Magdalena: Du hast jetzt schon die Angehörigen angesprochen. Man verbringt extrem viel Zeit im Büro, das heißt, den Kollegen oder den Chefs fällt ja vielleicht auch auf: „Stimmt irgendwas nicht?“, die Leistung schwankt, derjenige wirkt so, als fühlte er sich nicht gut. Was würdest du denn sagen, was dann auch Möglichkeiten sind, die man in Anspruch nehmen kann, ohne direkt in eine Diagnose zu rutschen, die man ja auch als Nicht-Arzt so nicht stellen kann?
Byung: Ja, ich denke, in deiner Frage liegt eigentlich auch schon die Lösung. Weil wenn wirklich ein Verdacht da ist, der ja trotzdem nichts bedeuten muss, weil wir ja alle natürlich Laien sind und – wie ich eingangs gesagt habe – jede Depression ist anders, jede psychische Erkrankung ist anders. Nur weil ich jetzt selbst von Depressionen betroffen bin, bin ich nicht in der Lage, bei jedem anderen zu sagen: „Ach, du hast auch eine Depression“, das geht einfach nicht. Was man aber sagen kann ist... und ich finde, du hast es eigentlich schon sehr, sehr schön formuliert. Und genau so würde ich das dann auch sagen. Bei uns ist es jetzt so: Ich habe ja nun mal das Glück, dass ich nicht nur der Rechtsanwalt in dieser Kanzlei bin, sondern ich bin als Geschäftsführer auch personalverantwortlich hier. Ich mache es wirklich allen Mitarbeitern, auch insbesondere unseren Neuzugängen, von Anfang an klar: „Meine Tür ist immer offen. Wenn irgendwas ist, es wird nicht verurteilt.“ Ich weiß aus erster Linie oder aus erster Hand, wie schwer manchmal Dinge sein können oder welche Gründe für gewisse Phasen vorliegen können, die es einem verdammt schwer machen im Leben, was man aber so schwer nach außen kommunizieren kann. Meine Tür ist offen, man kann über alles reden. Und genau wie du es gesagt hast, ich würde dann auch aktiv sagen: „Mir ist aufgefallen, dass du einen anderen Eindruck machst, dass du erschöpft wirkst, dass du so wirkst, als hättest du ernsthafte Sorgen, die dich begleiten. Gibt es etwas, was wir als Arbeitgeber machen können?“ Und zweitens: Kannst du dir vorstellen – das ist dann im Laufe des Gesprächs, wenn vielleicht mehr rauskommt –, kannst du dir vorstellen, nach professioneller Hilfe zu suchen? Denn in meinem persönlichen Fall hat es in der Tat geholfen. Ich habe mich davor auch gescheut, lange Zeit, aber habe dann später die Erfahrung gemacht: „Mensch, das ist unheimlich hilfreich.“ Also letzten Endes – genau wie du es eingangs schon gesagt hast – vielleicht ein bisschen Aufmerksamkeit, das Ganze gepaart mit Empathie und aber auch mit dem Realismus, von vornherein zu wissen: Man ist nicht in der Lage, einem anderen Menschen zu helfen, es sei denn, man ist dafür professionell ausgebildet. Aber man kann darauf hinweisen, es gibt Möglichkeiten. Man kann dann helfen – also man kann versuchen zu helfen, damit die Person sich selbst helfen kann. Das ist vielleicht das Stichwort.
Magdalena: Mit anderen zu helfen ist jetzt das eine. Wenn man sich jetzt in dem, was du geschildert hast, wiedererkennt, was würdest du denn dann anraten, was die nächsten drei konkreten Schritte sind? Also was sollte ich vielleicht heute noch machen, was diese Woche und was diesen Monat? Und gab es vielleicht auch bestimmte Ressourcen, sei das jetzt Bücher, Podcasts, mit denen man vielleicht sich vorher mal schon darüber aufschlauen kann, wenn man das Gefühl hat, man muss handeln?
