6. Kenne und setze deine Grenzen
Vor allem in großen Kanzleien sind juristische Arbeitszeiten mental oft sehr vereinnahmend. Während es normal ist, am Anfang auch außerhalb der Arbeitszeiten über Fälle nachzudenken, musst du aktiv für einen mentalen Ausgleich sorgen. Im Zeitalter von Homeoffice und ständiger Erreichbarkeit verschwimmen die Grenzen zwischen Job und Freizeit schneller als je zuvor – ein massiver Überforderungsfaktor.
So schützt du deine mentale Gesundheit im digitalen Zeitalter:
- Verankere das Recht auf Unerreichbarkeit: Informiere dich, wie die Erreichbarkeitsregeln in deiner Kanzlei sind. Auch wenn du dich beweisen willst: Es ist ein Zeichen von Professionalität, deine Energie zu managen. Lege fest, ab welcher Uhrzeit du nicht mehr auf E-Mails oder Chat-Nachrichten reagierst.
- Schaffe klare, physische Trennung: Nutzt du im Homeoffice den gleichen Laptop für Arbeit und Privatleben, ist die Trennung schwer. Beende deinen Arbeitstag bewusst, indem du den Job-Laptop zuklappst und ihn aus dem Sichtfeld räumst. Ein "Feierabend-Ritual" kann helfen, den gedanklichen Schalter umzulegen.
- Digital Detox am Abend: Das Smartphone ist der größte Grenzgänger. Deaktiviere die Benachrichtigungen der Job-Apps (Outlook, Teams, Slack) nach Feierabend, oder lösche sie temporär vom privaten Gerät. Konstante "Pings" halten dein Gehirn im Arbeitsmodus und verhindern echte Erholung.
- Erholung als Priorität: Erlaube dir, dich nach Feierabend mit Dingen abzulenken, die dir Freude bereiten. Das ist keine Faulheit, sondern eine notwendige Investition in deine Produktivität am nächsten Tag. Nur wer psychisch gesund ist, kann langfristig Höchstleistung erbringen.
Merke: Grenzen zu setzen ist keine Schwäche, sondern ein Akt der Selbstfürsorge, der dir langfristig hilft, Überforderung zu vermeiden und deine Karriere zu sichern.
7. Lerne, strategisch Nein zu sagen
Als junge:r Anwält:in möchtest du beweisen, dass du belastbar bist und keine Aufgabe scheust. Dieser Drang kann jedoch schnell zu chronischer Überforderung führen. Die Fähigkeit, Nein zu sagen, ist keine soziale Blockade, sondern ein Zeichen von strategischer Reife und der Fähigkeit, Aufgaben effizient zu priorisieren – eine Schlüsselkompetenz für Juristen.
So sagst du professionell Nein (oder "Ja, aber...")
- Nein durch Prioritätensetzung: Formuliere dein Nein nicht als persönliche Ablehnung, sondern als strategischen Konflikt. Erkläre deinem Vorgesetzten oder Kollegen, dass du die neue Aufgabe gerne übernimmst, aber dafür eine andere, bereits zugewiesene Aufgabe zurückstellen oder mit späterer Frist versehen müsstest.
- Das "Ja, und..."-Prinzip anwenden: Wenn du neue Arbeit annimmst, verhandle aktiv. Statt eines einfachen "Ja" zu sagen, schlage vor: "Ja, ich mache das, und kann dafür die Frist für Aufgabe X um zwei Tage nach hinten verschieben. Ist das in Ordnung?" Das verlagert die Priorisierungsentscheidung zur verantwortlichen Person zurück.
- Kenne deine Kapazitäten: Bevor du zusagst, wirf einen Blick in dein Zeitmanagement-System. Lerne, den Zeitaufwand von Aufgaben realistisch einzuschätzen. Deine Ablehnung wirkt umso überzeugender, je konkreter du deine Begründung mit deiner aktuellen Auslastung verknüpfst.
- Bleib bestimmt und lösungsorientiert: Beschwere dich nicht über zu viel Arbeit, sondern begründe deine Entscheidung sachlich. Deine Haltung sollte vermitteln: Du bist motiviert, die Arbeit zu erledigen, aber nur unter Bedingungen, die eine hohe Qualität gewährleisten.
Merke: Wer zu allem Ja sagt, läuft Gefahr, am Ende gar nichts richtig zu erledigen. Strategisches Nein-Sagen zeigt, dass du deine eigenen Ressourcen und die Qualitätsansprüche der Kanzlei ernst nimmst.
8. Nimm dir Zeit zur Reflexion
Die Reflexion deiner Leistung ist entscheidend, um dich fachlich weiterzuentwickeln. Im Kontext der Überforderung ist sie aber ebenso wichtig für deine mentale Gesundheit. Sie hilft dir zu verstehen, wann und warum du dich überlastet fühlst.
So machst du Reflexion zu einem Tool gegen Überforderung:
- Unterscheide zwischen Deep Work und Busy Work: Betrachte am Ende des Tages nicht nur was du geschafft hast, sondern wie du gearbeitet hast. Hattest du Zeit für Deep Work (konzentrierte, wertschöpfende juristische Arbeit) oder warst du nur mit Busy Work (E-Mails, Verwaltung, Unterbrechungen) beschäftigt? Optimiere deinen nächsten Tag, indem du Zeitblöcke für Deep Work reservierst.
- Führe, wenn möglich, ein kurzes "Stress-Protokoll": Über die fachliche Leistung hinaus, nimm dir kurz Zeit für eine mentale Bestandsaufnahme. Wie war mein Energielevel heute? Was hat mich am meisten gestresst? Was hat mir Energie gegeben? Das Erkennen von Mustern ist der erste Schritt zur Burnout-Prävention und einer vorhandenen Work-Life-Balance.
- Fokus auf das Gelernte: Jurist:innen neigen zu Perfektionismus. Reflektiere Fehler nicht als persönliches Versagen, sondern als Lernchancen. Halte schriftlich fest, welche neue juristische Regel oder welchen neuen Kanzleiprozess du heute verstanden hast. Das stärkt das Selbstvertrauen.
- Feiere kleine Erfolge: Gerade Berufseinsteiger fokussieren sich oft zu sehr auf das, was nicht funktioniert hat. Nimm dir bewusst Zeit, die positiven Momente des Tages anzuerkennen. Das Gefühl, etwas geschafft zu haben, wirkt dem Hochstapler-Syndrom entgegen.
Merke: Die tägliche Reflexion ist dein wichtigstes Instrument, um aus dem reaktiven Modus auszubrechen und proaktiv deine Lernkurve und deine Belastung zu steuern.