"Wer sich Fachanwalt nennen möchte, muss lebenslänglich lernen!"

Wann sollte mit der Ausbildung zum Fachanwalt begonnen werden?


verfasst von Maryam Kamil Abdulsalam und veröffentlicht am 29.08.2018

 

Nach der Klausur ist vor der Klausur. So fühlt es sich schon im Studium an. Wer allerdings nach dem Konzept „lebenslanges Lernen“ lebt, kann sich in der juristischen Prüfungswelt bis zu 13 Jahre aus- und weiterbilden lassen.

 

So sähe der Ausbildungsablauf aus, wenn man wirklich alles mitnimmt, was es in der Ausbildungslandschaft so gibt: 5 Jahre Studium bis zum ersten Examen. Um dann ein wenig Abstand zu gewinnen, geht es danach ins Ausland für den LL.M., nochmals 1 Jahr. Anschließend 3 Jahre Promotion mit anschließender Promotionsprüfung. Danach Referendariat und zweites Examen nach rund 2 weiteren Jahren. Jetzt ist alles geschafft? Falsch. Jetzt wird es erst richtig spannend: Die Fachanwaltsausbildung kann nun im Rechtsgebiet der Wahl angegangen werden und es kommen noch einmal 1 bis 2 Jahre Lernen und Ausbildung hinzu. Damit wären es dann jetzt 13 Jahre, wenn denn alles sehr schnell und ohne Verzögerung abgelaufen ist.

Dass in den seltensten Fällen alle diese Lebensstationen genutzt werden, ist selbsterklärend, trotzdem sollen hier kurz die unterschiedlichen Fachgebiete der Fachanwaltsausbildung, die Vorteile einer solchen Qualifikation und das ein oder andere Orchideenfach vorgestellt werden.

 

Der lange Weg zum Fachanwalt

Welche Anforderungen an die Fachanwaltsausbildung zu stellen sind, regelt die Fachanwaltsordnung detailliert. Die Ausbildung gliedert sich in einen theoretischen und einen praktischen Teil. Der theoretische Teil besteht aus einem 120-stündigen Fachanwaltslehrgang. In manchen Rechtsgebieten sind es sogar noch mehr als 120 Stunden. In diesem Unterricht werden theoretische Kenntnisse zu dem Fachgebiet vermittelt, die in der FAO geregelt sind. In manchen Fällen kann man diesen Lehrgang umgehen oder zumindest verkürzen, wenn die geforderten besonderen fachlichen Qualifikationen anders nachgewiesen werden können. Dies ist beispielsweise durch eine besondere Seminar- oder Lehrtätigkeit möglich, oder bei einem Fachanwalt für Steuerrecht durch eine bereits abgeschlossene Ausbildung als Steuerberater.

Nach der theoretischen Ausbildung folgen 3 schriftliche Aufsichtsarbeiten, die eine Stunde nicht unterschreiten und fünf Stunden nicht überschreiten dürfen. Diese dienen als Nachweis, dass die erforderlichen Kenntnisse tatsächlich erworben wurden. Ergänzend kann, muss aber nicht, der prüfende Ausschuss ein anschließendes Fachgespräch mit dem Kandidaten führen, um sich seiner Kenntnisse zu vergewissern. Häufig wird aber davon abgesehen. In welchem Fachbereich häufiger oder weniger häufig ein solches Fachgespräch geführt wird, hängt meist von dem Bundesland bzw der Region statt, in der die Ausbildung stattfindet.

In §5 FAO ist zusätzlich noch geregelt, dass besondere praktische Erfahrungen gesammelt werden müssen. Und zwar in Form von Fällen in diesem Fachgebiet, die der Rechtsanwalt „persönlich und weisungsfrei“ bearbeitet hat. Die Anzahl der bearbeiteten Fälle schwankt zwischen 160 (im Verkehrsrecht) und 40 (im Vergaberecht).

Und dann, wenn alles abgeschlossen scheint, kommt §15 Abs. 1 Satz 1 FAO daher:

„Wer eine Fachanwaltsbezeichnung führt, muss kalenderjährlich auf diesem Gebiet wissenschaftlich publizieren oder an fachspezifischen der Aus- oder Fortbildung dienenden Veranstaltungen hörend oder dozierend teilnehmen.“

Was dieser Paragraph eigentlich sagen will, ist:

Wer sich Fachanwalt nennen möchte, der muss lebenslänglich lernen.

Jährlich muss diese Fortbildungszeit mindestens 15 Stunden betragen. Darf aber teilweise auch im Selbststudium erfolgen. Mit Lernkontrolle. Natürlich.

 

Mehr als nur Familienrecht, gewerblicher Rechtsschutz und Verkehrsrecht

Insgesamt gibt es mittlerweile 23 unterschiedliche Fachanwälte, also Fachgebiete, in denen man sich als Fachanwalt ausbilden lassen kann.

