Sidley Austin

Veröffentlicht am 26.06.2023

Sidley's Life Sciences

Anna-Shari Melin von Sidley Austin im Interview

Nach dem erfolgreichen Abschluss ihres Zweiten Staatsexamen 2015 begann Anna-Shari Melin ihre Karriere als Rechtsanwältin in einer U.S.-amerikanischen Großkanzlei im Bereich Life Sciences. Seit 2016 arbeitet Frau Melin bei Sidley Austin und wechselte 2022 von Brüssel ins Münchener Büro. Dort konzentrieren sich die rund 30 Kolleg:innen auf das Transaktionsgeschäft. Deren Spezialisierung liegt insbesondere in den Bereichen Private Equity/M&A, Corporate, Restructuring, Finance, Tax, Financial Regulations und seit dem Wechsel von Frau Melin auch im Life Sciences.

Frau Melin, Sie sind seit über sechs Jahren bei Sidley Austin als Rechtsanwältin im Life Sciences Bereich tätig. Wie würden Sie „Life Sciences” definieren? Mit welchen Kernfragen und Beratungsschwerpunkten beschäftigen Sie sich?

Anna-Shari Melin: Life Sciences bedeutet für mich, jeden Tag neue anspruchsvolle Fragen beantworten zu dürfen, die Arzneimittel-, Medizinprodukte-, Lebensmittel- oder Kosmetikhersteller beschäftigen. Dazu gehören Fragen, die sich bei unseren Mandanten vor dem Inverkehrbringen ihrer Produkte stellen. Zum Beispiel: Ist unser Produkt als Medizinprodukt oder Kosmetikum zu klassifizieren? Welche Verträge und internen Prozesse sind für unser Vorhaben notwendig? Können wir unser Arzneimittel schon vor der Zulassung solchen Patienten zur Verfügung stellen, die es dringend benötigen? Dazu gehören auch Fragen, die sich während oder nach dem Inverkehrbringen stellen: Was machen wir, wenn wir eine Abmahnung von der Verbraucherzentrale bekommen? Welche Pharmakovigilanzaspekte müssen wir gegenüber amerikanischen Vertragspartnern durchsetzen?

Life Sciences lebt am Puls der Zeit. Der Alltag von Anwält:innen im Life Sciences Bereich setzt voraus, dass man die relevanten Gesetzesinitiativen und Best Practices verfolgt, um sich auch im Namen von Mandanten in Gesetzgebungsprozesse einbringen zu können – und zwar sowohl auf deutscher als auch europäischer Ebene. 

 

Wie sind Sie zu diesem Bereich gekommen? Inwiefern erfordert die Beratung im Life Sciences Bereich einen interdisziplinären Ansatz auch außerhalb der Rechtsmaterie?

Anna-Shari Melin: Ich wollte schon immer Anwältin werden, hatte aber auch eine Affinität zu Biologie und Medizin. Um diese Interessen vereinen zu können, habe ich meine Praktika und Schwerpunkte im Bereich des Medizinrechts gewählt. Nach dem Zweiten Staatsexamen war dann für mich klar, dass ich mich bei Life Sciences Kanzleien bewerben möchte. Das hat geklappt und ich habe es bisher nicht bereut.

Anwält:innen sollten sich stets interdisziplinär aufstellen, also über den Tellerrand schauen. Unsere Mandanten erwarten (zu Recht), dass wir sie umfassend beraten. Das bedeutet nicht, dass Anwält:innen im Life Sciences Bereich auch Steuerrecht können müssen. Aber man sollte über die Jahre rechts und links schauen und ein Gespür dafür entwickeln, wann man Kolleg:innen, z.B. aus dem Kartellrecht, dem internationalen Handelsrecht oder dem IP-Recht, in ein Projekt einspannen muss.

Ist ein umfassendes Verständnis von naturwissenschaftlichen und medizinischen Zusammenhängen ein „Muss” für die Tätigkeit als Life Sciences Juristin?

