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Die Qual der Wahlstation im Referendariat

Praktikum & Berufseinstieg & Referendariat

Die Qual der Wahlstation im Referendariat

Vor- und Nachteile Kanzlei, Unternehmen und Ausland...

 

Die Wahlstation im Referendariat hat den großen Vorteil der recht freien Gestaltung von Art und Ort der Tätigkeit. Der Rechtsreferendar hat dadurch die Möglichkeit, den eigenen Interessenschwerpunkt zu konkretisieren oder etwaige „Lücken“ im Lebenslauf zu füllen, etwa indem der fehlende Einblick in eine (internationale) Großkanzlei, einem Unternehmen oder im Ausland nachgeholt wird.

Wer etwas Neues ausprobiert, hat immerhin die Gelegenheit, den eigenen Interessenschwerpunkt auszuweiten oder zu verschieben. Auslandserfahrung ist ebenso immer gerne gesehen. Möglich ist aber auch, die Wahlstation als „vorgezogene Probezeit“ bei einem potentiellen Arbeitgeber zu nutzen. Diese Mannigfaltigkeit an Optionen kommt allerdings mit einem Preis: Die Qual der Wahl. Deshalb soll die kleine Gegenüberstellung die jeweiligen Vorteile und Nachteile von (Groß-)Kanzlei, Unternehmen und Ausland darstellen:

 

(Groß-)Kanzlei:

Die Wahlstation bei einer Kanzlei bietet ebenso wie bei der Anwaltsstation das volle Spektrum: Einzelanwalt, kleinere oder mittelständische Kanzlei, bis hin zur Großkanzlei. Darüber hinaus besteht eine freie Wahl hinsichtlich der Spezialisierung sowie des Bundeslandes.

Vorteile

Nachteile:

  • Es besteht die Gelegenheit, die Wahlstation als „vorgezogene Probezeit“ zu nutzen und direkt von der Wahlstation in den Beruf einzusteigen. 

  • Referendare werden in der Regel, so weit wie möglich, in laufende Projekte einbezogen, sodass sie durch den Umgang mit unbekannten Fällen auch Wissenswertes für die mündliche Prüfung aneignen können.
    Vor allem bei klassischen Allgemeinkanzleien werden viele examensrelevante Sachverhalte bearbeitet, oftmals auch unter Abdeckung einer relativ großen Bandbreite von Rechtsgebieten.

  • Einige Großkanzleien bieten außerdem Anwaltstrainee-Programme an, in denen die Referendare einen Überblick über sämtliche Rechtsgebiete erhalten, die in der jeweiligen Kanzlei bearbeitet werden, und / oder Trainings für Präsentationstechniken und zum Aktenvortrag stattfinden.

  • Bei global agierenden (Groß-)Kanzleien kann ein nicht vorhandener Auslandsaufenthalt nachgeholt werden
    Tipp: Dieser Wunsch sollte bereits in der Bewerbungsphase geäußert werden.

  • Je größer die Kanzlei, desto eher wird der Referendar auch eine Vergütung erhalten.

  • Eine weitere Kanzlei im Lebenslauf, nur des Namens wegen, also ohne roten Faden, kann in der anschließenden Bewerbungsphase negativ ausgelegt werden.

  • Die Arbeitsauslastung kann immens sein, da etwa auch hoch spezialisierte Sozietäten häufig mit dem Leistungsangebot von Großkanzleien direkt konkurrieren. Damit verbleibt kaum Möglichkeit zum sog. „Tauchen“, also wenig Zeit zur Vorbereitung der mündlichen Prüfung.
    Tipp: Von der Wahl einer sog. „Tauchstation“ wird hingegen völlig abgeraten, da es keinen guten Eindruck hinterlässt.

  • Der Einbezug in Projekte wird vor allem bei Großkanzleien oberflächlicher sein als etwa bei mittelständischen Kanzleien, insbesondere wird man oftmals nicht in den Genuss kommen, den Mandanten vor Gericht zu vertreten.
    Darüber hinaus werden dort häufig nicht besonders examensrelevante Problemstellungen Gegenstand des Arbeitsalltags sein.

