Besprechung zweier Anwälte unterschiedlicher Kanzleien an einem Tisch

Veröffentlicht am 24.06.2024

Einführung in die Rechtsvergleichung und ihre Bedeutung

Ein Überblick über Methoden und Anwendungen der Rechtsvergleichung in verschiedenen Rechtssystemen.

Die Rechtsvergleichung eröffnet dir die Möglichkeit, über den Tellerrand des eigenen Rechtssystems hinauszublicken und verschiedene Rechtsordnungen weltweit zu analysieren und zu vergleichen. Durch diesen Vergleich gewinnst du wertvolle Einblicke in die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Rechtsvorschriften verschiedener Länder und entwickelst ein tieferes Verständnis für deine eigenen Rechtsstrukturen. Gleichzeitig kannst du von den Erfahrungen und Best Practices anderer Rechtssysteme profitieren.

In einer Welt, die immer stärker vernetzt ist, wird die Rechtsvergleichung zunehmend wichtiger. Sie unterstützt dich dabei, die internationale Zusammenarbeit zu fördern, Rechtsvorschriften zu harmonisieren und effektive Lösungen für grenzüberschreitende rechtliche Herausforderungen zu finden. Eine aktuelle Studie der Europäischen Union zeigt, dass 75 % der EU-Bürger:innen grenzüberschreitende Rechtsprobleme als relevant betrachten und eine verbesserte Harmonisierung der Rechtsvorschriften befürworten.

Dieser Artikel bietet dir eine umfassende Einführung in die Rechtsvergleichung und stellt verschiedene Jurisdiktionen weltweit vor. Du wirst erfahren, welche Methoden in der Rechtsvergleichung angewendet werden und wie diese zur Weiterentwicklung und Verbesserung von Rechtssystemen beitragen können. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem deutschen Rechtssystem, das als Beispiel eines kontinentaleuropäischen Rechtssystems dient, um dir die Grundlagen und Besonderheiten dieses Systems näherzubringen.

Die Urspünge der Rechtsvergleichung und ihre Bedeutung in der Praxis

Historisch gesehen hat die Rechtsvergleichung ihren Ursprung im 19. Jahrhundert. Sie wurde maßgeblich von Juristen wie Sir Henry Maine und Rudolf von Jhering geprägt, die die Bedeutung des Vergleichs verschiedener Rechtssysteme für das Verständnis und die Entwicklung des Rechts erkannten. Im Laufe der Zeit hat sich die Rechtsvergleichung zu einem eigenständigen Forschungsbereich entwickelt, der heute in vielen juristischen Fakultäten weltweit gelehrt wird.

In der Praxis wird die Rechtsvergleichung in verschiedenen Bereichen angewendet, wie zum Beispiel bei der Gesetzgebung, der Rechtsprechung und der wissenschaftlichen Forschung (hierzu weiter unten mehr). Sie hilft dir, bewährte Praktiken aus anderen Rechtssystemen zu übernehmen und rechtliche Reformen effektiv zu gestalten, was dir insbesondere weiterhelfen kann, wenn du als deutscher Jurist im Ausland arbeitest. So trägst du dazu bei, das eigene Rechtssystem kontinuierlich mitzugestalten und den Anforderungen einer sich wandelnden Gesellschaft anzupassen.

Das kontinentaleuropäische Rechtssystem (Civil Law)

Das kontinentaleuropäische Rechtssystem, auch als Civil Law bezeichnet, ist eines der bedeutendsten Rechtssysteme weltweit. Es basiert primär auf kodifiziertem Recht, also Gesetzen und Verordnungen, die in umfassenden Gesetzessammlungen, den sogenannten Kodizes, niedergelegt sind. Dieses System steht im Gegensatz zum weiter unter beschriebenen Common Law, das stärker auf Richterrecht und Präzedenzfällen beruht.

