlicher Hintergrund als Journalismusstudium

Bis sie beim ZDF ankam, war es jedoch noch ein weiter Weg. Ein Journalismusstudium kam für Tacke nicht infrage. Ihrer Meinung nach ist Journalismus ein Handwerk – nichts, was an die Uni gehört. Stattdessen sei es wichtiger, einen fachlichen Hintergrund zu erwerben. Gerade Jura sei für Nicht-Jurist:innen nur schwer zu verstehen.

Ich sehe meine Aufgabe vor allem darin, Dinge zu verstehen, um sie dann vermitteln zu können.
- Sarah Tacke

Das Jurastudium machte Tacke Spaß, kurz kam sie sogar in die Versuchung, bei Jura zu bleiben und Anwältin oder Richterin zu werden. In der mündlichen Prüfung im Ersten Staatsexamen fragte sie ein Professor, ob sie nicht ihre Doktorarbeit bei ihm schreiben möchte. Nachdem sie sich zunächst nicht besonders dafür interessierte, sprang sie dann als Co-Autorin für einen Kommentar zum Medienrecht ein – woraus die Idee für ihre Doktorarbeit entstand.

Während ihrer Promotion bewarb sie sich dann beim NDR für das Volontariat, wurde aber schon vor dem Assessment Center aussortiert. Hier kam schließlich der Zufall ins Spiel. Weil andere Kandidat:innen absagten, wurde sie doch noch eingeladen und konnte im Bewerbungsprozess überzeugen. Die klassische Juristenlaufbahn legte Tacke damit erst einmal auf Eis.

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Es gibt zu wenige Jurist:innen im Journalismus

Als Juristin im Journalismus genießt Tacke das Privileg, eine von viel zu wenigen zu sein. Auch ältere oder männliche Kollegen wandten sich deshalb schon zu Beginn ihrer Karriere an sie, wenn es um juristische Themen ging. So kam es schließlich auch dazu, dass sie die Berichterstattung im Fall Christian Wulff für den NDR und die ARD übernahm – ein Fall, der sie zuerst gar nicht wirklich interessierte, weil sie nicht erwartet hatte, dass er eine strafrechtliche Relevanz haben könnte. Bekanntlich kam es dann doch anders. Tacke wurde zur Expertin im Fall Wulff und erhielt am Tag vor dem Urteil eine Einladung zur Talkshow Anne Will.

Durch ihren Auftritt wurde Peter Frey, Chefredakteur des ZDF, auf sie aufmerksam und machte ihr ein Jobangebot. Tacke nahm an und arbeitet seitdem bei dem Sender, wo sie heute als Journalistin, Moderatorin und Leiterin der Redaktion für Recht und Justiz tätig ist. Sie moderiert ihr eigenes Magazin WiSo sowie Sondersendungen, dreht aber auch Dokumentationen. Ihren Job beschreibt sie als unfassbar vielfältig und kreativ: Bei jeder neuen Aufgabe müsse sie die Themen wieder neu verstehen, die richtigen kreativen Mittel wählen und letztendlich auch dem Anspruch des Senders gerecht werden.

Jurist:innen, die sich für eine Karriere im Journalismus interessieren, rät sie zu einer Station im Referendariat – vielleicht sogar beim ZDF. Auf diese Weise könnten sie einen guten Einblick in die Arbeit erhalten und herausfinden, ob der Job das Richtige für sie ist.

 

Dich interessiert, ob es für Jurist:innen im Journalismus auch Jobs hinter der Kamera gibt? Oder du möchtest mehr über Sarah Tackes Arbeitsalltag erfahren? Dann hör doch mal rein in diese Folge des New Lawyers Podcasts!

Die Themen dieser Folge im Überblick:

 

  • Icebreaker-Frage: Was war dein hartnäckigster Ohrwurm?
  • Wie bist du im Journalismus gelandet?
  • Was fasziniert dich am Journalismus?
  • Wäre eine politische Karriere etwas für dich?
  • Warum hast du Jura studiert?
  • Warum sollte es mehr Jurist:innen im Journalismus geben?
  • Wie sah dein Karriereweg aus?
  • Der Fall Christian Wulff
  • Was machst du als Journalistin beim ZDF?
  • Gibt es Dinge, die für dich heute immer noch aufregend sind?
  • Welche Möglichkeiten gibt es für Jurist:innen auch hinter der Kamera?
  • Was würdest du interessierten Jurist:innen empfehlen?

