Technologie ist das eine, die Akzeptanz das andere. Wie begleiten Sie Ihre Mitarbeitenden strategisch auf diesem Weg und nehmen eventuelle Vorbehalte gegenüber KI-gestützten Prozessen ernst?
Benedikt Raquet: Für uns war die Einführung von KI nur der erste, kleinere Schritt. Die eigentliche Aufgabe liegt im Change Management, da investieren wir nun die meiste Energie. Wir haben ein umfassendes Change-Management-Konzept entwickelt, das darauf abzielt, den digitalen Kulturwandel in den Köpfen zu verankern, nicht nur ein Tool auszurollen. Vorbehalte gegenüber KI nehmen wir ernst, sie sind oft berechtigt. Viele fragen sich: Ersetzt das meine Arbeit? Verliere ich Kontrolle? Leidet die Qualität? Diese Fragen adressieren wir direkt: durch Transparenz darüber, was KI kann und was aber auch einfach nicht, durch konkrete Use Cases, die den Mehrwert zeigen, und durch die klare Botschaft, dass juristische Verantwortung beim Menschen bleibt. Konkret bedeutet das: strukturierte Lernpfade für alle, praxisnahe Schulungen, die sich auf die jeweiligen Anwendungsfälle der unterschiedlichen Praxisgruppen fokussieren, regelmäßige Check-ins und kontinuierliches Feedback. Manche Kolleginnen und Kollegen sind technikaffin und versiert im Umgang mit KI, andere haben vorher noch nie mit KI gearbeitet. All das müssen wir beim digitalen Kulturwandel im Hinterkopf behalten. Die Transformation muss nachhaltig sein. Das gelingt nicht durch die Einführung eines Tools. Das gelingt dadurch, dass alle verstehen, dass KI künftig ein fester Bestandteil anwaltlicher Arbeitsweise sein wird. KI wird den Markt verändern, es wird trotzdem weiterhin Anwältinnen und Anwälte brauchen. Wir können jetzt definieren, welche Rolle wir in diesem neuen Markt spielen werden.
Fortschrittliche Tools sind nur der erste Schritt. Was sind aus Ihrer Sicht die kritischen Erfolgsfaktoren, um eine so traditionsreiche Branche wie die Rechtsberatung nachhaltig digital zu transformieren?
Benedikt Raquet: Aus meiner Sicht gibt es drei kritische Erfolgsfaktoren: Erstens, eine „Data-first"-Strategie. Ohne saubere, zentral verfügbare Datenstrukturen bleibt KI wirkungslos. Wir haben zwei Jahre investiert, um mit unserem DMS diese Basis zu schaffen, das war die Voraussetzung für alles Weitere. Zweitens, echte Integration statt Parallelwelten. KI muss nahtlos in bestehende Prozesse eingebettet sein, nicht als separates System danebenstehen. Wir wollen aktiv eine zersplitterte Toollandschaft vermeiden, in der es für viele Anwendungsfälle viele verschiedene Softwarelösungen gibt. Drittens, Menschen mitnehmen. Transformation scheitert nicht an fehlender Technik, sondern an fehlender Akzeptanz. Der gesamte Prozess muss motivierend und sinnvoll erlebbar sein und die Kolleginnen und Kollegen begeistern. Nur dann können wir nachhaltig Erfolg haben. Und ganz wichtig: Führung muss vorangehen. Die Partnerschaft trägt diese Transformation aktiv mit und lebt sie in den jeweiligen Teams vor.