Merkmale und Besonderheiten des Civil Law

Das Civil Law zeichnet sich durch mehrere charakteristische Merkmale aus:

  1. Kodifikation: Zentral für das kontinentaleuropäische Rechtssystem ist die umfangreiche Kodifikation des Rechts. Wichtige Gesetzbücher sind beispielsweise das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) in Deutschland, der Code Civil in Frankreich und das Código Civil in Spanien. Diese Kodizes regeln umfassend große Bereiche des Zivilrechts.
  2. Gesetzesvorbehalt und Vorrang des geschriebenen Rechts: Im Civil Law hat das geschriebene Recht Vorrang. Das bedeutet, dass Gerichte ihre Entscheidungen auf der Grundlage von Gesetzen treffen müssen und nur in begrenztem Umfang auf ungeschriebenes Recht oder richterliche Präzedenzfälle zurückgreifen dürfen.
  3. Rechtsdogmatik und Systematik: Das kontinentaleuropäische Rechtssystem legt großen Wert auf systematische und dogmatische Durchdringung des Rechts. Dies zeigt sich in der detaillierten und systematischen Struktur der Gesetzestexte und der umfangreichen Kommentarliteratur.

 

Neben den bekannten Strukturen der deutschen Jurisdiktion bietet sich ein kurzer Blick auf einige weitere europäische Beispiele an:


Französisches Recht

  • Code Civil: Der Code Civil, auch als Napoleons Gesetzbuch bekannt, trat 1804 in Kraft und diente als Vorbild für viele andere Zivilrechtskodifikationen weltweit. Artikel 1382 des Code Civil (nun Artikel 1240 nach der Reform von 2016) ist bekannt für die Regelung der deliktischen Haftung, ähnlich dem deutschen § 823 BGB.
  • Aktuelle Rechtsprechung: Das französische Kassationsgericht (Cour de cassation) hat im Jahr 2021 (Arrêt n° 19-18.241) eine wichtige Entscheidung zur Vertragsauslegung getroffen, die die Bedeutung klarer und eindeutiger Vertragsklauseln unterstreicht.


Spanisches Recht

  • Código Civil: Der spanische Código Civil trat 1889 in Kraft und enthält umfassende Regelungen zu den Bereichen des Zivilrechts, darunter auch das Sachenrecht (Artikel 348 ff.) und das Schuldrecht (Artikel 1088 ff.).
  • Aktuelle Rechtsprechung: Der Oberste Gerichtshof Spaniens (Tribunal Supremo) hat 2023 (STS 2983/2023) eine wegweisende Entscheidung zur Haftung von Banken bei missbräuchlichen Vertragsklauseln getroffen, was die Rechte der Verbraucher weiter stärkt.

 

Niederländisches Recht

  • Burgerlijk Wetboek: Das niederländische Bürgerliche Gesetzbuch (Burgerlijk Wetboek) trat 1992 in seiner aktuellen Form in Kraft und ist in Bücher unterteilt, die verschiedene Rechtsbereiche regeln. Besonders bemerkenswert ist das umfassende Mietrecht im Buch 7, das detaillierte Regelungen für Mietverträge und Mieterschutz enthält.
  • Aktuelle Rechtsprechung: Der Hoge Raad der Nederlanden (Oberster Gerichtshof der Niederlande) entschied 2022 (ECLI:NL:HR:2022:140), dass Arbeitgeber für psychische Belastungen und Burnout ihrer Arbeitnehmer:innen haften können, wenn diese aus arbeitsbedingten Ursachen resultieren. Diese Entscheidung stärkt die Arbeitnehmerrechte und den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz.

 

Das kontinentaleuropäische Rechtssystem ist also in erster Linie durch seine Kodifikation und die systematische Anwendung von Gesetzen geprägt. Durch aktuelle Rechtsprechungen wird das System kontinuierlich weiterentwickelt und den aktuellen gesellschaftlichen Anforderungen angepasst.

Anglo-Amerikanisches Rechtssystem (Common Law)

Das anglo-amerikanische Rechtssystem, auch als Common Law bekannt, unterscheidet sich grundlegend vom kontinentaleuropäischen Civil Law. Es basiert stärker auf richterlichen Entscheidungen und Präzedenzfällen (Stare Decisis), wobei vergangene Urteile maßgeblich für die Rechtsprechung in zukünftigen Fällen sind.
 

Merkmale und Besonderheiten des Common Law

Das Common Law zeichnet sich durch mehrere charakteristische Merkmale aus:

  1. Präzedenzfallprinzip (Stare Decisis): Ein zentraler Aspekt des Common Law ist die Bindung an frühere Gerichtsurteile. Dies bedeutet, dass Gerichte Entscheidungen treffen müssen, die im Einklang mit den Urteilen höherer Gerichte oder ihrer eigenen früheren Urteile stehen, sofern keine signifikanten Unterschiede in den Sachverhalten vorliegen.
  2. Richterrecht (Case Law): Im Gegensatz zum Civil Law, das stark auf kodifiziertes Recht setzt, spielen im Common Law die Entscheidungen der Gerichte eine zentrale Rolle. Diese Urteile bilden einen Großteil des geltenden Rechts und prägen die Rechtsentwicklung.
  3. Flexibilität und Anpassungsfähigkeit: Durch die Orientierung an Präzedenzfällen kann sich das Common Law flexibel und dynamisch an neue gesellschaftliche Entwicklungen und Bedürfnisse anpassen. Neue rechtliche Prinzipien können durch richterliche Entscheidungen eingeführt werden.


