Verfasst von Julian Wagner. 

Secondment: Wenn ein Anwalt ausgeliehen wird...

Ein Begriff, den du noch nie gehört hast? Dann wird es aber Zeit!

Secondments sind besonders bei international agierenden Großkanzleien verbreitet und als attraktives Mittel zur Personalentwicklung beliebt. Interessant ist in diesem Zusammenhang natürlich, inwiefern man selbst als Anwalt von einem Secondment profitieren kann und was es bereits im Vorfeld zu beachten gibt. Aufgrund dessen wird im Folgenden erläutert, was ein Secondment ist, was es zu beachten gibt und welche Vorteile ein solches Secondment bieten kann.

 

Was ist eigentlich ein Secondment?

Bei einem Secondment verleiht eine Kanzlei freiwillig einem ihrer festangestellten Anwälte - häufig Associates mit einigen Jahren Arbeitserfahrung - für einen zuvor festgelegten Zeitraum an andere Niederlassungen (sog. Office Secondment), internationale Mandanten (sog. Client Secondment) oder Partnerkanzleien. Diese Auslandsaufenthalte, welche normalerweise drei bis sechs Monate andauern, sollen Associates die Chance bieten, sich in einem internationalen Umfeld fortzubilden und sich in einer zunächst unbekannten Arbeitsumwelt auf hohem Niveau weiterzuentwickeln. Auf diesem Weg soll auch die interkulturelle Kompetenz als bedeutendes Charaktermerkmal eines international agierenden Anwalts gezielt geschärft werden.

Natürlich möchte sich auch die Kanzlei, die den jeweiligen Rechtsanwalt zur Verfügung stellt, bei ihren ausländischen Partnern angemessen repräsentiert und bestenfalls auch profiliert werden. In diesem Sinne könnte man auch durchaus sagen, dass einem Anwalt, der verliehen wird - auch Secondee genannt - die Aufgabe eines Firmenbotschafters zuteil wird.

Bei einem Secondment will also gewiss keine Kanzlei irgendeinen Mitarbeiter vorübergehend „loswerden“ oder „abstellen“ – das Gegenteil ist eigentlich meist der Fall, da der jeweilige Arbeitgeber klar sein Vertrauen in den Associate demonstriert und ein ernsthaftes Interesse an dessen Entwicklung signalisiert.

 

 

Was gibt es zu beachten?

Grundlegende Voraussetzungen - neben einigen Jahren Berufserfahrung (bei den meisten Großkanzleien sind es mindestens 3 Jahre) - sind natürlich hervorragende Kenntnisse in der jeweiligen Landessprache. Wenn man dann also ernsthaftes Interesse an einem Secondment hat, sollte man sich an den Partner des jeweiligen Fachbereiches und anschließend an die zuständigen Kollegen und Mitarbeiter der Personalabteilung wenden und auf diesem Wege herausfinden, ob und wie sich die eigenen Vorstellungen und Wünsche mit den gegebenen Möglichkeiten vereinbaren lassen.

Natürlich muss in diesem Zusammenhang auch über ein anderes wichtiges Thema gesprochen werden: Die Vergütung. Normalerweise zahlt der Arbeitgeber in Deutschland während des Secondments das bisherige Gehalt des Secondees auch weiterhin – häufig wird dem ausgeliehenen Anwalt aber noch eine zusätzliche Vergütung für einen möglicherweise anfallenden Verpflegungsmehraufwand bezahlt.

Solange der Auslandsaufenthalt einen Zeitraum von sechs Monaten nicht überschreitet, wird es übrigens normalerweise auch keine erheblichen Probleme mit den eigenen Versicherungen geben, da diese wie gewohnt erst einmal weiterlaufen.

Auch Steuern und Versicherungsbeiträge werden in diesem Zeitraum weiterhin im Heimatland bezahlt. Trotzdem sollte stets auch rechtzeitig ein Augenmerk auf die Einreise- und Aufenthaltsbestimmungen des jeweiligen Gastlandes gelegt werden.

 

Und was hat der Secondee davon?

Bleibt noch die Frage: Was hat eigentlich der verliehene Anwalt von einem drei- bis sechsmonatigen Aufenthalt in einer Kanzlei im Ausland? Eigentlich eine ganze Menge: Der während eines “Client Secondments” generierte Perspektivenwechsel soll dazu führen, dass der Secondee ein besseres Verständnis für die Probleme, Wünsche und Bedürfnisse der Klienten und Mandanten entwickelt und so die eigene Anwaltspersönlichkeit optimiert.

Im Rahmen eines Office Secondments sollen zusätzlich neue Kontakte geknüpft bzw. verbessert werden und die Kommunikation mit anderen Niederlassungen intensiviert werden. Gleiches gilt auch für Aufenthalte bei befreundeten Partnerkanzleien – als Repräsentant einer Großkanzlei wird dem Secondee dann die Aufgabe zuteil, „seine“ Kanzlei zu vertreten und neue relevante Netzwerke zu erschließen.

Ein weiterer, eher im privaten Bereich relevanter Vorteil eines Secondments ist es, dass die Arbeitszeiten für Secondees meist eher moderat ausfallen. Daher bietet sich neben der beruflichen Tätigkeit auch regelmäßig die Möglichkeit, auf eigene Faust das jeweilige Gastland zu erkunden, neue Menschen kennenzulernen und den eigenen Horizont – fernab vom deutschen Berufsalltag – zu erweitern. Gerade, wenn man während des Studiums und des Referendariats keinen Auslandsaufenthalt absolviert hat, bietet sich im Rahmen eine Secondments eine durchaus attraktive Möglichkeit, dies endlich nachzuholen.

 

Ein Secondment ist nicht nur ein wertvolles Werkzeug für die anspruchsvolle Weiterentwicklung einer aufstrebenden Anwaltspersönlichkeit, sondern sicherlich häufig auch ein Vertrauensbeweis der jeweiligen Kanzlei, die den Secondee bereitstellt. Für den jeweiligen Anwalt bietet sich die besondere Möglichkeit, einmal über den eigenen Tellerrand hinauszublicken und selbst in einem spannenden, internationalen Umfeld interessante berufliche und persönliche Erfahrungen zu sammeln. Gleichzeitig erhält er die verantwortungsvolle Aufgabe, seinen Arbeitgeber bei Partnerkanzleien, Klienten und anderen Niederlassungen zu repräsentieren. Außerdem bietet sich mit einem Secondment die Chance, einen verpassten Auslandsaufenthalt nachzuholen.

Bedeutsam ist es allerdings auch bei einem Secondment, sich frühzeitig und umfassend über sein Gastland und die Arbeitsbedingungen zu informieren, damit einem geregelten Ablauf und somit einem gelungenem Secondment nichts im Wege steht.

 


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