Anwältin & Gründerin Nadja Harraschain im New Lawyers Podcast

Verfasst von Laura Hörner. Veröffentlicht am 10.08.2022.

Schiedsrecht: Ein Rechtsbereich mit eigenen Regeln

Anwältin & Gründerin Nadja Harraschain im New Lawyers Podcast

Nadja Harraschain ist Associate bei der Kanzlei Allen & Overy und arbeitet dort in einem Rechtsbereich, der im New Lawyers Podcasts seinen ersten Auftritt hat: im Schiedsrecht. Mit Alisha Andert spricht Harraschain in dieser Folge über ihren Fachbereich, über die von ihr gegründete Juristinnen-Plattform breaking.through sowie über ihre Erfahrungen bei Allen & Overy.

 

Die Teilnahme an dem internationalen Vis Moot hat Nadja Harraschain zu ihrer Tätigkeit im Schiedsrecht inspiriert – motiviert von einem Lehrstuhlarbeiter entschied sie sich im dritten Semester ihres Jurastudiums dazu, an dem größten zivilrechtlichen Moot Court der Weit anzutreten. Wie für viele Jurist:innen, die heute im Schiedsrecht tätig sind, war diese Teilnahme ausschlaggebend für die Richtung ihrer Karriere. Die Erfahrung prägte sie so sehr, dass sie anschließend auch in Praktika, ihrem Referendariat und ihrer Promotion einen Schwerpunkt auf das Schiedsrecht legte.

Das Schiedsrecht ist in der internationalen Zusammenarbeit beliebt

Besonders spannend findet Harraschain am Schiedsrecht – auch Arbitration genannt – die Flexibilität und die Möglichkeit, sich immer wieder auf neue Rahmenbedingungen einzustellen. Denn anders als bei einem staatlichen Gerichtsverfahren schließen hier die beiden Parteien entweder vor oder während eines Streits eine Vereinbarung darüber ab, nach welchen Regelungen sie ebendiesen Streit beilegen möchten. Diese Regelungen stehen nicht im Vornherein fest, sondern können von den Parteien flexibel nach deren Bedürfnissen angepasst werden. Dabei verzichten sie auf die Option, vor ein ordentliches Gericht zu gehen, und entscheiden sich stattdessen für ein Schiedsgericht, das aus einer oder drei Personen besteht. Die Schiedsrichter:innen werden von den Parteien selbst gewählt: Für jeden Rechtsstreit wird also ein neues Schiedsgericht gebildet.

Besonders beliebt ist diese Art der Streitbeilegung bei Parteien, welche aus unterschiedlichen Ländern kommen. Diese möchten meist ungern vor das Gericht eines anderen Landes gehen und suchen deshalb nach einer neutralen Instanz. Ein weiterer Vorteil eines Schiedsgerichts ist die Vertraulichkeit – das Verfahren muss nicht öffentlich stattfinden. Abgesehen davon ist der Ablauf relativ ähnlich wie der eines staatlichen Gerichtsverfahrens. Am Ende steht ein Urteil, das für beide Parteien bindend ist und durch die staatlichen Gerichte der jeweiligen Länder vollstreckt wird.

Die Arbeitsmöglichkeiten im Schiedsrecht sind begrenzt

Als Arbeitgeber kommen für Jurist:innen im Schiedsrecht praktisch nur einige Großkanzleien sowie neuerdings auch spezialisierte Boutiquekanzleien infrage. Harraschain hat sich für Allen & Overy entschieden: Dort wird die Schiedspraxis seit einigen Jahren wieder aufgebaut. Das gibt ihr die Möglichkeit, in einem kleineren (aber schnell wachsenden) Team zu arbeiten und viel mitzugestalten. Auch eine Tätigkeit als Schiedsrichter:in ist natürlich möglich – dafür müsse man aber erst einmal gewählt werden.

