Verfasst von Maryam Kamil Abdulsalam. 

Wenn Juristen sagen, sie verbessern die Welt...

... dann tun sie es vielleicht wirklich - 5 Ehrenämter im Überblick...

Arbeit und Studium sind nicht alles. Gerade wenn es stressig wird, ist ein Ausgleich Gold wert. Hobbies, Sport, Freunde, all das sind gute Möglichkeiten, um sich vom alltäglichen Stress zu erholen. Manch einer hat aber auch das tiefe Bedürfnis etwas für andere zu tun, nützlich zu sein. Ein Ehrenamt neben dem Beruf oder Studium kann die eigene Zufriedenheit und Ausgeglichenheit deutlich steigern.

 

Obwohl es unter Jurastudenten und Juristen nicht besonders verbreitet ist, sollte gerade diese Berufsgruppe ihre soziale Verantwortung ernst nehmen: Klassische

Berufe wie Anwalt, Staatsanwalt oder Richter sind Berufe, die unmittelbar mit den Schicksalen und Lebenswelten in Verbindung stehen und sind damit höchst soziale Berufe.

Um die Lebenswelten, die sich meist fundamental von den eigenen unterscheiden, frühzeitig kennen und verstehen zu lernen, ist es nützlich sich durch ein Ehrenamt dieser sozialen Verantwortung zu stellen. Wenn dann auch noch berufliche Erfahrungen und fachliche Nähe zum Studium oder Beruf hinzutreten, ist eine Win-Win-Situation für alle gegeben. Wir möchten euch im Folgenden 5 Ehrenämter für Juristen vorstellen:

 

1. Law Clinics und studentische Rechtsberatung

Law Clinics oder zu Deutsch studentische Rechtsberatung ist ein Konzept, welches erst spät in Deutschland Fuß gefasst hat. In den USA betätigen sich Jurastudenten schon seit den 1960er-Jahren in dieser Praxisform und sammeln erste Beratungserfahrung und tun gleichzeitig etwas Gutes. Hierzulande sind diese Rechtsberatungsformen erst mit der Änderung des Rechtsdienstleistungsgesetzes (RDG) 2008 erlaubt und ermöglichen eine kostenlose Rechtsberatung unter Aufsicht eines Volljuristen. Die Universität Gießen ergriff als Erste diese Möglichkeit. Ihr folgten bald Hamburg, Köln, München, Regensburg, Berlin, Leipzig und weitere Städte. Die Studenten fungieren als erste Anlaufstelle und bieten Erste Hilfe in rechtlichen Angelegenheiten an. Meist werden allgemein zivilrechtliche Anliegen bearbeitet, in Passau gibt es mittlerweile auch eine Law Clinic zum Informations- und Medienrecht. Mit einem besonderen sozialen Einschlag arbeiten die Refugee Law Clinics, die sich auf Asyl- und Migrationsrecht konzentrieren und insbesondere in den letzten Jahren einen wertvollen Beitrag zur Verbesserung der Situation zahlreicher Flüchtlinge beigetragen haben. Da diese spezielle Art der Rechtsberatung ein Fachgebiet abdeckt, das im universitären Curriculum meist nicht enthalten ist, wird das Engagement mit einem Ausbildungslehrgang durch Praktiker und Professoren begleitet.

 

Law Clinics auf dem Vormarsch: Wenn das Jurastudium plötzlich wieder Sinn macht - Studenten helfen, die Welt etwas gerechter zu machen

 

2. Sozialberatung

Mit einem ähnlich sozialen Anspruch arbeiten Sozialberatungen. Sie setzen jedoch viel niedrigschwelliger an: Die Klienten können selbst mit ihren behördlichen Formularen kommen und diese gemeinsam mit den Beratern ausfüllen. Auch Anliegen rund um Sozialansprüche, Mietprobleme oder ähnliches werden hier vorgetragen und bearbeitet. Klassische Anbieter einer solchen Sozialberatung sind die Caritas, Diakonie oder AWO, natürlich immer abhängig von der jeweiligen Stadt. Als erste Ansprechpartner für potentielle Freiwillige sind diese Verbände genau richtig. Studierende lernen hier viel über Sozialrecht und wie Behörden und Ämter funktionieren. Sie lernen vor allem, welche Schwierigkeiten und Herausforderungen Menschen begegnen können. Zwar werden auch diese Themengebiete im Studium selten behandelt, jedoch lässt sich vieles lernen, sobald man sich damit auseinandersetzt – getreu nach dem Motto „learning by doing“. Meist stehen auch erfahrene Berater zur Verfügung, bei denen junge Engagierte zunächst einmal hospitieren und lernen können.