Hier findest du das komplette Trankskript der Folge mit Sarah Tacke

Intro & Icebreaker

 

Alisha Andert: Sarah Tacke ist Juristin, Journalistin und Fernsehmoderatorin beim ZDF. Dort leitet sie die Redaktion zu Recht und Justiz und moderiert unter anderem das Wirtschaftsmagazin WISO. Wie sie ihren Weg von Jura zum Journalismus gefunden hat, welche Rolle der Fall Christian Wulf für ihre Karriere gespielt hat und warum es aus ihrer Sicht noch mehr Juristinnen und Juristen im Journalismus braucht, das werden wir heute besprechen. Schön, dass du da bist und herzlich willkommen, Sarah Tacke. 

Sarah Tacke: Dankeschön, freue mich sehr, vielen Dank für die Einladung.

Alisha: Du kriegst, so wie alle Gäste, auch eine Icebreaker-Frage am Anfang gestellt und die lautet diesmal - musikinspiriert nämlich - erinnerst du dich noch an deinen hartnäckigsten Ohrwurm?

Sarah: Oha. Ist das ehrlich gesagt ein bisschen peinlich, weil es zum einen verrät, wie alt ich bin und was für schlechte Musik ich gehört habe. Es ist nämlich Saturday Night von Whigfield, das war so irgendwie frühe 90er.

Alisha: 90er, ich wollte gerade sagen, ich erinnere mich, glaube ich, doch noch ganz gut.

Sarah: Was mich daran erinnert, dass ich letztes Jahr auf dem Geburtstag einer Freundin die eine 90er-Jahre-Party - Motto -Party - gefeiert hat, 44. Geburtstag. Das Lustige war aber, dass wir uns alle brav verkleidet haben, so in Erinnerung an die 90er Jahre. Nebenan hat ein Mädel ihren 18. gefeiert und die sahen einfach genauso aus. Das ist so krass… Ich hätte echt gedacht, die 90er sind sowas von verboten. Aber aktuell sind wir sehr aktuell. Also von daher wird vielleicht auch irgendwo Saturday Night in Whigfield wieder gehört. 

Alisha: Mit Sicherheit. Und ich kann das tatsächlich um die eigene 90er-Party-Anekdote ergänzen. Ich habe sogar schon in diesem Podcast davon berichtet. Wir haben zu unserer Einweihungsfeier nämlich eine 90er-Party geschmissen, das ist noch gar nicht so lange her. Und da auch eine Musik-Playlist kuratiert, deswegen kenne ich auch die ganzen Songs noch ganz gut davon und hatten exakt die gleiche Feststellung. Also wir waren dann bei Urban Outfitters und haben festgestellt, okay, die ganzen Sachen, die wir dachten, dass wir die jetzt vielleicht irgendwo im Secondhand-Laden für 3 Euro kaufen, können wir auch für 80 Euro bei Urban Outfitters kaufen. Ja, also von daher, das kommt alles wieder zurück. Dein schlechter Musikgeschmack ist heute ein guter Musikgeschmack. Okay, und damit wollen wir direkt mal in dein Leben zurückschauen, nicht ganz in die 90er vielleicht. Wir wollen ja nicht jetzt zu sehr verraten, wie lange bestimmte Dinge her sind. Nein, ich glaube ganz lange ist es nicht her. Du hast tatsächlich Jura studiert, aber du bist ja heute Journalistin und du hattest mir schon im Vorgespräch erzählt, du bist aber jetzt nicht ganz zufällig im Journalismus gelandet, denn Jura, Journalismus - vielleicht gar nicht so nah... was hat dich denn am Journalismus damals fasziniert und was fasziniert dich heute am Journalismus? 


