Interdisziplinarität: Jura trifft Psychologie

Die Psychologie als wichtiger Bestandteil der Rechtswissenschaft - Anhand des Beispiels "Gewalt gegenüber Kindern"


verfasst von Sebastian M. Klingenberg und veröffentlicht am 02.01.2017

 

Das Studium der Rechtswissenschaft vermittelt eher selten Interdisziplinarität. Eine Ausnahme findet sich in aller Regel nur im Rahmen der sog. Grundlagenfächer, bei denen insbesondere die Geschichtswissenschaft, aber auch die Philosophie eine Rolle spielen.
Diese Fächer haben allerdings kaum eine praktische Bedeutsamkeit, sie dienen vielmehr dem allgemeinen Verständnis. Demgegenüber steht etwa die Psychologie, die vor allem im Familienrecht und Strafrecht eine große praktische Relevanz aufweist. Diese Bedeutung lässt sich anhand des Beispiels, Gewalt gegenüber Kindern‘ gut darstellen:

 

Kindesmisshandlung: Eine traurige Wahrheit

Kindesmisshandlung ist nach allgemeiner Ansicht die nicht zufällige, bewusste oder unbewusste, gewaltsame, psychische oder physische Schädigung, die in Familien oder Institutionen (beispielsweise Kindergärten, Schulen, Heimen) geschieht, die zu Verletzungen, Entwicklungshemmungen oder sogar zum Tod des Kindes führt und die das Wohl und die Rechte eines Kindes beeinträchtigt oder bedroht.

Diese Definition ist Ausdruck des „Gesetzes zur Ächtung von Gewalt“ vom November 2000, welches wichtige Erneuerungen auf den Weg brachte, den strafrechtlichen, polizeirechtlichen und zivilrechtlichen Schutz zu stärken. Dabei ist insbesondere der neugefasste § 1631 Abs. 2 BGB zu nennen, der den Kindern ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung einräumt.

Trotz dieser Bemühungen des Gesetzgebers zeigt die aktuelle Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) von 2015 die traurige Wahrheit: Gewalt gegen Kinder ist Alltag. Im vergangenen Jahr allein sind 130 Kinder getötet worden, davon 54 vorsätzlich und 68 fahrlässig.

Dazu kommen die knapp 3.900 Kinder, die von einer körperlichen Misshandlung – oder einer körperlichen Vernachlässigung – betroffen waren, und die rund 14.000 Kinder, die Opfer sexueller Gewalt wurden. Die Dunkelziffer ist sicherlich weitaus höher, insbesondere da sich psychische Bestrafungen und die emotionale Vernachlässigung oft nicht nachweisen lassen.

 

Die psychischen Folgen von Kindesmisshandlung

Der Jurist weiß, ein Verstoß gegen das Verbot des § 1631 Abs. 2 BGB kann sowohl zivilrechtliche als auch strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Eine Betrachtung der psychischen Folgen ist jedoch ebenso sinnvoll. Anwälte bzw. Strafverteidiger und Staatsanwälte können diese Auswirkungen in ihren Argumentationen verwenden, der Richter hat sämtliche Folgen in seiner Entscheidung zu berücksichtigen.

Selbstverständlich muss ein Jurist hierzu keine eigenen psychologischen Gutachten entwerfen, sondern kann sich eines Gutachters bedienen. Es ist für das eigene Verständnis dennoch sehr hilfreich, sich mit den genauen psychischen Konsequenzen von Kindesmisshandlung auseinanderzusetzen.

Als Folgen aller Misshandlungsformen kommen sowohl sämtliche psychopathologischen Störungsbilder (z.B. Depression, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Sucht, Gewalt), als auch alle (psycho-)somatischen Erkrankungen (z.B. kognitive und sozialemotionale Entwicklung, Bindungsstörungen) in Betracht.

Darüber hinaus kann es zu posttraumatischen Belastungsstörungen, Angstgefühlen, Schlafstörungen und Alpträumen, sowie zu ernährungsbedingten Entwicklungsstörungen kommen. Die Psychologie ist jedoch keine Wissenschaft, die mit Wenn-Dann-Sätzen arbeiten kann, d.h. diese Folgen können eintreten, müssen aber nicht.

