Innovation und Legal Tech sind nicht das Ende für Nachwuchsjuristen

Ganz im Gegenteil - das macht ein Innovation Ambassador...


veröffentlicht am 27.03.2019


 
Zwei Innovation Ambassadors von Baker McKenzie erklären uns, warum Innovation und Legal Tech eben nicht das Ende des Anwaltsberufs bedeuten.

 

Wer steckt hinter den beiden Interviewpartnern?

 

Silke Fritz - Innovation Ambassador Baker McKenzieDr. Oltmanns - Innovation Ambassador Baker McKenzie

Silke Fritz (LL.M.) ist Associate der Praxisgruppe Banking & Finance bei Baker McKenzie. Sie berät Banken, Finanzinvestoren sowie Kreditnehmer in bank- und finanzrechtlichen Angelegenheiten mit einem Fokus auf nationalen und internationalen Transaktionen in den Bereichen Corporate Loans, Acquisition Finance und Syndicated Lending.

Dr. Ingmar A. Oltmanns ist Associate der Praxisgruppe International Commercial & Trade bei Baker McKenzie. Er berät Mandanten hinsichtlich aller Fragen des Handelsrechts, Vertragsrechts und Vertriebsrechts. Er erstellt unter anderem Handelsvertreter-, Vertragshändler- und Franchiseverträge und kommerzielle Verträge aller Art, wie Kauf- und Lieferverträge, Serviceverträge, sowie Standardverträge einschließlich allgemeiner Geschäftsbedingungen.

 

Manege frei für eine neue Nische! Frau Fritz, was macht ein Innovation Ambassador und welche spannenden Aufgaben warten auf Sie?

Silke Fritz: Ich beobachte den Markt, sehe mir die unterschiedlichsten Tools an, erwäge Einsatzmöglichkeiten in der Kanzlei und auch beim Mandanten. Besonders spannend und fruchtbar ist der Austausch mit anderen, die sich ebenfalls mit Innovation und Legal Tech beschäftigen – sei es in der Kanzlei, auch mit Kolleginnen und Kollegen rund um den Globus, in Unternehmen, mit Anbietern von Tools und mit Studenten, die die Relevanz des Themas erkannt und mitunter auch schon Initiativen ins Leben gerufen haben.

 

Sie wurden zum Innovation Ambassador gekürt. Herr Dr. Oltmanns, wie wird man das?

Ingmar Oltmanns: 2017 startete das globale Innovation Committee unserer Kanzlei die Initiative “Innovation Ambassador". Dr. Valesca Molinari, heutige Co-Head Innovation und Legal Tech Baker McKenzie Deutschland, warb gemeinsam mit Tamay Schimang, Co-Founder des Legal Tech Startups streamlaw, in einer Roadshow in unseren deutschen und österreichischen Büros für neue Innovation Ambassadors. Zeitgleich nahmen Valesca und ich in einem Team am "Innovation in Motion Award" teil, einem globalen Wettbewerb unserer Kanzlei. Wir entwickelten gemeinsam mit einer Mandantin ein Tool zur Risikoanalyse von Vertriebsverträgen. Die Jury zeichnete unser Tool aus und wir verfolgen das Konzept weiter. Im Nachgang fragte Valesca, ob ich Innovation Ambassador werden möchte. Parallel fand sich eine Gruppe von Associates diverser Praxisgruppen, in der wir als Team praxisgruppenübergreifende Anwendungsmöglichkeiten eruieren.

 

Notwendig ist also ein hohes Maß an Eigeninitiative und Interesse an der Thematik Legal Tech.

 

Herzensthema. Welches Thema liegt Ihnen als Innovation Ambassador besonders am Herzen?

Silke Fritz: Mir ist es wichtig, die Bedeutung und den Einfluss von Innovation und Legal Tech auf unsere Arbeit bewusst zu machen. Ich sehe Legal Tech als Chance. Legal Tech wird uns helfen, den sich ändernden Anforderungen an unseren Beruf gerecht zu werden. Der Mandant wünscht sich statt reiner Rechtsberatung einen Geschäftspartner, der das Business des Mandanten versteht und ökonomisch sinnvolle Lösungen mitentwickelt, dies möglichst schnell und zu einem guten Preis.