Beweggründe für den Journalismus als Juristin

 

Sarah: Ich hatte damals die Vorstellung, dass ich quasi bezahlt Fernsehen gucken kann, Zeitung lesen kann, alle Fragen stellen kann, so völlig ungeniert. Ich war schon immer extrem neugierig. Und auch die Macht habe, das, was ich falsch finde oder wo ich denke, da ist ein Missstand, dass ich dem dann eine Bühne geben kann. Also dieses auf Missstände aufmerksam machen. Und ehrlich gesagt, auch wenn das damals irgendwie so eine naive Vorstellung war, ist schon ein bisschen so. Also informiert sein, ja, dafür, auch dafür werde ich bezahlt, zu recherchieren. Und es gibt einem wirklich die Macht und die Möglichkeit, überall jederzeit anzurufen und auch Menschen zu erreichen, die man sonst nicht erreicht, Einblicke zu bekommen, die man sonst nicht bekommt. Und ich habe schon oft die große Bühne -Heute -Journal zum Beispiel, da haben wir 5 Millionen Zuschauer, oder auch mal in Langformat, in Form einer Dokumentation genutzt, um auf Missstände aufmerksam zu machen, wach zu rütteln, anzuklagen und damit auf Veränderungen anzustoßen. Das ist nicht jeden Tag und nicht immer, aber diese romantische Vorstellung ist schon auch ein bisschen Jobrealität.

Alisha: Es klingt ja fast so, als ob du auch hättest in die Politik gehen können.

Sarah: Ja, aber nein. Habe ich nie angestrebt, ich war immer eher eine Beobachterin, auch schon damals. Also ich habe auch da als Kind natürlich Einblicke bekommen, die man nicht immer hat und fand auch da nicht spannend mitzumischen, sondern zu gucken.

Alisha: Und warum hast du dann nicht Journalismus oder etwas sehr ähnliches studiert, sondern bist bei Jura gelandet?

Sarah: Weil ich - Gott sei Dank, würde ich jetzt rückblickend sagen - gesehen habe, dass Journalismus eigentlich ein Handwerk ist. Also man lernt, gut zu recherchieren, macht ein Interviewseminar, zu schreiben, Dramaturgie, aber das ist mehr... das ist ein Handwerk, das ist nichts theoretisches und das klassische Journalismusstudium, würde ich sagen, führt einen gar nicht unbedingt in den Journalismus, je nachdem, wie es aufgebaut ist. Für mich ist Journalismus nichts theoretisches, sondern was praktisches. Da kann man lernen, wie man einen Kommentar macht und so, aber das ist für mich eigentlich nichts, was an die Uni gehört. Und bei Jura war ich irgendwie gespannt. Ich wusste gar nicht so, also wirklich bis zum ersten Tag Jura-Studium, wusste ich gar nicht, dass es Strafrecht, Öff-Recht und Zivilrecht gibt. Also ich war sehr weit davon entfernt, zu erahnen, was da auf mich zukommt. 

Alisha: Ich finde, das weiß man aber jetzt auch nicht...

Sarah: Ja, vielleicht bevor man da auf der Uni aufschlägt schon, aber ja, also ich war wirklich sehr weit davon entfernt. Und ich war ehrlich gesagt sogar... wir hatten damals an der Uni Göttingen mit der Schule so einen Berufsfindungstag und da habe ich mir Jura auch angeschaut und da haben die mir eine NJW in die Hand gedrückt und gesagt, wenn du das liest und spannend findest, dann ist Jura das Richtige. Und ich habe es gelesen und ich fand's halt 0,0 spannend und hab trotzdem Jura studiert. 

Alisha: Okay, das kann ich auch ein bisschen verstehen, ohne da jetzt etwaige Chefredakteure angreifen zu wollen für die NJW. Aber das ist jetzt vielleicht nicht das, was man ganz am Anfang sehr spannend findet. Nee, absolut gar nicht. Ich fand's ganz spannend, was du mir auch im Vorfeld schon mal erzählt hast, den Gedanken, dass man tatsächlich eher vielleicht aus Fachbereichen kommen sollte und dann in den Journalismus geht. Weil man sich dann auch bei bestimmten Themen auskennt. Warum muss es aus deiner Sicht gerade mehr Juristinnen und Juristen auch im Journalismus geben?

