Magdalena: Und du hast Learning on the Job schon angesprochen. Und ich glaube, die Bereiche, die du gemacht hast, zeigen auch, dass du da auch oft ins kalte Wasser geworfen wurdest – oder gesprungen bist, besser gesagt. Was kommt denn – oder worauf kommt es denn in deinen Augen auch persönlich an, dass man sich darauf immer wieder einlässt und wirklich dann auch eine steile Lernkurve erzielen kann?
Inga: Das ist dann ab einer gewissen Ebene People-Management. Und ich würde jetzt mal einen Führungsschwerpunkt machen, weil als Führungskraft dann... und wichtig ist: Eine Führungskraft weiß nicht alles, kann es schon mal gar nicht besser, ist aber dafür da, den Weg nach oben freizuräumen. Und wenn Fehler passieren, dann ist es mein eigener und ich muss schauen, dass er nicht wieder passiert. Das wäre erst mal mein grundsätzliches Verständnis. Menschen zu empowern, sie zu fördern und sie glänzen zu lassen.
Wenn man jetzt Bereiche leitet, die man noch nicht geleitet hat – und ich habe mich mit Versicherungen vorher nicht hinreichend beschäftigt – dann ist wichtig, dass man seine Führungsfähigkeiten soweit ausbaut und in der Lage ist, dass man von dem, was man zuhört, versteht und durch Fragen zu führen, damit man das Ganze gut im Griff hat, die Mitarbeitenden an der Stelle nicht hindert, sondern den eigenen Wertbeitrag leistet und sie nach vorne führt. Und ich glaube dafür ist das sehr schön, dann einen Meter zurückzutreten und sich zu überlegen: Wie gut bin ich in einem HR-Bereich, in Labor Relations, was ich mal studiert habe, wo ich eine persönliche Meinung habe? Wie viele Freiheiten lasse ich eben? Datenschutz ist jetzt vielleicht auch noch juristischer, aber wie viel lasse ich dann in der internen Revision, wo andere sehr, sehr viel mehr Wissen haben? Und ich finde, das ist schön zu sehen, dass man als Führungskraft, wie gesagt, nicht alles wissen muss. Aber wenn man selber nicht das Wissen hat, ist das noch mal, wenn du mich da verstehst, ein Unterschied, ob man auf was zurückgreift – oder ob man aus meiner Sicht vielleicht noch sehr viel besser führt und genauer ist, weil man zuhört, die Menschen fördert und Mensch und Inhalt sieht, aber vielleicht gar keinen eigenen fundierten Background hat in den Bereichen, die man dann vertritt und unter sich hat. Also eine super Erfahrung, dann auch selber zu sehen: Ist Führung meins? Denn es kann genauso gut eine Expertenkarriere sein, in der Kanzlei, einen Schwerpunkt, eine Partnerschaft. Also wie viel Führung will ich wirklich, nachdem ich Jura studiert habe, oder wie viel möchte ich fachlich tätig sein? Weil da haben wir ja auch hunderte von Möglichkeiten, wie man es ausgestaltet.
Magdalena: Findest du, dass man sich auf diesem Weg auch begleiten lassen kann? Also hast du deine Führungspersönlichkeit oder auch deine Führungsqualitäten in erster Linie allein weiter ausgebildet oder gibt es da auch irgendeine Form von Unterstützung, die man dann in so einem Konzern bekommt?
Inga: Also im Konzern bekommt man natürlich Unterstützung, ob das jetzt Führungskräfteentwicklung ist, Coaching. Selber kann man ja lesen und ich sag mal, jetzt gibt es ja noch – damals nicht – aber sehr viele moderne Reformen. Ich könnte mir einen Podcast nehmen, der sich da nur mit Führung beschäftigt. Ich glaube, ein bisschen Lerntypfrage, aber die Auseinandersetzung in einem Assessment Center mit einer Führungskraft zu einem Mitarbeitenden, der dann zu spät liefert, unfreundlich ist und man trotzdem die Facetten der Wertschätzung erst zeigen muss, damit er dann nachher ganz fröhlich aus dem Gespräch geht oder sie – und Gott weiß, was leistet – ist halt ein bisschen artifiziell. Ich glaube, dafür tut es auch gut, wenn man dann ein paar Fälle mal hinter sich hat und real das Ganze über mehrere Monate geführt hat und dann sieht, wie man es zum Guten führt.
Mentoring finde ich wichtig, einfach den Austausch zu haben und zu sagen: Folgende Problemstellung, wie könnte ich es lösen, was gibt es da für Schritte? Und immer wieder: Was passt zu meiner Persönlichkeit? Es gibt so eine Frage, die ich nicht so mag, das ist immer: Welches Vorbild und wie? Ich fange da gar nicht beim Kopieren an, sondern es muss zu einem selbst passen. Und deswegen ist Führung und solche Angebote aus meiner Sicht ein dauerhafter Prozess. Ist ja die Selbstführung erst mal: Wie genau kenne ich mich, was brauche ich, was ist wichtig, wie gut kann ich das beschreiben, wie gut kann ich damit anderen umgehen? Und ich glaube, es ist auch eine Frage von Talent, Empathie, Wertschätzung und Lust auf Menschen. Und das Schöne ist, das muss ja nicht jeder machen. Aber die, die es machen, sollten es nicht für die Führungskarriere machen, sondern aus Überzeugung. Da würde ich sagen, es ist Leadership Choice und nicht, dass man es muss.
Magdalena: Würdest du sagen, dass du da aus dem Jurastudium und dann auch deiner Tätigkeit als Rechtsanwältin bestimmte Fähigkeiten vielleicht auch schon mitgenommen hast, die du dann einbringen konntest, oder würdest du sagen, das liegt ziemlich weit auseinander?
Inga: Ich finde, das liegt weit auseinander, ehrlicherweise. Also ich glaube, eine Mandantin führt man auch, aber ich glaube, das ist was anderes als im Konzernumfeld. In der Kanzlei mit einem großen Team ist das sicherlich anders. Mit Talentprogrammen und Zielvereinbarungsprozessen sieht das anders aus. Aber da würde ich ja wieder sagen: Einfach schauen, wie es kommt. Ich glaube, da hilft auch ein bisschen, was man vielleicht davor geführt hat – oder Ehrenamt oder andere Dinge, wo man sich in Führung nochmal ausprobieren kann. Aber das Leben ist bunt und reichhaltig. Da kommen genügend Möglichkeiten, dass man das dann sich beibringen kann. Ich glaube, auch so ein innerer Kompass: Ich habe mich immer gefragt, wie möchte ich selber behandelt werden? Und wenn man den anhat und die Antennen und den Radar und sich überlegt: Kann ich später in den Spiegel gucken? Und würde ich vertreten können, wie ich eine Trennung überführt habe, wie ich es gemacht habe, wie ich Interessen- und Ausgleichsverhandlungen und Sozialpläne gemacht habe, wie ich Beförderung und Karriereplanung erlebt habe? Ich glaube, wenn man sich immer wieder die Frage stellt, kommt man auch auf einem natürlichen Wege auf einen ganz guten Weg, der einen trägt.