Jurist nutzt ChatGTP bei der Arbeit

Verfasst von Laura Hörner|Veröffentlicht am 06.02.2023

ChatGPT & Jura – wie verändert KI die Rechtsbranche?

Risiken & Chancen von ChatGPT im juristischen Kontext

Jahrelang studiert und dann durch eine künstliche Intelligenz ersetzt? AI-Programme rütteln gerade viele Berufe durch – darunter auch die Rechtsbranche. Das bekannteste Programm ist ohne Frage ChatGPT, ein textbasiertes Dialogsystem, das zum Beispiel Fragen der Nutzer:innen beantworten kann. Welche Auswirkungen künstliche Intelligenz auf den Anwaltsberuf hat und ob du in Zukunft durch einen Computer ersetzt wirst, erfährst du hier (Spoiler: Letzteres wird wahrscheinlich nicht passieren).
 

Was ist AI und worum handelt es sich bei ChatGPT?

Chatbots sind uns sicherlich allen schon einmal begegnet – manch gute, manch weniger gute. Wenn du schon einmal auf einer Webseite versucht hast, über einen automatisch generierten Chat eine Beschwerde zu platzieren oder eine etwas kompliziertere Frage zu stellen, dann weißt du, wie frustrierend das sein kann.

Bei ChatGPT handelt es sich ebenfalls um einen Chatbot – allerdings auf einem ganz neuen Level. Denn er basiert auf AI (Artificial Intelligence), also künstlicher Intelligenz. Das bedeutet, dass er keine vorher definierten Antworten ausspuckt, sondern ganz individuell auf Fragen eingeht. Er kann Kontexte erkennen und arbeitet ähnlich wie ein menschliches Gehirn. Du kannst dich also wie mit einer echten Person mit ihm unterhalten und von ihm Informationen erhalten. Daten hat ChatGPT (in seiner jüngsten Version 4o) momentan bis ins Jahr 2023. Das Programm ist jedoch nicht mit dem Internet verbunden und kann daher keine Echtzeitdaten abrufen.

Deshalb ist ChatGPT so bemerkenswert

Wenn du ChatGPT schon einmal benutzt hast, dann ist dir zu Beginn bestimmt etwas aufgefallen: Irgendwie erinnert die Nutzung verdächtig an googeln. Tatsächlich lässt sich ChatGPT wie eine Suchmaschine benutzen. Man kann dem Bot Fragen stellen, welche dieser dann auf Basis der Daten, über welche er verfügt, beantwortet. Aber was macht die Sache so revolutionär? Schließlich sind auch herkömmliche Suchmaschinen mittlerweile sehr gut darin, schnell die gesuchten Informationen zu liefern.

Der Unterschied liegt zum Beispiel darin, dass du mit ChatGPT richtige Gespräche führen kannst. Der Bot merkt sich die Unterhaltung, sodass du auf vorherige Fragen und Antworten Bezug nehmen kannst. Auch komplexe Fragen beantwortet er schnell und ausführlich, kann auf individuelle Nachfragen eingehen und Korrekturen der Fragen berücksichtigen.

Außerdem kann ChatGPT noch einiges mehr als bloße Antworten auf Fragen zu liefern. Der Bot schreibt zum Beispiel kurze Geschichten, fasst komplizierte Texte einfach zusammen oder generiert eigene Texte nach spezifischen Vorgaben. Und hier wird es für Jurist:innen interessant.

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Chancen von ChatGPT & Jura: Was sind die aktuellen Möglichkeiten?

