Jura- & Informatikstudium: Ein MUSS für Legal Tech?

Müssen Jura Studierende in Zukunft programmieren können?!


verfasst von Jan-Henrik Busch und veröffentlicht am 02.04.2018

 

Der Einfluss der Digitalisierung auf die Rechtsbranche (kurz Legal Tech) hat sich von seinem Schattendasein innerhalb kurzer Zeit in eines der meist diskutierten Themen der juristischen Szene entwickelt. Hackathons und Legal Tech Veranstaltungen sprießen wie Pilze aus dem Boden. Auch wenn das Thema von den meisten Juristen noch überwiegend skeptisch betrachtet wird, darf nicht verkannt werden, dass gerade zukünftige Juristen diese Entwicklungen sehr genau verfolgen sollten.

 

Und da ist es wieder, dieses mulmige Gefühl kurz vor den Klausuren, wenn man sich fragt: Habe ich alle relevanten Probleme gelernt und dabei nichts übersehen? Bin ich gut vorbereitet?

Diese Fragen kennt jeder Jurastudent während der Klausuren- oder Examensvorbereitung. Doch auch in einem anderen Kontext werden Fragen wie diese relevant: Bin ich als Jura Absolvent gut auf das Arbeiten in einer digitalisierten Arbeitswelt vorbereitet? Habe ich alle nötigen Skills erworben?

Ziel des Artikels wird es nicht sein, ein allgemeingültiges Patentrezept für alle Juristen der Zukunft aufzuzeigen, sondern vielmehr mögliche Antworten zu geben, um selbstbewusst in die digitale Zukunft zu blicken.

                    

Staatsexamen in der Tasche – und dann?

Nach einem erfolgreichen Jura Studium stehen viele Türen offen: Richter oder Staatsanwalt im Staatsdienst? Syndikusanwalt in einem Unternehmen? Eine eigene Kanzlei gründen oder als Anwalt in eine kleine, mittelständische oder große Kanzlei. Eines haben diese juristischen Berufe gemeinsam: Sie werden sich durch die Digitalisierung alle verändern. Welche Art der juristischen Arbeit als erstes oder stärker als andere betroffen sein werden, wäre Stoff für eine abendfüllende Diskussion oder eine interessante Forschungsfrage. In jedem Fall aber zu umfangreich für diesen Beitrag.

 

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Legal Tech, Blockchain, Smart Contract und künstliche Intelligenz – was ist das überhaupt?

Definitionen für Legal Tech unterscheiden sich stark in ihrer Reichweite: Einige fassen alle Anwendungen der Schnittstelle von Jura und Informatik als Legal Tech auf, andere hingegen sehen Legal Tech, in einem engeren Sinne, als Software, die unmittelbar die juristische Leistungserbringung berührt1. Beiden Definitionsversuchen ist gemein, dass sie die Schnittstelle aus Jura und Informatik als den Kern der Legal Tech-Debatte bezeichnen. Die feineren Unterschiede, etwa ob Zeiterfassungs- und Kanzleiorganisationssoftware auch zu Legal Tech gehört, sind für ein erstes Verständnis von Legal Tech weniger relevant. Wichtig ist es zu verstehen, dass Legal Tech den Blick auf die Verbindung von juristischer Arbeit und Informatik richtet.

Dabei ist Legal Tech keinesfalls Neuland: erste Überlegungen hierzu waren im Gebiet der Rechtsinformatik bereits in den 70er und 80er Jahren zu finden.2 Allerdings haben die zum Großteil ernüchternden Ergebnisse dieser Forschung dazu geführt, dass das Thema schnell wieder in Vergessenheit geraten ist. Die Fortschritte der Computertechnologie der vergangenen Jahre und die Etablierung der Digitalisierung in der Mitte unserer Gesellschaft haben jedoch wie zunächst in der Finanzbranche (Fintech) nun auch in der Rechtsbranche zu einer Renaissance dieser Überlegungen geführt.

Die bekanntesten Buzz Words sind zweifelsohne die Blockchain, der Smart Contract und der Vertrags-Generator. Das Prinzip Blockchain ist ein System, welches Transaktionskosten auf ein absolutes Minimum reduziert und es einzelnen Personen erlaubt, Handlungen und Interaktionen ohne eine dritte Partei (z.B. eine Bank oder ein Notar) abzuwickeln. Smart Contracts basieren dabei auf der Blockchain und bilden menschlich Rechtsbeziehungen digital ab.3 Als Vater der Smart Contracts gilt der amerikanische Anwalt und Informatiker Nick Szabo. Vertrags-Generatoren sind Softwareanwendungen, mithilfe derer schnell, vergleichsweise einfach und sicher Verträge zu verschiedenen Themen generiert werden können. Künstliche Intelligenz ist ein Oberbegriff für verschiedene Softwareanwendungen, zu denen Machine Learning und neuronale Netze gezählt werden. Allgemein wird unter künstlicher Intelligenz die Programmierung von Software verstanden, welche Leistungen vollbringen kann, die zuvor der menschlichen Intelligenz vorbehalten war.

                    

Jura Studium bald nur noch mit Doppelabschluss in Informatik?

