JavaScript ist nicht aktiviert!
Legal Tech & künstliche Intelligenz (AI)

Zeitgeschehen & Gerichtsurteile

Legal Tech & künstliche Intelligenz

Wie sich die Rechtsbranche verändern wird...

 

Betrachtet man die Wirtschaft, die Entwicklung in der Arbeitswelt und insbesondere in der Industrie, kommt man an diesen Wort einfach nicht mehr vorbei: Digitalisierung. Es ist das Wort der Stunde. Von der Wissenschaft und Wirtschaft größtenteil gefeiert, in manchen Branchen gefürchtet und von einigen prominenten Mahnern wie dem Philosophen Richard David Precht zumindest ambivalent gesehen, scheint diese Entwicklung aber an der konservativen Juristenwelt größtenteils vorbeizugehen. Doch ist das wirklich so?

 

Auf den ersten Blick mag dies so erscheinen, schließlich brüten Juristen noch heute über Büchern aus echtem Papier und abgesehen vom verhältnismäßig umständlichen Recherchieren in speziellen Online-Datenbanken und co. beschränkt sich die Tätigkeit am Rechner auf Officeapplikationen und E-Mails schreiben.

Ein Blick hinter die Kulissen lässt allerdings schnell erahnen, dass sich das rasch ändern könnte...

 

AI (Artifical Intelligence) - Wenn Computer Jura studieren

Ziemlich genau 20 Jahre ist es her, dass der Rechner Deep Blue den damaligen Schachweltmeister Garry Kasparov in einer Schachpartie schlug. Ein damaliger Meilenstein in der Entwicklung künstlicher Intelligenz. Was genau hat das aber mit der Digitalisierung der juristischen Arbeitswelt zu tun, mag sich nun der ein oder andere Leser fragen.

Die Antwort im Jahr 2017 muss nun lauten: Sehr viel. Der Rechner Deep Blue wurde von der US - amerikanischen IT - Firma IBM erschaffen, die damit den Beweis lieferte, dass Maschinen uns nicht nur in körperlicher Arbeit als Roboter überlegen sein können.

Ebendiese Firma hat nun eine Software mit Namen Watson erfunden. Diese Software versteht unsere Sprache, sowohl in geschriebener als auch in gesprochener Form. Sie kann Texte analysieren und lernt bereits sie zu bearbeiten. Das ist auch mit juristischen Texten möglich und ist bereits in der Entwicklung. Um es auf den Punkt zu bringen: IBM's Software Watson studiert gerade Jura.

 

 

Was wir aus der Erfahrung mit Deep Blue und unserem armen Schachweltmeister Kasparov wissen, ist dass wenn IBM einen Computer studieren lässt, dieser mit herausstechendem Erfolg bestehen wird.

Ein Blick in die Zukunft lässt uns die eigens mit Watson verbundene „Ross-App“ öffnen, einen Sachverhalt eingeben oder einsprechen und wenig später spuckt die Software eine rechtliche Analyse mit Verweisungen in vergleichbare Rechtsprechung aus dem eigens dafür angelegten Archiv aus.

Doch nicht nur IBM ist auf dem Vormarsch. Weltweit und vor allem auch im Mekka der Startups Berlin sind junge Unternehmen drauf und dran den etablierten Kanzleien mit ihren smarten Legal Tech Unternehmen Marktanteile strittig zu machen.

Das berliner Unternehmen legalbase.de bietet bereits heute Anwaltsleistungen zum Festpreis an, indem es über ein Onlinenetzwerk Anwälte mit Mandanten und deren Rechtsfragen zusammenbringt.

 

Ist dies das Ende für Anwälte wie wir sie kennen?

Diese Entwicklungen bedeuten auf jeden Fall Gefahr für den juristischen Arbeitsmarkt, denn hier kommt eine Innovationswelle auf die Zunft der Juristen zu, wie es sie noch nie gegeben hat. Insbesondere einfacher gelagerte Standardfälle werden bald von Legal Tech Software genauso gut aber deutlich günstiger gelöst werden können als von einem menschlichen Anwalt.

Im Umkehrschluss bedeutet das für die Rechtsbranche allerdings auch, dass zumindest mittelfristig gesehen komplexe und vielschichtige Rechtsfragen weiterhin von echten Rechtsberater bearbeitet werden müssen.

 

Die Digitalisierung als Chance

Doch wo Schatten ist, da ist auch Licht und so wird sowohl die allgemein voranschreitende Digitalisierung als auch die technische Entwicklung speziell in der Rechtsbranche nicht nur Risiken mit sich bringen.