Sarah: Ich plädiere da wirklich stark für, weil Journalismus, wie man es dann am Ende aufbereitet, und auch da gibt es ja viele Autodidakten, die einfach sich mal versuchen, irgendwie selber aufzunehmen mit dem Handy und dann sehr erfolgreich werden. Aber die große Hürde, die man nehmen muss, ist, Inhalt zu haben. Also ich werbe natürlich für Jura immer, aber auch Wirtschaftswissenschaften, also VWL, BWL, Physik, Chemie, also egal welche Fachrichtung, einen fachlichen Hintergrund zu haben, weil nur was ich verstanden habe, kann ich auch erklären. Und ich bin ein großer Fan des Erkenntnisjournalismus, also ich sehe meine Aufgabe vor allem darin, Dinge zu verstehen, um sie dann vermitteln zu können. Und ich würde sagen, Jura und alles drum herum ist nur sehr schwer zu verstehen, wenn man nicht selber Jurist ist.

Alisha: Und Erkenntnisjournalismus im Gegensatz zu was?

Sarah: Haltungsjournalismus, das ist ja auch immer eine große Frage, die bei uns so diskutiert wird, theoretisch. Ich bin kein Fan des Haltungsjournalismus, weil was ich finde oder fühle, hat eigentlich keine Relevanz und ich würde das auch nicht so weit heben. Ich sehe meine Aufgabe darin, Berichte zu machen, durch die am Ende Menschen, die keine Juristen sind oder auch Juristen, weil man sich ja da auch nicht in jedem Bereich immer bis in die Tiefe befassen kann, was mitnehmen können. Also ich versuche immer so kleine Goodie-Bags zu packen, also kleine Erkenntnisse zu verpacken, mit denen man dann auch nach Hause geht oder durchs Jahr geht oder Freunden was erzählen kann. Und was ich jetzt von irgendwas halte oder finde oder fühle... ich spreche auch mal einen Kommentar, aber auch den dann irgendwie auf Fakten begründet. Ich bin auch einfach niemand, ich habe nicht schnell eine Meinung. Ich brauche sehr lange, bevor ich zu irgendwas eine Meinung habe. Da muss ich erstmal viel Erkenntnis gewonnen haben, bevor ich sage, die Sache ist klar und klar gibt es sowieso selten. 


Persönlicher Werdegang

 

Alisha: Wie sah denn dein Weg persönlich ganz konkret aus eigentlich? Also du hast ein Staatsexamen gemacht, dein erstes Staatsexamen gemacht. Und wie ging es dann weiter? 

Sarah: Genau, ich habe mein erstes Staatsexamen gemacht, das war ein großer Schritt.

Alisha: Das ist ein sehr, sehr großer Schritt.

Sarah: ...und habe da auch alles reingegeben und da in der mündlichen Prüfung hatte mich ein Professor angesprochen, also einer, der mich geprüft hat und gefragt, ob ich nicht eine Doktorarbeit schreiben will und irgendwie wissenschaftliche Mitarbeiterin bei ihm werden will. Wollte ich so spontan nicht und dann hatte er aber die Idee... er hat einen neuen Kommentar herausgegeben, Hamburger Kommentar zum gesamten Medienrecht. Und da war ein Autor zum Rundfunkstaatsvertrag ausgefallen. Hatte ich mich vorher jetzt in der Tiefe auch noch nicht mitbefasst, aber ich habe gedacht, das ist eine der Dinge, wo ich dann auch direkt Ja gesagt habe und so bin ich dann unverhofft Autorin dieses Kommentars geworden, also Co-Autorin Mit-Autorin, also ich habe die Konzentrationskontrolle im Rundfunkstaatsvertrag kommentiert und darüber ist dann die Idee zu meiner Doktorarbeit entstanden und die habe ich dann geschrieben und mich währenddessen fürs Volontariat beworben, weil ich dieses Ziel, Journalistin zu werden, nicht aus den Augen verloren habe. Ich habe auch neben dem Studium geschrieben und mich beim Radio ausprobiert und habe aber den Fehler gemacht, mich nur beim NDR zu bewerben. Also kann ich allen sagen, die Journalistin werden zu wollen, bewerbt euch großflächig, weil die Chancen sind gering. Und wurde auch beim NDR schon nach der Papierform aussortiert. Also die haben mich noch nicht mal ins Assessment Center eingeladen. Und beim NDR ist es so, da darf man, zumindest war es damals so, ich weiß jetzt nicht, wie es aktuell ist, durfte man sich nur einmal bewerben. Das heißt, damit war ich eigentlich raus...