Technologie und Jura lassen sich hervorragend kombinieren. Das zeigen viele Legal Tech Unternehmen, die sich in den letzten Jahren auch in Deutschland gegründet haben. Viele Anwält:innen sehen das aber skeptisch und setzen lieber auf althergebrachte Arbeitsweisen. Programme wie ChatGPT könnten das ändern, denn sie haben das Potenzial, die Arbeit von Jurist:innen viel effizienter zu machen. Das ist zum Beispiel folgendermaßen möglich:

  • ChatGPT kann Fragen von Mandant:innen schnell und verständlich beantworten
  • Der Bot kann lange und komplizierte Texte zusammenfassen und vereinfachen – zum Beispiel Urteile oder Gesetzestexte
  • ChatGPT hat auch im Studium Potenzial. Juristisches Wissen ist dadurch schnell zugänglich und kann zusammengefasst und vereinfacht dargestellt werden
  • Das Programm kann individuelle Vorlagen erstellen – zum Beispiel für Standard-Kündigungen, Klauseln oder Anwaltsschreiben
  • Mit ChatGPT lassen sich E-Mails oder Briefe für das Tagesgeschäft erstellen

 

Du merkst wahrscheinlich, worauf es hinausläuft: ChatGPT ist kein elektronischer Anwalt, aber kann eine Menge an Zeit sparen. Zum Beispiel können Mandant:innen mit einfachen und allgemeingültigen Fragen den Chatbot nutzen – Anwält:innen bleibt so mehr Zeit, um sich auf komplexe Fälle zu konzentrieren, die eine individuelle Herangehensweise und persönliche Beratung erfordern.

Auch das Wälzen langer juristischer Texte könnte bald der Vergangenheit angehören – AI kann diese auf den Punkt bringen und die Hauptaussagen herausfiltern. Das erleichtert die Arbeit von Jurist:innen ungemein.

Die Chancen von ChatGPT sind also groß: Das Programm kann Jurist:innen viel repetitive Arbeit abnehmen und Abläufe optimieren, was gleichzeitig dem Fachkräftemangel entgegenwirkt. Zudem kann es in der Ausbildung eingesetzt werden.

Ist ChatGPT dabei jedoch so zuverlässig wie echte Anwält:innen oder Lehrkräfte? Mehr dazu später.

ChatGPT ist kein elektronischer Anwalt, aber kann eine Menge an Zeit sparen.

ChatGPT in der Examensprüfung

Um die künstliche Intelligenz zu testen, haben zwei Forscher sie Teile des amerikanischen Bar Examens absolvieren lassen. ChatGPT erreichte in der Multiple-Choice-Prüfung rund 50 % und hat das Examen damit zwar noch nicht bestanden, liegt aber deutlich über der Zufallsquote von 25 %. In den Kategorien Delikts-, Vertrag-, Verfassungs- und Strafrecht erreichte ChatGPT ganze 70 %.

Auch an der University of Minnesota Law School durfte ChatGPT vier unterschiedliche Examensaufgaben lösen. Das Fazit: Die AI erreichte eine Durchschnittsnote von C+. Das ist nicht besonders gut, sie hat die Aufgaben aber alle bestanden. ChatGPT schnitt bei den Essay-Aufgabenstellungen besser ab als bei Multiple-Choice-Fragen. Die Studie zeigt auch, dass die nicht bestandenen Essay-Aufgaben im Vergleich besonders schlecht waren. Das liegt daran, dass es sich dabei meist um spezifische Fälle oder Theorien handelte, die im Unterricht besprochen wurden. Am meisten scheiterte ChatGPT an Fragen mit mathematischen Bezug (im Bereich Steuerrecht). Nur 8 von 29 Antworten waren in diesem Bereich korrekt. 

Anwendungsbeispiele: Kann ChatGPT Jura?

Um dir einen praktischen Einblick in die Möglichkeiten von ChatGPT zu geben, haben wir der AI ein paar Aufgaben gestellt.
 