Als Fallstudie für Chancen kann zum Beispiel die Zukunft der Automobilbranche, das autonome Fahren sehr gut herhalten:


 

Angenommen heute fährt Person X mit seinem klassischen Auto eine andere Person Y an. Abhängig von der Beweisbarkeit, der schwere der Verletzung und der Vorgeschichte der Parteien wird eine Software in Zukunft unproblematisch ermitteln können, welche Rechtsmittel in Frage kommen, welche Summe an Schmerzensgeld durch die Rechtsprechung durchschnittlich gewährt wird und was dementsprechend die sinnvollste juristische Vorgehensweise ist.


In der Zukunft des autonomen Fahrens wird es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit leider weiterhin, wenn auch weniger, solcher Unfälle geben. Nur stellen sich hier ganz andere Rechtsfragen als in dem obengenannten Fall, da nicht eine etwaige Fahrlässigkeit des Fahrers X festgestellt werden muss, sondern die Haftung möglicherweise auch beim Hersteller seines autonomen Fahrzeugs liegen könnte.

Auch Gesetze müssen wahrscheinlich geändert werden und generelle Regelungen zur Haftung werden zur Disposition stehen. All dies wird Aufgabe von Richtern und Anwälten sein und kann ihnen von keiner Software der Welt (ab)genommen werden.

 

Schließlich wird auch die Digitalisierung der Rechtsbranche an sich neue Möglichkeiten liefern. Denn wenn heute noch von der „Service-Wüste“ Deutschland gesprochen wird und Anwälte teilweise als arrogant oder wenig empathisch empfunden werden, wird sich eine neue Nische für die Kanzleien öffnen, die abseits von kühlen Softwareprozessen ihren Mandanten auch auf anderer Ebene zur Seite stehen können.

Die heiß umstrittenen und bislang in den Personalabteilungen teilweise belächelten Softskills könnten eine ganz neue Bedeutung erfahren, wenn fachliches Know-How an Bedeutung einbüßt, weil jeder Computer darüber verfügt.

Psychologische und kommunikative Fähigkeiten, die noch heute viel zu wenig Berücksichtigung im Studium der Rechtswissenschaften finden, werden eine viel wichtigere Rolle spielen, in der der Gang zum Anwalt bei Rechtsfragen ein Luxus und keine Pflicht mehr ist.

 

 

Die Entwicklung im Bereich Legal Tech in der Welt der Juristen wie wir sie kennen ist keine Frage des Ob sondern des Wann und des Wie geworden. Bereits jetzt lassen sich deutliche Tendenzen erkennen und die ersten Schlüsse aus ihnen ziehen. Doch dies bedeutet nicht das Ende der Juristen und ein Jurastudium ist noch immer sinnvoll und vielleicht gerade aufgrund der einschneidenden Veränderungen die auf unsere Gesellschaft zukommen besonders attraktiv. Wichtig wird vor allem die Bereitschaft sein, sich den Entwicklungen anzupassen und seine eigene kleine Nische zu finden, in der die eigene Expertise weiterhin unabkömmlich und unersetzbar bleibt.


Tags: #legal tech  #Karriere


Auch interessant:

 

26. Mai 2017


Finn Holzky

Autor:

Finn Holzky

Schreibt neben seinem Jurastudium seit 2 Jahren für TalentRocket und hat gerade sein 1. Staatsexamen in Göttingen hinter sich gebracht.

Ähnliche Themen


Raptexte als Beweis vor Gericht in den USA - Karrieremagazin TalentRocket

Gangster-Rap im Gerichtssaal

Können sich Songtexte auf ein Urteil auswirken?

weiterlesen
Die Hausdurchsuchung - Wie diese abläuft und worauf man dabei als junger Rechtsanwalt achten muss

Feuertaufe Hausdurchsuchung!

Wie diese abläuft und worauf man dabei als junger Rechtsanwalt achten muss...

weiterlesen
der kuriose Fall Amanda Knox - Magazin TalentRocket

Der verstrickte Fall Amanda Knox!

Schuldig oder unschuldig? Ein Hin und Her in den Mühlen der italienischen Justiz...

weiterlesen
Gartenzwerg - kuriose Rechtsurteile und die Hintergründe - Karrieremagazin TalentRocket

Kuriose Rechtsfälle und ihre Urteile

Vom Gartenzwerg, einer Verwechslungsgefahr mit der Mafia und einer gedichteten Kündigung...

weiterlesen
Rechtsfragen um das Liebesschloss in Klausur und Praxis

Rechtsfragen um das Liebesschloss in Klausur und Praxis

Die juristische Durchleuchtung dieses Trends...

weiterlesen
interessante-mandate-karrieremagazin-talentrocket

Streiten kann so schön sein ;)!

Ein Satz der unter Juristen gar nicht so kurios klingt...

weiterlesen