Alisha: Das ist ja strenger als das Staatsexamen.

Sarah: Genau, da fällt man nur einmal durch. Und dann haben sie aber zwei Tage, bevor dieses Assessment Center gestartet ist, angerufen und haben gesagt, "Frau Tacke, da haben irgendwie zwei, drei Leute abgesagt, Sie könnten jetzt doch ins Assessment Center gehen". Und ich war natürlich null vorbereitet, aber auch da einfach wieder springen. Ich meine, verloren hatte ich vorher schon, also kann nur besser werden. Und habe dann tatsächlich dieses Assessment Center, ich würde sagen, überstanden, bestanden, weil es auch mit Allgemeinwissenstest und allem verbunden war... also Glück gehabt. Und habe dann tatsächlich dieses Volontariat beim NDR bekommen, wo ich eigentlich schon in der ersten Runde aussortiert war. So geht es halt manchmal.

Alisha: Also manchmal muss man auch ein bisschen Glück haben.

Sarah: Absolut, absolut. Also nicht nur ein bisschen. Also ich würde schon sagen, Glück und Pech ja entscheiden so Lebenswege auch, ne?

Alisha: Also das heißt aber, du hast auch irgendwie davor dann nochmal mit dem Gedanken gespielt, hm, vielleicht mache ich doch Jura, aber dann Medienrecht, was ja schon nahe liegt. Und dann kam doch nochmal so der Schritt über das Volo beim NDR.

Sarah: Ja, also ich hatte dann gedacht, wenn ich das Volo bekomme, dann mache ich das auch, um zu sehen, ist das wirklich meins. Und habe mir aber offen gehalten, danach wieder zurückzugehen, weil ich mich, ehrlich gesagt, ich bin schon mit Hirn und Herz Juristin auch. Also ich habe schon echt gerne Jura studiert und hätte mir auch vorstellen können, irgendwie Presse-Richterin zu werden oder Medienrechtsanwältin oder, oder, oder. Also jetzt nicht, dass ich da schon die ganz klare Vorstellung gehabt hätte, aber das war so eine Heimat, in die ich auch mir vorstellen konnte, zurückzukehren.


Der Fall Christian Wulff

 

Alisha: Jetzt müssen wir mal auf einen Fall zu sprechen kommen. Und zwar der Fall Christian Wulff. Sicherlich werden sich die meisten ja noch daran erinnern, was damals los war. Bundespräsident, dann gab es ein paar unschöne Schlagzeilen. Du kannst das natürlich viel besser berichten, denn du warst da sehr, sehr nah dran an dem Fall. Und der Fall hat tatsächlich etwas auch für deine Karriere getan. Magst du vielleicht mal erzählen, was vorgefallen ist und was das mit deiner Karriere zu tun hat?

Sarah: Ja, ich würde sagen, mein großer Vorteil im Journalismus ist, dass ich Juristin bin und eben eine von viel zu wenigen. Also alle Medienhäuser, würde ich sagen, könnten mehr Juristen im Journalismus vertragen. Aber für mich war das natürlich immer komfortabel, weil obwohl ich Jung und Frau war da nach dem Volo, sobald es irgendwie juristisch wurde, haben sich auch die ältesten Kollegen respektvoll zu mir umgedreht.

Alisha: Und auch die Männer?