Frage zum Mietrecht
 

  • Frage: „Meine Vermieterin hat mir wegen Schimmel gekündigt. Darf sie das?“
  • ChatGPT: „Ob Ihre Vermieterin das darf, hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. ob der Schimmel auf Ihre unsachgemäße Nutzung der Wohnung zurückzuführen ist oder auf ein Baumangel. Generell ist es jedoch so, dass eine Kündigung aufgrund von Schimmel nur dann wirksam ist, wenn es sich um einen erheblichen Mangel handelt, der nicht durch den Mieter zu vertreten ist und der die Wohnung unter Umständen unbenutzbar macht. Es wäre ratsam sich an einen Anwalt oder die Mietervereinigung zu wenden, um die Situation zu prüfen und Ihre Rechte zu klären.“
  • Frage: Was bedeutet „unsachgemäße Nutzung der Wohnung“ in diesem Kontext?
  • ChatGPT: „In diesem Kontext bedeutet "unsachgemäße Nutzung der Wohnung", dass der Schimmel auf Ihre Handlungen oder Unterlassungen zurückzuführen sein kann. Beispiele für unsachgemäße Nutzung der Wohnung, die zu Schimmelbildung führen können, sind das Lüften der Wohnung nicht ausreichend, das Aufhängen von feuchter Wäsche in der Wohnung, das Abdecken von Belüftungsöffnungen oder das Blockieren von Abflüssen, die zu Feuchtigkeitsproblemen führen können. Es ist wichtig zu beachten, dass eine Kündigung nur dann wirksam ist, wenn der Schimmel ein erheblicher Mangel ist, der nicht durch den Mieter zu vertreten ist und die Wohnung unter Umständen unbenutzbar macht.“
     

Zusammenfassung eines juristischen Textes
 

  • Frage: „Kannst du Artikel 23 des Grundgesetzes in fünf Sätzen zusammenfassen?“
  • ChatGPT: „Artikel 23 des Grundgesetzes bezieht sich auf die Wiedervereinigung Deutschlands. Es ermöglicht die Aufnahme neuer Bundesländer in den Bundesstaat, sofern dies durch ein Gesetz beschlossen wird. Es sieht auch die Möglichkeit vor, dass andere Staaten oder Staatenverbände Teile ihres Hoheitsgebiets an Deutschland abtreten können. Artikel 23 ist eine wichtige Grundlage für die Wiedervereinigung Deutschlands nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende der DDR. Es ermöglicht auch den Anschluss von Gebieten an Deutschland, die historisch zu Deutschland gehören, aber in der Vergangenheit an andere Staaten abgetreten wurden.“


Erstellung eines Kündigungsschreibens
 

  • Frage: „Ich möchte meinen Job zum 1. Januar kündigen. Ich habe aber die Stelle noch nicht angetreten. Kannst du mir eine Vorlage erstellen?“
  • ChatGPT: „Gerne, hier ist eine Vorlage für eine Kündigung Ihres Arbeitsvertrags, bevor Sie die Stelle angetreten haben:

    Sehr geehrte [Name des Arbeitgebers], hiermit kündige ich meinen Arbeitsvertrag mit Ihnen fristlos zum [Datum], bevor ich die Stelle angetreten habe.

    Ich entschuldige mich für jegliche Unannehmlichkeiten, die diese Entscheidung verursachen mag. Bitte lassen Sie mich wissen, was ich tun muss, um den Prozess der Kündigung abzuschließen. Vielen Dank für Ihre Zeit und Ihr Verständnis.

    Mit freundlichen Grüßen, [Ihr Name]

    Es ist wichtig zu beachten, dass die fristlose Kündigung eine schwere Entscheidung darstellt und sie kann Auswirkungen auf Ihre zukünftige Karriere haben. Es wäre gut, wenn Sie sich vorher mit einem Anwalt oder einer Gewerkschaft beraten lassen und Ihre Gründe für die Kündigung und die möglichen Konsequenzen durchsprechen.“

Mehr Einblicke in das Thema Legal Tech bekommst du hier:

ChatGPT Risiken und Einschränkungen: Wie zuverlässig ist das Programm?