Ingmar Oltmanns: 

 

Dank Legal Tech ist es möglich, Effizienz zu steigern.

 

Ich sehe darin maßgeblich eine Tool-Funktion. Es geht nicht darum, dass Tools die Arbeit von Anwälten übernehmen, sondern in der täglichen Arbeit unterstützen. Für Associates ab dem dritten Jahr bietet Baker mit dem “Booster“ ein Budget zur Förderung kreativer, innovativer, unternehmerischer Ideen an, v.a. in puncto Digitalisierung und Legal Tech. So können die Associates eigenständig die Entstehung innovativer, zukunftsweisender Lösungen in Sachen Legal Tech anstoßen.

 


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Auf das richtige Pferd gesetzt. Frau Fritz, was ist Ihr Steckenpferd im Bereich Legal Tech?

Silke Fritz: Mein Anliegen als Ambassador ist es, das Thema Kollegen, Mandanten und Studenten nahezubringen, mich mit anderen Innovation Ambassadors auszutauschen und die Themen umzusetzen.

 

Besonders interessant ist aktuell u.a. die Vertragsautomation.

 

Sie ermöglicht, für Dokumente, die man oft verwendet, die wiederholende Daten enthalten und verschiedene Varianten aufweisen, einen ersten Entwurf mit Hilfe eines Fragebogens schneller als bisher zu erstellen – mitunter auch von weniger erfahrenen Personen.

 


Wird es in Zukunft den klassischen Beruf des Anwalts noch geben?

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Wie sich Aufgaben- und Anforderungsprofil des Anwalts durch softwarebasierte Legal Tech-Lösungen ändern werden ...


 

Nerd, Kenner oder einfach nur begabt. Herr Dr. Oltmanns, welche Qualifikationen und Kompetenzen muss man für diese Position mitbringen?

Ingmar Oltmanns: Eigeninitiative, aufrichtiges Interesse und "thinking outside the box". Der Begriff Innovation besagt es im Grunde schon selbst. Deswegen wird, meiner Meinung nach völlig zu Recht, Legal Tech aktuell immer mit dem Startup-Spirit assoziiert.

 

Man muss in der Lage sein, bestehende Prozesse zu hinterfragen, Optimierungspotential zu entdecken und neue Anwendungsmöglichkeiten in Betracht zu ziehen.

 

Dazu gehört auch, keine Scheu zu haben, auch einmal Ideen zu verfolgen, die sich später womöglich nicht oder nur in anderer Form umsetzen lassen. Dass man als Anwalt in einer internationalen Wirtschaftskanzlei außerdem das juristische Handwerk beherrschen muss, ist selbstverständlich. Die genannten Kompetenzen kommen "on top".

 

Früh übt sich. Wie bereitet man sich schon frühzeitig auf eine Karriere im Bereich Legal Tech und Innovation vor?

Silke Fritz: Die wichtigsten Voraussetzungen sind Interesse und das Bewusstsein, dass das Thema einfach nicht mehr wegzudenken ist.

Ingmar Oltmanns: Man muss sich intensiv und vor allem eigenständig mit dem Thema befassen. An immer mehr Universitäten schließen sich Studenten in Vereinen zusammen, die Themen Legal Tech und Innovation rücken bei ihnen also zunehmend in den Fokus. In Frankfurt ist es z.B. das Legal Tech Lab, dessen Kooperationspartner unsere Kanzlei ist. Gemeinsam richten wir Legal Tech-Veranstaltungen aus. Außerdem bietet das Legal Tech Lab für Interessierte den Programmierkurs "Coding For Law" an. Ich selbst habe daran teilgenommen und stehe im regelmäßigen Kontakt zu den Dozenten.

 

Legal Tech goes University. Herr Dr. Oltmanns, wird die Juristenausbildung den neuen Herausforderungen der fortschreitenden Digitalisierung aktuell schon gerecht?

