Rechtsanwältin Abir Haddad im New Lawyers Podcast

Verfasst von Laura Hörner. Veröffentlicht am 29.06.2022.

Legal Transformation: Können wir das Recht verändern?

Rechtsanwältin Abir Haddad im New Lawyers Podcast

Könnte sie mit einem Tier sprechen, dann würde Abir Haddad am liebsten eine Schildkröte befragen – sie bewundert diese Tierart um ihre Ruhe und die Art, alles zu beobachten, anstatt selbst mitten im Geschehen zu sein. Im Gegensatz dazu hat Haddad ein äußerst bewegtes Leben. Unter anderem berät sie die UN zum Klimawandel, hat das Institute for Legal Transformation sowie das Netzwerk Multikultureller Jurist:innen gegründet und zum Rechtsvergleich geforscht. Darüber hinaus lehrt sie an der Uni Köln modernes Recht arabischer Staaten. Wo fängt man da an?

 

Alisha Andert entscheidet sich zum Anfang ihres Gesprächs im New Lawyers Podcast von TalentRocket für die Beratung der UN: Dort hat Haddad als Freiwillige begonnen, fiel dank ihres Engagements auf und ist nun gemeinsam mit Expert:innen aus zahlreichen Fachbereichen als Consultant in der Resilience Frontiers Initiative für das Thema Law and Governance zuständig. Konkret beschäftigt sie sich dort damit, wie unsere rechtlichen Rahmenbedingungen aussehen müssten, damit die Sustainable Development Goals erreicht oder übertroffen werden können.

Aus dieser Initiative, in welcher Haddad mit den unterschiedlichsten Expert:innen zusammenarbeitet, ist schließlich das von ihr gegründete Institute for Legal Transformation hervorgegangen. Auch hier schaut Haddad nach vorn: Sie nutzt sogenannte Foresight Methodologies in Kombination mit dem Rechtsvergleich, um sich mit den Rechtsfragen der Zukunft auseinanderzusetzen. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen der Klimawandel und exponentielle Technologien. Beide haben einen großen „Disruptionscharakter“ für Recht und Gesellschaft. Um das Recht auf die rasanten Entwicklungen in diesen beiden Bereichen vorzubereiten, sei es notwendig, dieses nicht nur anzupassen, sondern neu zu gestalten.

Das Recht ändert sich, wenn die Gesellschaft es will

Die Einstellung, das Recht neu gestalten zu wollen, ist nicht selbstverständlich. Gerade im Studium bekämen Jurist:innen oft den Eindruck vermittelt, dass das Recht starr und unveränderbar sei. Das hatte Haddad als „Macherin und Rebellin“ schon immer widerstrebt.

„Das Recht ändert sich relativ schnell, wenn die Gesellschaft das will“, stellt sie klar und erklärt, dass die Gesetze die Werte der Gesellschaft widerspiegeln sollen. „Wenn die Werte sich ändern, dann sollten sich dementsprechend auch die Gesetze ändern.“ Bei den momentanen Entwicklungen habe das Recht jedoch Probleme, mitzuhalten. Gerade im Vergleich zu anderen Ländern falle es besonders auf, dass in Deutschland großer Nachholbedarf besteht. Haddad sieht ihre Arbeit hier als Schnittstelle, gerade, was Technologieunternehmen angeht. Diese müssten mit der Gesetzgebung an einem Strang ziehen.

Indigene Völker als Vorbilder in der Rechtsgestaltung

Auch wenn sie sich tagtäglich mit der Zukunft des Rechts befasst, möchte Haddad keine Prognose abgeben. „Ich nenne mich ja Legal Futurist – und Futuristen machen keine Prognosen“, erklärt sie. Ihre Arbeit sei es, die Zukunft zu gestalten, nicht, sie vorherzusagen. Dazu sei es auch wichtig zu überlegen, welchen Hebel man betätigen müsse, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Sie weist darauf hin, dass zum Beispiel ein Rauchverbot in Restaurants und öffentlichen Räumen viel mehr zu einem Rückgang des Zigarettenkonsums beitragen konnte als eine Preiserhöhung.

Ich nenne mich ja Legal Futurist – und Futuristen machen keine Prognosen.
- Abir Haddad

Inspiration für die Gestaltung des Rechts holt sich Haddad von indigenen Völkern – vor ihrem Hintergrund im Rechtsvergleich ist das besonders naheliegend. So lebt sie hin und wieder mit Nomaden in der Wüste, um deren Werte und Normen kennenzulernen und auf unser Rechtssystem zu übertragen. Als Beispiel nennt sie einen Grundsatz von Indigenen in Nordamerika, die bei ihren Entscheidungen und Handlungen sieben Generationen in die Zukunft blicken. Das Bundesverfassungsgericht urteilte ähnlich, als es das Klimaschutzrecht als in Teilen verfassungswidrig einstufte – mit Blick auf die späteren Generationen.

 

Wenn dich interessiert, was sich Abir Haddad für das Recht in der Zukunft erhofft und du mehr über Legal Transformation erfahren möchtest, dann hör doch mal rein in diese Folge des New Lawyers Podcast!

Die Themen dieser Folge im Überblick:

 

  • Ab 00:42 Icebreaker-Frage: Mit welchem Tier würdest du dich gerne unterhalten können?
  • Ab 02:06 Erstes Treffen zwischen Abir Haddad und Alisha Andert
  • Ab 04:06 Wieso berätst du die UN zum Klimawandel?
  • Ab 07:06 Institute for Legal Transformation: Was ist das?
  • Ab 09:46 Ist das Recht flexibel?
  • Ab 15:44 Klimawandel und neue Technologien
  • Ab 17:33 Ist unsere Gesetzgebung zu langsam?
  • Ab 21:26 Worauf zielt die Forschung am Institut ab?
  • Ab 23:06 Was hat die Rechtsvergleichung mit deiner Arbeit zu tun?
  • Ab 27:04 Mit welchen Rechtsfragen setzt du dich auseinander?
  • Ab 31:38 Ein Blick in die Zukunft des Rechts
  • Ab 34:06 Deutschland vs. andere Länder
  • Ab 37:42 Das Netzwerk Multikultureller Jurist:innen