Künstliche Intelligenzen wie ChatGPT bieten zahlreiche Chancen. Aber sie kommen auch schnell an ihr Limit – und es gibt noch viel Luft nach oben. Unter anderem ergeben sich folgende Risiken in der Arbeit mit ChatGPT:

  • ChatGPT kennt nur die Daten, mit denen das Programm trainiert wurde. Das ist zwar eine ganze Menge – Echtzeit-Informationen sind hierbei aber nicht enthalten, da das Programm - wie in der Einleitung schon erwähnt - in der aktuellen Version 4o nur über einen Kenntnisstand bis 2023 verfügt.
  • Genauso wie Menschen ist auch ChatGPT nicht perfekt. Fehler und Unvollständigkeiten kommen gerade bei schwierigeren Aufgabestellungen oft vor, sodass man sich nicht auf das Tool verlassen kann.
  • Komplexe Aufgaben wie ein juristisches Gutachten zu schreiben, juristische Fragestellungen zu beantworten oder Kernaussagen zuverlässig aus Texten herauszuarbeiten, kann ChatGPT noch nicht fehlerfrei bewältigen. Das hat ein Test durch ein juristisches Fachportal gezeigt. Für die Ausbildung ist das natürlich eine gute Nachricht – Studierende müssen (zum Glück) weiterhin selbst denken.

 

Schnell wird also klar: ChatGPT ist für Jura nicht die eierlegende Wollmilchsau. Anwält:innen und ihr Wissen sind weiterhin gefragt. Auch wenn das Tool noch einige Fehler macht, sind die damit erstellten Texte jedoch gut genug, dass Jurist:innen diese teilweise nutzen und gegebenenfalls anpassen können. Dadurch ergibt sich immer noch eine große Zeitersparnis.

ChatGPT ist für Jura nicht die eierlegende Wollmilchsau.

Fazit: Kann ChatGPT Jura & Anwält:innen ersetzen?

Jura ist ein sehr textbasierter Beruf. Eine KI wie ChatGPT, die mit Texten arbeitet, ist für Jurist:innen deshalb besonders interessant – aber natürlich auch für Mandant:innen. Die Angst davor, dass künstliche Intelligenz bald Anwält:innen ersetzen könnte, ist deshalb nicht ganz unbegründet.

Solltest du jetzt dein Jurastudium oder deinen Job als Anwält:in an den Nagel hängen und lieber etwas lernen, was Computer in Zukunft nicht übernehmen können? Auf gar keinen Fall! Wenn du dir einmal vor Augen führst, was Anwält:innen wirklich leisten, dann wird schnell klar, wie weit wir von der Übernahme einer künstlichen Intelligenz noch entfernt sind. Denn diese ist momentan noch sehr limitiert. Komplexe Aufgaben werden nicht vollständig oder fehlerhaft gelöst und Fragen nicht immer korrekt oder vollständig beantwortet. Mandant:innen zu beraten und vertreten, auf individuelle Fragestellungen einzugehen und komplexe Fälle aufzuarbeiten, ist also weiterhin echten Menschen vorbehalten.

 

Sicherlich werden sich KI-basierte Modelle wie ChatGPT in Zukunft weiterentwickeln und Anwält:innen immer mehr Arbeit abnehmen können. Momentan sieht es aber noch nicht so aus, als wäre das Programm gut genug, um zuverlässig damit arbeiten zu können. Selbst wenn es eines Tages so weit sein sollte, fehlt künstlichen Intelligenzen aber noch vieles, das nur echte Menschen können. So bietet ChatGPT in der Zukunft sicherlich Chancen für die Prozessoptimierung und Betreuung von Mandant:innen in der Justiz, eine Gefährdung des Anwaltsberufs ist aber bei Weitem noch nicht in Sicht.

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Laura Hörner
Kulturwirtschaft Uni Passau

Als freie Autorin schreibt Laura Hörner bei TalentRocket über Themen rund um die juristische Karriere. Besonders interessiert sie sich dabei für die vielfältigen Karrierewege, die Jurist:innen offenstehen.