1. Den Gutachtenstil lernst du nur, wenn du ihn anwendest
Obersatz, Definition, Subsumtion, Ergebnis: Diese vier Schritte wirst du im Jurastudium vermutlich häufiger hören als deinen eigenen Namen. Sie auswendig aufsagen zu können, bedeutet allerdings noch lange nicht, den Gutachtenstil zu beherrschen.
Die eigentliche Schwierigkeit liegt fast immer in der Subsumtion. Dabei verbindest du die abstrakte rechtliche Definition mit den konkreten Informationen aus dem Sachverhalt. Du behauptest also nicht nur, dass eine Voraussetzung erfüllt ist, sondern erklärst nachvollziehbar, warum.
Schauen wir uns das an einem einfachen Beispiel an:
Der Sachverhalt
T schlägt O mit der Faust ins Gesicht. O erleidet dadurch starke Schmerzen und einen deutlich sichtbaren Bluterguss. Zu prüfen ist unter anderem, ob T den O im Sinne des § 223 Abs. 1 StGB körperlich misshandelt hat.
1. Der Obersatz
Mit dem Obersatz benennst du die rechtliche Voraussetzung, die du im nächsten Schritt untersuchen möchtest:
T müsste O körperlich misshandelt haben.
Auf einer übergeordneten Prüfungsebene könnte der Obersatz auch lauten:
T könnte sich durch den Faustschlag wegen Körperverletzung gemäß § 223 Abs. 1 StGB strafbar gemacht haben.
Danach prüfst du die einzelnen Voraussetzungen der Strafbarkeit. Für unser Beispiel betrachten wir nur das Merkmal der körperlichen Misshandlung.
2. Die Definition
Anschließend erklärst du abstrakt, was unter dem zu prüfenden Rechtsbegriff zu verstehen ist:
Eine körperliche Misshandlung ist jede üble und unangemessene Behandlung, durch die das körperliche Wohlbefinden oder die körperliche Unversehrtheit mehr als nur unerheblich beeinträchtigt wird.
Diese Definition gilt unabhängig von unserem konkreten Fall. Deshalb tauchen T, O und der Faustschlag hier noch nicht auf.
3. Die Subsumtion
Jetzt kommt der entscheidende Teil: Du vergleichst die Informationen aus dem Sachverhalt mit den Merkmalen der Definition. Eine zu knappe Subsumtion würde so aussehen:
T hat O mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Daher hat er O körperlich misshandelt.
Das Ergebnis mag stimmen. Wirklich hergeleitet wird es aber nicht. Der Satz erklärt weder, worin die üble Behandlung liegt, noch warum das körperliche Wohlbefinden oder die körperliche Unversehrtheit mehr als nur unerheblich beeinträchtigt wurde. Sauberer wäre:
Der Faustschlag stellt eine gewaltsame Einwirkung auf den Körper des O dar. O erlitt dadurch starke Schmerzen und einen deutlich sichtbaren Bluterguss. Damit wurden sowohl sein körperliches Wohlbefinden als auch seine körperliche Unversehrtheit mehr als nur unerheblich beeinträchtigt. Der Schlag war daher eine üble und unangemessene Behandlung.
Hier verwendest du die konkreten Angaben aus dem Sachverhalt und ordnest sie den einzelnen Merkmalen der Definition zu. Genau das ist Subsumtion.
Der Sachverhalt erwähnt die starken Schmerzen und den Bluterguss schließlich nicht, weil bei der Erstellung noch zwei Zeilen übrig waren. Solche Informationen sollen von dir rechtlich eingeordnet werden.
4. Das Ergebnis
Zum Schluss hältst du das Ergebnis deiner Prüfung fest:
T hat O körperlich misshandelt.
Damit hast du allerdings noch nicht die gesamte Strafbarkeit wegen Körperverletzung geprüft. Dafür müsstest du je nach Aufbau unter anderem noch die weiteren Voraussetzungen des Tatbestands, den Vorsatz, die Rechtswidrigkeit und die Schuld untersuchen. Das Beispiel zeigt bewusst nur, wie du ein einzelnes Tatbestandsmerkmal sauber prüfst.
Wie ausführlich musst du subsumieren?
Nicht jede Voraussetzung braucht eine halbe Seite. Unproblematische Punkte kannst du im verkürzten Gutachtenstil oder Feststellungsstil behandeln. Je schwieriger und entscheidender ein Problem für die Lösung ist, desto ausführlicher solltest du argumentieren.
Mit der Zeit entwickelst du ein Gefühl dafür, welche Punkte im Mittelpunkt stehen. Dieses Gefühl entsteht aber nicht dadurch, dass du möglichst viele Musterlösungen liest. Du musst selbst Fälle lösen, deine Lösungen korrigieren lassen und anschließend ehrlich prüfen, an welcher Stelle deine Argumentation noch einen Sprung macht.
Wenn du lernen möchtest, juristische Gedanken klar und präzise auszudrücken, ist das Buch „Kleine Stilkunde für Juristen“ eine gute Ergänzung. Darin wird besonders anschaulich erklärt, wie eine saubere Subsumtion funktioniert und wie du typische sprachliche Fehler vermeidest.