Englisches Recht
 

  • House of Lords und Supreme Court: Die höchstrichterlichen Entscheidungen, zunächst des House of Lords und seit 2009 des Supreme Court, sind maßgeblich. Ein Beispiel ist der Fall Donoghue v. Stevenson [1932] AC 562, der die Grundlage für das moderne Deliktsrecht im Bereich der Fahrlässigkeit bildet.
  • Aktuelle Rechtsprechung: In einem bedeutenden Urteil des Supreme Court aus dem Jahr 2020, Lungowe v. Vedanta Resources plc [2020] UKSC 20, wurde entschieden, dass multinationale Unternehmen für Umweltschäden haftbar gemacht werden können, die von ihren Tochtergesellschaften im Ausland verursacht wurden. Dies stärkt die Rechenschaftspflicht und den Schutz der Umwelt.
     

Ein interessanter Aspekt für Jurastudierende und Volljurist:innen ist die Möglichkeit, mit einem deutschen Examen insbesondere in England als Anwalt tätig zu werden. Durch spezielle Programme und Anerkennungsabkommen können deutsche Absolvent:innen die Qualifikation zum Solicitor in England und Wales erwerben. Dies eröffnet zusätzliche Karrieremöglichkeiten und ermöglicht es, in einem weiteren bedeutenden Jurisdiktionsbereich tätig zu sein.

 

US-Amerikanisches Recht
 

  • Supreme Court der USA: Die Entscheidungen des US Supreme Court haben weitreichende Bedeutung. Ein klassisches Beispiel ist der Fall Brown v. Board of Education (1954), 347 U.S. 483, der die Rassentrennung an öffentlichen Schulen für verfassungswidrig erklärte und die Bürgerrechtsbewegung in den USA maßgeblich beeinflusste.
  • Aktuelle Rechtsprechung: Ein jüngeres Beispiel ist das Urteil im Fall Obergefell v. Hodges (2015), 576 U.S. 644, in dem der Supreme Court entschied, dass gleichgeschlechtliche Paare das verfassungsmäßige Recht auf Eheschließung haben. Dieses Urteil hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die Gleichstellung und Bürgerrechte in den USA.


Jährlich werden in den USA etwa 100 Millionen neue Zivilklagen eingereicht, wodurch sich die Zahl von ca. 1,3 Millionen Anwält:innen im gesamten Land nachvollziehen lässt. Hier wird die zentrale Rolle ersichtlich, die die Jurisdiktion und richterliche Entscheidungen im US-amerikanischen Rechtssystem spielen.

Zudem spielt das Vertragsrecht sowohl In England als auch in den USA eine bedeutende Rolle. Letztere verfügen beispielsweise mit dem Uniform Commercial Code (UCC) und dem Restatement (Second) of Contracts über wichtige Rechtsquellen, die trotz fehlender Kodifizierung einen Großteil des Vertragsrechts regeln.

Das anglo-amerikanische Rechtssystem ist also primär durch Präzedenzfälle und richterliche Entscheidungen geprägt, zeigt aber eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Anpassung und Entwicklung durch die fortlaufende richterliche Rechtsfortbildung.

Deutsche und britische Jurisdiktion unterscheiden sich grundlegend in ihren zugrundeliegenden Prinzipien.
Deutsche und britische Jurisdiktion unterscheiden sich grundlegend in ihren zugrundeliegenden Prinzipien.

Religiöse Rechtssysteme

Religiöse Rechtssysteme basieren, wie der Name schon sagt, auf religiösen Texten und Traditionen und sind in einigen Ländern die Grundlage für das gesamte Rechtssystem oder bestimmte Bereiche des Rechts. Diese Systeme sind eng mit den religiösen und kulturellen Praktiken der jeweiligen Gesellschaften verbunden und haben einen erheblichen Einfluss auf das tägliche Leben und die Rechtsprechung.
 

