Magdalena: Du hattest dann deinen MBA fertig und bist dann auch irgendwie nach dem Börsengang von Rocket weitergezogen. Was war dann dein nächster Schritt?
Franziska: Ja, also weitergezogen, das ist mir echt nicht einfach gefallen, weil Rocket war schon so eine Station, die einfach über die Jahre so viel Herzblut und Aufbau und alles natürlich geboten hat. Und gleichzeitig war ich dort eben verhaftet in der Rolle des General Counsel. Für mich habe ich immer gesehen, da ist irgendwie noch mehr. Ich wünsche mir einfach dieses Wirtschaftliche noch mehr, als ich mir diese Deal-Details wünsche. Ich wollte immer lieber im operativen Team sein. Ich hatte so viel Aufbau mitbekommen bei Rocket und so viele Geschäftsmodelle gesehen. Und irgendwann kam einfach der Wunsch, das selber in die Richtung auch für mich auszuprobieren. Und tatsächlich, Gründen hatte ich mich zu dem Zeitpunkt noch nicht getraut. Das war für mich immer so, wie soll ich sagen, der Nordstern am Ende des Ganzen. Das ist die größte Herausforderung. Ich habe immer gedacht, fürs Gründen bin ich immer noch nicht gut genug. Und es schwingt ja oft mit, ich glaube gerade bei den weiblichen Vertretern der Juristerei, dass man irgendwie noch nicht gut genug ist und noch den einen Workshop und noch die eine Fortbildung und noch die eine Weiterbildung oder den einen Titel und dann. Und so war das natürlich bei mir leider auch. Dann habe ich die Möglichkeit bekommen, als Consultant für eine Private-Equity-Firma zu arbeiten. Die habe ich auch wahrgenommen. Bin dann öfter nach Frankfurt gependelt. Eine Sache war in Berlin, eine war in Frankfurt. Und parallel habe ich den CEO von einem Stahlunternehmen, einem Stahl-Trader kennengelernt, Klöckner & Co. Das war der Gisbert Rühl. Und bin dann durch ihn parallel zu dem Beraterjob dann zu Klöckner gekommen und habe da tatsächlich wirtschaftliche Verantwortung übernommen im Bereich der Geschäftsführung. Und da haben wir sowohl den Investmentteil aufgebaut mit kloeckner.v als auch den Shop und die Digital-Lösungskomponente in kloeckner.i. Und das war für mich vielleicht der Moment des Wandels, weg von der Juristerei und eher hin zur allgemeinen Geschäftsführung.
Magdalena: Ich habe auch nochmal ganz spannend zu sehen, wie ein Konzern, der aus einem ganz anderen Bereich kommt, sich plötzlich innovativ aufbaut. Was war denn da dein interessanter Blick darauf? Wie kriegt man denn das als Konzern hin, das erfolgreich zu machen?
Franziska: Na ja, für mich war natürlich die Herausforderung, kann man überhaupt echte Transformation auch im Konzern umsetzen und funktioniert Innovation auch mit gewachsenen Strukturen, vielleicht auch mit Abhängigkeiten oder gewissen Machtlogiken, die da seit Jahren herrschen. Und natürlich war der Reiz auch aus einer Beraterrolle heraus, mehr in eine Führungsrolle zu wechseln, weil ich glaube schon, wenn man Geschäftsmodelle wirklich verändern will, dann reicht es auch nicht aus, dass man von außen nur Empfehlungen gibt und es dann andere umsetzen lässt, sondern man muss dann auch wirklich in die Verantwortung gehen. Und die Realität, die ich da vorgefunden habe, war schon hochkomplex. Also ich würde mal sagen, Transformation im Konzern bedeutet sehr viel mehr, tatsächlich bestehende Umsatz- und auch gewinngenerierende Geschäftsmodelle zu hinterfragen und möglicherweise dann auch Dinge offen zu legen wie Preise, Margen, Vertriebslogiken, die seit Jahren bestehen und die vielleicht auch Teil dieses Erfolgskonzepts sind, aber die man neu denken muss gemeinsam. Und ich glaube, dieses stetige Spannungsverhältnis, das ist auch das, was bei vielen Konzernen dazu führt, dass man vielleicht den Moment der eigentlichen Innovation oder den Moment, wo man dann springen sollte, verpasst und vielleicht dann nicht so erfolgreich ist mit neuen Modellen, wie man sein könnte. Da gibt es natürlich super viele Beispiele, über die dann auch immer berichtet wird. Aber bei Klöckner war das eben vor allem der CEO, der das vorangetrieben hat, diese Digitalisierung. Aber natürlich hat man auch gemerkt, dass diese Kannibalisierung des eigenen Geschäftsmodells eine unglaubliche Rolle spielt, auch in den Köpfen: das Digitalteam versus das analoge Team. Ja, das fand ich sehr reizvoll, aber es war natürlich ganz anders als bei Rocket, wo wir die Strukturen ja in dem Sinne auf einer grünen Wiese aufbauen konnten und nicht diese Legacy noch mitgetragen haben.