Byung: Ja, mit Literatur oder Podcasts habe ich mich tatsächlich nicht wirklich beschäftigt, weil – wie ich ja erzählt habe – ich bin mehr oder weniger aus Versehen in diese ganze Thematik reingerutscht, um es mal ein bisschen locker auszudrücken, und weil ich seitdem auch tatsächlich mit mir selbst beschäftigt bin. Und ich habe das große Privileg, dass ich Teil dieser Podcasts sein kann, in denen Menschen wie du mir die Möglichkeit eröffnen, dass wir über dieses Thema sprechen können. Ich war auch letztes Jahr bei einem komplett anderen Podcast, das heißt „Wir reden die Welt“, das wird von zwei koreanischstämmigen Deutschen betrieben, da geht es eigentlich auch eher grundsätzlich um Korea und Deutschland an sich und vielleicht so die Unterschiede und sowas, aber selbst da konnte ich dann auch dieses Thema mal ansprechen und durfte da als Gast auftreten. Da gibt es aber mit Sicherheit genug solche Möglichkeiten, wobei jeder dann selbst auch da entscheiden muss: „Liegen mir grundsätzlich Bücher oder liegen mir grundsätzlich mehr Podcasts?“ Aber das Schöne ist ja, dass das Ganze immer sichtbarer wird und auch Medien wie LTO oder auch die Süddeutsche und auch ARD/Rundfunk, die nehmen sich diesem Thema ja grundsätzlich an. Das ist auch das Schöne. Also gerade auch jetzt bei uns Juristen finde ich das unheimlich wertvoll, dass dieses Thema immer wieder mal aufpoppt, dass hoffentlich dann die Akzeptanz dann weiter fortschreiten kann. Aber wenn du mich fragst: Bei mir führt am Ende nichts an einer Therapie vorbei. Und eine Therapie muss nicht gleich heißen, dass man deswegen gleich schwer krank ist und dass man komplett behandelt werden muss, sondern allein schon die Tatsache, dass man eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten aufsucht – auch wenn es länger dauert, klar –, aber wenn man es schafft und sich mit dem Thema aktiv auseinandersetzen kann und zwar mit professioneller Begleitung, das ist schon deutlich mehr wert, als man sich überhaupt vorstellen kann.
Magdalena: Und was sind so deine Glaubenssätze geworden, auf die du jetzt besonders achtest, um dich einfach möglichst stabil zu halten?
Byung: Glaubenssätze… Gut, das könnte jetzt natürlich einerseits sehr, sehr philosophisch werden. Es gibt einen Satz, den mein Vater immer pflegt zu sagen: „Nach dem Tod kommt nichts.“ Man kann diesen Satz natürlich so oder so interpretieren. Mir bringt es insofern etwas Unterstützung, Erleichterung vielleicht auch, weil ich sage: „Ja, natürlich, vielleicht gibt es hier einen Gott, ja, wer weiß, aber wenn nach dem Tod nichts kommt, dann sollten wir, egal was im Leben ist, uns vielleicht nicht so sehr wehren und so sehr dagegen ankämpfen und sonst irgendwas, weil ansonsten... wozu das alles am Ende?“ Was aber dann wiederum spiegelverkehrt betrifft, das heißt: Solange wir da sind, solange wir leben, sollten wir das doch wirklich, wirklich – bis „genießen“ will ich gar nicht gehen, aber wirklich – wahrnehmen, jede Sekunde, weil das ist so kostbar. Das Leben ist so schnell vorbei. Ich bin im Kopf immer noch 16, gebe ich zu, aber ich bin jetzt schon 40 Jahre alt, meine eigene Tochter ist schon so groß und spuckt mir auf den Kopf, so ungefähr, also das wird mir dann halt wirklich bewusst. Und das andere ist – ich komme nicht mehr auf den genauen Wortlaut drauf, aber das ist wirklich aus meiner Zeit aus der Klinik und das hat eine Co-Therapeutin mir gesagt: „Alles auf dieser Welt, wenn man es sich vom Mond anschaut, ist alles hier auf dieser Welt verdammt klein.