Anna-Shari Melin: Nein, es ist kein Muss. Aber Interesse an wissenschaftlichen Zusammenhängen hilft, Spaß an der Arbeit zu haben und den eigenen Mandanten bestmöglich zu unterstützen. Grundsätzlich gilt: Je mehr man von den Fakten versteht, auf die sich ein Rechtsrat stützen soll, desto besser. 


Sie sind bereits seit mehreren Jahren Life Sciences Juristin. Gibt es überhaupt noch Fallkonstellationen, die Sie überraschen? Was macht die Tätigkeit im Life Sciences Bereich so spannend für Sie?

Anna-Shari Melin: Innerhalb meiner Tätigkeit in Großkanzleien habe ich schon viele verschiedene Fallkonstellationen kennenlernen dürfen. Kein Mandat ist wie das Vorherige; Life Sciences ist ein so breites Feld, dass man nie weiß, was einen am nächsten Tag erwartet. Nach einigen Jahren fühlt man sich aber sicher und ist nicht mehr wirklich überrascht, sondern freut sich auf die nächste spannende Aufgabe.


Die Global Life Sciences Practice von Sidley Austin besteht aus einem Team von ca. 200 Anwält:innen weltweit. Arbeiten Sie ausschließlich an internationalen Mandaten? Wie funktioniert die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Kommunikation?

Anna-Shari Melin: Ich arbeite sowohl mit internationalen, als auch nationalen Mandanten. Bei internationalen Mandaten stehe ich fast täglich im Austausch mit Kolleg:innen aus den USA, Belgien, der Schweiz und Großbritannien. Zudem haben wir ein Netzwerk an Kanzleien in der ganzen Welt, mit denen wir regelmäßig zusammenarbeiten.

Die Kommunikation funktioniert dabei sehr gut, bei Sidley sind wir einfach ein globales Team. Wir ziehen am selben Strang. 

Kein Mandat ist wie das Vorherige; Life Sciences ist ein so breites Feld, dass man nie weiß, was einen am nächsten Tag erwartet.
Anna-Shari Melin

Worin liegen die besonderen Herausforderungen dieses Fachbereiches? 

Anna-Shari Melin: Life Sciences ist ein extrem schnell voranschreitendes Gebiet. Die wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen verlaufen oft deutlich schneller, als der Gesetzgeber reagieren kann. Zudem leben wir in einer Zeit, in der der Gesetzgeber stets weiter reguliert, weil er z.B. auf Situationen wie Covid-19, künstliche Intelligenz oder steigende Arzneimittelpreise reagiert. Hinzu kommen sektorübergreifende Fragestellungen, etwa im Umweltrecht (ESG, etc.) oder bezüglich künstlicher Intelligenz. Wir arbeiten daher sehr eng mit unseren Mandanten zusammen, um zeitgemäße, praktische, risiko-basierte und risiko-orientierte Lösungen und Wege für sie zu finden.


Die globale Life-Sciences-Branche entwickelt sich mit außergewöhnlicher Geschwindigkeit. Welche aktuellen Key Trends können Sie und Ihre Kolleg:innen beobachten? Was wird für Unternehmen in Zukunft relevanter?

Anna-Shari Melin: Key Trends sind aus meiner Sicht die künstliche Intelligenz und der Einfluss der stärker werdenden umweltrechtlichen Bestrebungen auf Seiten der Europäischen Kommission. Diese beiden Key Trends sind meines Erachtens unaufhaltsam und sektorneutral, kommen also auf uns alle und jeden unserer Mandanten über kurz oder lang zu. Zudem ist natürlich die neue Pharmastrategie höchst relevant. 

In dieser Hinsicht ist es wichtiger denn je, sich in Industrieverbänden einzubringen, die Entwicklungen zu verfolgen, sich bei Problemen Gehör zu verschaffen – und vernetzt zu sein. Es ist auch von immenser Bedeutung, dass insbesondere neue Gesetzesvorhaben stets im Blick behalten werden. Nur so kann kurzfristig auf neue Vorhaben reagiert werden, z.B. wenn Gesetzesvorhaben schlichtweg in der Praxis nicht umsetzbar sind. 