Außerdem variieren sie regelmäßig, je nach Intensität der wichtigen Einflussgrößen (Dauer der Misshandlung, Stabilität und Veränderung der familiären Verhältnisse und außerfamiliären Einflüsse).

 

Mittelständische Kanzlei
OPPENLÄNDER Rechtsanwälte Partnerschaft mbB

OPPENLÄNDER Rechtsanwälte Partnerschaft mbB


Erfahre mehr über diesen Arbeitgeber und finde heraus, was ihn ausmacht.

 

Die Frage nach dem ‚Warum?‘

Die Kriminologie ist die Disziplin, die sich maßgeblich mit der Frage auseinandersetzt, wieso ein Täter überhaupt zum Täter wird. Dabei bedient sie sich verschiedener Bezugswissenschaften, wie Rechtswissenschaften, Psychologie und Psychiatrie, Soziologie und Pädagogik sowie Ethnologie und Anthropologie.

Die Psychologie hat darüber hinaus ihre eigenen Ansätze zur Frage nach dem ‚Warum?‘, wenngleich sie sich zum Teil mit denen der Kriminologie decken. Eine Auseinandersetzung mit diesen Ansätzen kann einem Juristen ebenso dienlich sein.

Psychologisch betrachtet gibt es diverse Risikofaktoren, die die Schwelle zu körperlicher Gewalt reduzieren können, etwa Merkmale der Eltern, der Kinder, des direkten sozialen Umfelds und kulturelle und gesellschaftliche Ursachen:
 

  • Bei den Eltern spielen neben den demographischen Variablen (Alter der Mutter, da bei jüngeren Müttern ein höheres Risiko besteht; Anzahl der Kinder) und den psychischen Störungen und Persönlichkeitsmerkmalen (Depressionen, Impulskontrollstörungen, Stress, Alkohol / Drogen, etc.), auch die  eigene Gewalterfahrung (Rate des Gewalttransfers ca. 30%) eine große Rolle.

  • Bei den Kindern sind die demographischen Merkmale (Alter des Kindes, da Häufigkeitsgipfel in früher Kindheit und Pubertät; Geschlecht des Kindes, da Jungen häufiger Opfer) ebenso besonders bedeutend. Ferner spielen hier auch die physischen Merkmale (Mangelgeburt, gesundheitliche Probleme und Entwicklungsstörungen), sowie Verhaltensprobleme (externalisierend und internalisierend) eine wichtige Rolle.

  • Bei den Merkmalen des direkten sozialen Umfelds kommt es insbesondere auf die Wohngegend und Nachbarschaft, Arbeitslosigkeit und das soziale Netzwerk an.

  • Bei den kulturellen und gesellschaftlichen Ursachen müssen Erziehungseinstellungen, die Armutsrate, die Normen / Gesetze der Gesellschaft gegenüber körperlichen Strafen berücksichtigt werden

 

Es gibt juristische Teilgebiete, bei denen die Psychologie durchaus eine große Rolle spielt. Es ist deshalb unerlässlich sich zumindest etwas mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Während die Kriminologie eher einen Blick auf die Täter wirft und die kriminologische Teildisziplin der Viktimologie sich mit der Frage beschäftigt, wie man Opfer wird, zeigt die Psychologie die Folgen für die Opfer auf.

Eine Auseinandersetzung dient demnach dem besseren Verständnis, was wiederum für die eigene Argumentation dienlich sein kann. Deshalb sollte man die Möglichkeit eines Besuchs eines psychologischen Kurses nicht verstreichen lassen. Einige Universitäten bieten solche Kurse an, meistens in Form eines Seminars.

 

Auch interessant:

Nische Medizinstrafrecht! 

Was ist eigentlich Recht?

 

Über den Autor

Sebastian M. Klingenberg

Promotionsstudent an der JGU Mainz (Jugend-/Strafrecht & Kriminologie) und Rechtsreferendar am LG Wiesbaden. Nebenbei schreibt er freiberuflich diverse Artikel, die auch auf seinem Blog zu finden sind.

Juristische Arbeitgeber, Jobs oder Events. Exklusiv für Mitglieder!

Mit der 1-Klick Bewerbung kannst du dich in Sekundenschnelle bei den Arbeitgebern bewerben.

Hat dir der Artikel gefallen? Feedback geben


Talente haben sich auch diese Artikel durchgelesen: