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Fachanwalt werden?

Karrierewege & Fachbereiche

Fachanwalt werden?

Vorteile, Voraussetzungen und Wege zum Titel sowie Potential-Fachbereiche...

 

Das Jurastudium dauert lange, doch dafür ist man nach dessen Abschluss ein Volljurist der alles kann? Schön wäre das, die Realität sieht jedoch anders aus. Trotz vieler Studiensemester, zweijährigem Referendariat und zwei Staatsexamina stehen Juristen nach dem Studium immer noch erst am Anfang ihrer Karrieren. Die eigentliche Spezialisierung beginnt erst jetzt, nicht selten mit der Ausbildung zum Fachanwalt.


Doch was hat es damit eigentlich genau auf sich?

Der Fachanwalt ist in Deutschland ein Titel, der Anwälten verliehen werden kann, die auf einem bestimmten Rechtsgebiet besondere Kenntnisse und Erfahrungen gesammelt haben und nachweisen können. Die Voraussetzungen für den Erwerb und Erhalt dieses Titels, die insgesamt 23 Fachgebiete und Weiteres sind in der Fachanwaltsordnung, kurz FAO, geregelt.

 

Welche Fachgebiete gibt es und wie verteilen sich die Fachanwälte auf sie?

Insgesamt gibt es 23 Fachgebiete, auf die sich ein Fachanwalt spezialisieren kann. Zum Zeitpunkt der letzten Erhebung am

1.1.2016 gab es knapp 55.000 gemeldete Fachanwälte in Deutschland.

Wobei diese Zahl noch ein wenig nach unten korrigiert werden muss, da auch doppelte Fachanwälte in die Statistik eingehen. Sie machen jedoch nur einen marginalen Anteil in dieser Statistik aus. Bei deutlich über 160.000 zugelassenen Anwälten in Deutschland sind die Fachanwälte also nach wie vor eher die Ausnahme als die Regel.

Die beiden herausstechenden Fachgebiete mit den meisten Fachanwälten sind dabei

das Arbeitsrecht, mit rund 10.200 Fachanwälten und das Familienrecht, mit knapp unter 10.000 gemeldeten Spezialisten.

Deutlich weniger Fachanwälte, nämlich nur 2796 bis 4910 Experten, gibt es in den Fachgebieten der zweiten Gruppe. Diese sind Bau- und Architektenrecht, Strafrecht, Verkehrsrecht, Mietrecht und Steuerrecht.

Es folgen das Banken- und Kapitalmarktrecht, der gewerbliche Rechtsschutz, das Handels- und Gesellschaftsrecht, Insolvenzrecht, Medienrecht, Verwaltungs- und das Versicherungsrecht mit gerade noch vierstelligen Zahlen, bis hin zum Erb- und Sozialrecht, für die jeweils knapp unter 2000 Fachanwälte in Deutschland zuständig sind.

Kaum Fachanwälte gibt es für die Fachgebiete Agrarrecht, dem internationalen Wirtschaftsrecht, im Transport- und Speditionsrecht oder dem Medienrecht. In diesen Spezialisierungen gibt es nur wenige Hundert Fachanwälte,

im Vergaberecht sogar nur 13 gemeldete Fachanwälte in ganz Deutschland.

 

Was bringt der Fachanwaltstitel?

Anders als beispielsweise in der Medizin, ist der Titel des Fachanwalts nicht notwendig, um auf dem entsprechenden Fachgebiet tätig zu sein. Da der Kurs sowohl zeitaufwendig als auch kostspielig ist, stellt sich daher die Frage, worin der Nutzen des Fachanwaltstitel liegt.

Im Grunde steht er für Expertise auf einem Fachgebiet und verspricht somit Vorteile im Konkurrenzkampf mit anderen Anwälten, sowie höhere Vergütung durch verbesserte Stundensätze.

 

Doch wie wird man eigentlich Fachanwalt?
 