Magdalena: Klar, aber irgendwann kam dann der Zeitpunkt, bei dem du gesagt hast: Okay, jetzt bin ich bereit, jetzt kann ich was gründen.
Franziska: Ja, genau. Also ich glaube, bereit ist man fürs Gründen nie, so richtig zumindest. Und so war das auch bei mir. Ich habe mir dann immer mal wieder kleinere Geschäftsmodelle angeguckt, die man vielleicht wie so eine Art Search-Fund-Modell oder ähnliches selbst erwerben könnte. Ich habe dann unter anderem einen Hersteller im Kosmetikbereich angeschaut und hatte im Silicon Valley einen ganz tollen Professor kennengelernt, Dominik Michels, der im Bereich AI und im Bereich Anwendungsmodelle für AI in Industrie, Konsumgütern und Ähnlichem wirklich eine führende Rolle gespielt hat. Und wir haben uns kennengelernt, wir wussten sofort, da kann man was draus machen. Sein technischer Verstand und seine Weitsicht, die er damals schon auf die Themen hatte im AI-Bereich und meine wirtschaftliche Komponente. Und da war eigentlich klar, irgendwas könnte man schon zusammen machen. Und dann, als ich dann diesen Kosmetikhersteller angeguckt habe als Geschäftsmodell, kam die Idee: warum nicht die Personalisierung von Kosmetikprodukten? Und ja, also das Ganze war sehr technologiegetrieben zu einem Zeitpunkt, wo natürlich ChatGPT und anderes noch gar keine Rolle gespielt hat. Und es war super herausfordernd. Also wir waren in einem total fremden Markt. Wir mussten die gesamte Wertschöpfungskette aufbauen, weil natürlich niemand mit uns kooperieren wollte. Also wir hatten am Ende ein eigenes Labor. Wir haben natürlich die gesamte Technologie selbst umgesetzt, also eigene Algorithmen, die wir dann auch zum Patent angemeldet haben. Wir hatten eigene Chemiker. Wir haben mit einem Hautarzt zusammengearbeitet, mit zwei Hautärzten, um genau zu sein, mit Pharmazeuten. Und haben dann am Ende wirklich diese ganze Wertschöpfungskette selbst gebaut. Und das war 2018 unglaublich herausfordernd und das war aber dann das Projekt, dem wir uns angenommen haben. Und Fundraising in einem Umfeld, wo quasi KI noch wenig gehypt war, Personalisierung in einem Umfeld, wo es sehr erklärungsbedürftig war. Und ja, das waren sehr viele persönliche, unternehmerische Herausforderungen für uns zwei. Und ich kann mal sagen, nicht jede Gründung entwickelt sich, glaube ich, so nach Plan, wie man sich das vorstellt.
Magdalena: Stimmt, fast keine, glaube ich.
