Magdalena Oehl: Jetzt gehörst du zu den wenigen Kindern, die schon mit sechs Jahren einen Computer auseinandergebaut haben. Wie passt denn eigentlich dieser technische Hintergrund noch zu unserer juristischen Ausbildung? Also das, was du gerade machst, erfordert einen technischen Hintergrund. Was müsste sich ändern, damit man das stärker miteinander verbinden kann?
Dennis-Kenji Kipker: Also das ist eine sehr gute Frage, und wir sehen vielfach, dass die juristische Ausbildung, die ja seit Jahrzehnten klassischerweise dieselbe geblieben ist, an ihre Grenzen kommt. Weil, also beim Datenschutzrecht, da geht das noch, weil da viel juristisch bewertet werden muss. Also was ist ein gesetzlicher Erlaubnistatbestand? Was ist eine Einwilligung? Wie müssen Betroffenenrechte geltend gemacht werden? Das ist sehr juristisch an der Stelle. Beim Cybersecurity-Recht, da geht es beispielsweise darum, dass ein Unternehmen verpflichtet ist, bestimmte Sicherheitsmaßnahmen umzusetzen. Aber da muss ich natürlich auch als Jurist bewerten können: Was ist denn jetzt eigentlich der Stand der Technik? Und nur wenn ich den einhalte, kann am Ende nicht gesagt werden, ich habe fahrlässig gehandelt und falle möglicherweise in eine Haftung rein als Unternehmen. Die Verantwortlichkeit und das sind Fragestellungen, die sind hochtechnisch an der Stelle, und das hat erst mal relativ wenig mit Juristerei zu tun. Und man sieht es halt mittlerweile auch, dass sich viele Anwälte da auch schwertun, diesen Spagat zwischen juristischer Compliance und der Auslegung von eigentlich technischen Vorschriften hinzubekommen. Es gibt mittlerweile auch Möglichkeiten, Fortbildungen zu machen und so weiter. Aber das ist natürlich immer on top der juristischen Ausbildung. Und da muss ich leider auch irgendwo konstatieren, dass die juristische Ausbildung meiner Meinung nach nicht mehr den aktuellen Marktgegebenheiten genügt. Also gerade im Bereich Cyber-Sicherheit ist das ganz klar feststellbar, weil da auch deutlich ist, dass nicht jeder Jurist – ich verwende jetzt bewusst diesen offenen Begriff Jurist – am Ende auch als Anwalt oder Richter tätig wird oder dementsprechend auch eine Zulassung haben will, sondern vielfach eben beispielsweise auch in IT-Abteilungen von Unternehmen am Ende tätig ist und dann dabei unterstützen muss an der Stelle, welche Maßnahmen denn letzten Endes ein Unternehmen umsetzen muss im Bereich der technischen Sicherheit, um compliance-konform mit diesen ganzen gesetzlichen Regularien zu sein, die in den letzten Jahren auf den Markt gekommen sind. Und da würde ich mir einfach viel stärker auch schon in der Ausbildung wünschen, dass angehende Juristinnen und Juristen darauf aufmerksam gemacht werden, dass eben auch die Berufsfelder sich nicht nur in den klassischen Bereichen bewegen, sondern eben auch vielfach andere Kompetenzen mittlerweile gefragt sind und man sich da durchaus die Frage stellen darf. Also mal angenommen, man hat dann sein erstes juristisches Examen oder einen Master, wenn man jetzt eben auf Wirtschaftsrecht studiert, in der Tasche, ob es da nicht Sinn macht, beispielsweise anstelle einer zweijährigen Referendarszeit zu überlegen, ob man nicht einfach noch mal eine komplementäre Qualifikation sich besorgt. Das heißt also eben in den Bereich Business Management reingeht oder beispielsweise in den Bereich Informatik reingeht oder auch in den Bereich Cyber Security reingeht, wo es mittlerweile auch Masterstudiengänge gibt, die bedauerlicherweise aber oftmals nicht direkt für juristische Studienabschlüsse offen sind. Da haben wir noch ein erhebliches Problem, diese Interdisziplinarität, die auf dem Arbeitsmarkt immer mehr gefragt wird, herzustellen.
Magdalena Oehl: Du hast selbst auch Informatik zusätzlich zu Jura studiert, richtig?
Dennis-Kenji Kipker: Genau.
Magdalena Oehl: Hast du das nacheinander oder parallel?
Dennis-Kenji Kipker: Ja genau, also nebenher ist es leider nicht möglich, aber ich bin dann tatsächlich noch mal hergegangen nach meinem Studium und habe das Ganze dann noch mal hinterher studiert. Das ist nämlich genau dieser Aspekt, zu sagen: Mache ich jetzt irgendwie klassisch juristisch weiter und bilde mich dann irgendwie nebenher in dem Bereich oder in meiner Freizeit fort oder versuche dann eben ganz konkret ein Hochschulstudium noch mal anzuschließen? Das ist sicherlich nicht immer notwendig. Das muss man vielleicht dazu sagen. Es gibt einige wenige Juristen, ich kenne auch einige, die eben beides an der Stelle studiert haben. Aber das ist nicht zwingend notwendig, jetzt ein komplettes Informatikstudium oder Ähnliches hinterherzuziehen.Hier ist die zweite Hälfte des Transkripts, ebenfalls korrigiert (Rechtschreibung, Zeichensetzung) und mit den Sprecherzuordnungen versehen. Der Satzbau und die Grammatik wurden, wie gewünscht, nicht verändert. Es gibt, wie gesagt, auch gute Masterstudienprogramme, die sich mit technischen fachlichen Inhalten befassen, aber dann auch dementsprechend nicht ganz so lange dauern.
