"Den Weg in die Betriebsprüfung habe ich noch nie bereut."

Interview mit Frau Heinrich, Volljuristin und tätig beim Finanzamt in Memmingen

 

Frau Heinrich, Volljuristin und Hauptsachgebietsleiterin in der Betriebsprüfung beim Finanzamt Memmingen bei der Bayerischen Steuerverwaltung.

 

Frau Heinrich - Betriebsprüfung Finanzamt Memmingen - Interview TalentRocket

 

1. Hallo Frau Heinrich, darf man einem Betriebsprüfer nun eigentlich einen Kaffee spendieren?

Beamten ist es grundsätzlich nicht erlaubt, Geschenke anzunehmen. Bei geringwertigen Zuwendungen besteht hier allerdings eine Ausnahme, wenn es den Gepflogenheiten entspricht. Ein Kaffee bei Besprechungen ist also durchaus erlaubt.

 

2. Das Wort Betriebsprüfung hat eigentlich jeder schon einmal gehört, aber was genau kann man sich darunter vorstellen?

Außenprüfungen werden bei Steuerpflichtigen durchgeführt, die einen Gewerbebetrieb oder einen land- oder forstwirtschaftlichen Betrieb unterhalten, die selbständig tätig sind oder sog. bedeutende Einkünfte haben.

Im Rahmen der Prüfung besichtigt der Betriebsprüfer den Betrieb und lässt sich die innerbetrieblichen Abläufe erläutern. Er erhält Einblick in die Buchführungsunterlagen und die gespeicherten Daten und überprüft, ob diese steuerlich richtig in die Steuererklärung und dann in die Steuerbescheide eingearbeitet wurden. Der Steuerfall wird abschließend geprüft.

 

3. Und was machen Juristen bei einer Betriebsprüfung? Sind sie sozusagen Steuerdetektive?

Juristen sind in der Betriebsprüfung als Sachgebietsleiter oder Hauptsachgebietsleiter tätig. Das bedeutet die organisatorische und fachliche Leitung eines Sachgebiets, dem mehrere Betriebsprüfer zugeordnet sind. Als Hauptsachgebietsleiter koordiniert man mehrere Sachgebiete. Diese Tätigkeit ist sehr vielfältig.

Ein großer Teil der Arbeit entfällt auf Personalführung. Man steht in engem Kontakt mit den Betriebsprüfern und wirkt an deren Entwicklung mit. Die Prüfer werden bei ihrer Arbeit unterstützt. Hierfür steht der Sachgebietsleiter bei steuerrechtlich oder verfahrensrechtlich schwierigen Fragen als Ansprechpartner zu Verfügung. Gefragt sind auch zivilrechtliche und gesellschaftsrechtliche Kenntnisse.

Man nimmt auch an Schlussbesprechungen teil, besonders bei größeren oder rechtlich komplexen Fällen. Hier sitzen nicht selten Vertreter ganz großer Kanzleien auf der gegenüberliegenden Seite.

Außerdem erstellen die Sachgebietsleiter z.B. den Prüfungsgeschäftsplan, in dem festgelegt wird, welcher Prüfer welche Fälle im kommenden Halbjahr prüfen soll. Des Weiteren arbeitet man eng mit der Amtsleitung und den vorgesetzten Dienstbehörden zusammen.

 

4. Unter welchen Bedingungen arbeitet man bei einer Betriebsprüfung?

Im Regelfall erfolgt die Betriebsprüfung im Betrieb des Steuerpflichtigen. Hier erhält der Prüfer einen Arbeitsplatz, so dass er mit seinem Prüferlaptop arbeiten kann. In vielen Fällen erhält der Prüfer heutzutage auch Datenzugriff über betriebseigene Rechner. Je nach Organisationsstruktur im Betrieb werden dann Belege eingesehen, Buchungen überprüft, Daten gesichtet und ausgewertet...

Der Prüfer muss sich zwar häufig auf ein neues Arbeitsumfeld einstellen, erhält hierbei allerdings einen tiefen Blick in die Abläufe des Betriebes und steht im direkten Kontakt mit dem zu prüfenden Steuerbürger.