Ingmar Oltmanns: Das Thema ist bei den Universitäten erst teilweise angekommen. An einigen Universitäten befassen sich Professoren und Lehrstühle mit Legal Tech, es gibt Seminare und Vorträge zu den Themen. Hier ist unsere Kanzlei mit an Bord: Gemeinsam mit unserem Corporate Partner Dr. Björn Simon, ebenfalls Innovation Ambassador, hielt ich 2018 Vorträge an den Universitäten Heidelberg und Bayreuth zu "The New Lawyer - Wie Innovation und Legal Tech die tägliche Arbeit des Anwalts beeinflussen". Darüber hinaus haben wir eine Kooperation mit der Universität Düsseldorf, wo unsere Kanzlei das Thema "Innovation needs Tools" präsentierte. 2019 setzen wir unsere Reihe an weiteren Universitäten fort. Auch in unserer Baker McKenzie Inhouse University für Associates steht Legal Tech auf der Agenda und Innovation ist u.a. Thema der Mentorship University für Mentees unseres Career Mentorship Program – um früh Nachwuchsjuristinnen und Nachwuchsjuristen an die Thematik heranzuführen.

 

Heute in morgen out – ein Blick in die Glaskugel. Welche Neuheiten werden in der kommenden Zeit im Bereich Legal Tech noch auf uns warten und welche davon werden sich auch durchsetzen? 

Silke Fritz: Gute Chancen werden solche Anwendungen haben, die uns das Arbeiten erleichtern oder effektiver machen und die Prozesse optimieren.

 

Wesentlich ist, dass es einen Anwendungsfall für ein bestimmtes Produkt gibt.

 

Falls nicht, kann ein Produkt noch so intuitiv und toll sein – es wird sich nur schwer durchsetzen können.

Ingmar Oltmanns: Vollkommen richtig. Die Menge der Daten nimmt in der Berufspraxis kontinuierlich zu. Das geht oft zu Lasten der Effizienz. Ich denke, dass es kurzfristig weitere Tools geben wird, die entweder standardisierte Dokumente auslesen und miteinander vergleichen (Stichwort document review im Rahmen von due diligences) oder Standarddokumente erstellen können (Stichwort automation). Das sind zwei Aufgaben, die viel Zeit in Anspruch nehmen. Was sich langfristig zeigen wird, ist schwer einzuschätzen. Noch vor fünf Jahren war das Thema Legal Tech fast nicht präsent.

 

Legal Tech – Chance oder Verderben des Anwaltsberufs. Alles eine Frage des Blickwinkels oder was würden Sie sagen, Frau Fritz?

Silke Fritz: Legal Tech wird einen enormen Einfluss auf unsere Arbeit haben. Vor allem sog. Substantive Law Solutions, die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz arbeiten, sind bzw. werden dazu in der Lage sein, verschiedene Aufgaben des Anwalts, beispielsweise in der Vertragsanalyse, zu übernehmen. Das ermöglicht dem Anwalt, sich auf eigentliche juristische Probleme und seine Kerntätigkeit zu konzentrieren.

 

Daher sehe ich Legal Tech als Chance.

 


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Jura ist spannend, bedeutet aber auch jede Menge Arbeit. Gelingt es den neuen Entwicklungen im Bereich Legal Tech, die juristische Arbeit im Kern zu erleichtern?

Ingmar Oltmanns: Erleichtern ist meiner Meinung nach das falsche Wort. Jura wird durch Legal Tech nicht leichter. Jura ist eine spannende und sehr komplexe Materie – daher nimmt die Ausbildung so viel Zeit in Anspruch. Ich denke, Legal Tech wird helfen, künftig standardisierte Aufgaben schneller zu erledigen. So bleibt Anwälten mehr Zeit, um sich mit juristisch komplexeren Fragen zu befassen. Vielleicht wird die tägliche Arbeit sogar eher anspruchsvoller.

 

Legal Tech – gestern und heute. Was wurde erst durch Legal Tech möglich, das vor 15 Jahre noch nicht ansatzweise vorstellbar war?

Silke Fritz und Ingmar Oltmanns: Bereits das Nutzen von Knowledge-Datenbanken bzw. das Nutzen von Musterdokumenten ist ja bereits Legal Tech. Viele Kanzleien und Unternehmen besitzen weltweite Datenbanken, z.B. Knowledge-Datenbanken, in denen Vorlagen und sog. Precedents gespeichert und geteilt werden. Jeder Mitarbeiter kann auf sie weltweit zugreifen, sie verwenden und bearbeiten. Ohne entsprechende Plattform wäre das nicht möglich. Des Weiteren gibt es im Gegensatz zu vor 15 Jahren unterschiedliche Tools zur Dokumenten- und Vertragsanalyse. Diese ermöglichen es, in viel kürzerer Zeit z.B. E-Mails nach bestimmten Schlagwörtern zu durchsuchen oder auch bestimmte Informationen und Klauseln aus Verträgen zu extrahieren und nebeneinanderzustellen. Viele Mandanten erwarten mittlerweile auch, dass wir uns mit entsprechenden Tools befassen. Tut man dies als Kanzlei nicht, ist es schwer, sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen. 