  • In der Regel kein Erwerb von Auslandserfahrung.

 

Unternehmen:

Ein Unternehmen als Wahlstation bietet gerade einem angehenden Wirtschaftsjuristen ein ähnlich großes Spektrum, wie bei den Kanzleien, da bereits viele mittelständische Unternehmen bereits eine Rechtsabteilung haben.

Vorteile Nachteile
  • Als angehender Wirtschaftsjurist sind namhafte Unternehmen im Lebenslauf unerlässlich.
     
  • Darüber hinaus wird Wirtschaftswissen bei den einschlägigen (Groß-)Kanzleien gerne gesehen.
     
  • Es besteht auch hier die Option, die Wahlstation als „vorgezogene Probezeit“ zu nutzen und direkt von der Wahlstation in den Beruf einzusteigen.
     
  • Je größer das Unternehmen, desto eher wird der Referendar auch eine Vergütung erhalten.
  • Die Aufgaben in einem Unternehmen decken regelmäßig nicht den gesamten Stoff der mündlichen Prüfung ab.
  • In der Regel wird ein Auslandsaufenthalt nicht möglich sein.
    Tipp: Quasi als Kompromiss besteht jedoch die Option, die Wahlstation in einer internationalen Organisation zu verbringen.
     
  • In den meisten Fällen können bei einem Unternehmen allenfalls beschränkt wichtige Kontakte geknüpft werden.

 

Ausland:

Die Möglichkeit der Wahlstation im Ausland ist ebenfalls eine spannende Alternative. Üblicherweise arbeitet man im Ausland bei einer Kanzlei, einem Unternehmen oder aber einer Behörde (z.B. auswärtiges Amt). Im Vergleich zur innländischen Wahlstation wird der fachliche Fokus im Ausland eher gering sein, dafür bietet die diese Station aber andere Vorteile.

Vorteile Nachteile
  • Erwerb von Auslandserfahrungen, ohne einen Zeitverlust im Studium.
     
  • Erwerb von kulturellen Kompetenzen und Soft Skills, unter Umständen auch von guten Sprachkenntnissen.
     
  • Einblicke in ein anderes Rechtssystem und internationale Sachverhalte.
     
  • Man zeigt ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Abenteuerlust, beides was bei Arbeitgebern gerne gesehen wird.
     
  • Es können internationale Kontakte geknüpft werden.
  • In aller Regel wird eine ausgiebige Vorbereitung auf die mündliche Prüfung nicht möglich sein, da man weder alle Lernunterlagen mitnehmen kann noch die vorbereitenden Arbeitsgruppen besucht werden können.
     
  • Es werden keine nationalen Kontakte geknüpft
     
  • Der Organisationsaufwand kann sehr groß sein, der Auslandsaufenthalt kann außerdem auch sehr teuer werden.

 

Die Wahl der Wahlstation im juristischen Referendariat ist in der Tat eine „Qual der Wahl“. Die Wahlstation bei einer (Groß-)Kanzlei bringt viele Vorteile mit sich, dies gilt jedoch auch für die Wahlstation bei einem Unternehmen oder im Ausland. Demgegenüber verbergen sich in jeder dieser Optionen auch verschiedene Nachteile. Es ist deshalb nach dem eigenen Interessenschwerpunkt eine ausgiebige Abwägung vorzunehmen. Sollte dieser Schwerpunkt noch nicht ausgereift sein, so muss dahingehend eine entsprechende Abwägung vorgenommen werden.

Die Wahlstation bietet in jedem Fall viele Möglichkeiten, den eigenen Lebenslauf nochmals aufzupolieren, eine Chance, die nicht ungenutzt bleiben sollte.

Zum Download unseres kostenlosen Muster-Lebenslauf für Juristen


 

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13. Februar 2017


Sebastian M. Klingenberg

Autor:

Sebastian M. Klingenberg

hat an der JGU in Mainz Jura studiert, wo er derzeit auch promoviert (Jugend-/Strafrecht & Kriminologie). Nebenbei schreibt er freiberuflich diverse Artikel, die auch auf seinem Blog zu finden sind.

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