Sarah: Ja, alle blicken auf mich und mit der Frage, sie wird es schon wissen. Und irgendwas kann man natürlich immer sagen, so ein bisschen Judiz hat man ja, ist ja geschult worden. So ein paar Grundsätze findet man immer. Und der Fall Christian Wulf hat mich am Anfang gar nicht angesprochen. Ich habe gedacht, der soll doch da in einem Haus wohnen, wie er will. Und also ich habe gar nicht gedacht, dass das irgendwie auch eine juristische strafrechtliche Relevanz bekommen könnte. Und irgendwann trat aber die Figur David Groenewold auf die Bühne und dann habe ich mal angefangen, so ein bisschen zu subsumieren, so anhand der Vorwürfe. Und ich habe gedacht, hm, das kann doch was Ernsthafteres sein. Und habe mich dann da wirklich tief eingearbeitet, habe versucht, alles zu lesen, mit allen Beteiligten zu sprechen und habe dann für den NDR, für die ARD, die Berichterstattung in dem Fall gemacht. Und am Tag vor dem Urteil rief die Anne Will-Redaktion an und hat gefragt, ob ich am Abend in die Sendung kommen kann. Und das ist auch wieder so eine Situation, wo mir das Herz in die Hose gerutscht ist und ich das aber natürlich nicht zeigen wollte und gesagt habe, ja wann müsste ich denn da wo, wann, wie sein? Und muss ich aber sagen, bis heute - das rechne ich auch die Redaktion hoch an, weil ich war jetzt, war vorher noch nie zu Gast in irgendeiner Talkshow - Ich wusste nicht, ob ich da scheitere. Ich wusste nur, wenn dann auf großer Bühne und die Redaktion wusste ja auch nicht, ob ich da scheitere. Also die haben da auch echt Vertrauen oder mir auch was ermöglicht. Und meine Sorge war, ich wusste inhaltlich macht mir da keiner was vor. Ich kannte diesen Fall, würde ich sagen, so gut wie nur wenige. Aber kommt man vielleicht zu zickig oder zu jung oder zu leichtgewichtig rüber oder auch hält die Stimme, ne? Also kommt man wirklich durch, sitzt man da.

Alisha: Ach, interessant, dass das dann so die Themen sind, über die du dir da Gedanken machst in dem Moment.

Sarah: Ja, wie wirkst du in so einer Runde? Also das ist, nee, also war ich mir nicht sicher. Ich wusste nicht, ob es gut ausgeht. Also das war ein Wagnis. Und ich bin aber auch da froh, dass ich gesprungen bin und die Chance angenommen habe, weil unter den vielen Zuschauer E-Mails, die ich am Tag darauf hatte, und das muss ich auch sagen, wirklich wertschätzend auch von Kollegen, auch von Richtern aus der Justiz. Und eine war von Peter Frey, Chefredakteur des ZDF, der da geschrieben hat, dass ihm meine Berichterstattung aufgefallen ist und er hat ein Jobangebot. Und dann haben wir uns getroffen. Und so bin ich von der ARD zum ZDF gewechselt.

Alisha: Und da bist du noch immer.

Sarah: Ja. Und sehr glücklich.


Aufgaben im ZDF-Tagesgeschäft und Chancen für Juristen

 

Alisha: Ja, dann schauen wir uns doch genau das jetzt mal an. Wie kann man sich denn deinen Job vorstellen beim ZDF? Also ich habe jetzt gesagt, Journalistin, Fernsehmoderatorin, du hast ein Magazin, was du auch moderierst. Du leitest die Recht- und Justizredaktion. Was fällt denn da alles so drunter? Was macht man da?

Sarah: Ja, das ist das Großartige. Der Job ist einfach unfassbar vielfältig. Also genauso wie es sich anhört, ist es auch. Ich darf hier Sendungen moderieren, Wirtschaftssendungen, auch aktuelle Sendungen, wenn wir Breaking News haben. Also ZDF-Spezialsendungen, Sondersendungen vom Verfassungsgericht. Habe jetzt gerade eine Dokumentation abgedreht für den 1. Mai zum Thema Fachkräftemangel. Bin da durch ganz Deutschland gereist auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, wo sind denn alle hin?

Alisha: Hast du sie schon gefunden? Kannst du das berichten?