Islamisches Recht (Scharia)
 

  • Grundlagen: Die Scharia basiert auf dem Koran, der heiligen Schrift des Islam, sowie auf den Hadithen, den Überlieferungen des Propheten Mohammed. Sie umfasst sowohl religiöse als auch weltliche Aspekte des Lebens.
  • Anwendung: In Ländern wie Saudi-Arabien und Iran ist die Scharia das fundamentale Rechtssystem. Sie regelt unter anderem das Familienrecht, das Erbrecht und strafrechtliche Angelegenheiten. Ein bekanntes Beispiel ist die Anwendung von Hadd-Strafen bei bestimmten Vergehen, wie Diebstahl oder Ehebruch.
  • Aktuelle Entwicklungen: In vielen muslimischen Ländern gibt es Bestrebungen, traditionelle Scharia-Prinzipien mit modernen rechtlichen Normen zu harmonisieren. Zum Beispiel hat Saudi-Arabien im Jahr 2021 Schritte unternommen, um das Vormundschaftssystem für Frauen zu reformieren und ihnen mehr Rechte zu gewähren.

In Saudi-Arabien sind etwa 70 % aller Rechtsfälle familienrechtlicher Natur, die vollständig nach der Scharia entschieden werden. In Israel werden jährlich rund 30.000 Fälle von den rabbinischen Gerichten bearbeitet.

 

Jüdisches Recht (Halacha)

  • Grundlagen: Die Halacha basiert auf der Tora (den fünf Büchern Mose) und dem Talmud, einer Sammlung von rabbinischen Diskussionen und Auslegungen. Sie umfasst religiöse Gebote und rechtliche Vorschriften für das tägliche Leben.
  • Anwendung: In Israel hat die Halacha insbesondere im Bereich des Familienrechts große Bedeutung. Rabbinische Gerichte haben die Zuständigkeit für Eheschließungen, Scheidungen und andere familiäre Angelegenheiten. Artikel 51 des israelischen Rabbinischen Gerichts Gesetzes regelt die Zuständigkeit der rabbinischen Gerichte.
  • Aktuelle Entwicklungen: In Israel gibt es fortlaufende Diskussionen über die Rolle der Halacha im modernen Staat. Reformen zielen darauf ab, das Gleichgewicht zwischen religiösen Traditionen und staatlichen Gesetzen zu wahren, wie zum Beispiel die Anerkennung ziviler Eheschließungen neben religiösen Trauungen.

Diese Beispiele verdeutlichen die zentrale Rolle religiöser Rechtssysteme in bestimmten Ländern und die Herausforderungen, die sich aus der Verbindung von religiösen Vorschriften mit modernen rechtlichen Anforderungen ergeben. Religiöse Rechtssysteme wie die Scharia und die Halacha prägen nicht nur das rechtliche, sondern auch das soziale und kulturelle Leben in den jeweiligen Gesellschaften.

Die wesentlichen Unterschiede aller drei Jurisdiktionen lassen sich also kurz wie folgt zusammenfassen:
 

Kontinentaleuropäisches Rechtssystem (Civil Law)
 

  • Kodifikation: Umfangreiche, systematische Gesetzesbücher (z.B. BGB, Code Civil).
  • Gesetzesvorbehalt: Vorrang des geschriebenen Rechts vor richterlichen Entscheidungen.
  • Rechtsdogmatik: Starke Betonung auf systematische und dogmatische Durchdringung des Rechts.
     

Anglo-Amerikanisches Rechtssystem (Common Law)
 

  • Präzedenzfallprinzip (Stare Decisis): Bindung an frühere Gerichtsurteile und Präzedenzfälle.
  • Richterrecht (Case Law): Zentrale Rolle der richterlichen Entscheidungen bei der Rechtsbildung.
  • Flexibilität: Anpassungsfähigkeit durch fortlaufende richterliche Rechtsfortbildung.
     

Religiöse Jurisdiktionen
 

  • Religiöse Grundlagen: Recht basiert auf heiligen Texten und religiösen Traditionen (z.B. Koran, Tora).
  • Anwendung: Regelung sowohl religiöser als auch weltlicher Aspekte des Lebens.
  • Spezialisierung: Religiöse Gerichte haben spezifische Zuständigkeiten (z.B. Familienrecht in Israel, Strafrecht in Saudi-Arabien).