Die 23. Fachrichtung ist erst 2016 hinzugetreten, seitdem ist auch ein Fachanwalt im Migrationsrecht möglich. Die einzelnen Fachgebiete sind gesetzlich in den §§ 8-14p FAO festgelegt und umfassen Fachgebiete wie Urheber- und Medienrecht, gewerblicher Rechtsschutz, Erbrecht, Familienrecht, internationales Wirtschaftsrecht, Verwaltungsrecht, Steuerrecht, Arbeitsrecht sowie Sozialrecht. Und mehr. Deutschlandweit am seltensten vertreten ist der Fachanwalt für Vergaberecht. Was eigentlich Grund zum wundern bietet. Denn es gibt auch das vielbeachtete Orchideenfach Agrarrecht, das sich mit den Rechtsgebieten des Rechts der Landwirtschaft, dem Recht der Forstwirtschaft und dem Jagdrecht beschäftigt. Mittlerweile gibt es 83 zugelassene Fachanwälte, davon 6 Fachanwältinnen auf diesem Gebiet.

Jura Jobs Vergaberecht

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen, ist der Fachanwalt für IT-Recht absolut zukunftsträchtig und umfasst das Recht der elektronischen Datenverarbeitung. Wer nach Abschluss des Fachanwalts für IT-Recht noch immer nach neuem Wissen lechzt, der kann sich in ähnlicher Fachrichtung noch zum externen Datenschutzbeauftragten ausbilden lassen.

Nach Einführung der DSGVO ist es mittlerweile für zahlreiche Unternehmen verpflichtend einen Datenschutzbeauftragten, sei es intern oder extern, mit dem eigenen Datenverkehr zu betrauen, wenn in dem Unternehmen oder Verein mindestens 9 Personen Zugriff auf die persönlichen Daten haben.

Datenschutz & Legal Tech: Freund oder Feind?

Es war noch nichts interessantes dabei unter den 23 Fachgebieten? Nicht schlimm, weitere Fachgebiete sind in der Diskussion: Der Fachanwalt für Opferrechte ist leider im Mai 2018 abgelehnt worden, jedoch nehmen die Stimmen, die für einen Fachanwalt für Sportrecht plädieren immer lauter. Das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz sieht ein immer größer werdendes Bedürfnis für eine Spezialisierung im Verbraucherrecht.

 

Wann sollte man die Ausbildung beginnen?

Üblicherweise empfehlen erfahrene Fachanwälte, die Ausbildung am Anfang der Tätigkeit in einer Kanzlei zu machen. Das hängt insbesondere mit den 120 Theoriestunden in der Ausbildung zusammen. Denn diese fehlende Zeit muss nachgearbeitet werden, selbstverständlich parallel zum erfassen der neuen Lerninhalte der Ausbildung. Wer bereits mitten im Beruf steht, laufende Fälle hat und bereits einen fest Arbeitsalltag hat, der schafft es kaum, sich regelmäßig die 3 Tage von Donnerstag bis Samstag frei zu nehmen und diese Zeit auch nachzuarbeiten. Auch sind Arbeitgeber häufiger bereit am Anfang der Karriere in ihre jungen Talente zu investieren und ihnen diese Sonderzeiten zu gewähren.

Wer besonders leistungsfähig ist und es kaum erwarten kann, die Fachanwaltsausbildung zu beginnen, kann damit auch schon vor Abschluss des zweiten Examens anfangen.

Möglich ist es auch schon, bevor das Referendariat überhaupt angetreten wurde. Dies macht vor allem dann Sinn, wenn man mehrere Monate auf den gewünschten Referendariatsplatz warten muss und die Entscheidung zu einem Fachanwalt mit absoluter Sicherheit steht. Genauso wie die Fachrichtung. Wen der Stoff im Referendariat etwas langweilt und eine zusätzliche Herausforderung benötigt, kann auch beide Ausbildungen parallel absolvieren. Der einzige Nachteil: Es kann nur der Theorieteil in Form der 120 Ausbildungsstunden abgearbeitet werden, die praktische Arbeit an den Fällen, muss dann als zugelassener Anwalt nachgeholt werden.

Siehe auch:
Juristen-Karriere als Fachanwalt

 

Herausforderungen und Fortbildungsmöglichkeiten bietet die Anwaltstätigkeit zu Hauf. Eine Spezialisierung bedarf viel Hingebung und Ausdauer, jedoch lohnt es sich bei genügend Interesse für den Fachbereich. Und falls das noch nicht reicht: Jeder Anwalt darf bis zu 3 unterschiedliche Fachanwälte in seinem Titel führen! Die Möglichkeiten sind also fast unbegrenzt.

 


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Über den Autor

Maryam Kamil Abdulsalam - Autorin TalentRocket

Maryam Kamil Abdulsalam

Hat im vergangenen Jahr ihr 1.Staatsexamen abgelegt. War bereits tätig als studentische Hilfskraft an der Uni Bonn am Lehrstuhl für Staats- und Verwaltungsrecht sowie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer Bonner Kanzlei. Aktuell arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Öffentliches Rech an der Uni Bonn.

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