§ 1 FAO

Allem voran muss entschieden werden, welcher Fachanwaltstitel angestrebt werden soll. Eine Auflistung der Möglichkeiten gibt es in § 1 der Fachanwaltsordnung, kurz FAO und diese bietet von Agrarrecht bis Wirtschaftsrecht insgesamt 23 Spezialisierungen an.

 

§ 22 Abs. 2 FAO

Hat man sich für ein Fachgebiet entschieden und dort natürlich auch entsprechende Erfahrungen gesammelt, so hat nun gemäß § 22 Abs. 2 FAO ein Antrag bei der zuständigen Kammer stattzufinden. Dies ist regelmäßig die Rechtsanwaltskammer, der der entsprechende Anwalt angehört.

 

 

§§ 4, 4a, 6 FAO

Für die Zulassung zum Fachanwalt bedarf es in Deutschland eines Nachweises über besondere theoretische Kenntnisse. Dies ist in den §§ 4, 4a und 6 der Fachanwaltsordnung geregelt.

In der Regel erfolgt dieser Nachweis durch die Teilnahme an einem Fachanwaltslehrgang. Hier werden rund 120 Stunden Unterricht anfallen, die mit drei fünfstündigen Klausuren abgeschlossen werden. Der Nachweis weißt dann sowohl das erfolgreiche Bestehen der Klausuren, als auch den Zeitraum, die Lerninhalte und den Dozenten des Kurses aus.

Es müssen dabei alle relevanten Bereiche eines Fachgebiets abgedeckt werden und insbesondere auch europa- und verfassungsrechtliche Bezüge Inhalt des Kurses sein.

Ausnahmsweise kann von der Teilnahme eines solchen Kurses abgesehen werden, wenn der Nachweis durch anderweitige Zeugnisse oder Bescheinigungen erbracht werden kann. Durch Urteil des BGH wurde sogar festgestellt, dass sogenannte Richterbestätigungen ebenfalls als Nachweis dienen können.

Solche liegen dann vor, wenn ein Richter dem Anwalt schriftlich bestätigt, dass sich dieser seit langer Zeit und (nahezu) ausschließlich mit einem bestimmten Fachgebiet beschäftigt und eine entsprechende Expertise vorzuweisen hat. Dies sind jedoch wirklich absolute Ausnahmefälle und bisher sind davon nur zwei in Deutschland publik geworden.

 

§§ 3, 5, 6 Abs. 3 FAO

Wer den Nachweis über die theoretischen Kenntnisse erbracht hat, der hat bis dato leider nur die halbe Miete eingefahren. Denn zur Theorie gehört natürlich auch die Praxis. Der Nachweis über entsprechende Praxiserfahrungen gilt als erbracht, wenn ein Anwalt innerhalb der letzten drei Jahre vor Antragsstellung eine bestimmte Anzahl an Fällen in dem entsprechenden Rechtsgebiet selbst und weisungsfrei bearbeitet hat.

Die Anzahl der Fälle ist dabei abhängig vom Fachgebiet, in der Regel entsprechend des nötigen Aufwands. So werden beispielsweise im Verkehrsrecht bis zu vier mal so viele Fälle verlangt, wie im Steuer- oder Vergaberecht.

Ausnahmsweise kann der drei-Jahres-Rahmen um weitere 36 Monate erweitert werden, wenn zum Beispiel eine Elternzeit oder vergleichbares in diesen Zeitraum gefallen war.

Umstritten war längere Zeit der Begriff des „Falls“ und welche Informationen zu den Fällen von den Anwärtern mitgeliefert werden müssen. Der BGH hat daher eigene Kriterien eingeführt. Die eingereichte Fallsammlung muss daher jedenfalls unzweifelhaft darstellen, dass alle Fälle in dem entsprechenden Fachgebiet liegen, die Sachverhalte nicht gekünstelt und somit nicht unzulässig sind, kein Fall mehrfach erfasst wird und diese in der gewählten Frist abgehandelt wurden.