 

"It`s all about algorithm?" Glauben Sie, dass es bald eine weitere wichtige Weltsprache neben Englisch geben wird, die jeder beherrschen sollte – die Programmiersprache? 

Silke Fritz: Aus meiner Sicht ist es zwar hilfreich und lobenswert, wenn auch ein Jurist ein ungefähres Verständnis vom Coding hat, vor allem, wenn man sich mit der Entwicklung von Legal Tech-Anwendungen beschäftigt. Es ist aber keine Voraussetzung. Für das Arbeiten mit Tools benötigt man jedenfalls keine Programmierkenntnisse.

Ingmar Oltmanns: Es ist definitiv vorteilhaft, ein Grundverständnis vom Coding zu haben. Ich denke aber nicht, dass es als Jurist zwingend ist. Fast überall in der Berufswelt findet eine Spezialisierung statt, sei es in Jura, IT oder in den Wirtschaftswissenschaften. Die Herausforderung ist, die verschiedenen Expertisen zusammenzubringen. Hier bedarf es an Kommunikation, und zwar von Anfang an. Dafür eignet sich Design Thinking: ein Ansatz, der zu Problemlösung und Entwicklung neuer Ideen führen soll und die Sicht des Anwenders im Fokus hat.

 

Jurisdiction vs. Jurisfiction. Können Urteile bald automatisiert gefällt werden oder ist das etwas, was niemals passieren wird? Was denken Sie, Herr Dr. Oltmanns?

Ingmar Oltmanns: Die Wörter „niemals" und „Innovation" sollte bzw. kann man nicht im Zusammenhang verwenden. Jura ist nicht nur „schwarz" oder „weiß", es gibt viele Nuancen dazwischen.

 

Juristische Arbeit, sei es als Richter, Anwalt oder Beamter, erfordert im höchsten Maße ein gutes Urteilsvermögen.

 

Einzelfälle und Argumente muss man gegeneinander abwägen können. Diese Wertung leisten die Legal Tech - Tools aktuell nicht. Allein aus diesem Grund sehe ich nicht, dass Legal Tech Juristen überflüssig macht. Vor ein paar Jahren dachte man auch, die Printmedien sterben aus. Nun gibt es sie noch immer, nur die Art der Arbeit hat sich geändert.

 

Well done. Frau Fritz, wieso würden Sie sich jederzeit wieder für eine Karriere im Bereich Legal Tech entscheiden?

Silke Fritz: Legal Tech stellt für uns Innovation Ambassadors einen wichtigen Teil unserer Arbeit dar, aber nicht den wesentlichen. Wir sind als Associates in unseren Praxisgruppen im Tagesgeschäft aktiv. Unser Engagement in Sachen Legal Tech kommt also "on top". Das heißt auch, dass wir ein gutes Gespür dafür haben, welche Anwendungen tatsächlich für das "daily business" interessant sein können.

 

Kleiner Werbeblock zum Schluss. Mit welchem letzten Satz möchten Sie Nachwuchsjuristen die Position des Innovation Ambassadors schmackhaft machen?

Silke Fritz:

 

You can‘t do todays jobs with yesterdays methods and be in business tomorrow…

 

Ihr Fazit:

Silke Fritz und Ingmar Oltmanns: Innovation und Legal Tech werden uns in den kommenden Jahren zunehmend beschäftigen und die Juristenwelt verändern. Wir sehen Legal Tech Tools nicht als Konkurrenz, sondern als Chance. Wir schätzen die Tool-Funktion, die uns ermöglicht, unsere Arbeit schneller, effizienter und präziser zu erledigen. Grund genug, um Interesse für die Materie zu wecken und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Die Mandanten erwarten das im gleichen Maße wie internationale Wirtschaftskanzleien.

 

Vielen Dank für das Interview, Silke Fritz und Dr. Ingmar Oltmanns.

 

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