“ Und auch das hat mir wirklich, wirklich geholfen. Ich finde, letzten Endes geht es für mich persönlich um diese Balance. Einerseits muss ich es schaffen, in meinem Geist dahin zu kommen, zu sagen: „Ich bin mir wichtig und ich bin schon auch wertvoll“, aber gleichzeitig zu sagen: „Dass das alles aber nicht so ernst ist und dass das alles nicht so wichtig ist.“ Also das ist komisch, das zu beschreiben, aber das ist das, was ich versuche, immer in Waage zu halten. Also um es mal jetzt ins Berufliche auch zu übersetzen: Wenn ich Mandanten habe, die überanstrengend sind und ich einen Fall habe, der hoffnungslos ist... Irgendwann muss ich sagen können: „Mensch, es kann ja sein, dass, wenn dann hier mal was schief läuft, dass dann dementsprechend auch irgendwelche Sachen noch passieren und das ist sicherlich nicht angenehm, aber erstens: Was bringt es einem am Ende? Und zweitens: Wenn ich doch sagen kann, ich habe wirklich alles gegeben und ich habe alles versucht, was in meinem Machtbereich liegt, dann frage ich mich, kann ich stattdessen sogar sagen: “Mensch ich kann trotzdem stolz auf mich sein. Weil trotz des aussichtslosen Falles oder trotz der schwierigen Kommunikation habe ich es überhaupt geschafft, den Fall durchzuziehen und überhaupt zu einem Ergebnis zu bringen.”Also für mich liegt viel an diesem stetigen Perspektivwechsel. Immer wenn man gerade dazu neigt, nur noch das Negative zu sehen, dann mal kurz Luft holen, mal alles stoppen und mal zu sagen – und wenn es nur einfach kurz rausgehen und sich eine Zigarette anzuzünden oder sonst irgendwas ist –, aber wirklich sich mal kurz diese fünf Minuten Zeit nehmen und sagen: „Jetzt betrachten wir das Ganze mal vom Mond aus.“ Dann kommt man möglicherweise zu anderen Schlüssen, was einem dann aber für alles Weitere helfen kann, weil man vielleicht doch etwas entspannter und vielleicht geerdeter an die ganze Sache herangeht.
Magdalena: Also so eine Form von „Rauszoomen“, um sich nochmal aus anderer Perspektive darüber Gedanken machen zu können.
Byung: Absolut. „Rauszoomen“ finde ich super.
Magdalena: Vielen Dank, dass du uns heute mitgenommen hast auf deine Reise und uns so viel Input zu dem Thema gegeben hast. Ich glaube, wir können es gar nicht oft genug betonen, wie wichtig es ist, besseres Verständnis dafür zu schaffen, sowohl bei Betroffenen als auch bei Angehörigen, als auch bei allen Kollegen und so weiter, die vielleicht jetzt mit einem bisschen wachsameren Auge auf jemanden schauen und dann eben der eine Schritt sein könnten, der alles auslöst und den Beginn der Heilung auch anwirft.
Byung: Wunderschöner Schluss, das ist genau das. Letzten Endes sind wir Gesellschaftstiere. Ich denke, ein Miteinander und ein Füreinander ist immer noch besser als ein stures Gegeneinander und auf sich allein gestellt sein. Magdalena, vielen, vielen Dank für diese Einladung. Es bedeutet mir sehr, sehr viel, immer wieder über dieses Thema sprechen zu dürfen und zu können. Ich meine, auch selbst diese Podcast-Folgen, wo ich dabei bin, man könnte meinen, es soll idealerweise anderen Betroffenen oder anderen Menschen helfen, aber ganz ehrlich: Das ist auch für mich selbst eine Heilung.
Magdalena: Es freut mich sehr, sehr zu hören. Und den Link zu deinem Buch packen wir natürlich noch in die Shownotes. Wer nämlich da noch mal genauer nachlesen möchte und deinen Weg verfolgen möchte, kann das sehr, sehr gerne mit diesem Buch tun, für das wir hier eine große Leseempfehlung aussprechen. Danke an dich!
Byung: Vielen, vielen Dank!