Franziska: Und auch bei uns gab es auf jeden Fall Annahmen, die sich ganz anders entwickelt hatten, als wir uns das gewünscht hatten. Und es hat sich dann auch gezeigt, dass die Skalierungsphasen nach fast sieben Jahren einfach in anderen Märkten lagen, in Indien und im Mittleren Osten, als wir uns das so gewünscht oder vorgestellt hatten und wo wir uns auch persönlich nicht sehen. Und dann haben wir uns bewusst letztes Jahr für einen Exit entschieden. Einfach, dass das Modell weiter skaliert werden kann und weiterleben kann und aber eben nicht in Märkten, die für uns in dem Sinne relevant waren. Und ja, das hat wahnsinnig Spaß gemacht, war unglaublich lehrreich und hat einem aber natürlich noch mehr das Gefühl gegeben, was man schon am Anfang hat, dass man irgendwie gar nichts kann. Also diese Vielfalt an Themen. Du weißt es selber, du hast ja mit Talent Rocket auch gegründet und es ist schon krass, was man manchen Morgen...
Magdalena: Absolut, man steht immer wieder vor Problemen, die man so noch nicht gesehen hat und bei denen man eigentlich auch aufgrund von den Dingen, die man davor gemacht hat, noch nicht eigentlich die Kompetenz hat, um sie zu lösen, aber man muss sie dann doch irgendwie lösen. Und das, glaube ich, ist in der Gründung total überschätzt, dass du eigentlich ständig dabei bist, Probleme aus dem Weg zu schaffen – und das gelingt mal besser mal schlechter. Würdest du aber sagen, dass deine juristische Kompetenz dir grundsätzlich bei der Gründung geholfen hat? Du hast es selber schon angesprochen. Ich glaube, die Gründungsquote bei Frauen oder bei Juristinnen liegt irgendwie bei um die ein Prozent, wenn nicht sogar noch geringer. Also es gibt eigentlich kaum Juristinnen, die gründen. Würdest du aber sagen, dass man eigentlich von dem, was man lernt, auch ein gewisses Rüstzeug schon mitbringt?
Franziska: Absolut. Also ich glaube, es gibt zwei Aspekte. Der eine hilft, der andere hindert. Also was unglaublich hilft, ist glaube ich diese Vielfalt, dass man viele Dinge selber machen kann, das Strukturierte, das ständig Lernende, ständig auf Neuheiten reagierende. Wir Juristen sind ja in einem Umfeld, was sich permanent verändert, während die grundlegenden Spielregeln gleich bleiben. Und das, ich finde, das prägt einen schon sehr fürs Leben und gibt einem Rüstzeug, mit neuen Situationen gut klarzukommen. Was, glaube ich, hindert, ist, dass man oftmals Risiken sieht und vielleicht nicht in der Lage ist... also der Dumme sieht die Risiken nicht und springt einfach, weil er es nicht gesehen hat. Ja gut, also die Erfolgschancen bleiben ja gleich. Ob man es sieht oder nicht. Wir Juristen, wir sehen dann die Dinge und das hemmt natürlich öfter mal Entscheidungen zu treffen oder auch Risiken zu nehmen, wenn man genau weiß, wie groß die Manifestationsgefahr des Risikos tatsächlich ist. Und ich finde, das ist beim Gründen schon etwas, wo ich manchmal eben sehe, dass andere Gründer damit sehr viel leichter umgehen, weil sie dieses Risiko gar nicht als solches wahrgenommen haben und am Ende manifestiert es sich nicht. Und dann ist man natürlich mit der Ignoranz besser gefahren als mit dem Vorkehrungentreffen. Aber es gab in unserer Gründung tatsächlich einen Fall, wo es mir sehr geholfen hat oder wo es mir auch ein Trost war. Wir sind auch nachgebaut worden von einem großen Konzern und das war unglaublich herausfordernd, da auch diese, ich sag mal, die Fäden in der Hand zu behalten und auch für sich selber zu schauen, wie man damit umgeht. Und ich glaube, hätte mich das jetzt als Nichtjurist getroffen, wäre ich wahrscheinlich viel panischer gewesen und viel ängstlicher gewesen, als ich es jetzt war, weil ich schon auch wusste, es gibt gewisse Dinge, die uns schützen, es gibt gewisse Dinge, die werden nicht passieren. Und dadurch war ich – ich habe mich mit anderen Gründern ausgetauscht, denen das auch passiert ist – war ich glaube ich etwas entspannter, auch wenn das natürlich, wenn man morgens erstmal so eine Nachricht im Briefkasten hat, ist man schon auch den Tränen nahe. Aber ja, also es hilft auch, würde ich sagen.