 

5. Wie viel Gegenwehr erfährt man bei einer Betriebsprüfung? Werden Unterlagen zurückgehalten oder die Heizung abgedreht?

Dass die Heizung abgedreht wird, habe ich bisher noch nicht mitbekommen. Eine gewisse Gegenwehr ist aber schon immer wieder vorhanden. Dies ist aber wegen der Interessenkollision (niemand wird gerne im Detail überprüft oder zahlt gerne mehr Steuern) auch verständlich. Solange die Grundregeln der Höflichkeit gewahrt werden, ist das auch in Ordnung.

Manchmal geht die „Gegenwehr“ allerdings ins Persönliche. Hier ist man dann als Sachgebietsleiter gefragt. Wir unterstützen die Prüfer wo wir können. Beleidigungen muss sich niemand gefallen lassen.

Häufiger kommt vor, dass die Mitwirkung des Steuerpflichtigen eher schleppend läuft. Da muss man dann dahinter sein, dass die Unterlagen, die vom Prüfer angefordert wurden, auch vorgelegt werden.


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6. Prüft man wirklich jeden einzelnen Beleg der letzten drei Jahre oder erfolgt eine Art Stichprobenprüfung?

Jeden einzelnen Beleg zu prüfen ist praktisch unmöglich. So wäre eine Betriebsprüfung nicht in angemessener Zeit durchführbar. Wir arbeiten sehr weit EDV- gestützt, was es uns ermöglicht, schnell einen Überblick über die gesamte Buchführung zu erhalten, um dann auch Schwerpunkte in der Prüfung setzen zu können. Der Prüfer entscheidet im Einzelfall, welche Belege er einsehen möchte.

 

7. Welchen Nutzen hat die Betriebsprüfung für den Staat bzw. was „verdient“ er damit?

Durch die Betriebsprüfung werden Fehler hinsichtlich der Ermittlung des steuerlichen Einkommens / Ertrags aufgedeckt. Dies führt oft zu Steuernachzahlungen, die dem Staat als Einnahmen zufließen. Gelegentlich kommt es aber auch vor, dass der Steuerpflichtige nach einer Betriebsprüfung eine Steuererstattung erhält.

Über die Höhe der Mehreinnahmen kann ich hier nichts sagen. Auf den Internetseiten des Bundesministeriums für Finanzen wird regelmäßig die Bundesstatistik über die Betriebsprüfung veröffentlicht - hier können konkrete Zahlen eingesehen werden.

 

8. Und wie viel erwirtschaftet ein einzelner Betriebsprüfer pro Jahr?

Ohne ein Staatsgeheimnis zu verraten: Ein Betriebsprüfer erwirtschaftet sicherlich mehr, als er den Staat kostet.

 

9. Welche Eigenschaften und Qualifikationen braucht ein Jurist in der Betriebsprüfung?

Als Sachgebietsleiter sollte er neben fachlicher Qualifikation im Steuerrecht und den damit verbundenen Rechtsgebieten ein hohes Maß an Kommunikationsfähigkeit, eine schnelle Auffassungsgabe und Entscheidungsfreude besitzen.

 

10. Vielleicht können Sie mit dem Vorurteil des spröden Alltags eines Betriebsprüfers aufräumen, indem Sie uns eine skurrile oder witzige Anekdote erzählen?

Die Arbeit in der Betriebsprüfung ist vielfältig und spannend. Man erhält interessante Einblicke in die Arbeitsstrukturen der verschiedensten Betriebe. Auch als Sachgebietsleiter ist man „nah dran“ am Geschehen. Neben der Zusammenarbeit mit den Betriebsprüfern hat man auch immer wieder persönlichen Kontakt mit den Steuerpflichtigen. Die Zusammenarbeit macht es besonders und lässt den Alltag nicht spröde werden.

 

11. Wenn Sie sich heute noch einmal entscheiden müssten, würden Sie wieder Betriebsprüfer werden?

Den Weg in die Betriebsprüfung habe ich noch nie bereut.

 

Vielen Dank für diesen Einblick, Frau Heinrich.

 

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