Richterin Sina Dörr im Podcast New Lawyers

Verfasst von Laura Hörner. 

Digitalisierung in der Justiz: „Wir sind subjektive Wesen“

Die Richterin Sina Dörr zu Gast bei den New Lawyers

Sina Dörr ist Richterin am Landgericht im Bezirk des Oberlandesgerichts Köln und derzeit abgeordnet im Bundesjustizministerium, wo sie als Teil der Projektgruppe Legal Tech als zivilgesellschaftliche Expertin für Digitalisierungsfragen in der Justiz gilt. Was ihrer Meinung nach heutzutage am meisten unterschätzt wird: konstruktiv kritisches Denken und das Hinterfragen der eigenen Einstellung. Dieses Mindset spiegelt sich auch in dieser Folge des New Lawyers Podcast mit Moderatorin Alisha Andert wider, in dem eine spannende Unterhaltung zum Thema Digitalisierung in der Justiz entsteht und unter anderem die Frage beantwortet wird, warum das mit der Digitalisierung denn alles so lange dauert.

 

 

Zum Einstieg des Gesprächs werden erst einmal die Grundlagen geklärt: Was ist denn überhaupt unter digitaler Transformation zu verstehen? Dörr unterscheidet hier zwischen zwei Begrifflichkeiten. Einmal der digitalen Revolution, also der Geschwindigkeit des Fortschritts, welcher exponentiell zunimmt und momentan so schnell voranschreitet, dass ein Mithalten kaum möglich ist. Und zum anderen die digitale Transformation, also die Art, mit welcher die individuellen Menschen sowie das Kollektiv auf diesen Wandel reagieren.

Vor allem mit letzterem beschäftigt sich Dörr eingehend. Sie möchte innovative Herangehensweisen vorantreiben, die eine wirkliche Verbesserung der Arbeit mit sich bringen. Ihr Ansatz: Dinge in ihre Grundbausteine zu zerlegen und deren genaue Funktion herauszufinden – um sich dann zu fragen, ob man diese Funktion auf eine neue, bessere Art erfüllen kann, die den Beteiligten das Leben einfacher macht.

Die Justiz zu digitalisieren ist ein Mammutprojekt

Was die digitale Transformation angeht, hinkt die Justiz zum Beispiel im Vergleich zur Wirtschaft etwas hinterher. Ein aktuelles (Mammut)projekt ist die Umstellung auf elektronische Akten, die 2026 abgeschlossen sein soll. Laut Dörr öffnet sich die Justiz momentan für Innovationen und gibt dem Veränderungsdruck nach. „Wir werden sehr überrascht sein, was die Justiz alles leisten kann und auch wird“, sagt sie.

Die Ursache für die aktuellen Veränderungen sieht Dörr jedoch nicht nur im Druck von außen – zum Beispiel durch die ohne Digitalisierung schwer zu bewältigenden Massenverfahren – sondern auch im Druck von innen. Die Digitalisierung der Arbeitsprozesse sei notwendig, um den Fachkräftemangel abzufedern und Talenten in Zukunft ein attraktives Arbeitsumfeld zu bieten. Allein schon aus der Veränderung der Gesellschaft und deren digitaler Kommunikation ergebe sich die Notwendigkeit der neuen Prozesse auch im Bereich der Justiz.

Die Digitalisierung in der Justiz hat viele Gesichter

Inwiefern die Digitalisierung für die Bürger:innen tatsächlich abbildbar ist, hängt für Dörr vom konkreten Fall ab. So kann sie einerseits bei Themen wie Massenverfahren, bei welchen letztendlich eine schnelle und objektive Lösung wünschenswert ist, eine wichtige Rolle spielen. Im Bereich von Strafverfahren aber könne die physische Anwesenheit der Beteiligten vor Gericht essenziell sein, um den Prozess der Wiederherstellung des Rechts zu erleben. Ansätze für die Digitalisierung gebe es aber natürlich auch im Strafrecht: Zum Beispiel durch virtuelle Tatortsbegehungen oder neue Protokollierungsmöglichkeiten.

Vor allem aber könne die Digitalisierung mehr Zeit und Möglichkeiten zur zwischenmenschlichen Interaktion schaffen – und nicht, wie oft befürchtet, diese ersetzen. Diese Zwischenmenschlichkeit, die von Empathie geprägt ist, hat Dörr zufolge sowohl Vor- als auch Nachteile. So sei es durchaus eine positive Eigenschaft des Menschen, dass er subjektiv und empathisch ist, dies komme aber auch mit kognitiven Verzerrungen und Denkfehlern einher.

Ein Hauptmerkmal des digitalen Wandels ist, dass wir es mit Ambivalenz zu tun haben, mit Ambiguität. Die Dinge sind nicht mehr so eindeutig wie sie früher waren.
- Sina Dörr

Was geschieht aktuell in der Justiz?

Von der Theorie in die Praxis: Welche konkreten Projekte gibt es bereits, um mithilfe der Digitalisierung die Justiz zu verbessern? Auf diese Frage fällt Dörr als erstes Tech4Germany ein, ein Fellowship-Programm des Bundes, in dessen Rahmen je drei Monate lang an unterschiedlichen Software-Prototypen gearbeitet wird. Eines davon war ein digitales Justizportal, über welches Bürger:innen der Zugang zu den Leistungen der Gerichte erleichtert werden könnte.

Weitere Projekte befassen sich zum Beispiel mit Chatbots, welche bei der Rechtsantragsstellung helfen könnten, sowie mit digitalen Tools, mit deren Hilfe Datenbanken anonymisiert und auswertbar gemacht werden. Eine der größten Herausforderungen in der Zukunft wird es laut Dörr sein, gemeinsame und länderübergreifende Lösungen zu finden, um Synergien zu nutzen und Ressourcen zu schonen.

Du möchtest mehr über die Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung in der Justiz erfahren? Dann höre jetzt in diese Folge unseres Podcasts rein und erlebe die Diskussion der beiden Expertinnen im Detail.

Die Themen dieser Folge im Überblick:

 

  • Ab 1:56: Die Icebreaker-Frage
  • Ab 4:10: Digitale Transformation: Was ist das eigentlich?
  • Ab 8:56: Was bedeutet Innovation?
  • Ab 11:29: Wo steht die Justiz in Bezug auf digitale Transformation?
  • Ab 14:53: Massenverfahren setzen Justiz unter Druck: Waren sie der Auslöser für Veränderungen?
  • Ab 17:54: Welche Vorteile haben Bürger:innen von der Digitalisierung?
  • Ab 20:38: Welche Funktion hat die Justiz für die Menschen? Lässt sich diese digital abbilden?
  • Ab 31:27: Wie beeinflussen subjektive Kriterien die Objektivität von Entscheidungen?
  • Ab 34:58: In welchen Kernbereichen kann sich die Justiz verbessern?
  • Ab 44:38: Warum dauert die Digitalisierung so lange?
  • Ab 47:38: Wo liegt das größte Potenzial für die Justiz?