Im vorrangegangenem Abschnitt tauchten für einen Artikel, der sich an Juristen richtet, auffallend oft die Worte „Programmierung“, „Software“ und „Informatik“ auf. Dies führt unweigerlich wieder zu der Frage, die zu eingangs gestellt wurde und um deren Beantwortung sich dieser Beitrag bemüht.

Das Arbeitsumfeld eines Juristen wird sich in Zukunft weiterentwickeln. Trotz aller Veränderung werden Juristen nicht, wie von vielen in der Branche befürchtet, durch den digitalen und technologischen Wandel aussterben. Menschen, die das Recht anwenden, auslegen und für ihre Mandanten durchsetzen werden auch in Zukunft gebraucht. Insbesondere im Hinblick auf die Rechtsprechung! Die Judikative nimmt als wichtiger und hochsensibler Teil unserer Gesellschaft in der Diskussion um Legal Tech und Digitalisierung eine gesonderte Rolle ein. Neue Technologien müssen mit großer Sorgfalt an jenen Stellen eingesetzt werden, die elementar für das Funktionieren unsere Gesellschaft sind. Maschinen werden vermutlich nie in der Lage sein, die Komplexität einer Gerichtsverhandlung und die verschiedenen widerstreitenden Interessen zu erfassen und unter Anwendung des gültigen Rechts in einen Ausgleich zu bringen, wie es ein menschlicher Richter tut. Der menschliche Verstand sollte Recht sprechen und das nicht den Maschinen überlassen.

Die freie Wirtschaft und der Rechtsmarkt sind geeignete Umfelder für die Erprobung neuer Technologien und Möglichkeiten. Die Gerichte werden dann auch in absehbarer Zeit mit Legal Tech konfrontiert werden. Nicht nur wegen neuen Anwendungen im Bereich Legal Tech wird eine gerichtliche Klärung nötig sein. Denkbar ist zudem die Herausbildung eines neuen materiell-rechtlichen Bereiches.

Auch die bisherigen Anforderungen an die Menschen werden sich ändern. So wird zum Beispiel das Thema Digitales Mind-Set von viel größerer Bedeutung sein. Kanzleien werden von ihren Mitarbeitern verlangen müssen, Potenzial für den Einsatz von unterstützenden Softwareanwendungen bei ihrer Arbeit zu erkennen. Ein Beispiel: Bei einer großen M&A Transaktion müssen Tausende an Datensätzen durchsucht und analysiert werden. Hierfür kann Software eingesetzt werden, welche die Arbeit wesentlich schneller (und preiswerter) als ein Mensch erledigen kann. Das Beispiel mag vielleicht trivial klingen, doch viele Ideen erscheinen anfänglich trivial und erleichtern das Leben enorm!

Um ein digitales Mind-Set aufzubauen ist es sicherlich nicht verkehrt, sich in die Grundlagen der Informatik oder einiger Programmiersprachen einzuarbeiten. Auch eine genaue Betrachtung der aktuell existierenden Anwendungen ist hierbei eine große Hilfe. Insbesondere die Beschäftigung mit der Blockchain Technologie ist hier ein vielversprechender Ansatz. Einen zusätzlichen Bachelor in Informatik wird für die meisten Jura Absolventen nicht notwendig sein, um in Zukunft auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen zu haben. Jedoch ist eine fundierte Auseinandersetzung mit den Themen unserer Zeit wichtig, um ein gern gesehenes Abgrenzungsmerkmal im Rechtsmarkt von morgen aufweisen zu können. Dies kann zum Beispiel durch das Lesen einschlägiger Blogs und Artikel im Internet, oder eines der erst kürzlich erschienen Fachbücher geschehen. Auch der Besuch von Veranstaltungen, wie zum Beispiel eine der zahlreichen MeetUp Gruppen, die mittlerweile fast in jeder großen deutschen Stadt existieren, ist hilfreich. In Hamburg, Hannover, Berlin, München, Frankfurt an der Oder sowie Frankfurt am Main existieren bereits an den Universitäten Initiativen, die sich mit Legal Tech und den Auswirkungen des digitalen Wandels auf die Rechtsbranche befassen.

Beispiel:

„Legal Tech Lab Frankfurt am Main“:
Ziel der Initiative ist es, Studierenden eine fundierte Auseinandersetzung mit dem digitalen Wandel der Rechtsbranche und Legal Technology zu ermöglichen. Hierzu werden Vorträge, Workshops und Hackathons organisiert. In Projekten mit Praxispartnern können Anwendungen erprobt und Erfahrungen gesammelt werden.

 

1 Legal Tech – Die Digitalisierung des Rechtsmarkts, Bues, Hartung, Halbleib
2 Fritjof Haft, Einführung in die Rechtsinformatik; Haft/Hein/Lehmann, Das LEX Projekt, Leo Reisinger, Automatisierte Normanalyse und Normanwendung
3 Breidenbach/Glatz, Rechtshandbuch Legal Tech, 4.1 Rn. 46

 


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Über den Autor

Jan-Henrik Busch - Legal Tech Lab

Jan-Henrik Busch

Jan-Henrik Busch studiert Jura an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und hat gemeinsam mit seinem Kommilitonen Philipp Neumer die studentische Initiative „Legal Tech Lab Frankfurt am Main“ gegründet.

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