Magdalena Oehl: Ja genau, dieses lange Dauern, glaube ich, ist ein wichtiger Aspekt. Das Jurastudium ist ja an sich schon ein sehr langes Studium im Verhältnis zu anderen Studiengängen. Das schreckt natürlich auch viele ab, danach noch mal eine Ausbildung dranzuhängen, wie auch immer die dann genau aussieht, sei das jetzt ein Master oder wirklich noch mal ein Hochschulstudium. Und ich glaube, da beißt sich die Katze natürlich auch wirklich so ein bisschen in den Schwanz, weil... Genau diese Expertise bräuchten wir aber, um dann schneller in diese Themen einsteigen zu können. Und gleichzeitig werden sich nicht viele trauen, diesen Schritt zu gehen.
Dennis-Kenji Kipker: Ja, also ich glaube, da muss man eben auch einfach schauen. Es ist so, wenn ich mit dem Studium, mit dem Jurastudium durch bin, viele wollen dann auch erst mal Geld verdienen, was ja auch völlig legitim ist und auch notwendig ist. Da macht es aber vielleicht auch mal Sinn zu schauen, welche berufsbegleitenden Angebote gibt es. Und das wird eben oftmals auch durch Arbeitgeber unterstützt. Dann zu sagen, vielleicht zwei Tage in der Woche studiere ich und drei Tage in der Woche gehe ich dann arbeiten. Weil man natürlich dann auch jemanden am Ende hat, der ein superspannendes Profil hat, womit man auch als Arbeitgeber sehr, sehr viel anfangen kann. Und das ist, glaube ich, etwas, was ich an der Stelle dann empfehlen würde, weil es gibt noch nicht diese Interdisziplinarität, Recht und Technik ab Werk, wie man sie sich eigentlich wünschen würde. Und da muss man nach wie vor noch Workarounds finden. Aber ich hoffe zumindest, dass die Hochschulen, dass die Universitäten diesen Bedarf auch in Zukunft viel, viel stärker erkennen und sagen, wir müssen auch dafür Sorge tragen, wir müssen die Studierenden auch darüber informieren, dass es solche Angebote gibt, und da, finde ich, wird noch viel zu wenig getan in dem Bereich.
Magdalena Oehl: Und ihr habt ja, glaube ich, auch ein Programm an eurem Forschungsinstitut, das Young Talents Programm. Was kann man sich darunter vorstellen und kann man sich da vielleicht auch bewerben?
Dennis-Kenji Kipker: Ja, also da können sich – klar, da können sich alle drauf bewerben, die eben an dieser Schnittstelle Recht, Technik im Bereich Cyber Security, digitale Resilienz arbeiten. Der Hintergrund ist, dass wir genau das leben, was wir – oder fördern, was wir eigentlich dann auch erreichen wollen. Das heißt, wir wollen insbesondere auch Menschen mit juristischen Studienabschlüssen die Perspektive geben, sich mit Unternehmen zu vernetzen, die aus dem technischen Bereich kommen. Wir wollen ihnen die Möglichkeit geben, entsprechende Menschen in dem Bereich kennenzulernen. Laden sie auch beispielsweise zu Veranstaltungen ein und bieten auch gezielte Förderungen an. Das heißt, wenn Einzelfallfragen vorhanden sind, wenn es um Bachelorarbeiten geht, Masterarbeiten, Studienarbeiten, dass man da auch gezielt vernetzt. Das ist an der Stelle unser Ansatz. Und tatsächlich ist es auch so, dass wir aus diesem Young Talents Programm selbst Menschen übernommen haben, die bei uns jetzt am Cyber Intelligence Institute als Wissenschaftler tätig sind und arbeiten. Aber genauso ist es auch, dass wir zum Beispiel auch Informatiker haben oder Menschen aus technischen Berufen, die sagen, ich möchte das Juristische jetzt kennenlernen. Das wird ja auch nicht so richtig wahrgenommen teilweise, weil ich muss ja auch dann irgendwie, wenn ich technischer Berater sein will, irgendwie auch juristische Hintergründe haben, weil es wird sofort gefragt, wie bin ich denn jetzt beispielsweise mit der NIS-2-Richtlinie konform oder nicht? Und das muss man ja auch irgendwo ansatzweise bewerten können. Das heißt, wir sehen die Bedarfe in beide Richtungen. Und das ist eben auch das, was wir mit diesem Young Talents Programm am Cyber Intelligence Institute abzudecken versuchen.