Sarah: Ja, zusammenfassend kann ich sagen, es gibt nicht den einen Grund, wieso die Leute fehlen, und es gibt nicht den einen Ort, an dem sie hin sind. Aber wir haben Antworten gefunden, auch gezeigt, was man als Unternehmer tun kann, damit man gute Mitarbeiter bekommt. Wir haben auch gezeigt, wo Politik drehen muss, damit wir mehr Fachkräfte oder Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben. Es gibt verschiedene Antworten, kann die Dokumentation sehr empfehlen, am Puls Deutschlands.

Alisha: Der Podcast kommt auch erst nach der Dokumentation raus, wenn es lange genug bei der Mediathek ist.

Sarah: ZDF Mediathek kann ich sowieso empfehlen, lohnt sich wirklich. Nein, also meine ich ganz ernst. Weil man da, wie bei Netflix oder Amazon Prime, sowohl Unterhaltung als auch Dokumentation, also wirklich gut gemachte Sachen jederzeit finden kann. Und ich hoffe auch, dass die Doku am Ende in der Mediathek ein Erfolg wird. Aber zu meinem Job, er ist halt extremst vielfältig, wir hatten jetzt gestern die Präsidentin des Bundesgerichtshofs für einen Hintergrundtermin hier im ZDF, solche Gespräche, ja, also ich habe, ich bekomme Einblicke von, vor zwei Wochen habe ich mit einem Jugendlichen für die Doku in Berlin gedreht, der jetzt irgendwie fünf Jahre nach dem Hauptschulabschluss immer noch oder gerade in der Ausbildung kommt und habe mit dem versucht herauszufinden, woran das liegt, dass so viele Jugendliche nach der Schule nicht durchstarten mit einer Ausbildung oder Jobben oder Studium oder oder oder. Das heißt, mein Job ist extrem vielfältig und "den Tag", also sowas geregeltes, klares Festes gibt es bei mir nicht, würde ich sagen. 

Alisha: Du hast ja gerade berichtet, wie aufgeregt du warst, als du das erste Mal bei Anne Will saßst. Gibt es Dinge, die für dich heute immer noch aufregend sind und was sind Dinge, die einfach zur Routine werden?

Sarah: Ja, so eine Grundanspannung habe ich immer und auch so einen Grundrespekt, weil der Job am Ende auch ein kreativer ist. Und nur weil ich irgendwie fünfmal einen guten Beitrag fürs Heute Journal gemacht habe, heißt das nicht, dass der sechste auch gut ist. Also es ist jedes Mal wieder die Herausforderung, die Themen, über die ich berichte, so zu verstehen, dass ich sie erklären kann, dann kreative Mittel zu wählen, um sie auch einem breiten Publikum irgendwie schmackhaft zu machen, sodass sie auch hängen bleiben und am Ende damit dann meinem Anspruch, auch dem Anspruch des Senders und der Sendung gerecht zu werden. Ich habe vor jeder Aufgabe aufrichtigen Respekt. Und gerade wenn ich abends in unseren Hauptnachrichten-Sendungen, also in der 19 Uhr Heute oder im Heute Journal stehe, da habe ich nur begrenzt Zeit, das ist immer live, da darf man sich gedanklich auch nicht verlieren. Also es ist schon immer wieder eine konzentrierte Anspannung, mit der ich da stehe und arbeite und ich fühle auch die Verantwortung, die da mit einhergeht.

Alisha: Es stehen ja bei euch nicht alle Leute vor der Kamera, also auch wenn ich jetzt als Juristin zum ZDF gehen wollen würde, in die Redaktion. Was gibt es denn noch für Möglichkeiten bei euch, wenn man jetzt vielleicht sich auch gerade vor der Kamera nicht so wohlfühlt?

