Alisha Andert: Ja, absolut, würde ich auch so sehen. Und vor allem, wenn man etwas wirklich gerne macht, dann wird man auch automatisch viel besser darin, weil man sich ja permanent damit beschäftigt und dadurch einfach Skills entwickelt, die einen dann wiederum zu der besten Person in diesem Bereich machen können oder eben zu einer der besten Personen. Ich glaube, das ist wirklich eine Grundvoraussetzung als Anreiz, wo Geld nicht ausreicht. Also, naja, jedenfalls uns nicht, vielleicht der eine oder andere Person schon, aber ich glaube auch, der Weg ist auf jeden Fall der richtige. Jetzt haben Sie ja relativ viel schon gesehen in Ihrer Zeit als Justizministerin, aber auch generell sind Sie ja sehr aktiv im Rechtsbereich tätig und stellen natürlich auch gerade in den letzten Jahren fest, dass sich die ganzen Akteure sehr verändern. Also wir haben jetzt mittlerweile so Legal Tech-Unternehmen auf dem Rechtsmarkt, die da unterwegs sind, wo ich weiß, dass Sie auch auf jeden Fall ein gutes Auge drauf haben und da sehr nah dran sind. Wie blicken Sie denn generell auf den deutschen Rechtsmarkt? Was sind so die Beobachtungen, die Sie machen mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen?
Brigitte Zypries: Den ganzen Überblick über die Entwicklungen habe ich ehrlicherweise nicht. Aber was ich so sehe, finde ich schon ausgesprochen spannend und ich finde es auch in vielen Bereichen gerade für Verbraucherinnen und Verbraucher ausgesprochen hilfreich. Also solche Plattformen beispielsweise wie Flight Right sind ja schon gut, damit Menschen auch ihre Ansprüche einklagen können. Sie kriegen dann zwar vielleicht ein bisschen weniger, als sie kriegen würden, wenn sie einen Amtsgerichtsprozess führen würden. Aber das ist ja doch ein aufwendiges Verfahren. Und von daher finde ich, ist das schon im Sinne der Verbraucherinnen und Verbraucher eine sehr gute Entwicklung. Feststellen muss man natürlich, dass die Regulierung hinterherhinkt und dass auch die Gerichte hinterherhinken. Also die Justiz, mit ihren Möglichkeiten, auf solche Verfahren auch einzugehen. Wir haben das bei der Musterfeststellungsklage ja auch festgestellt. Da war ich ja Ombudsfrau bei VW im Jahr 2020. Und da konnte man auch sehen, dass die Gerichte und Verwaltungsbehörden mit solchen Verfahren ein Stück weit auch überfordert waren. Was ich nicht so gut finde, muss ich ehrlich sagen, ist, dass diese amerikanische Art des Klagens ein bisschen schwierig finde, also diese Sonderform der Sammelklagen, dass Anwälte Klägerinnen und Kläger auffordern, sich zu bewerben und die einsammeln, um Klage zu erheben. Ich finde es immer schwierig, wenn man Menschen ermuntert, dass sie sich da in Sachen wehren, die sie gar nicht als ungerecht empfinden. Aber so ist wohl die Entwicklung, das muss man zur Kenntnis nehmen.
Alisha Andert: Teilweise kennen auch Leute ihre Rechte gar nicht. Ich glaube, das ist auch ein Problem, dass die Leute gar nicht sich darüber bewusst sind, dass sie Ansprüche geltend machen könnten.
Brigitte Zypries: Das müssten wir konkretisieren. Bei den Dieselverfahren hatte ich nicht den Eindruck, dass es eine Menge Leute gab, die meinten, sie könnten Ansprüche geltend mache, obwohl sie gar nicht so richtig betroffen waren.
Alisha Andert: Ja, ich meine jetzt zum Beispiel gerade bei den Fluggastrechtefällen, wobei das da ja weniger diskutiert wird, weil die Forderungen halt auch immer sehr klein gewesen sind. Da hatten und haben viele Leute bis heute gar keine Kenntnis darüber, dass sie überhaupt einen Entschädigungsanspruch haben. Und da finde ich es eigentlich auch okay, dass man sie quasi darauf hinweist, was ja dann natürlich aber auch eine Werbung ist für eine Rechtsdienstleistung.
Brigitte Zypries: Ja, das ist sicherlich richtig. Da gebe ich Ihnen Recht, dass es mit der Information, was man für Rechte hat, natürlich immer eine gewisse Werbung verbunden ist, dass man die auch geltend macht. Das stimmt, aber Information als solches ist ja was anderes, als wenn ich Anzeigen schalte, wie ich sie auch schon gesehen habe, wo drin steht, wir werden jetzt das und das machen und melden sie sich doch.
Alisha Andert: Ja gut, das wäre auf jeden Fall zu diskutieren. Das finde ich auf jeden Fall sehr interessant, auch welche Meinung Sie dazu haben. Wenn Sie jetzt so zurückblicken auf Ihre Zeit im Justizministerium und die Themen, die heute aktuell sind, würden Sie sagen, im Wesentlichen sind es noch ähnliche Themen oder haben wir uns da schon stark weiterentwickelt?
Brigitte Zypries: Ja, also wir haben natürlich im Bereich der Gleichstellung, gerade bei homosexuellen Paaren mit der Ehe für alle, einen enormen Schritt gemacht, sodass diese ganze Debatte, die damals viel meiner Zeit in Anspruch genommen hat, quasi obsolet ist. Das ist jetzt durch, sage ich mal, da müssen wir nicht mehr drüber reden. Was heute ein ganz anderes Thema ist, ist das Thema Digitalisierung. Sie haben es ja vorhin gesagt, ich war von 2002 bis 2009 Bundesministerin der Justiz und Sie wissen, wann das iPhone auf den Markt kam?
Alisha Andert: 2007 war das, oder? Genau, ja.
Brigitte Zypries: Genau, ja. Also das war zwei Jahre vor Ende meiner Amtszeit und das hat natürlich noch mal einen enormen Schub gegeben und dadurch sind natürlich diese ganzen Digitalisierungsthemen noch mal in einer ganz anderen Art und Weise brisant geworden.
Alisha Andert: Total, das ist ja auch eine wahnsinnige Beschleunigung, die dadurch entsteht. Und auf einmal werden diese Abstände zwischen den Entwicklungsstufen, den technologischen Entwicklungsstufen viel viel kleiner. Haben Sie denn das Gefühl, dass diese Beschleunigungseffekte in der Justiz schon angekommen sind?
Brigitte Zypries: In der Justiz nicht so richtig, nee.
Alisha Andert: Da laufen sie nur außen auf, so als Klagewellen. Aber momentan würde ich tatsächlich auch sagen, dass das eher noch sehr hinterherhinkt. Haben Sie ja auch vorhin schon mal erwähnt.
Brigitte Zypries: Ja, genau. Das würde ich auch so sehen wollen.
Alisha Andert: Also das wird auf jeden Fall noch mal sehr, sehr spannend.
Brigitte Zypries: Genau. Und da muss man sicherlich auch sehen, dass man andere Formen bereitstellt von Seiten der öffentlichen Hand für Klagen. Also das wird ein Thema sein, mit dem sich das Justizministerium sicherlich befasst und wo wir hoffentlich da auch mal Vorschläge kriegen, dann in absehbarer Zeit.