Darüber hinaus lassen sich für jedes Rechtsgebiet eigene Definitionen finden. So hat beispielsweise der Bayerische Arbeitsgerichtshof entschieden, dass das Familienrecht sich durch psychische Probleme zwischen den Parteien, schwieriger Verhältnisse untereinander und auseinanderklaffenden Ansichten bezüglich Vermögenslagen oder Sorgerechtsansprüchen auszeichnet.

 

Sonderfall: Syndikusanwälte

Ein Problem für Syndikusanwälte ist nach wie vor das Kriterium der „weisungsfreien Bearbeitung“. Naturgemäß sind Syndikusanwälte eben gerade nicht weisungsfrei, sondern werden von dem Unternehmen für das sie tätig sind angeleitet. Um dennoch die Chance zu erhalten, einen Fachanwaltstitel tragen zu können, wird für diese Berufsgruppe das Kriterium der Weisungsfreiheit leicht abgeschwächt und auf „überwiegend weisungsfrei“ reduziert.

Darüber hinaus kann für einen Syndikusanwalt die benötigte Zahl der Fäll reduziert werden, wenn dieser längere Zeit auf genau diesem Fachgebiet für sein Unternehmen tätig ist.

Dennoch ist es auch heute für Syndikusanwälte schwierig den Fachanwaltstitel zu erlangen.

 

§ 15 FAO

Wer all diese Hürden überstanden hat, dem darf nun zu seinem Titel als Fachanwalt zu gratuliert werden! Doch damit ist der Weg des Fachanwalts freilich noch nicht abgeschlossen, denn wie im Studium heißt es: „Nach der Prüfung ist vor der Prüfung!“

Nun nicht ganz, mit Prüfungen ist es nämlich größtenteils wirklich vorbei für den Fachanwalt. Allerdings muss sich ein Fachanwalt zum Erhalt seines Titel gemäß § 15 FAO

jedes Jahr mindestens 10 Stunden auf seinem Gebiet fortbilden

und wiederum einen Nachweis dieser Fortbildungen unaufgefordert bei der zuständigen Anwaltskammer vorlegen.

Die Fortbildung kann in Form von wissenschaftlichen Publikationen oder in Form von einer Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen sowohl als Teilnehmer, als auch als Dozent erfolgen. Möglicherweise bietet sich aktuell auch noch eine dritte Möglichkeit an, diese ist allerdings heftig umstritten. Es handelt sich dabei um Online – Fortbildungskurse.

Sie werden bereits zahlreich im Internet angeboten, allerdings ist deren Anerkennung bei den Rechtsanwaltskammern häufig problematisch, da insbesondere die aktive Teilnahme des Anwalts nur schwierig nachzuweisen ist.

Wer gegen die Fortbildungspflicht verstößt, dem droht zunächst eine Rüge der Rechtsanwaltskammer, die ihrerseits in Folgeverfahren auch zum Verlust des Titels führen kann.

 

§ 43c Abs. 1 S. 3 BRAO

Für diejenigen unter euch Anwälten, die von Titeln und vor allem dem Lernen nicht genug kriegen könnt, kommt nun der § 43c Abs. 1 S.3 BRAO ins Spiel. Die gute Nachricht zuerst: Natürlich dürft ihr mehr als nur einen Fachanwaltstitel erwerben und auch tragen. Doch wie so häufig folgt sogleich die schlechte:

Obwohl die Anzahl der zulässigen Titel mittlerweile auf drei angehoben wurde, ist bei eben drei Titeln auch Schluss. Mehr kann und darf ein Anwalt sich nicht auf sein Schild schreiben.

 

Begründet wird dies mit den Ansprüchen an die Expertise eines Fachanwalts und der Sorge, dass diese hohen Qualitätsstandards bei zu vielen Spezialisierungen nicht mehr eingehalten werden könnten. Da der Aufwand für den Fachanwaltstitel recht hoch ist, wird dieses Angebot jedoch bis heute sehr wenig angenommen.

 


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07. August 2017


Finn Holzky

Autor:

Finn Holzky

Schreibt neben seinem Jurastudium seit 2 Jahren für TalentRocket und hat gerade sein 1. Staatsexamen in Göttingen hinter sich gebracht.

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