Methoden der Rechtsvergleichung

Um verschiedene Rechtssysteme effektiv zu vergleichen, stehen dir mehrere Methoden zur Verfügung. Jede dieser Methoden bietet unterschiedliche Perspektiven und Einblicke, die dir helfen, die komplexen Zusammenhänge und Unterschiede der Rechtsordnungen besser zu verstehen.
 

Funktionale Methode

Mit der funktionalen Methode der Rechtsvergleichung konzentrierst du dich darauf, wie verschiedene Rechtssysteme ähnliche Probleme lösen. Du schaust weniger auf die formalen Unterschiede, sondern darauf, welche Funktion und welches Ergebnis die rechtlichen Regelungen haben. Zum Beispiel kannst du die Regelungen zur Scheidung in Deutschland und Frankreich vergleichen. In Deutschland regelt § 1565 BGB die Scheidung aufgrund des Scheiterns der Ehe, während in Frankreich Artikel 242 des Code Civil die Scheidung wegen unheilbarer Zerrüttung erlaubt. Beide Systeme zielen darauf ab, eine faire Lösung für gescheiterte Ehen zu finden, unterscheiden sich aber in ihren rechtlichen Voraussetzungen und Verfahren.

Mit dieser Methode verstehst du somit, wie unterschiedliche Systeme ähnliche Ziele erreichen, was besonders hilfreich ist für internationale Harmonisierung und Rechtsreformen.
 

Historische Methode

Die historische Methode der Rechtsvergleichung hilft dir, die Entwicklung und Ursprünge von Rechtssystemen zu analysieren, um deren gegenwärtige Strukturen und Unterschiede zu verstehen. Du betrachtest den historischen Kontext und die evolutionären Pfade der Rechtsvorschriften. Ein interessantes Beispiel ist die Untersuchung des Einflusses des napoleonischen Code Civil auf andere europäische Länder. Der Code Civil, 1804 in Kraft getreten, diente als Modell für viele Zivilgesetzbücher, etwa in Belgien und den Niederlanden.

Durch die historische Methode kannst du nachvollziehen, wie historische Ereignisse, kulturelle Entwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen das heutige Recht geformt haben. Dies ist besonders hilfreich, um tiefere Einblicke in die strukturellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Rechtssysteme zu gewinnen.
 

Strukturelle Methode

Mit der strukturellen Methode der Rechtsvergleichung untersuchst du die grundlegenden Strukturen und Prinzipien der verschiedenen Rechtssysteme, um deren inneren Aufbau und Systematik zu verstehen. Du vergleichst die systematische Anordnung von Rechtsnormen und Institutionen. Ein anschauliches Beispiel ist der Vergleich der Strafrechtssysteme in den USA und Deutschland. In den USA werden Straftaten durch die Unterscheidung zwischen Felonies und Misdemeanors kategorisiert, während das deutsche StGB Straftaten bekanntermaßen nach Schweregrad und Art (Verbrechen und Vergehen) klassifiziert.

Die strukturelle Methode hilft dir dabei, die institutionellen Unterschiede und die systematische Herangehensweise der Rechtssysteme zu analysieren, was essenziell für das Verständnis der jeweiligen Rechtskultur und Funktionsweise ist.
 

Rechtsvergleichung in der Gesetzgebung

Die Rechtsvergleichung spielt eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung und Reformierung von Gesetzen, indem sie dir ermöglicht, bewährte Praktiken aus anderen Jurisdiktionen zu übernehmen. Ein anschauliches Beispiel ist die Harmonisierung des Verbraucherschutzrechts innerhalb der Europäischen Union. Die EU-Richtlinie 2011/83/EU über die Rechte der Verbraucher zielt darauf ab, ein hohes Verbraucherschutzniveau zu gewährleisten und die Rechte der Verbraucher in allen Mitgliedstaaten zu harmonisieren.

Diese Richtlinie wurde durch die Analyse und den Vergleich verschiedener nationaler Verbraucherschutzgesetze entwickelt. Ein weiteres Beispiel ist die deutsche Mietrechtsreform von 2020, bei der Elemente aus dem Mietrecht anderer europäischer Länder, insbesondere aus den Niederlanden und Schweden, übernommen wurden, um den Mieterschutz zu stärken und Wohnraum bezahlbarer zu machen. Durch die Anwendung der Rechtsvergleichung in der Gesetzgebung kannst du sicherstellen, dass neue Gesetze auf bewährten internationalen Praktiken basieren und somit effektiver und gerechter sind.
 