Inwieweit sind Sie und Ihr Team in Diskussionen der Industrie – wie etwa semi secondments oder die Arbeit mit Industrieverbänden – involviert?

Anna-Shari Melin: Ich bin regelmäßig in semi secondments – mehr und mehr Mandanten wünschen so eine enge Zusammenarbeit, um eine Art „Brainstorming-Partner“ zu haben und Personallücken vorübergehend zu überbrücken. Derzeit erlebe ich so die „In-house-Perspektive“ bei einem international tätigen Medizinproduktehersteller. 

Sidley ist generell bei Industrieverbänden engagiert und ich spreche regelmäßig bei entsprechenden Veranstaltungen von Industrieverbänden zu aktuellen Themen. 
     

Welchen Stellenwert nimmt Life Sciences in der Industrie und auf dem juristischen Arbeitsmarkt ein, Frau Melin?

Anna-Shari Melin: Ich sehe mehr und mehr Anwält:innen, die sich im Bereich Life Sciences spezialisieren. Zum Beispiel gibt es einige Anwält:innen, die explizit Life Sciences M&A machen, Life Sciences Antitrust oder Trade. Gesellschaftliche Entwicklungen wie eine alternde Bevölkerung, der Krieg in der Ukraine und Covid-19, steigendes umweltrechtliches Bewusstsein oder Resistenzen von Antibiotika, Bestrebungen hinsichtlich der Reduzierung der Massentierhaltung und der Nachhaltigkeit unserer Lebensmittel – all dies und mehr führt zur stetig steigenden Relevanz des Life Sciences Sektors, insbesondere auch auf rechtlicher Ebene.


Gehen Life Sciences und Digitalisierung – insbesondere KI – Hand in Hand? Ergeben sich hierdurch Schwierigkeiten für Pharmaunternehmen?

Anna-Shari Melin: Meiner Einschätzung nach wird KI über kurz oder lang jeden betreffen, also auch die Life Sciences Branche. Life Sciences wird aber meines Erachtens eines der Rechtsgebiete sein, welches in Zukunft zwar durch künstliche Intelligenz unterstützt, aber nicht ersetzt werden kann.

Schwierigkeiten sehe ich insbesondere im Hinblick auf datenschutzrechtliche Belange und mit Blick auf das Vorbeugen von sog. „hallucinations“ – also Fehlern, die durch KI mit Überzeugung als richtig dargestellt werden. 


Sidley Austin organisiert das Life Sciences College (LSC), welches 2012 ins Leben gerufen wurde. Was bietet das LSC? Inwiefern können Jurist:innen weltweit davon profitieren?

Anna-Shari Melin: Das LSC ist eine globale Konferenzreihe, die sich in den letzten Jahren stark etabliert hat. Auf Wunsch unserer Mandanten greift das LSC aktuelle Themen auf, die besonders für Medizinprodukte- und Arzneimittelhersteller wichtig sind, und beleuchtet sie aus der Sicht zuständiger Behörden, der Wissenschaft und der Industrie. Die letzten LSCs ermöglichten den direkten Diskurs zwischen der Europäischen Kommission und der Industrie, deren Teilnehmer:innen aus Asien, den USA und Europa kamen. Jurist:innen, die hieran teilnehmen, können mit den wichtigen Entscheidungsträgern sprechen, sich über „Hot Topics“ informieren und sich international vernetzen.


Teamplay gehört bei Sidley Austin zu den “Core Values”. Wie funktioniert die interne Kommunikation und die Zusammenarbeit im Bereich Life Sciences?