Sarah: Genau, also bei uns kann man vor die Kamera, niemand muss, ne? Ich habe hier auch im Team Kollegen, die vor allem Beiträge machen, also wenn man Spaß hat am Storytelling, auch daran neue Formate auszuprobieren auch an der rein klassisch inhaltlichen Arbeit aktuelle Themen zu durchdringen. Also was man mitbringen muss, ist ein Interesse, Themen, juristische Themen im weitesten Sinne - irgendwie ist ja am Ende alles Jura - zu verstehen, zu durchdringen und in allgemein verständliche Worte und Formen zu packen, sodass es viele verstehen und davon Nutzwert haben. Und das geht wirklich von "richtig scheiden lassen", "richtig sterben". Also alles rund um Verbraucher, Familie, aber eben auch Haftbefehl gegen Putin, Völkerrecht, also die ganze Bandbreite. Und wir haben natürlich im Team auch Kolleginnen und Kollegen, die diese ganzen ein VW-Abgasklagen zum Beispiel kennen. Also wenn man damit mal angefangen hat, dann ist man da auch verhaftet. Also wer so ein Thema lange begleitet, zieht das auch durch, aber dann muss man auch die Bereitschaft haben, immer wieder sich neu einzulassen, weil die spannenden Rechtsfragen, die wir im ZDF klären, sind natürlich oft die, die gerade erst passieren. Also ankleben, Fridays for Future, alles. Also alles, was in Bewegung ist, ist natürlich von höchstem aktuellem Interesse. 

Alisha: Jetzt waren ja bei dir einige der Schritte ganz klar geplant. Also du hast Jura studiert, um in den Journalismus zu gehen. Dann war hier und da doch mal ein bisschen der Zufall am Werk, oder es hat in die Karten gespielt, dass jemand beim NDR Assessment Center rausgegangen ist und du nochmal nachrücken konntest. Was würdest du denn anderen interessierten Juristinnen und Juristen empfehlen, die mit den Gedanken spielen, in den Journalismus zu gehen? Was wäre vielleicht so ein Trick oder gibt es etwas, wo man ansetzen sollte, wo man sich immer gut hinbewerben kann, was der erste Schritt sein kann?

Sarah: Also ganz klar bei uns, ne? Nein wirklich, wir bieten sowohl während des Studiums Praktika an, aber vor allem auch für Referendare kann man bei uns drei Monate Station machen. Und ich sag das wirklich voller Überzeugung, weil man hier in den drei Monaten wirklich herausfindet, ist das mein Ding oder nicht? Und das kann man natürlich auch bei Zeitungen machen oder anderen Sendern machen. Aber diese Station im Referendariat zu nutzen, um herauszufinden, ob das was für einen ist oder nicht, ist, glaube ich, der einfachste Weg. Und natürlich kann man vorher schon neben der Schule, neben dem Studium sich ausprobieren. Aktuell sind natürlich alle ganz heiß auf junge Gesichter, die schon irgendwie auf TikTok ihr Jurastudium vermarkten und die ersten Tipps geben und sich ausprobieren und da eine Zielgruppe auch ansprechen, die ich jetzt im linearen Fernsehen nicht erreiche. Also das heißt, Plattform suchen, ausprobieren, das braucht natürlich Zeit oder aber wirklich klassisch zu einem etablierten Medium kommen und ein Praktikum oder eine Station machen.


Outro

 

Alisha: Also erstmal vielen, vielen Dank für die Tipps. Die kommen natürlich für mich jetzt viel zu spät.

Sarah: Würde ich nicht sagen. Absolut nicht. Wirklich nicht.

Alisha: Nein nein, ich habe nicht vor, in den Journalismus zu wechseln. Das Thema hatten wir ja schon. Aber ich glaube, einige interessiert es tatsächlich sehr und es ist natürlich auch extrem spannend, was du berichtest aus der Redaktion vom ZDF. Und dieses Gespräch ist jetzt hier schon am Ende angekommen, sehr kurzweilig gewesen. Ich bedanke mich bei dir für die Einblicke in das Fernsehleben und was man dort alles mit einem Examen auch machen kann. Schön, dass du da warst. 

Sarah: Danke dir, hat sehr viel Spaß gemacht. Wie immer, gefühlt haben wir gerade erst angefangen zu sprechen, aber zackzarapp, schon vorbei. Danke dir.


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Laura Hörner
Kulturwirtschaft Uni Passau

Als freie Autorin schreibt Laura Hörner bei TalentRocket über Themen rund um die juristische Karriere. Besonders interessiert sie sich dabei für die vielfältigen Karrierewege, die Jurist:innen offenstehen.