Rechtsvergleichung in der Rechtsprechung

In der Rechtsprechung wird die Rechtsvergleichung genutzt, um die Entscheidungsfindung zu unterstützen und zu verbessern. Gerichte in verschiedenen Jurisdiktionen beziehen sich häufig auf ausländische Urteile, um ihre eigenen Entscheidungen zu begründen oder neue rechtliche Wege zu beschreiten. Ein nennenswertes Beispiel ist der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR), der regelmäßig die Rechtsprechung der Mitgliedstaaten vergleicht, um konsistente Standards für Menschenrechte zu entwickeln. In der Entscheidung Bayatyan v. Armenia (2011) hat der EGMR beispielsweise auf die Praxis in anderen europäischen Ländern verwiesen, um festzustellen, dass die Verurteilung eines Wehrdienstverweigerers wegen religiöser Überzeugungen gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstößt.

Auch der Oberste Gerichtshof der USA hat in mehreren Fällen, wie etwa Roper v. Simmons (2005), bei dem die Todesstrafe für Minderjährige abgeschafft wurde, auf internationale Rechtsprechung und Standards verwiesen, um seine Entscheidungen zu untermauern. Durch die Nutzung der Rechtsvergleichung in der Rechtsprechung kannst du sicherstellen, dass Gerichtsentscheidungen gut fundiert sind und internationale rechtliche Entwicklungen berücksichtigt werden.

 

Angesichts aller genannten Entwicklungen bleibt es also unerlässlich, die Rechtsvergleichung weiter zu fördern und zu integrieren. Sie bietet dir nicht nur die Möglichkeit, bessere rechtliche Lösungen zu finden, sondern trägt auch zur Stärkung der internationalen Zusammenarbeit und des globalen Rechtsverständnisses bei.

Weiterführende Literatur und Quellen

Für eine vertiefende Auseinandersetzung mit der Rechtsvergleichung und den verschiedenen Rechtssystemen eignen sich folgende Literatur und Quellen.

 

Bücher
 

Zweigert, Konrad; Kötz, Hein: Einführung in die Rechtsvergleichung auf dem Gebiete des Privatrechts, 3. Auflage, Mohr Siebeck, 1996.

  • Ein Standardwerk, das umfassend die Methodik und Praxis der Rechtsvergleichung darstellt.

Reimann, Mathias; Zimmermann, Reinhard (Hrsg.): The Oxford Handbook of Comparative Law, Oxford University Press, 2006.

  • Eine umfassende Sammlung von Beiträgen führender Experten, die verschiedene Aspekte und Methoden der Rechtsvergleichung beleuchten.

Markesinis, Basil; Fedtke, Jörg: Judicial Recourse to Foreign Law: A New Source of Inspiration?, UCL Press, 2006.

  • Diese Publikation untersucht die zunehmende Nutzung ausländischen Rechts durch Gerichte und ihre Auswirkungen auf die Rechtsentwicklung.


Zeitschriften und Artikel


Journal of Comparative Law:

  • Eine führende Fachzeitschrift, die regelmäßig Artikel zu aktuellen Themen und Entwicklungen in der Rechtsvergleichung veröffentlicht.

American Journal of Comparative Law:

  • Diese Zeitschrift bietet fundierte Analysen und Diskussionen zur Rechtsvergleichung, insbesondere im anglo-amerikanischen Kontext.

Reimann, Mathias: Comparative Law and Private International Law, in: The Oxford Handbook of Comparative Law, Oxford University Press, 2006.

  • Ein wichtiger Artikel, der die Schnittstellen zwischen Rechtsvergleichung und internationalem Privatrecht untersucht.
     

Institutionen und Datenbanken


Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht:

  • Eine führende Forschungseinrichtung, die umfassende Ressourcen und Publikationen zur Rechtsvergleichung bietet.

Institut für Rechtsvergleichung der Universität Lausanne:

  • Ein weiteres bedeutendes Institut, das sich intensiv mit Rechtsvergleichung beschäftigt und zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht.

LexisNexis und Westlaw:

  • Zwei der weltweit größten juristischen Datenbanken, die Zugang zu einer Fülle von Rechtsprechung, Gesetzestexten und wissenschaftlichen Artikeln bieten und unverzichtbare Werkzeuge für die Rechtsvergleichung sind.