Anna-Shari Melin: Teamwork ist bei uns nicht umsonst Teil des Slogans. Wenn ein Mandant uns kontaktiert, ist unsere erste Frage immer: Wer ist hier am besten positioniert, den Lead zu übernehmen, und wessen Expertise sollten wir miteinbeziehen, damit die Interessen des Mandanten umfassend und praktisch berücksichtigt werden können. Sidley Life Sciences hat in meiner Karriere noch nie einen Alleingang dargestellt, denn unsere Mandanten sollen ja auch davon profitieren, dass sie zu einer internationalen Großkanzlei kommen, die schon Vieles von vielen verschiedenen Seiten beleuchtet hat. Bei uns gibt es Knowledge Management Databases und den Austausch in europäischen (wöchentlich) und globalen (monatlich) Team-Calls, in denen wir uns über die wichtigsten Mandate austauschen. Durch dieses Vorgehen hat sich eine hohe interne Vernetzung ergeben, die unsere Mandanten schätzen. 
 

Wie können Sie in Ihrer Position Berufseinsteiger:innen bei der Arbeit im Bereich Life Sciences unterstützen?

​​Anna-Shari Melin:  Ich persönlich unterstütze Berufseinsteiger:innen dadurch, dass ich sie vom ersten Tag an in die Mandatsarbeit einspanne. Es ist mir wichtig, dass ich mir genügend Zeit nehme, um Berufseinsteiger:innen die Fakten sowie die Zusammenhänge zu erklären, die hinter einem Mandat stehen. Dadurch wissen neue Kolleg:innen direkt, warum sie gebeten wurden, eine bestimmte Aufgabe zu übernehmen, und welche Relevanz die eigene Mitarbeit hat. Durch das oben erwähnte interne Sidley-Netzwerk und die engen Beziehungen zur Industrie kann insbesondere auch der Kontakt zu überörtlichen Kolleg:innen hergestellt und eine gute Vernetzung aller jungen Talente erreicht werden.  


Welche Life Sciences Aspekte möchten Sie und Ihre Kolleg:innen vorantreiben? Gibt es noch Nachholbedarf?

Anna-Shari Melin:  Den Austausch innerhalb von Industrieverbänden und sonstigen Foren, die Benchmarking ermöglichen, würde ich gerne vorantreiben. Insofern engagiere ich mich, indem ich meine Mandanten soweit wie möglich auf aktuelle Entwicklungen hinweise, die ihren Arbeitsalltag tangieren und bezüglich derer sie sich in Industrieverbänden engagieren können. Sidley gibt auch regelmäßig Trainings zu neuen Gesetzesentwicklungen und ermöglicht einen Industrieaustausch in sogenannten „Benchmarking-Groups“. Ich leite z.B. die Benchmarking Group „pvlegal“, die sich mit Fragen rund um die Arzneimittelsicherheit befasst.

So sieht das Kanzleileben bei Sidley Austin aus

Was können Sie jungen Jurist:innen mit auf den Weg geben, die sich für Life Sciences interessieren?

Anna-Shari Melin: Seid offen und neugierig und lasst euch auf die Erfahrungen in einer Großkanzlei ein. Zu Anfang einer jeden Aufgabe sollte das Ziel sein, genau zu definieren, was der Mandant bis wann und in welchem Format braucht. Es sollte die ehrliche Frage folgen, ob man alles verstanden hat; wenn nicht, sollte man einfach um Hilfe bitten. Es ist auch wichtig, sich zu fragen, ob der Mandant die richtigen Fragen gestellt hat oder wir ihn noch auf etwas hinweisen sollten. Fehler machen ist am Anfang normal und auch im Laufe der Karriere in Ordnung, wenn man daraus lernt. Tatsächlich kochen alle nur mit Wasser. Durch die Vielseitigkeit dieses Gebiets lernt man aber täglich dazu (wenn man es zulässt). Nachrichten lesen und schauen hilft oft, die eigenen Aufgaben in den Gesamtzusammenhang einzuordnen.

 

Ihr Fazit?

Anna-Shari Melin: Life Sciences in einer Großkanzlei bringt viel Verantwortung mit sich. Verantwortung für die Mandanten und vom ersten Tag an auch für die eigene Karriere, die einem grundsätzlich nur bedingt rigide vorgegeben wird. Das führt zu viel Gestaltungsspielraum und guten Zukunftsaussichten.