Das schafften momentan hauptsächlich weiße Männer aus bestimmten Jurisdiktionen, auch wenn es dafür laut Harraschain keinen Grund gibt. Vor allem gelte die Ausrede nicht, es geben keine guten, weiblichen Schiedsrichterinnen. „Im Vergleich zu vielen anderen Rechtsbereichen ist das Schiedsverfahrensrecht doch vergleichsweise weiblich geprägt“, sagt sie. Trotzdem hätten es Juristinnen auch in diesem Bereich schwerer – wie so oft in der juristischen Arbeitswelt.

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breaking.through: Erfolgreiche Juristinnen als Vorbilder etablieren

Unter anderem aus diesem Grund hat Harraschain das Projekt breaking.through gegründet: Eine Plattform mit mittlerweile 32 ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen, welche erfolgreiche Juristinnen sichtbarer macht. Dies gibt anderen Anwältinnen und Jurastudentinnen die Möglichkeit, ihr eigenes Potenzial besser zu erkennen und Vorbilder zu finden. Davon gebe es nämlich noch zu wenige – sowohl an der Uni als Professorinnen als auch in Führungspositionen seien Frauen nicht genug vertreten. „Man kann ja oft in Kanzleien schon – in Anführungszeichen – von Glück sprechen, wenn man mit einer Partnerin irgendwie zusammenarbeitet“, sagt Harraschain.

Man kann ja oft in Kanzleien schon – in Anführungszeichen – von Glück sprechen, wenn man mit einer Partnerin irgendwie zusammenarbeitet.
Nadja Harraschain

Um mehr Möglichkeit zur Identifikation zu schaffen, wird unter anderem einmal pro Woche ein Interview mit einer erfolgreichen Juristin auf der Webseite gepostet, in dem es zum Beispiel um deren Werdegang, ihre Karriere als Frau oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. Außerdem bietet die Plattform eine unverbindliche und kostenlose Ratvermittlung an: Interessent:innen werden dabei an eine erfolgreiche Juristin vermittelt, welcher sie karriererelevante Fragen stellen können. Zu guter Letzt organisiert breaking.through Events wie Workshops und Panel Diskussionen zu Themen, die besonders (aber nicht ausschließlich) für Frauen relevant sind.

Als sie 2016 zum ersten Mal darüber nachdachte, breaking.through zu gründen, hatte Harraschain noch Bedenken, deshalb in eine Schublade gesteckt zu werden. 2018 dann, als das Thema Diversity auf einmal in aller Munde war, fühlte es sich für sie dann richtig an, das Projekt zu starten. Ihre Hoffnung: dass die Plattform dazu beitragen kann, dass möglichst viele Frauen in ihrer Karriere am Ball bleiben, mehr Sichtbarkeit erhalten und so eine breitere Masse erreichen können. Auch wenn sich einiges getan hätte, gebe es noch viel Raum für Verbesserung: „In den Partnerinnen-Quoten hat sich, soweit ich weiß, in den letzten zehn Jahren leider noch nicht so viel getan“, sagt Harraschain.

 

Wenn du mehr über die Initiative breaking.through erfahren möchtest und dich für das Schiedsrecht interessierst, dann hör doch einmal rein in diese Folge des New Lawyers Podcasts!

Die Themen dieser Folge im Überblick

 

  • Ab 02:01: Icebreaker-Frage: Auf welchen deiner Sinne könntest du am ehesten für eine Woche verzichten?
  • Ab 05:22: Wie bist du zu Arbitration gekommen?
  • Ab 06:50: Was macht das Schiedsverfahren aus?
  • Ab 10:32: Wie wichtig ist Englisch im Schiedsrecht?
  • Ab 11:16: Was begeistert dich am Schiedsrecht?
  • Ab 12:50: Warum hast du dich für Allen & Overy entschieden?
  • Ab 16:30: Was ist ARBinBRIEF?
  • Ab 19:19: Wie weiblich geprägt ist Arbitration?
  • Ab 21:29: Was ist breaking.through und wie kam es zu der Gründung?
  • Ab 26:13: Wie funktioniert breaking.through?
  • Ab 29:02: Welche Erfolge habt ihr bereits beobachten können?
  • Ab 33:42: Wie managst du alle deine Projekte?