 

"Jura ist komplex - aber das Leben ist komplexer!" - Bahnhofsmission

 

3. Engagement beim Weißen Ring e.V.

Der Weiße Ring e.V. ist ein bundesweiter Verein, der sich für Opferhilfe und Opferschutz einsetzt. Konkret bedeutet dies, dass sich Helfer des Weißen Rings, Opfern von Straftaten annehmen und diese in Form von persönlicher Betreuung, menschlichem Beistand, Zuwendung und Anteilnahme unterstützen. Darüber hinaus werden sie mit den notwendigen Informationen in ihrer Situation versorgt und sollen darüber aufgeklärt werden, wie der weitere Weg in ihrem Fall aussehen kann und soll. Der Verein blickt auf 40 Jahre Erfahrung zurück und 420 Außenstellen bieten direkte Anlaufstellen für Opfer, aber auch Ehrenamtler, die sich engagieren und Opfern zu ihren Rechten verhelfen möchten. Abseits vom materiellen Strafrecht kommt man hier in Berührung mit allgemeinen Opferrechten, Rechten im Strafverfahren oder Rechten auf Schadensersatz und Entschädigung. Gleichzeitig sind diese Rechte immer verbunden mit einem ganz persönlichen Schicksal. Wer gerade frisch aus der Strafrechtsvorlesung an der Uni kommt, muss hier schnell lernen, dass hinter den Paragraphen nicht irgendwelche anonymisierten Täter- und Opferrollen im Sachverhalt stehen, sondern echte Menschen mit ihren Ängsten, Schicksalen und Bedürfnissen. Engagieren können sich in diesem Verein sowohl Studierende als auch Volljuristen oder Referendare.

 

4. Haus des Jugendrechts

Diese Einrichtung dürfte den wenigsten ein geläufiger Begriff sein. Das Haus des Jugendrechts ist ein Zusammenschluss aus Staatsanwaltschaft, Polizei und Jugendgerichtshilfe, teilweise auch erweitert durch den Jugendschutz.

 

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Diese Einrichtung widmet sich jugendlichen und heranwachsenden Beschuldigten, die schon öfter straffällig geworden sind. Zweck des Zusammenschlusses ist es strafrechtliche Ermittlungsverfahren junger Straftäter zu beschleunigen und so eine schnelle Reaktion zu ermöglichen. Dadurch sollen kriminelle Karrieren junger Straftäter frühzeitig beendet und eine Umorientierung der jungen Erwachsenen ermöglicht werden. Das HdJR sucht zwar nicht regelmäßig nach ehrenamtlichen Helfern, ist aber meist froh über helfende qualifizierte Hände. Qualifiziert heißt hier optimaler Weise abgeschlossenes erstes Staatsexamen und Interesse am Strafrecht, insbesondere im Jugendstrafrecht. Denn die Tätigkeiten sind denen in der strafrechtlichen Station im Referendariat sehr ähnlich: Erfassung und Eintragung von Akten, Eröffnung eines staatsanwaltlichen Verfahrens, Teilnahme an Hauptverhandlungen mit Bewertung der Sachlage und Einschätzung der angeordneten Maßnahme und Verfassen von Anklageschriften. Wer sich hier als Ehrenamtlicher engagieren möchte, kann schon eine ganze Menge für das Referendariat mitnehmen und wird vielleicht sogar besser und intensiver betreut als später in der Ausbildungsstation.

 

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5. Ehrenamt im Beruf

Juristische Ehrenämter sind nicht nur neben Studium und Referendariat sinnvoll, sondern können  auch im späteren Beruf weitergeführt werden. Wer erst einmal mitten im Beruf steht, hat sehr wahrscheinlich deutlich weniger Zeit sich in fremde Materie und Themen einzuarbeiten, als Studierende. Dennoch kann die eigene Berufserfahrung und Expertise gut für ein juristisches Ehrenamt genutzt werden. In langer Tradition tun dies Anwälte in den USA mit ihren pro bono Angeboten.

Pro bono publico bedeutet „zum Wohle der Öffentlichkeit“

und wird von Anwälten derart umgesetzt, dass die Klienten kostenlos beraten oder auch gerichtlich vertreten werden, wenn diese sich eine professionelle Vertretung nicht leisten können. Aufgrund der Prozesskostenhilfe ist dieses Problem ist Deutschland nicht so relevant, aber dennoch verpflichten sich immer mehr Kanzleien zu pro bono Mandaten und beraten Klienten ehrenamtlich und ohne jede Vergütung.  Seit 2011 schließen sich Kanzleien, die pro bono Rechtsberatung anbieten, unter dem Dach des pro bono Deutschland e.V. zusammen und möchten unter diesem Zusammenschluss auch die Verbreitung und Akzeptanz dieses Konzepts fördern.

Ähnlich nah am Berufsbild wäre auch ein ehrenamtliches Engagement in der Schuldnerberatung. Hier können Juristen und Anwälte Hilfesuchende ebenfalls kostenfrei und völlig ehrenamtlich beraten, welche Möglichkeiten sie haben, ihre Schulden los zu werden, wie sie Insolvenz anmelden können oder welche anderen Auswege es noch gibt.

Auch der Deutsche Anwaltsverein betätigt sich ehrenamtlich mit Rechtsauskunftsstellen bzw. kostenloser Rechtsberatung. Hier kann sich jeder Hilfe suchen, der aufgrund minderen Einkommens, staatlicher Unterstützungsleistung oder Studentenstatus dazu berechtigt ist. Ehrenamtlich arbeitende Juristen helfen aus in Ehesachen, Mietsachen, Arbeitsrechtssachen oder Kaufvertragsangelegenheiten. Der Unterschied zum pro bono Angebot von Kanzleien ist, dass es sich hier um eine Erstberatung handelt, jedoch im Weiteren keine Mandate ehrenamtlich übernommen werden können.

 

Ehrenamtliches Engangement ist in verschiedensten Arten möglich. Als Student sollte darauf geachtet werden, ein Engagement wahrzunehmen, welches auch später interessant sein könnte. Als Rechtsreferendat oder schon ausgebildeter Berufsträger sollte überlegt werden, in welchem Feld man sich ein Ehrenamt vorstellen könnte und hierbei nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden.

 


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